Der Ring des Nibelungen

Carl St. Clair
Opernchor des Nationaltheaters Weimar
Staatskapelle Weimar
Date/Location
2008
Nationaltheater Weimar
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
Gallery
nmz.de

Verlängerte Handlung

Bevor sich Richard Wagner an die Ausführung des „Ring des Nibelungen“ machte, hatte er mit der Komposition der Heldenoper „Siegfrieds Tod“ begonnen, aus der später die „Götterdämmerung“ wurde. In Richard Wagners Kompositionsskizze singen Siegfried und Brünnhilde bei ihrem Abschied dieselben Worte wie in der Endversion, jedoch im Stile von Lohengrin und Elsa; nur die Nornen lassen – rückbezogen auf das frühe Schicksalslied vom Tannenbaum aus Wagners Rigaer Zeit – die späteren Dimensionen ahnen. Die­se ersten beiden Szenen von „Siegfrieds Tod“ wurden bereits wiederholt auf CD eingespielt (MGB CD 6156 und Guild GCD 7923).

Auf der Bühne floss die Urform der Nornenszene erstmals mit ein in eine Gesamtinterpretation des „Ring“, die in den Jahren 2005 bis 2008 im Nationaltheater Weimar produziert wurde und nun komplett auf sieben DVDs (Arthaus 3467113, 9387542, 9389977, 4090002) oder Blu-ray Disc (Schuber: Arthaus 101 374) vorliegt. Dass sich die gesamte Spieldauer dieses Zyklus’ mit den diversen gesprochenen und gesungenen Zutaten nicht wesentlich verlängert, liegt an der forschen Lesart des Dirigenten Carl St. Clair. Unter dessen Leitung blüht die Staatskapelle Weimar als jener Klangkörper, den Franz Liszt hier geschliffen hat, in der Dramatik der Naturszenen wie in lyrischen Momenten, zur Hochform auf. Das makellos intonierende Orchester gehört zu den wenigen musikalisch rundum ausgezeichneten Partien dieser Live-Gesamteinspielung.

Das sängerische Niveau bleibt dahinter leider weit zurück – bis auf eine Ausnahme: die Altistin Nadine Weissmann, die eine sinnlich berückende Erda und später auch die Waltraute und die zweite Norne verkörpert. Die Sängerdarstellerin der Brünnhilde, Catherine Foster, partiell auch Johnny van Hall als junger Siegfried, gehören zu den erfreulicheren Erlebnissen der Besetzung. „Götterdämmerungs“-Siegfried Norbert Schmittberg vermag wenig auszustrahlen, da er primär bemüht ist, die Einsätze des Dirigenten zu sehen. Die allerdings für ein großes Theater kaum fassbaren Tiefpunkte gesanglicher Leistungen sind bei Fri­cka und Alberich erreicht. „Live“ hin oder her, es gibt wohl kaum einen „Ring“ auf CD, bei dem so viel falsche Töne verewigt wurden.

Andererseits ist die vom Publikum frenetisch gefeierte Inszenierung kamera- und bildregietechnisch brillant eingefangen, und optisch ist kaum zu glauben, dass es sich um den Mitschnitt nur einer Aufführung handelt – aber dies wird im Beiheft weder behauptet noch bestritten, denn es sind keine Aufnahmedaten genannt.

Die Regie von Michael Schulz wartet mit zahlreichen, durchaus ungewöhnlichen Lösungen auf. Da gibt es nicht nur drei, sondern eine Vielzahl von Rheintöchtern auf einer erhöhten Rampe. Wotan und Alberich sind anfangs gleichgewichtige Gegenspieler, Alberich bindet sich große Schuhe an die Knie, um sodann als Zwerg durch die Szenerie von Dirk Becker zu schlurfen. Verblüffende Wirkungen entstehen durch zusätzlich eingeführte Personen, wie durch Fortsetzung des Spieles von Handlungsträgern der Tetralogie, deren Anwesenheit in diesen Szenen nicht vorgesehen ist. So bleibt Waltraute, die bei ihrem Besuch Brünnhildes in der „Götterdämmerung“ ihre sieben Schwestern hinter sich hergezogen und mit auf den Walkürenfelsen gebracht hat, auch nach Ende dieser Szene an Brünnhildes Seite. Donner und Froh werden nicht nur zu Umbau-Arbeitern, sondern sie vergewaltigen und töten jenen Teenager, der dem Waldvogel Aussehen und Stimme geliehen hatte.

