Tristan und Isolde

Daniel Barenboim
Chor der Berliner Staatsoper
Staatskapelle Berlin
Date/Location
8 April 2006
Staatsoper Unter den Linden Berlin
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
TristanPeter Seiffert
IsoldeKatarina Dalayman
BrangäneMichelle DeYoung
KurwenalRoman Trekel
König MarkeRené Pape
MelotReiner Goldberg
Ein junger SeemannPavol Breslik
Ein HirtThomas Neubauer
SteuermannMario Bellanova
Gallery
Reviews
Financial Times

What if Brangäne forgot to switch the vials? For a moment it looks as if Tristan and Isolde have quaffed poison after all. Blood pours from their mouths. This could be a surprisingly short evening.

But no, it is just another incident in Tristan’s long nightmare. Stefan Bachmann’s new production of Wagner’s operateeters between dream and hallucination. The singers walk a tightrope of a different kind. As part of its quest to celebrate qualified inexperience in the field, the Staatsoper hired the Swiss architects Herzog & de Meuron (Tate Modern in London, Munich’s Allianz Arena) to design the sets.

The pair came up with a single translucent white rubber wall, held in a convex curve by a low- pressure chamber behind. It looks like the sail of a square-rigged ship, an impression intensified in the first act by glimpses of ropes and tackle beyond. Shapes are pressed into the curve from behind, forming bas-relief indentations: stairs and arches, first intact, then ruined; the figure of a man; the rough form of cliffs. Helped by Andreas Fuchs’ subtle lighting, the result is a work of art dazzling enough to keep viewers enthralled for six long hours.

The problem is that there is no room left for the opera. Singers must balance precariouslybetween the bottom of the curve and the edge of the raised stage. There is no room to act: they inch from left to right, or plant themselves safely in the middle.

Bachmann produces a Tristan double and a bit of stage blood to enliven proceedings, telling them as disjointed dream or deathbed delirium, to little effect. At least the sail helps to throw the singers’ voices forward – never a bad thing, with Daniel Barenboim whipping up reckless storms in the pit. It should also have helped Peter Seiffert and Katarina Dalayman, making their debuts in the title roles. But by the second night, Dalayman had signed off sick and was replaced by Deborah Polaski, and Seiffert was singing as though he should have signed off sick. Polaski seems to have Isolde ingrained in the fibres of her being, and sings every note straight from the soul. It was elemental, organic and thrilling. Next to her, Seiffert struggled heavily. Michelle DeYoung, announced as indisposed, nevertheless held her own as Brangäne. Had it not been for Polaski, René Pape’s Marke would have stolen the show.

Barenboim conducts with a self-indulgence that verges on eccentricity, teasing tempi to wild extremes, sometimes coarse and violent, sometimes steeped in pathos. The orchestral sound is stupendous. Whether that justifies prices of €260 a ticket is another matter. ★★☆☆☆

Shirley Apthorp | April 20, 2006

Berliner Zeitung

Trotz Barenboims hervorragendem Dirigat und Weltklasse- Sängern blieb das Berliner Publikum bei Wagners Klassiker in der Lindenoper ratlos

B.Z. versucht, das Rätsel um den doppelten Tristan zu lösen , Tristan und was soll das?

Sanft schmiegt sich Isolde zu den letzten Wagner-Klängen an Tristan. Nach vier Stunden immerhin die erste Berührung zwischen dem Liebespaar. Doch Tristan ist tot und ein Doppelgänger. Während der echte Tristan (Peter Seiffert) daneben sitzt und zuschaut. Vier Stunden lang wandelt dieser Tristan II (Dominik Stein) stumm durch die Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“ über die Bühne der Lindenoper. Von der ersten bis zur letzten Szene.

Eine „Idee“ des Regisseurs Stefan Bachmann, der so eine Art Popsternchen des Regietheaters der 90er Jahre ist, und die Oper damit ins Reich der Phantasie verlegen wollte. Nach dem Motto: Tristan erträumt sich zum Helden einer tragischen Liebesgeschichte. Dafür gab’s ein gepfeffertes Buhkonzert.

