Tristan und Isolde

Kirill Petrenko
Chœurs et Orchestre de l’Opéra de Lyon
Date/Location
16 June 2011
Opéra Lyon
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
TristanClifton Forbis
IsoldeAnn Petersen
BrangäneStella Grigorian
KurwenalJochen Schmeckenbecher
König MarkeChristof Fischesser
MelotNabil Suliman
Ein junger SeemannViktor Antipenko
Ein HirtViktor Antipenko
SteuermannLaurent Laberdesque
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Reviews
Financial Times

Open any of Wagner’s music drama scores and you find just as many hushed piani as blaring fortes. Yet the experience so often in today’s opera houses fails to reflect shaded nuance as singers, and orchestras too, concentrate on blistering volume. This is partly because houses are now bigger but also because audiences have forgotten how to listen, preferring to acclaim decibels instead.

Lyons’ new Tristan is a privileged opportunity to return to loftier musical principles, a display of armchair Wagner in a human-size house where the audience finds itself engrossed in the drama quite as much as the fated lovers in their metaphysical yearnings.

The pit would be too tight a fit for Tristan’s full orchestra so Kirill Petrenko conducts slightly reduced forces, an approach sanctioned by Wagner himself for smaller theatres. The result is a compelling exercise in chamber music that also musters explosive power at dramatic climaxes. Like other Russians tackling Wagner, Petrenko sometimes coaxes excessively Slav vibrato from the strings, but it is a price worth paying for a reading of such razor-sharp precision.

Soaring above the perfect balance Petrenko engineers between stage and pit, Ann Petersen’s first Isolde is youthful and fresh but every bit the spurned princess. There is no edge to her voice, no shrieking for effect, simply gorgeous singing throughout. A revelation. Clifton Forbis, a globe-trotting Tristan, flashes electrifying muscular power but still floats captivating sotto voce effects. His third act agony is a triumph of rage and frustration. Stella Grigorian lacks the heft to sustain Brangaene’s cantilevered line, but Christof Fischesser’s superb Mark cradles his monologue like a polished lieder singer.

For a theatrical group that normally pulls all the stops out, Alex Ollé and the Fura dels Baus deliver a strangely muted staging. The acting is sharply observed, Alfons Flores’s lunar sphere provides a viable, symbolic framework but Franc Aleu’s video work, one of their main calling cards, is self-effacing. It matters little: Tristan stands or falls on its musical thrust and this neutral backdrop serves as a foil for a truly gripping musical experience.

Francis Carlin | June 7, 2011

Online Musik Magazin

Die Rückseite des Mondes

Mit Wagners Bezeichnung „Handlung in drei Aufzügen“ für sein Ausnahmeopus Tristan und Isolde geht jeder Regisseur auf seine Weise um. Die im Grunde unlösbare Aufgabe bleibt dabei der Versuch, die äußere Handlung der Geschichte, die ja durchaus konkrete Orte und Aktionen vorgibt, mit der Reise ins Innere einer entgrenzenden Leidenschaft zu konfrontieren. Daran kann man im Grunde nur scheitern. Oder eben instinktiv die großen Bilder treffen, wie etwa der Opernneuling Heiner Müller seinerzeit mit seiner genialischen Bayreuther Inszenierung. Aber auch auf die sozusagen kosmische Dimension haben große Regisseure schon zurückgegriffen – wie etwa Ruth Berghaus an der Hamburgischen Staatsoper.

In Lyon haben sich jetzt Alex Ollé von der spanischen Theatergruppe La Fura dels Baus, seine Koregisseurin Valentina Carrasc sowie Ausstatter Alfons Florès und Kostümbildner Josep Abril quer durch die Tristan-Rezeption kundig gemacht, um dann auf ihre Weise nach den Sternen zu greifen.

Dunkel ist es in Lyon bei der Überfahrt der Braut zu König Marke, und die Meeresbrandung wogt. Dabei dreht sich das ziemlich abstrakte Schiffsdeck im ersten Aufzug einmal um die eigene Achse. Diese Reise hat nichts Gemütliches und denunziert optisch die Welt, in die Isolde hier geraten ist. Dabei bewegt sich ein Riesenmond auf den Horizont zu. Zumindest gibt sich dieses anfangs undefinierte Etwas mit einer an Beton erinnernden Oberfläche durch die gut gemachten und perfekt platzierten Videoprojektionen von Franc Aleu im ersten Aufzug als solcher zu erkennen. Womit nicht nur der metaphorische Griff nach den Sternen, sondern zugleich die kosmisch katastrophische Dimension einer Liebe, die sich auf Erden nicht vollenden kann, evoziert wird. In diesem Rahmen findet die Regie für die Darsteller eine plausible Personenführung, die besonders die Isolde als erstaunlich diesseitig liebende Frau einführt und bei der Kurwenal ein durchaus ernst gemeintes Auge auf Brangäne wirft.