Auf Wagners Vorliebe für intensive Gerüche kann sich der Regisseur berufen, wenn das Olfaktorische in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle spielt und sich beispielsweise Siegmund und Sieglinde durch Geruchsvergleich ihrer Augenbinden aus Kindertagen erkennen. Da die Kindheit fast aller Figuren des „Ring“ in der Vorgeschichte von Wichtigkeit ist, sind zahlreiche Haupthandlungsträger durch Kinder gedoubelt. Diese rezitieren vor Beginn des „Rheingold“ besagte Verse der Nornen aus „Siegfrieds Tod“, und vor der „Walküre“ lässt sich Wotan, von Harfe begleitet, diese Urfassung der Geschichte von den Walkürenkindern vorsingen, bis ein gellender Schrei des jungen Hagen in Walhalls Salon dringt, die Beschaulichkeit stört und mit dem Orchestervorspiel die Handlung des ersten Aufzuges einsetzt. Vor Beginn des „Siegfried“ erlebt der Betrachter das Kind beim Studium in Büchern, und dazu erklingt über Band ein Tagebucheintrag Cosima Wagners über Siegfrieds erlittenes Leid bei der vom Vater verlangten Zerstörung seines Theaters im Wahnfried-Garten. So schlägt der Regisseur eine Parallele zwischen dem bourgeoisen Alltag der Wagner-Familie und der Sippe Wotans.

Zu den gelungensten Szenen gehört der Walkürenritt, der hier im Kinderzimmer der Walküren, in den Hochbetten eines Mädchenpensionats, als ausgelassene Kissenschlacht passiert. Am Ende der „Götterdämmerung“ steht der tote Siegfried wieder auf und verlässt mit Brünnhilde die Szene, während sich die Bevölkerung, die im Vorspiel des Schlussabends als aggressive No-Future-Bewegung aufgetreten war, in einem Regenguss alle Erlebnisse von sich abwäscht. Eine durchaus originelle, bisweilen erhellende szenische Interpretation, deren Intensität und Innovation allerdings an den bei Decca erschienenen „Ring“ aus Kopenhagen nicht heranreicht. Aufschlussreich ist jedoch der Vergleich zwischen DVD und Blu-ray. Nicht nur, dass man bei der Blu-ray-Edition den Bildtonträger während der Oper nicht wechseln muss, da eine gesamte Oper auf eine Blu-ray-Scheibe passt. Faszinierend ist die Bildschärfe und -tiefe, ohne die störenden Verwischungen bei Fahrten (insbesondere auf LED-Bildschirmen) ein echter Qualitätssprung!

Peter P. Pachl | 12/2009 – 58. Jahrgang

Online Musik Magazin

Weimarer Großtat

Michael Schulz ist inzwischen Intendant in Gelsenkirchen und Carl St. Clair GMD an der Komischen Oper Berlin. In ihrer Zeit am Deutschen Nationaltheater in Weimar wurde der Ring des Nibelungen für den damaligen regieführenden Operndirektor und den Chef der Staatskapelle Weimar zum wichtigsten gemeinsamen Erfolg. Gerade angesichts der derzeit eher mäßigen Ringprojekte in Bayreuth, Hamburg oder Wien ist es ein Glücksfall, das ARTHAUS den Weimarer Ring mitgeschnitten hat.

Das Rheingold: Ringel, ringel Reihe, wir sind der Kinder dreie …

Schon das Rheingold steht in dieser Inszenierung für sich und macht in seiner spielerisch theatralischen Anlage neugierig auf das Ganze. Der Vorabend der Tetralogie ist bei Schulz eine Komödie voller Witz, in der nicht nur Charaktere und Beziehungen durchweg in Schauspielqualität ausgelotet werden, sondern auch verblüffend einfallsreich und selbstironisch offen mit der Form des Theaters gespielt wird. Bevor das Es-Dur Rheinwogen anhebt, gibt es denn auch ein Vorspiel – die drei Nornen als Kinder erzählen sich (und uns) mit Handpuppen die Geschichte schon mal knapp im Ganzen und kichern sich eins. Es ist eine Textversion Wagners für Siegfrieds Tod aus dem Jahre 1848, die hier als gesprochenes Vorspiel verwendet wird. Ringel, ringel Reihe, wir sind der Kinder dreie…. Und doch lauert hinter jeder szenischen Pointe hier stets auch die tiefere Bedeutung.

