Der Ring des Nibelungen

Dan Ettinger
Chor und Orchester des Nationaltheaters Mannheim
Date/Location
June/July 2013
Nationaltheater Mannheim
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
Reviews
klassik.com

Ein ‘Ring’ – ein ganzer Kosmos

Das Nationaltheater Mannheim hat seit wenigen Jahren einen neuen ‘Ring’ – und was für einen! Altmeister Achim Freyer bietet mit seiner unverwechselbaren Handschrift einen gigantischen Kosmos an Bildern und Assoziationen. Für diesen ‘Ring des Nibelungen’ braucht es definitiv viel Fantasie, vom Künstler wie vom Betrachter. Das mag einige alteingesessene Wagnerianer und militante Opernmuseasten verstören. Und vielleicht ist dieses optische Riesengebilde auch nicht gerade der optimale Einstieg für ‘Ring’-Neulinge, aber es fasziniert in seiner Kompromisslosigkeit und inneren Spannung ungemein. Man muss sich aber darauf einlassen wollen.

Freyer, der für nicht weniger als Inszenierung, Bühne, Kostüme und Lichtkonzept verantwortlich zeichnet, lässt die Figuren des ‘Rings’ auf der sich ständig in Bewegung befindenden Drehscheibe wie einzelne Planeten umeinander kreisen. Wirkliche Berührungspunkte gibt es wenige, aber die Sichtweise verändert sich in den unterschiedlichen Konstellationen. Jeder Sänger hat laut Freyer ‘sein eigenes Gesetz in Gestus, Aussehen und Position’. Die stilisierten Bewegungsabläufe geraten dabei nicht zum Selbstzweck, sie kehren vielmehr das Innerste der Figuren nach außen – zeichenhaft, nicht im Sinne von psychologischem Realismus. Nicht immer ist Freyers Zeichenfülle sofort lesbar. Sie bietet aber Raum für eigene Gedanken und Interpretationen. Besonders eindrücklich ist die Gegenwart des ‘Rheingold’-Personals im ersten Aufzug der ‘Walküre’ oder der zwischen Komödie und brutalem Horrorszenario schwankende erste Aufzug des ‘Siegfried’, wenn der Titelheld ans Bett gefesselt ist und von Mime mit Medikamenten ruhig gestellt wird. Die unerreichbare Brünnhilde am Ende des ‘Siegfried’ brennt sich ebenso ein wie der fünfarmige, Zigarren rauchende Loge, die in Zeitlupe schuhplattelnden BDM-Püppchen, Hagen als Dompteur auf Stelzen und die endlich einmal plausibel erzählte Verwandlung Siegfrieds in die Gestalt Gunthers. Mit Freyers Masken wird dieser dramaturgische Kniff absolut glaubwürdig, eindrücklich und unerwartet erhellend für Siegfrieds eigenen Identitätsverlust.

Schwierige Bildregie

Es sei aber nicht verschwiegen, dass es auch sichtlich schwierig ist, diesen Freyer-Kosmos des Mannheimer ‘Rings’ auf Bildträger festzuhalten. Die beim Label Arthaus erschienenen sieben DVDs wurden im Juni und Juli 2013 in Mannheim mitgeschnitten. Zu diesem Zweck musste sich die Bildregie fraglos auf einzelne Einstellungen festlegen, wobei aber immer wieder der Gesamtkosmos aus dem Blick gerät. Beständig bleibt das Gefühl, man verpasse eigentlich die Hälfte des Bühnengeschehens oder könne manche Querverweise nur deshalb nicht einordnen, weil die Kamera gerade einen Punkt fokussiert und man selbst gerne woanders hingeschaut hätte. Die Unmenge an Statisten, die die Figuren der Tetralogie doppeln, reduzieren sich im Fernsehbild oft auf eine diffuse Hintergrundbewegung und auf Tuchfühlung mit der Kameralinse, werden so manche im Haus effektvolle Großgesten kleiner als gedacht. Das soll kein Vorwurf sein. Dass diese Aufzeichnung schmerzvolles Kampfgebiet sein würde, erklärt sich von selbst. Somit ersetzt diese DVD-Edition aber auch mitnichten das Live-Erlebnis im Mannheimer Nationaltheater.

