Der Ring des Nibelungen

Daniel Barenboim
Coro e Orchestra del Teatro alla Scala di Milano
Date/Location
26 May 2010 (R), 7 December 2010 (W)
23 October 2012 (S), 7 June 2013 (G)
Teatro alla Scala Milano
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
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Ungeachtet dessen, wie unendlich aufwendig und anspruchsvoll Wagners „Ring des Nibelungen“ ist – als Herausforderung und Faszinosum stellt er doch für jedes größere und neuerdings auch kleinere Opernhaus eine Aufgabe dar, an der man sich messen will. Entsprechend zahlreich, über-zahlreich beinahe, sind die kompletten „Ring“-Editionen auf DVD und Blu-ray, von dem ewigen „Klassiker“ Chereau in Bayreuth bis zu Lepage an der „Met“. Und dazwischen „Schmankerln“ wie Holtens „Kopenhagen-Ring“, das durchaus interessante Unternehmen in Weimar und vieles mehr.

Auf den ersten Blick scheint es darum nicht recht einsehbar, warum auch der „Ring“ der Mailänder Scala, erst in seinen Einzelteilen veröffentlicht, nun zur Großcassette zusammen gefügt wird. Das Unternehmen war zweifellos nicht aus einem Guß, fand zwischen 2010 und 2013 in vier Jahren statt, was Besetzungs-Brüche ergibt, die keiner gern hat, wenn er sich das Werk dann an einem ruhigen Wochenende zuhause – möglichst auf Riesenbildschirm und mit raffinierter Tonanlage – „hineinzieht“: Wotan ist in der „Walküre“ nicht derselbe wie im „Rheingold“, Brünnhilde wechselt abrupt in der „Götterdämmerung“, auch sind Besetzungen nicht in jedem Detail höchstkarätig. Aber ehrlich, welchem Haus gelingt das letztendlich schon? Man muss mit den Gegebenheiten des Betriebs leben.

Hat man die 7 DVDs dann hinter sich, wird man zugeben, dass man auch als Wagnerianer seine Zeit nicht verschwendet hat, da war vieles gut bis ausgezeichnet, vor allem Daniel Barenboim hat den Wagner in seinen unendlichen Schattierungen, wie er sich hier ausbreitet, eigentlich sehr gut im Griff, oft gelingt ihm mehr Spannung und Dramatik als auf der Bühne sichtbar wird.

Guy Cassiers liefert Inszenierungen, die sich eindeutig mehr auf Optik und vor allem Ästhetik konzentrieren als auf eine Interpretation, die man eigentlich nicht erkennen kann. Er ist zusammen mit Enrico Bagnoli sein eigener Ausstatter und Lichtdesigner, und für die Kostüme holte der belgische Regisseur einen Landsmann: Teen van Steenbergen zeigt, dass er (in Antwerpen) ein Top-Designer ist und einer Mode-Stadt wie Mailand Ehre erweist mit hinreißenden Abendkleidern für die Damen und auch sonst viel Chic – aber so wenig wie die Bühnenbilder konstruiert dies eine Welt, in der man den „Ring“ hier verorten könnte.

Tatsächlich lautet der Weisheit letzter Schluß „Videowand“, und darauf spielt sich unendlich viel Farbiges, Fraktales und durchaus Schönes ab, aber warum? Stimmung, Ästhtetik, Wirbelwind-„Action“, ja, aber sonst? (Wobei man auch gelegentlich Albernes sieht, das man nicht unbedingt aufklären kann, wälzende Menschenleiber beim Trauermarsch…).

Es ist keine Inszenierung, eher eine Produktion, und die Hauptsorge des Regisseurs dürfte darin bestanden haben, dass sich das Publikum ja nicht langweilt. Wenn zwischen erstem und zweiten Bild „Rheingold“ sich plötzlich undefinierbare Gestalten in dunklen Bodies über die Bühne schlängeln und wälzen, ist man zuerst ratlos, was das soll, aber wenig später stellt sich heraus – diese Tänzer werden einen großen Teil der vier Abende immer in Bewegung begleiten (Choreographie: Sidi Larbi Cherkaoui), so dass es zu keinerlei Ruhepunkten kommt: Tatsächlich, man hat auch auf dem Bildschirm ununterbrochen etwas anzusehen, abgesehen davon, dass die Aufzeichnungen an sich sehr gut und kenntnisreich (in Bezug auf die Wichtigkeit der Figuren) geschnitten ist.