Wenn sich etwa der unternehmungslustige Wotan (kraftvoll dynamisch: Mario Hoff) heimlich zurück zur Ehefrau Fricka (mit gelegentlicher Schärfe, aber intensiv in der Gestaltung: Christine Hansmann) schleicht, die seine Ausschweifungen bemerkt, aber aus Kalkül übersieht – dann sind das Szenen einer Ehe. Wenn er seine Souveränität beim Anblick des Rings verliert, den er Alberich gleich samt dessen Finger entreißt, dann wird das Psychogram männlichen Machtwahns zur Fallhöhe im Stück und die Gaunerei um den Lohn für die Riesen zum blutigen Ernst. Und wenn Erdas Warnung (dunkel leuchtend: Nadine Weissmann) vor dem Ende der Götter zu einem intimen Moment mit Wotan vor dem sich schließenden Vorhang wird und er ihr wie besessen hinterher jagt, als der sich wieder öffnet, dann bekommt man eine Ahnung von den Obsessionen, die ihn noch umtreiben. Aufregend genau gezeichnet ist auch Alberich. Überzeugend lotet Tomas Möwes ihn als einen ernst zunehmenden Gegenspieler Wotans aus. Zu Beginn sieht man diese beiden Herren einträchtig an einem Tisch. Doch dann legt sich der eine seine Augenklappe an und der andere macht sich mit Knieschuhen zum Zwerg, der den Rheintöchtern das Licht ihres Goldes ausknipst. Auch das restliche Personal fasziniert in seiner gelungenen Balance aus theatralischer Deutlichkeit und dosierter Selbstironie. Die Rheintöchter glitzern wie die Nixen. Die Riesen (machtvoll auftrumpfend: Renatus Mészár als Fasolt und Hidekazu Tsumaya als Fanfner) sind wirklich riesig. Auf ihren federnden Stelzen kommen sie nicht durch die Tür zu den umzugsbereiten Göttern, sondern heben ihnen die Decke an, wenn sie ihren Lohn, Freia, abholen wollen. Marietta Zumbült als Götterkind mit blond geflochtnem Haarkranz bewegt sich dabei an der Grenze zur Parodie, und sie bemerkt genau, was gespielt wird, und ist von ihrem Riesen-Verehrer genauso enttäuscht, wie (zumindest eine Weile) von ihrer göttlichen Sippschaft, mit der sie sich dann aber doch auf nach Walhall macht. Und auch Loge (prägnant: Erin Caves) ist nicht nur der weltgewandte Manipulator. Mit seinem Erschrecken über Wotans Brutalität, mit der er Alberich den Ring in wahrsten Sinne entreißt, werden seine abschließende Worte, mit denen er sich von den Göttern distanziert, auch einmal szenisch vorbereitet.

Bühnenbildner Dirk Becker krönt seine angedeuteten Räume an der Rampe, den Querausschnitt in der Höhe für die Rheintöchter, die schon fast geräumte alte Behausung der Götter, die hereingefahrenen Container für die Unterwelt Nibelheims und die Verwandlungen auf offener Szene dazwischen am Ende mit einem Coup. Wahlhall ist von Dampf und einem Tuch verhüllt, wie es sich für einen Prachtbau gehört. Als Donner (Alexander Günther) die Riesenkordel zieht, und der Vorhang fällt, sieht man das Objekt der Begierde: Letztlich ein gewaltiger Rahmen für ein Bild der Götter von sich selbst. Aufgereiht vorm Edelfurnier entschwindet es samt Personal in eine ungewisse Zukunft. Und man will wissen wohin und auch, was aus ihnen wohl noch wird.

Die Walküre: Wotan undercover

Die Walküre dann beginnt mit einer Schrecksekunde für Puristen. Nicht die Sturmmusik jagt nämlich den Vorhang auseinander und lässt Siegmund in Hundings Hütte stürzen. Hier rekapitulieren zunächst zu Harfenklängen die Nornen (sie sind seit dem Rheingold, wo sie im Kindesalter die Vorgeschichte erzählt hatten, ordentlich gewachsen) all das, was bisher geschah. Dann sieht Wotan Alberich mit seinem Sohn über die Bühne wackeln und wird nervös. Als dieser finstere Knabe einen lauten, markerschütternden Schrei ausstößt, setzt die Sturmmusik endlich ein und das Schlussbild aus dem Rheingold, jener überdimensionierte Prunkrahmen der Göttermacht, verschwindet. Wotan setzt seine Menschenzwillinge in die Welt, also in den abstrakten Bühnenraum. Niedlich, einsam und verloren halten sie sich an den Händen. Einsam und verloren bleiben sie auch als Erwachsene. Auch als Wotan sich undercover unter Hundings Leute mischt und beim Erkennen der Geschwister als Braut und Bräutigam nachhilft. Sie reißen ihm denn auch gemeinsam das Schwert aus den Händen. Freilich ohne dass sie es wissen.