Musikalisch bewegt sich dieser ‘Ring’ weitestgehend auf hohem Niveau. Dan Ettinger und das Orchester des Nationaltheaters Mannheim setzen dem mächtigen Bühnenzauber ihren eigenen Klangzauber entgegen. Dabei beweist Ettinger auch manchmal etwas zu viel Mut zum breiten Pinselstrich, überzeugt dann aber auch wieder mit liebevoller Detailarbeit. Die gewählten Tempi erfordern teilweise Geduld, ohne dass die Innenspannung von Wagners Musik abreißen würde. Außerdem trägt Ettinger seine Solisten auf Händen. Er deckt sie niemals mit seinem Orchesterklang zu, ermöglicht ihnen dynamische Feinheiten und tritt im rechten Moment sehr bewusst begleitend in den Hintergrund. Das kommt der ohnehin schon hohen Textverständlichkeit aller Solisten entgegen und Ettinger kann es immer noch in den sinfonischen Passagen krachen lassen. Und das tut er auch.

Das Nationaltheater Mannheim geht in seiner Besetzungspolitik das Wagnis ein, die Figuren des ‘Rings’ durch alle vier Opern hindurch weitestgehend mit denselben Sängern zu besetzen. Dieser Mut zahlt sich bei allen Partien aus, mit Ausnahme der Brünnhilde.

Was Judith Németh an stimmlichen Höhen und Tiefen von ‘Walküre’ bis ‘Götterdämmerung’ bietet, ist schon erstaunlich. Im Falle der ‘Siegfried’-Brünnhilde ist es sogar ein Trauerspiel. Németh ist mit dem mörderischen Schlussduett maßlos überfordert. Dauerhaft singt sie zu tief, kämpft um jeden Spitzenton und findet ihre innere Mitte nicht. Das tut dem Hörer einfach nur leid, denn Németh ist gewiss keine schlechte Sängerin. Gerade in der Mittellage ist die Stimme von bezaubernder Schönheit, voller Wärme und Unmittelbarkeit. Diese Qualitäten verliert sie zunehmend, wenn sie sich auf vokale Höhenflüge begibt. Da verliert sie Kontrolle über ihr ansonsten reizvolles Tremolo, die Stimme verhärtet, wird schrill und intonationsunsicher. In der ‘Walküre’ ist Judith Németh noch wesentlich besser bei Stimme. Das ʺHojotoho!ʺ meistert sie äußerst souverän und um einiges besser als so manche momentane Rollenvertreterin. Auch die Todverkündung gelingt ihr vortrefflich. Schon im dritten Aufzug der ‘Walküre’ tauchen aber gewisse Intonationstrübungen auf, die die Sängerin trotz physischer Standhaftigkeit bis in die ‘Götterdämmerung’-Schlussszene beibehält.

Der Siegfried schlägt sich dagegen bravourös durch seine Partie. Jürgen Müller verfügt über eine jugendlich frische Tenorstimme, die nicht ganz so viel baritonales Fundament aufweist, wie man vielleicht erwarten würde. Mit ungebremster Energie und klar fokussiertem Ton ist er wirklich der Held, der das Fürchten nicht kennt. Woran es ihm aber mangelt, ist eine angemessene Artikulation. Beim Siegfried sieht man ihm die Vokalverliebtheit noch nach, aber beim Loge, den Müller im ‘Rheingold’ verkörpert, fällt diese Nachlässigkeit störend ins Gewicht, weil sie der Partie die notwendige Schärfe nimmt. Szenisch wie klanglich ist Jürgen Müller zwar ein herrlicher Loge, textlich aber konturlos.

Als Wotan und Wanderer beweist Thomas Jesatko eine solide Stimmtechnik und unerschütterliches Durchhaltevermögen. Einzig beim ‘Walküren’-Wotan würde man sich in ‘Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind’ mehr Klang und lyrische Wärme wünschen. Aber angesichts dieser ansonsten unprätentiösen und stimmschönen Interpretation kann man auf diese Feinheiten durchaus noch verzichten. Vielleicht kommen sie von ganz allein, wenn Jesatko diese Partie ein paar weitere Jahre im Repertoire hat.