Musik und Bühnenbildsind ein großer Genuß

Zu Recht. Denn mit Opernfiguren weiß Bachmann gar nichts anzufangen. Er läßt sie ins Leere singen und laufen. Eine konzertante Aufführung wäre konsequenter gewesen. Denn dieser Wagner ist ein großer abstrakter Stoff. Eine Geschichte der Gefühle für eine innere Bühne.

Man fragt sich, warum die Staatsoper nicht mal einen wirklich bedeutenden Regisseur wie Peter Sellars oder den genialen Robert Lepage für solche Großproduktionen verpflichtet.

Doch musikalisch und optisch ist der Abend herausragend. Dank 6 Weltstars für Wagner: Barenboim am Pult, Katarina Dalayman als Isolde, Tristan Peter Seiffert, René Pape (der als König Marke mit imperialer Geste die rasende Begeisterung für ihn dämpfte), sowie die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron (Olympiastadion Peking). Ihre Bühne ist eine Mischung aus Gummizelle und Fruchtblase im Breitwandformat.

Barenboim kostet die Musik wie aus wie den Liebestrank

Eine Projektionsfläche, auf der alle Farben und Formen gemorpht werden können. Hochästhetisch, wie sich Treppen, Türen, Fenster und Figuren daraus hervorwölben. Und Barenboim kostet mit seiner Staatskapelle Wagners Partitur so tief aus wie Tristan und Isolde ihren Liebestrank.

Hans-Werner Marquardt | 10. April 2006

taz

Wagners Gesamtkondom

Premiere an der Berliner Staatsoper: Stefan Bachmann inszeniert Richard Wagners “Tristan und Isolde” in einem Bühnenbild von Herzog und de Meuron. Am Pult brilliert Daniel Barenboim

Der Schweizer Stefan Bachmann ist zurück in Berlin, wo seine Karriere in der freien Theaterszene begann. Er hat mit seinen Inszenierungen der letzten Jahre die Theaterkritiker im ganzen deutschen Sprachraum derart nachhaltig begeistert, dass die Erwartung begründet war, einen ganz und gar ungewöhnlichen, womöglich sensationellen Tristan unter seiner Regie zu erleben. Hinzu kam die weitere Sensation, dass die (ebenfalls schweizerischen) Architekten Herzog und de Meuron das Bühnenbild entwerfen wollten. Man dachte an die Allianz-Arena in München, und natürlich war die Premiere ausverkauft. Aber so richtig glücklich ging am Ende niemand nach Hause. Zu sehen gab es den neuen, aufregenden Wagner nicht – zu hören allerdings schon, wenn auch vielleicht nicht als schnell vermarktbares Event, wohl aber Ergebnis einer nun wirklich nachhaltigen, leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Musik. Daniel Barenboim hat “Tristan und Isolde” schon mit Heiner Müller (1993 in Bayreuth) und Harry Kupfer (2000 in Berlin) als Regisseuren aufgeführt, und was das Schweizer Trio ihm diesmal auf die Bühne stellt, hat ihn wahrscheinlich nicht weiter beeindruckt. Es wirkt neben der Wucht seiner Interpretation wie Kinderspielzeug.