Schulz verdeutlicht bewusst den Zusammenhang der Geschichte und ihres Personals. Was er in dem so schlichten wie kongenialen Bühnenbild von Dirk Becker als Kammerspiel entfaltet, das ist vor allem hier in der Walküre von einer geradezu atemberaubenden Spannung. In dem minimalistischen Raum öffnet sich gelegentlich die Rückwand. Spaltweise oder ganz, je nach Bedarf. Fricka (Christine Hansmann) stellt ihren Mann genau an dem Ort zur Rede, an dem er seinen vermeintlichen Erfolg gerade zu genießen versucht. Daraus wird ein Machtkampf mit deutlich sexuellem Unterton. Mit eindeutigen Gesten und Griffen zwischen die Schenkel. Und mit einem Kniefall Wotans vor der sich selbst inszenierenden Fricka. Als Eiserne Lady der bestehenden Ordnung, umgeben von ihren widderbehörnten Bodyguards oder Buchhaltern der Ehebrüche, leidet sie doch auch wie eine betrogene Frau. Ambivalenzen zeigen – das ist auch so eine Stärke dieser Produktion.

Zur Todesverkündigung erscheint Brünnhilde Siegmund am Ende eines langen Weges im Gegenlicht des Todes. Ein grandioses Bild – ohne Schickschnack und Firlefanz. Wotan macht, was er muss. Er ersticht Siegmund persönlich mit seinem Speer, kann es sich dann aber nicht verkneifen, auch Hunding (machtvoll: Hidekazu Tsumaya) genüsslich zu durchbohren. Um schließlich selbst mit einem stummen Schrei auf die Knie zu sinken. Der Walkürenritt dann wird in Weimar zu einer Art Aufwachmusik für Wotans schlimme Töchter. Diese Mädels, die zunächst herausgeputzt aufmarschieren wie die Goebbelskinder, mit ihrem Vater herumalbern und ihn mit einem rituellen Handauflegen auf ihr rechtes Auge grüßen, haben ihre Leichen nicht im Keller, sondern gleich in den Doppelstockbetten ihres Schlafsaales. Und Wotan persönlich stellt sich wie ein Dr. Frankenstein an diese makabre menschliche „Ernte“ von Krieg und Vernichtung und baut den Toten vermutlich irgendeinen göttlichen Gleichschaltungschip ein. Auf der Nachtseite dieser Welt, unten in Nibelheim, so sah man es bei der Entführung Alberichs durch Wotan und Loge im Rheingold, da werden die Menschen gleich im Ganzen nach ihrem Bilde neu produziert …

Was dann zwischen Wotan und Brünnhilde bei ihrem Abschied voneinander passiert, ist deutlich mehr, als ein Vater-Tochter Abschied. Lange Umarmungen, ein Brautkleid für seine Wunschmaid und ein paar Tanzschritte mit dem Vater. Am Ende kommt Loge nicht als rotes Lichtflackern, sondern als Person und setzt sich als Wache neben den auflodernden Speer Wotans. Und am Ende ist es wie schon im Rheingold wieder ein Bild. Nicht mehr der Prunkrahmen der Macht, sondern jetzt ein Schattenriss Brünnhildes, der langsam ins Trudeln kommt.