Mit Endrik Wottrich haben die Mannheimer einen namhaften Siegmund engagiert. Routiniert entledigt sich der Tenor seiner Partie und trumpft mit glasklarer Diktion und beeindruckend baritonalem Stimmfundament auf. Einzig Wottrichs Höhe hat an Strahlkraft ein wenig eingebüßt. Jene ist aber bei Heike Wessels als Sieglinde in Fülle vorhanden. Ihr samtener Mezzosopran mit der leuchtenden Höhe und natürlicher Textbehandlung nimmt von der ersten Sekunde an für sich ein. In Kombination mit ihrer physischen Präsenz ist dieses Rollenporträt ein wirkliches Highlight der vorliegenden Produktion.

Weitere Höhepunkte sind der markante und kraftvoll intonierte Hitler-Alberich von Karsten Mewes sowie der Vollblut-Mime von Uwe Eikötter. Beide Sänger scheinen mit ihren Partien verschmolzen zu sein. Dass sie sich singend äußern, und das makellos, fällt bei dieser Natürlichkeit und Unbedingtheit der Darstellung fast nicht mehr auf.

Das lässt sich leider von Edna Prochnik nicht behaupten. Die Mezzosopranistin kommt sowohl als Fricka wie auch als ‘Siegfried’-Erda, Schwertleite, erste Norn und ‘Götterdämmerungs’-Waltraute zum Einsatz. Die unstete Tonproduktion und die unangenehme Schärfe ihrer Stimme bleiben für den Zuhörer äußerst anstrengend, wobei der Sängerin die Waltraute noch am besten gelingt. Als Hagen setzt Christoph Stephinger mit balsamischem Bass eher auf elegant subtile Gefährlichkeit als auf furchteinflößende Schwärze, was ihm überraschend gut gelingt.

Aus dem übrigen Ensemble seien noch die glänzenden Leistungen von Iris Kupke als Freia, Ortlinde und dritte Norn erwähnt sowie die Gutrune von Cornelia Ptassek, der großspurige Gunther von Thomas Berau sowie die edel besetzten Rheintöchter (Katharina Göres, Anne-Theresa Möller, Simone Schröder und Viola Zimmermann), Manfred Hemm als grundsolider Hunding, der stimmgewaltige Sung Ha als Fasolt und später als ‘Siegfried’-Fafner und das fulminante Walküren-Ensemble.

Dieser Mannheimer ‘Ring’ gehört mit Sicherheit zu den konsequentesten Deutungen der letzten Jahre und die vorliegende DVD-Veröffentlichung bewahrt dieses Kunstwerk für die Nachwelt und all jene, die nicht nach Mannheim fahren können. Wer nicht hinfahren will, sollte sich das aber noch einmal gründlich überlegen und es dann trotzdem tun!

Benjamin Künzel | 11.07.2015

operalounge.de

Und noch ein „Ring“!

Nun also noch ein Ring auf DVD. Der wievielte eigentlich? Ich zähle sie längst nicht mehr. Wer mit dem gewaltigen Werk in diesen Zeiten multimediale Aufmerksamkeit gewinnen will, muss vor allem optisch punkten. Sängerisch ist nicht viel zu holen. Grenzen sind erreicht seit Kaufmanns Siegmund oder Papes Wotan – um zwei Beispiele zu nennen, die mir auf Anhieb einfallen. Beide Sänger haben das Zeug dazu, auch über ihre Zeit hinaus in guter Erinnerung zu bleiben. Inszenierungen aber verderben meist schnell. Daran kann die DVD als Konservierungsmittel nichts ändern. Aufführungen lassen sich nur schwerlich haltbar machen. Sie brauchen Publikum. Das aber versteht Oper, auch Wagners Ring des Nibelungen, in wachsendem Maße als Event. Nicht zu lange aufhalten bei einer Sache. Schnell muss etwas Neues her. Der Produktion des Bühnenfestspieles aus Mannheim, im Wagner-Jubiläumsjahr 2013 von Achim Freyer gestemmt, gebe ich höchstens ein paar Jahre. Sie wird nicht dieses Beharrungsvermögen entwickeln wie einst Rossinis Barbier von Sevilla, 1968 an der Ostberliner Staatsoper von Ruth Berghaus in Szene gesetzt und wohl noch immer auf dem Spielplan. Freyer war damals der kühne Ausstatter. Er ist in die Jahre gekommen. Mit nunmehr 81 nicht mehr ganz so jung, wie sich sein Theater gibt. Aus dem Bühnenbildner ist längst der arrivierte Regisseur geworden, der Ausstattung, Kostüme und Lichtkonzert gleich mitliefert. So geschehen auch beim Mannheimer Ring, der bei Arthaus in einer bunten Box herausgekommen ist (107553), deren Aufmachung an alles denken lässt, nur nicht an Wagner. Das soll wohl auch so sein. Eine Live-Aufzeichnung, bei der zu Beginn der ersten drei Teile immer dasselbe Publikum sitzt. Die Handbewegungen der Damen vorn recht werden einem mit der Zeit sehr vertraut. Ein ums andere Mal schiebt sich der hübsche blonde Zottelkopf des Dirigenten Dan Ettinger in fast unveränderter Einstellung ins Bild. Ettinger hat das Amt des Generalmusikdirektors am Haus. Er ist Jahrgang 1971, stammt aus Israel, wurde von Daniel Barenboim gefördert und stürzt sich wie dieser mit Lust auf Wagner. Spielfreude ist unüberhörbar. Für diese Arbeit erntete er viel Lob und viele Vorschusslorbeeren. Zu Recht. Ein satter, saftiger Klang, manchmal etwas neutral.