Endlos viel ist über die mythische Vereinigung von Todes- und Liebessehnsucht geschrieben worden, die Wagner in diesem Werk gestaltet habe. Aber das betrifft nur den Text, in der Musik raunt nichts Jenseitiges, es ist alles offen, und es ist purer Sex, man muss es nur so hemmungslos herausspielen, wie Barenboim das wagt. Eine beinahe mediterranes, leichtes und spielerisches Licht leuchtet dann aus dem Orchester, das mehr als in anderen Opern Wagners eine Hauptrolle spielt. Es gibt den Sängern die musikalischen Stichworte vor, die sie zurückgeben, weiterspinnen, und nie zur Ruhe kommen, immer neue Echos erzeugen, weil die Lust am Klang unendlich ist und immer neue Reize entdecken kann. Darin gleicht diese Musik tatsächlich dem körperlichen Liebesakt, und Barenboims Größe liegt eben darin, genau das hören zu lassen und nichts anderes. Das Staatsorchester folgt ihm geradezu fröhlich auf diesem Weg hinaus aus den trüben Untiefen des Wagnerklangs und spielt mit manchmal kammermusikalischer Dichte jede Faser der Partitur aus. Fast schwerelos lässt sich das Ensemble mittragen, selbst in Extremlagen fließen die Stimmen zwanglos ein in diese große Symphonie der unverhüllten sexuellen Lust. Es fällt schwer, die Lorbeeren gerecht zu verteilen: Dass René Pape ein überragender König Marke ist, versteht sich fast schon von selbst: Weder Zorn noch spätere Milde liegen in seiner wunderbaren Stimme, sondern nur die fast schon lächelnde Einsicht in die Macht des Geschlechts, die er selbst besser zu kennen scheint als das Paar, das ihn da gerade betrügt. Aber auch Katarina Dalayman und Peter Seiffert – beide zum ersten Mal in den Rollen der Isolde und des Tristan – singen makellos, dasselbe gilt für Michelle DeYoungs Brangäne und Roman Trekels Kurvenal.

Schade nur, dass dieser Geist innerer Freiheit, der nötig ist, dieser auch heute noch schockierenden Musik ihren eigenen Raum zu geben, auf der Bühne so wenig zu sehen ist. Herzog und de Meuron hatten die gewiss originelle, aber nicht nachahmenswerte Idee, Wagners Tristan in eine Art Gesamtkondom zu stecken. Die Szene ist eingeschlossen in eine dehnbare, nach hinten gewölbte Plastikfolie, die meistens weiß ausgeleuchtet und gelegentlich von allerlei dahinter stehenden Objekten eingedellt wird. Schiffstaue zeichnen sich im ersten Akt ab, Torbögen und eine Treppe im zweiten, das Ende erinnert an eine von Wunden und Pickeln verletzte Haut und weckt dann tatsächlich sexuelle Assoziationen mit dem tödlich verwundeten Tristan, der davor einsam fantasiert, öfter aber erinnert das Bild eher an die Plastikkuhlen, in die gerne Elektrogeräte verpackt werden. Der optische Reiz der zu einem schmalen Guckloch verengten Bühne jedenfalls ist bald verbraucht, die sterile Kunsthaut ist ein Designereinfall, weiter nichts, irgendwelche dramatischen Konsequenzen hat sie nicht. Das allerdings liegt vielleicht auch an Stefan Bachmann. Je länger sich Barenboim seinem Wagner hingibt, desto rätselhafter wird das strikte Berührungsverbot, dass die Regie den Akteuren der Orgie auferlegt. Steif und hölzern wie in einem Puppenspiel betreten sie die Bühnenröhre, singen ihren Text, schreiten zur Seite von dannen. Feierlich bis zur unfreiwilligen Komik. Es geschieht weiter nichts, sodass die Augen (die Ohren sind beschäftigt) viel Zeit haben, die Kostüme zu studieren. Ein mit Pop-Science-Fiction versetztes Mittelalter scheint das zu sein, eine Zeit jedenfalls, in die man nicht einmal in der Ohnmacht eines Orgasmus versetzt werden möchte, so unbequem und hässlich sehen sie aus. Das stört eine Weile, und stört am Ende dann doch nicht mehr. Es ist eben immer noch so, dass der Sex nicht gezeigt werden kann. Er muss verdrängt werden, und diesen Job haben Bachmann und die beiden Architekten ziemlich gut erledigt. Wie bei Freud, der ja auch gerade gefeiert werden muss, ist oben die Zensur, unten der Trieb.

NIKLAUS HABLÜTZEL | 10. April 2006

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Technical Specifications
192 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 328 MByte (MP3)
Remarks
In-house recording
A production by Stefan Bachmann (premiere)