Diese Walküre hat eine szenische Intelligenz, die sich zu keiner Zeit selbst aus dem Ruder läuft. Sie behält das Ganze im Blick, oft Witz und sie bietet hinreichend die Fallhöhen der Erkenntnis. Sie weist den Regisseur zudem als einen Meister durchdachter und auf den Kern des Werkes und der Musik zielender Personenregie aus. Nirgends ist auch nur eine Handbreit von bedeutungs- oder beziehungsfreiem Raum. Hier vibriert die Luft selbst dann, wenn Musik und Zeit fast anhalten und ganz leise und intim werden. Gerade damit setzt Carl St. Clair deutlich seine Akzente: mit Piani, Generalpausen und fast geflüsterten Tönen. Eine Feinarbeit, die besonders Renatus Mészár als Wotan glänzend bewältigt. Catherine Foster entgegen der ursprünglichen Planungen nach ihrer Premieren Freia im Rheingold zur Walküren-Brünnhilde zu machen, erwies sich als darstellerischer und stimmlicher Glücksgriff. Zumal auch Kirsten Blanck als Sieglinde und Erin Caves als Siegmund ihre Sache gut machen. Die Walküren sind fabelhaft, die Staatskapelle ist an diesem Abend in Hochform.

Siegfried: Wenn die Götter alt aussehen

Im Siegfried dann sehen die Götter ziemlich alt aus. Hier durchwandert nicht nur ein frustrierter Wotan einsam die Welt und zwingt dem alleinerziehenden Zwerg Mime in der Abgeschiedenheit des Waldes eine lebensgefährliche Variante des Ratespiels „Was bin ich?“ auf. Hier wird er von zwei ziemlich abgerissenen Gesellen begleitet, als er ungebeten in Mimes Hütte Platz nimmt. Zwischen dem Ende der Walküre und dem Beginn des Siegfried muss allerhand passiert sein, so wie Donner und Froh jetzt aussehen. Froh hat sogar (bei was auch immer) seine Hand eingebüßt. Auch sonst scheint alles hin zu sein und nichts übrig vom aufgeblasenen Glanz aus den besseren Rheingold-Zeiten.

Dirk Becker deutet Siegfrieds Kinderstube nur an: mit einer kleinen Giebelwand aus Papier, einer Kühltruhe, einem Küchentisch, ein paar Büchern. Hier hat ein heillos überforderter Vater-und-Mutter-zugleich Mime mit Kittelschürze vor allem den Putzfimmel. Und keinen Schimmer, wie er das Schwert, dessen Trümmer er unter den Dielen aufbewahrt, schmieden soll. Dabei wächst ihm der Knabe Siegfried langsam aber sicher über den Kopf. Er will endlich wissen, wie es ist mit dem Woher, und was es auf sich hat mit den Männern und Frauen. Die kurzen Hosen hat er bald mit den langen vertauscht. Und seinem Riesenteddy schon mal ein Kleidchen verpasst. Doch auch als er dann endlich auf Brünnhilde trifft, hat er keine Ahnung, wie es nach dem Kuss weitergehen soll. Auf der Bühne konterkariert es anrührend menschlich das auflodernde Pathos des „Heil Dir, Sonne“ Brünnhildes, wie sich hier zwei Menschenkinder begegnen, die in ihrer sexuellen Ahnungslosigkeit auf gleicher Augenhöhe sind. Als die alten Frauen mit den langen weißen Haaren (bei Schulz stehen die für Brünnhildes Ross Grane) auf dem Laufsteg zum Brünnhildenfelsen eine gewaltige Hochzeitsbankett-Tafel herrichten, retten sich die beiden am Ende ins Rumalbern mit Weingläsern und flüchten schließlich unter den Tisch. Auf dem weist ein junger Hagen mit Speer auf den Ernst der Lage und damit den letzten Teil, die Götterdämmerung, voraus.

Dass ihr Traummann (und Neffe, aber was machen schon die paar Jahre Altersunterschied bei dem Personal) Siegfried da schon einen veritablen Doppelmord auf seinem Konto hat, das stört die Wotanstochter nicht. Immerhin schien Fafner (Hidekazu Tsumaya) der tödliche Stich mit dem Wunderschwert Nothung in sein Herz fast willkommen. Jetzt konnte er nämlich seine wabernde Fleischberggestalt wieder verlassen und sich geradezu erleichtert als „normaler“ Riese neben das Gerippe seines Bruders zum Sterben niedersetzten. Und dass Mimes Kopf am Ende des zweiten Aktes über die Bühne fliegt und Alberich (Mario Hoff) und Klein-Hagen damit Fußball spielen, das hatte sich der Tückische ja bekanntlich auch selbst zuzuschreiben.