Die Kritik hatte sich seinerzeit schon bei der Bekanntgabe des Teams fast überschlagen. „Supercoup für das Nationaltheater“, „bayreuthspektakulärere Lösung“, „sensationell“ – lauteten die Zeilen, die noch heute im Netz nachzulesen sind. Zu erwarten sei ein künstlerischer Meilenstein, für den schon mal weit im Voraus die Pflöcke eingerammt wurden. Das Theater selbst taumelte bei der Eigenwerbung von einem sprachlichen Schlaganfall zum nächsten. Sponsoren wurden mit kühnen Prophezeiungen umworben: „Helfen Sie uns, dieser spektakulären Inszenierung deutschland- und europaweit die verdiente Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und Mannheim zur Ring-Hauptstadt zu machen. Die Wirkung Ihres bürgerschaftlichen Engagements wird vielfach auf Mannheim und sein Nationaltheater zurückstrahlen!“ Gegeben wurde offenbar reichlich. Im Abspann nimmt die Liste der Spender kein Ende.

Was sich im Theater selbst, also an den jeweiligen Abenden vollzieht, mag ja von einer starken Wirkung sein. Ich bin nicht dabei gewesen. Von der DVD her teilt sie sich nicht mit. Ein Problem, das auch auf anderen derartigen Produktionen lastet. Bilder und Gesten werden nicht konsequent genug in ein neues Medium, das der Film nun einmal darstellt, übertragen. Als hätte das Regieteam nach der Premiere die Lust verloren, wird mal eben schnell noch die Kamera draufgehalten. In den vier Minuten der Orchestereinleitung zum Rheingold wechselt die Einstellung nicht weniger als zwölfmal. Von der Totale hin zu Details und umgekehrt. Wotans Raben hocken schon am Grunde des Rheines herum. Einer wird sich später auf Brünnhildes Haupt niederlassen. Was halten denn die Rheintöchter in den Händen? Die eine einen Fisch, die andere eine Geige – und was schleppt die dritte da mit sich herum? Na und die Walküren erst. Gerhilde trägt Gießkanne als Hut, Helmwige Trompete und Ortlinde Nähmaschine. Damit sieht niemand gut aus. Der gesamte Ring spielt in einem einzigen großen Raum, der sich gelegentlich öffnet. Am Ende der Götterdämmerung sieht sich das Publikum wie in einem Spiegel, in den sich der Bühnenhintergrund verwandelt hat. Wie originell – und noch nie dagegwesen. Unentwegt rotiert die Scheibe der Drehbühne. Bewegung ist alles. Die Szene in ständiger Unruhe. Es werden immer mehr Statisten. Manchmal ist es so, als würden sich alle ineinander verfangen. Auf dem heimischen Bildschirm sind die Abstände zur Bühne zu groß. Da hilft kein Opernglas. Es ist nicht genug zu erkennen.