Kurz, es hört sich gut an, und für den, der es vor allem „schön“ will, sieht es sich auch gut an, womit die Aufnahme schon gerechtfertigt wäre, hätte sie nicht auch noch ein paar herausragende Besetzungen zu bieten. Da ist voran die wunderschöne, wunderbar singende Nina Stemme als zwei reine, geradezu strahlende Brünnhilden, deren „Götterdämmerungs“-Nachfolgerin Iréne Theorin etwas gröber und schärfer auf das Publikum zukommt (und man die „Starken Scheite“ von viel schöner und stärker gehört hat). Und die Intensität der Waltraud Meier ist sowohl als Walküren-Sieglinde wie als Götterdämmerungs- Waltraute so fabelhaft, dass man immer glücklich ist, wenn man sie erleben darf.

Gutes Aussehen bestimmte vermutlich auch die Besetzung anderer Damenrollen – wenn die Fricka von Doris Soffel in der Walküre dann zu Ekaterina Gubanova mutiert, ist sie eine Augenweide (und auch gut anzuhören). Und man wünschte, der optische Reiz, den Anna Samuil für Freia und Gutrune mitbringt, würde auch hörbar…

Einmal ist man über einen Rollentausch froh: So steif und leblos und uninteressant, wie René Pape als Wotan im „Rheingold“ herumsteht, das sollte nicht erlaubt sein: Die Präsenz als Figur und Stimme, die Vitalij Kowaljow in der „Walküre“ mitbringt, lässt verwundern, dass er international nicht viel mehr als Wotan unterwegs ist. Im „Siegfried“ dann wieder ein Tausch, doch Terje Stensvold ist eine sehr gute Besetzung für den Wanderer.

Während Simon O’Neill an Waltraud Meiers Seite ein intensiver Siegmund war, ist der Siegfried des Lance Ryan eine Sache (um nicht zu sagen: ein Problem) für sich: Er singt die Rolle landauf, landab, weil so wenige Sänger bereit sind, sich damit die Stimme zu ruinieren (Künstler wie Botha oder Ventris haben dezidiert erklärt, nie die Siegfriede zu singen), er sieht auch gut aus, zumal in dem bestens geschnittenen und gestylten Leder-Outfit, mit dem er schon aus der Höhle kommt, aber die Stimme ist eben ein Problem: Sie ist scharf, durchdringend und wird weniger „gesungen“ aus „herausgestoßen“ eingesetzt, kurz, er klingt durchwegs unschön. Man erwähne der Gerechtigkeit halber, dass ihm im letzten Akt „Götterdämmerung“ das hohe C gelingt (wenn auch wieder nicht wirklich schön), was nicht jeder Kollege schafft…

Um nur noch einige Sänger zu nennen: Gut, wenn auch nicht so überwältigend wie manche große Kollege: Peter Bronder als Mime. Seltsam enttäuschend der Hagen des Mikhail Petrenko, nicht nur, weil er in seiner so „durchschnittlichen“ Erscheinung wahrscheinlich am besten in die „Bürohaus“-Götterdämmerung von Jürgen Flimm gepasst hätte (die übrigens nie aufgezeichnet wurde…), sondern weil es da einfach an dem „dämonischen“ Nachdruck fehlt, den diese Figur stimmlich und persönlichkeitsmäßig geben muss.

So wie Johannes Martin Kränzle als Alberich, der schon „Rheingold“ beherrscht, als wäre es seine Oper allein, und der bis in die „Götterdämmerung“ nicht vergessen lässt, dass er ja schließlich der „Titelheld“ des Werks ist – der Nibelunge, dem der Ring gehört, um den sich alles dreht. In dieser Scala Produktion drehen und wenden vordringlich wilde Projektionen, aber, wie gesagt, vom ästhetischen Standpunkt aus kann man die Bilderflut gewissermaßen rechtfertigen (wenn das auch in Valencia und ebenso an der Met innovativer und ausdrucksstärker ausgefallen ist).

Dennoch, „Ring“-Sammler werden vermutlich auch hier zugreifen.

Renate Wagner

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Arthaus Musik
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Technical Specifications
1920×1080, 16.1 Mbit/s, 100 GByte, 5.1 ch (MPEG-4)
Remarks
A production by Guy Cassiers