Auch im Siegfried wird das spannend ausgefeilte psychologische Kammerspiel zu einer Art Untergangsraunen. Wotan (hier etwas angestrengt: Tomas Möwes) hat die Welt längst verspielt. Als Ausweg ist ihm jetzt auch der inszenierte Untergang recht. So setzt er seine Begegnung mit Erda ziemlich theatralisch in Szene. Da steht ein riesiges Bühnenportal mit Vorhang auf der Drehbühne und Erda (wieder dunkelsatt: Nadine Weissmann) hat ihren Auftritt wie eine Diva. Blond und in eine rote Samtrobe gehüllt. Einen Fetzen davon trägt Wotan bei sich. Es muss wohl ziemlich stürmisch hergegangen sein bei der Zeugung Brünnhildes. Jetzt herrscht die allgemeine Ratlosigkeit. Froh und Donner reißen den Vorhang aus der Verankerung und begraben Erda darunter wie eine Skulptur.

Es geht aber auch wieder spielerisch spannend und mit zahlreichen Querverweisen auf die anderen Teile. Doch weil Oper Menschenwerk ist, Verletzungsgefahr inklusive, blieb diesmal ein Teil von Schulz’ ausgefeilter Personenregie auf der Strecke. In der Weimarer Siegfried-Premiere hatte Stefan Vinke den Siegfried kurz vor der Generalprobe als Einspringer übernommen und mit beeindruckender Kondition, wenngleich auf die Dauer doch etwas einfarbig und mit improvisiertem Spiel bewältigt. Auf der DVD ist Johnny van Hall der solide Siegfried. Eingerahmt wird der Abend freilich durch zwei erstrangige Wagnerleistungen. Der Mime von Frieder Aurich ist ein Musterbeispiel von beweglicher Eloquenz und Spielwitz, und Catherine Foster ist eine prachtvoll auflodernde Brünnhilde.

Götterdämmerung: Frauen ins Licht

Auch in der Götterdämmerung bleiben vor allem Carl St. Clair und die Staatskapelle Weimar nicht nur das Fundament des Ring-Projektes, sondern auch einer ihrer Stars. Auch hier ist St. Clairs Wagner erneut voll dramatischer Spannung, ohne falsches Pathos und dabei obendrein dezidiert sängerfreundlich. Er vermag zudem, so wie im Bericht Waltraudes (Nadine Weissmann) zur Lage in Walhall oder beim Trauermarsch, mit großem Klang so etwas wie atemlose Stille zu erzeugen. Catherine Foster krönte ihren Ringpart mit einer großformatigen Götterdämmerungs-Brünnhilde, die keinen Vergleich scheuen muss. Norbert Schmittberg vermag als Siegfried, mit seiner kraftvollen Mittellage seine Höhenmankos auszugleichen, und Renatus Mészár macht aus seinem Hagen ein auch stimmlich fulminant beglaubigtes Psychogramm. Und auch Mario Hoffs Gunther hat Format und Gutrune (Marietta Zumbült), Alberich (Tomas Möwes), die Nornen und Rheintöchter können mithalten.

Schulz hat den Abschluss des Ringprojektes nicht wie üblich ins Gesellschaftliche geweitet, sondern szenisch aufs Kammerspiel reduziert. Gesellschaftliche Verwerfungen zeigen sich hier in ihren Wirkungen auf die Psyche und das Verhalten der einzelnen. Besonders deutlich wird das bei Brünnhilde und Hagen. Vom Wandel Brünnhildes zur nur noch auf sich bezogenen, liebenden Frau, der das Schicksal der Welt gleichgültig ist, ist Waltraude so erschüttert, dass sie schluchzend davon stürzt. Und der Finsterling Hagen ist von der Hassliebe zu seinem Vater und von seinen Obsessionen innerlich völlig zerrissen. Für ihn hat der Mord an Siegfried etwas von einer erotischen Ersatzhandlung, wird der Mordspeer zu einer Art Phallusersatz.

Für Vorspiel und Walkürenfelsen hat Dirk Becker auf der Drehbühne eine Spielfäche an der Rampe mit einem riesen Laken abgeteilt. Für die Gibichungenhalle ist deren Rückseite die Begrenzung, allerdings findet die sich jetzt weit hinten in der Tiefe des Raumes wieder mit einem erhöhtes Spielpodest davor. Als Thron der beiden ausgelassen albernden, inzestuös aufeinander fixierten Gibichungengeschwister reicht ein Stuhl. Für den dritten Aufzug mit Jagdszene, Mord und Finale reicht eine angekippte, viereckige Fläche im leeren Raum. In dieser szenischen Konzentration setzt Schulz vor allem auf die Spannung einer ausgefeilten, Obsessionen nachspürenden Personenregie. Mit dezenten Verweisen auf das bisher Geschehene, Anklängen an die spielerische Erzählhaltung des Anfangs, aber auch mit einer bewusst weiter getriebenen Reduktion.