Freyer hantiert mit allerlei mythischem Hausrat von starker Symbolkraft. Damit schafft er unentwegt Zusammenhänge zwischen den Teilen. Am Anfang schimmert schon das Ende auf. So etwas macht sich gut, kommt dem Werk mit seinem szenischen und musikalischen Beziehungsgeflecht entgegen. Doch wehe dem, der sich nicht gut genug auskennt. Der dürfte – wenn er es überhaupt tut – schon ins Grübeln darüber geraten, warum denn ausgerechnet diese Raben von Anfang an umhergeistern. Was hat es mit den Heerscharen von Statisten auf sich, was wird denn da ständig so alles herumgeschleppt? Ist das bei Wagner immer so oder nur in Mannheim? Die bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten Figuren – auch das ist nicht ganz neu – geben sich meist nur durch ihre Musik zu erkennen. Allein mit dem Auge konnte ich niemanden identifizieren. Bis auf Siegfried vielleicht. Der hatte schon bei Götz Friedrich in Berlin diese Kinderhose an, die nun noch etwas größer und noch bunter geworden ist. Optisch kam es mir manchmal so vor, als seien beim Schnitt einzelne Takes vertauscht worden.

Freyer macht es dem Publikum nicht leicht, setzt viel, wenn nicht alles voraus. Was an sich schon kompliziert genug ist, wird bei ihm noch verwirrender. Es ist sehr lange her, dass er bei Brecht, der es deutlich und klar wollte, studiert hat. Freyer gibt sich elitär mit seiner grellen infantilen Clownerie. Nur selten reckt sich noch der linke Zeigefinger müde und belehrend empor, wenn er nämlich Alberich das Hitlerbärtchen anmalt und ihn dazu noch mit einem überdimensionierten Kapitalistenzylinder hantieren lässt, wie ihn einst Wieland Wagner seinem Daland in Bayreuth aufgesetzt hatte. Nun haben wir es aber diesen bösen Kapitalisten, die auch Hitler hochgebracht haben, mal so richtig gegeben! In Mannheim, 2013. Gähn. Für den Siegfried scheint mehr Geld für Strom bewilligt worden zu sein. Plötzlich wird es hell wie in einem Operationssaal, nachdem sich die vorangegangene Handlung vornehmlich in Finsternis zugetragen hatte. Licht ist der Inszenierung aber nicht zuträglich. Es offenbart Dürftigkeit und rückt das ganze Arsenal des Regietheaters vom Fernseher bis zum Schweißbrenner noch einmal grell ins Szene. Plötzlich wirkt diese Inszenierung furchtbar altmodisch und abgestanden.

In Mannheim machen die Sänger ihre Sache gut. Was will man mehr? Auf Opernbühnen dieser Größenordnung sind auch in früheren Jahren nur in Ausnahmefällen stimmliche Wunder vollbracht worden. So ist das nun mal. Mit dem Anspruch, die Produktion zu einem Ereignis für ganz Deutschland und gar Europa hochstilisieren zu wollen, tut die Theaterleitung den Künstlern und sich selbst keinen Gefallen. Theater sind zuerst für die Menschen in ihren Städten und deren Umfeld da. Auch deshalb werde sie so hoch subventioniert. Und das Publikum feiert seine Künstler, die es in der Regel gut kennt. Mir hat Endrik Wottrich als Siegmund am besten gefallen. Im Ausdruck könnte er zulegen. 2006 gewann Heike Wessels, die als Sieglinde besetzt ist, den internationalen Wettbewerb für junge Wagnerstimmen in Venedig. Sie hat noch Reserven im hochdramatischen Fach. Die Brünnhilde der Ungarin Judith Németh ist mir trotz des eindrucksvollen Volumens zu ungenau, zu routiniert. Für seine Stimmkraft und italienische Tonlage ist Jürgen Müller als Siegfried in der Vergangenheit oft gelobt worden. In Mannheim bereitet ihm die Aufgabe hörbare Mühe. Seit 1997 ist Thomas Jesatko in Mannheim engagiert. Der Wotan/Wanderer dürfte der bisherige Hohepunkt seiner soliden Karriere sein. Karsten Mewes muss sich als Alberich sehr anstrengen. Sehr hell und leicht klingt Christoph Stephinger als Hagen. Alle haben ihre Rollen gut studiert. Ich wiederhole mich, wenn ich feststelle, dass alle Leistungen zusammengenommen für gelungene Aufführungen stehen. Wollte man diesen Ring nur hören, das am Ende sehr lässliche Szene wegschalten, dann wäre es zu wenig.