Im zweiten Aufzug wird die Rückseite des Mondes, sprich die Innenseite der Halbkugel, zu einer Projektionsfläche für den nächtlichen Wald. Treppen und eine Warte verdeutlichen den Ort der nächtlichen Begegnung, bei der dann, wenn sich Tristan und Isolde tatsächlich treffen, zum stürmischen Aufbrausen der Leidenschaft die (Projektions-)Flammen züngeln und ein eingeblendetes Augenpaar blinzelt. Diese Art von opulenter Bebilderung verweist tatsächlich auf die Ästhetik von La Fura dels Baus.

Im dritten Aufzug dann ist dieser Mond nicht etwa zu Bruch gegangen, sondern zu einer steinernen Kugel geworden, bei der eine Pforte im Beton den Weg zur Anlegestelle der sehnsüchtig erwarteten Isolde markiert. Die Balance zwischen durchaus spannendem Kammerspiel und großformatiger Illustration vermag die Inszenierung aber nicht zu wahren. Vor allem beim Liebestod gerät sie völlig aus den Fugen. Ausgerechnet da, wo es noch jeder halbwegs charismatischen Isolde an der Rampe die Verklärung gelingt, muss sie in Lyon einen Aktionismus entfalten und mit einem videowabernden Loch in der Welt konkurrieren, was die Atmosphäre zerstört und den Zuschauer verärgert. Ertrinken in einer Videovision ist alles andere als die höchste Lust der Tristan-Deutung.

Die freilich bot diese Produktion auch. Denn sie wurde zu einem Triumpf für den Dirigenten Kirill Petrenko. So überzeugend und suggestiv hat das Orchestre de l’Opéra de Lyon wohl lange nicht gespielt. Petrenko wird in München Kent Naganos Nachfolger und steht als Dirigent des Bayreuther Jubiläums-Rings 2013 fest. Seine Wagneraffinität und –begeisterungsfähigkeit hatte er schon in Meiningen bewiesen, als er den Ring an vier aufeinanderfolgenden Tagen dirigierte. Den hatte Christine Mielitz dort aus dem Thüringer Theaterboden gestampft. In Lyon zaubert Petrenko jetzt, bei knapper Streicherbesetzung, einen ebenso kraftvollen wie ausdifferenzierten Klangsog und erweist sich damit als sensibler und energischer Wagnerdirigent, auf dessen erneute Ring-Interpretation man jetzt schon gespannt sein darf.

Vokal überzeugten in Lyon der Marke vom differenziert gestaltenden Christof Fischesser und der Kurwenal des vitalen Jochen Schmeckenbecher. Auch der Melot von Nabil Suliman beeindruckt stimmlich, wobei die Regie sogar dessen Gefühlsambivalenz gegenüber Tristan deutlich machte. Beim Tristan Clifton Forbis jedoch bewegten sich die ersten beiden Aufzügen mitunter ziemlich nah am Desaster. In „seinem“, dem dritten Aufzug zeigte er dann allerdings, dass die Stimme doch noch über eine erhebliche Strahlkraft verfügt und Forbis offenbar strategisch „sparen“ kann. Ganz anders die Dänin Ann Petersen. Ihre lebenszugewandte Isolde hatte keine Konditionsprobleme, eine sichere Höhe und glänzte obendrein mit einer tadellosen Diktion. An ihrer Seite verblasste die etwas leichtgewichtige, aber solide Brangäne von Stella Grigorian etwas.

FAZIT

Fazit: Der Oper Lyon ist eine Tristan-Produktion gelungen, mit der sich Kirill Petrenko in die erste Reihe der Wagner-Interpreten katapultiert hat. Die solide Inszenierung bedient sich mit ihren Bildern aus dem Reservoire der Rezeptionsgeschichte, ohne eine wirklich originellen eigenen Ansatz zu finden. Vokal gibt es Licht und Schatten. In Lyon müsste der verkürzte Titel des Musikdramas Isolde heißen.

Roberto Becker | Aufführung: Premiere 4. Juni 2011

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Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 488 MByte (MP3)
Remarks
Broadcast (France musique)
A production by La Fura dels Baus & Alex Ollé