Ein halbes Dutzend junger Leute, die sich in Neuenfelsscher Manier in die Szene verirrt zu haben scheinen, hören staunend den Nornen aus drei verschiedenen Zeitepochen zu, orakeln gelegentlich mit dem Verschmieren von Blut an der Wand oder im Gesicht, verhalten sich dann aber auch wie die personifizierten Ängste Hagens. Wenn Waltraude zu Brünnhilde kommt, dann hat sie gleich alle ihre (jetzt sichtlich gealterten) Schwestern im Schlepptau. Als eine alte Bekannte kehrt auch Grane in Gestalt jener ammenhaften Freundin mit den langen weißen Haaren wieder. Sie wird gar zu einem sozusagen stellvertretenden Objekt des Missbrauchs durch Hagen und seinen Haufen. Die Mannen sind hier nämlich keine geordnete Formation, sondern sehen aus wie ein an den Rändern aller Zeiten und Armeen zusammengewürfelter Inbegriff von primitiver Männlichkeit, die sich mit Lust zur Barbarei bekennt. Die schleifen ihre Frauen gleich an den Haaren mit sich und schlagen und vögeln drauflos, wie es ihnen gerade in den Sinn kommt. Für diese Frauen wird Brünnhildes öffentliches Aufbegehren gegen den Verrat Siegfrieds sogar zu einem Fanal. Sie proben den Aufstand, scharen sich um die revoltierende Walküre, schlagen selber zu. Die Männer gewinnen zwar schnell wieder die Oberhand. In der Schlussvision dann, wenn Siegfried und Brünnhilde wie befreit die Szene und damit die Geschichte verlassen und Hand in Hand abgehen, die Rheintöchter ihr Gold wieder haben und Alberich und Hagen ziemlich bedeppert und wie gelähmt am Rand sitzen, da nimmt Schulz das wieder auf. Da kommen dann die Frauen auf die Bühne, ins Licht zurück. Ängstlich aber frei. Vielleicht ist der Regen, der dann aus dem Schnürboden auf sie herabfällt befreiend. Oder ist es doch nur eine etwas zu klein geratene Pointe, weil auch sie wohl im Regen stehen bleiben werden? Sei’s drum! Diesen Ring beeinträchtigen solche Einwände nicht wirklich.

Fazit: Mit seiner szenischen Intelligenz, dem Spielwitz und der interpretierenden Ambition kann es der Weimarer Ring mit die Konkurrenz der in Wien und Hamburg begonnenen Ringprojekte aufnehmen. Und mit dem wohl kaum noch reparablen, aktuellen Bayreuther sowieso.

Eine der großen Pluspunkte dieser Produktion und damit auch der DVD ist die Staatskapelle Weimar unter Carl St. Clair. Mit dem Rheingold ließ er sich ohne übervorsichtige Rückversicherung auf das Abenteuer und die Dramatik ein und blieb ohne sich zu übereilen, dicht an dem, was des Theaters ist. Auch in der Walküre ließ er es eher von innen leuchten und vermied jede Effekthascherei. Auch im Siegfried blieb das Orchester der eigentliche Star des Ganzen. Ob nun mit sinnlich sattem Streicherklang oder mit den beispielhaft sicheren Bläsern. Carl St. Clair versteht sich auf die Klang gewordene Weltuntergangsstimmung ebenso wie auf das transparente Waldesflirren. Und er hält das Auflodern und die eloquente Spannung am sicheren Zügel. Eine Glanzleistung! Für die Besetzung freilich gilt das nicht so uneingeschränkt. Da erfüllen die sängerischen Leistungen nur bedingt die Ansprüche, die eine Aufnahme aus musikalischen Gründen wirklich unverzichtbar machen würde. Diese DVD-Einspielung vor allem das Dokument einer spannenden Inszenierung.

Joachim Lange

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Arthaus Musik
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Technical Specifications
1920×1080, 12.5 Mbit/s, 78.9 GByte, 5.1 ch (MPEG-4)
Remarks
A production by Michael Schulz