Rüdiger Winter

pizzicato.lu

Der Fantasy-‘Ring’ aus Mannheim

Diese Produktion aus dem Nationaltheater Mannheim mit Generalmusikdirektor Dan Ettinger und dem Regisseur Achim Freyer ist Geschmackssache. Sie erinnert an die Fura dels Baus-Inszenierung aus Valencia.

Wenn man von der Perspektive ausgeht, dass der ‘Ring’ eine mythologische Welt darstellt, eine Phantasiewelt, in der visuell und szenisch alles möglich ist, stehen einem Regisseur alle Türen offen, um seine Intentionen auf eine ganz eigenartige Weise darzustellen.

So könnte man Freyers gewagte Inszenierung als Kunstschöpfung aus poetischem Expressionismus deuten, die freilich teilweise nur schwer nachzuvollziehen ist. Auf der Mannheimer Drehbühne entsteht eine kosmische Welt, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenfließen. Die Kostüme sind farbig und haben oft einen asiatischen Bezug. Licht und Farben verstärken den außerirdischen Charakter der zeitlosen Inszenierung. Resultat: Es entsteht eine moderne Spaßgesellschaft mit kosmischem Charakter, in der die Figuren sich so langsam bewegen wie Planeten und andere Sterne der Galaxie. Freyer kreiert zudem Gruppen von Charakteren und gibt jeder Gruppe ihre distinktiven Züge und Bewegungen, mit repetitiven und abstrakten Gesten. Viel Symbolik entgeht einem beim ersten Ansehen der Aufnahme, aber in mehreren Durchgängen entdeckt man immer wieder neue Details in den ‘Dali-Bildern’. «Ich interpretiere nicht. Der Zuschauer muss die Möglichkeit behalten, selbst zu interpretieren», sagt der Regisseur.

Musikalisch gesehen ist Dan Ettingers Interpretation eher unausgeglichen. Der Klang ist etwas mechanisch und kalt, manchmal auch schwammig, selbst wenn ab und zu einige kammermusikalisch gefühlsintensive Feinheiten zu hören sind. Technisch gesehen ist das Orchester nicht ganz auf der Höhe, und gegenüber dem stark besetzten Blech fehlt es den Streichern an Volumen.

Einige Sänger sind ausgezeichnet, so Thomas Jesatko als Wotan, der in seinem seltsamen und unbequemen Kostüm eine stimmliche Glanzleistung liefert. Edna Prochnik glänzt in mehreren Rollen, als feine Fricka, aber auch als wilde Walküre, als Erda im ‘Siegfried’, oder als Waltraute in der ‘Götterdämmerung’. Bemerkenswert sind ebenfalls die Brünnhilde der Judith Németh und der Siegfried von Jürgen Müller. Auf der Soll-Seite figuriert Endrik Wottrich (Siegmund), dessen Stimme nun wirklich ‘passée’ ist.

Fazit: Diese Mannheimer Produktion bietet musikalisch nichts wirklich Herausragendes, und ob er das oft inkohärente Fantasy-Spiel auf der Bühne mag, muss jeder Wagner-Freund für sich entscheiden.

Manuel Ribeiro

opernnetz.de

Geschmackssache

Noch immer klingt das Wagnerjahr 2013 nach. Das Nationaltheater Mannheim stellte sich ab dem Jahr 2011 der Herausforderung, einen Ring des Nibelungen zu schmieden und holte sich dafür den bekannten Regisseur Achim Freyer ans Haus, der in Personalunion für Regie, Bühne, Kostüm und Licht zuständig ist. Das klingt spektakulär, ist es aber gar nicht unbedingt, da Freyer nur wenige Jahre zuvor den Ring in Los Angeles inszeniert hat – viele Elemente daraus finden sich nun auch in Mannheim wieder. Von einer reinen Wiederverwertung kann man indes nicht sprechen.

Das Label Arthaus hat nun diese Ring-Deutung auf den DVD -Markt gebracht und präsentiert das Projekt dermaßen lustlos, als traute es ihm von vorne herein keinen Erfolg zu. Ein einziges, schmales Booklet liegt den vier Opern bei – ein paar Fotos, eine knappe Inhaltsangabe samt Besetzung, eine paar Statements des Regisseurs, das war’s. Der einzige Hinweis auf das Aufnahmedatum findet sich auf der ersten Seite: „Live-Aufzeichnung aus dem Nationaltheater Mannheim 2013“ – aha. Wenn man das Kleingedruckte auf der letzten Seite durchliest, stößt man auf den Hinweis, dass es eine Dokumentation von Rudij Bergman gibt. Aber wo? Hier anscheinend nicht, denn die sieben DVDs sucht man anschließend vergebens ab. Dass es auch kein anderes Bonusmaterial gibt, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Ebenso peinlich ist es, dass die Namen der Aufnahmeleitung nur im Abspann auf den DVDs genannt werden. Dabei ist die technische Seite unter der Gesamtleitung von Georg Wübbolt und Markus Maschke doch gut gelungen. Der Ton fängt Stimmen und Theateratmosphäre sauber ein. Auch von den Kameras bekommt man überwiegend gute Bilder, zudem auch ein paar schöne Überblendungen anstatt nur holpernde Schnitte. Dabei dürfte es der schwierigste Teil gewesen sein, Freyers Inszenierung auf dem Medium zu bannen. So gesehen verwundert es nicht, warum man im Finale der Götterdämmerung nur noch die Bühne in der Totale sieht. Der ganze Raum ist ein Gesamtkunstwerk, ein zusammenhängendes Gefüge, das sich im Blick aus dem Zuschauerraum am besten offenbart. Die vielen kleinen Details – von den Statisten bis zu den Requisiten – sind sowohl für Kameras als auch für die Augen eine Herausforderung.

Der große Vorteil von Freyers Konzept ist, dass es sich wohltuend aus dem Einheitsbrei von Aktualisierungen der Tetralogie abhebt. Es ist eine ganz eigene, abstrakte Sicht auf den Stoff. Allerdings sind die symbolhaften Gänge und Gesten auf die Dauer sehr ermüdend. Einige Momente schrammen unfreiwillig an der Persiflage vorbei. Zu selten sind die Momente, wo Freyer so konzentriert erzählt wie im ersten Siegfried-Akt. Die Kostüme strahlen die Fantasie des Regisseurs aus und erreichen ebenfalls unterschiedliche Wirkung. Das mehrarmige Kostüm des Loge beispielsweise charakterisiert den Feuergott so treffend als spinnenartiges Wesen. Anderseits nehmen viele Masken den Sängern eine ihrer wichtigen Ausdrucksmöglichkeiten neben der Stimme: Die Mimik.

Besonders trifft das ausgerechnet auf Wotan-Sänger Thomas Jesatko zu, der sicherlich von dieser profitiert hätte. Er singt den Göttervater insgesamt souverän, aber leider zu ausdrucksarm. Überhaupt ist es sicher ein Problem, dass dieser Produktion vokale Glanzlichter fehlen, wenngleich es auch keine Ausfälle gibt. Vielleicht ist es auch dem anspruchsvollen Konzept geschuldet, dass die engagierten, deutlich artikulierenden Sänger zu kontrolliert und damit etwas blutleer wirken. Endrik Wottrich singt als Siegmund tapfer und laut dagegen an. Christoph Stephinger demonstriert die Bosheit des Hagen. Jürgen Müller ist als Loge fast eine Spur besser als in der Rolle des Siegfried. Karsten Mewes gestaltet den Alberich glaubhaft als Ausgangspunkt der Tragödie. Judith Németh als überdramatische Brünnhilde ist leider kein Pluspunkt in der Besetzung, Heike Wessels als Sieglinde dagegen schon.

Die beste Leistung der DVD kommt vom Orchester des Nationaltheaters Mannheim unter der Leitung von Dan Ettinger, der sich als sängerfreundlicher Dirigent erweist. Auch hier hört man stellenweise ungewöhnliches, wie etwa das schnell genommene Vorspiel zum Rheingold. Auch die dramatische Attacke kommt in seiner Interpretation nicht zu kurz. Andere Momente nimmt Ettinger dagegen sehr langsam, was dann im Gesamteindruck mit der Szene den Ablauf etwas lähmt.

Vom Publikum gibt es herzlichen Applaus, der allerdings von der Tontechnik etwas stiefmütterlich behandelt wird. Für alle, die den Mannheimer Ring live erlebt haben, dürfte die DVD eine schöne Erinnerung sein. Für alle anderen wird sich diese Interpretation als das erweisen, was eigentlich für jede Aufnahme jeder Oper gilt: Eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Christoph Broermann | 25.3.2015

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Arthaus Musik
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Remarks
A production by Achim Freyer