Der Ring des Nibelungen

Roberto Paternostro
Coro y Orquesta del Teatro Colón Buenos Aires
Date/Location
November 2012
Teatro Colón Buenos Aires
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast

Das Rheingold

Die Walküre

Siegfried

Götterdämmerung
Gallery
deropernfreund.de

Das Wunder vom Teatro Colón

Nachdem neulich bereits Hans Christoph von Bocks Film über die Entstehung des „Colón-Rings“ bei C-major auf DVD veröffentlicht wurde – wir berichteten – ist nun bei demselben Label auch die vollständige siebenstündige Kurzfassung von Wagners „Ring“ auf DVD herausgekommen. Der eben erwähnte Film ist in dieser Box enthalten. Sicher war dieses „Ring“-Experiment aus Buenos-Aires bedeutend für die Rezeptionsgeschichte, weil der Zyklus hier zum ersten Mal in dieser Form aufgeführt wurde. Daher mag die Veröffentlichung auf DVD als durchaus gerechtfertigt erscheinen. Indes kann ich mich mit dem Grundkonzept des Ganzen nicht anfreunden. Bei einer Zusammenstreichung von ca sechzehn Stunden Musik auf lediglich sieben Stunden muss naturgemäß auf sehr viele herrliche Stellen verzichtet werden. Die von dem Dirigenten und Pianisten Cord Garben erstellte Strichfassung vermag mich nicht zu überzeugen. Allzu viele schöne Stellen fielen seinem unbarmherzigen Rotstift zum Opfer, und auch die vorgenommenen Kürzungen an sich sind häufig sehr problematisch, entbehren oft aller Logik. Verfehlt ist es schon, die Partie der Erda wegzulassen, denn dadurch wird dem Werk die zentrale Motivation für Wotans Handlungen genommen. Hanebüchen ist im zweiten Aufzug der „Walküre“ auch die Eliminierung fast der gesamten Fricka-Szene, die doch die Katastrophe erst in Gang setzt. Dass im „Siegfried“ Mimes Erzählung von der Geburt des Helden und von Sieglindes Tod fehlt, ist ebenfalls ein großer Faux-Pas. Auch Anschlussfehler passieren: Wenn im zweiten Aufzug der „Götterdämmerung“ auf den Speereid Siegfrieds verzichtet wird, dann darf Hagen diesen doch nicht im dritten Aufzug als Legitimation für den Mord an dem Wotan-Enkel ins Feld führen. Vielfach wird hier ohne Sinn und Verstand gekürzt, so dass eine durchgehende klare Linie und jede innere Logik nachhaltig auf der Strecke bleiben. Wer den „Ring“ nicht genau kennt, wird mit dem Handlungsverlauf hier seine Schwierigkeiten haben. Einzelne Weglassungen mögen einem Unvoreingenommenen, der mit dem Werk nicht so sehr vertraut ist, vielleicht nicht unsinnig erscheinen, eingefleischten Wagnerianern, zu denen auch ich mich zähle, müssen die Striche aber sehr schmerzhaft anmuten. Von der musikalischen und dramatischen Warte aus ist dieses mir schon von vornherein fragwürdig erschienene Experiment gänzlich misslungen.

Nicht so indes die Inszenierung, die zu begeistern vermag. Valentina Carrasco, die die Regie von der ursprünglich vorgesehenen Katharina Wagner kurzfristig übernahm, hat damit einen Volltreffer gelandet. In das beim Ausstieg der Wagner-Urenkelin bereits fertige, von Frank P. Schlössmann und Carles Berga stammende Einheitsbühnenbild – eine heruntergekommene klassizistische Villa mit einer Stein- und Treppenlandschaft, in die nach Bedarf die verschiedenen Handlungsorte eingepasst werden – hat sie mit Bravour ihr Konzept integriert. Und angesichts der kurzen Zeit, die ihr zur Verfügung stand, ist es wohl nicht übertrieben, gleich der damaligen Presse vom „Ring-Wunder von Buenos-Aires“ zu sprechen. Ihre Konzeption ist gut durchdacht, in sich schlüssig, weist einiges Neues auf und wird mittels einer stringenten Personenregie einfühlsam umgesetzt. Das Rheingold ist in ihrer Deutung ein Baby und hat eine lebensspendende Funktion. Wenn sich der Ring am Ende der „Götterdämmerung“ in den Händen der Rheintöchter wieder in das kleine Wesen zurückverwandelt, ist das nur logisch. Konsequenterweise besteht auch der Hort aus Kindern in Unterwäsche mit Babys auf dem Arm. Wotan ist entsprechend dem Aufführungsort des Ganzen Argentinien Juan Perón nachempfunden. Er tritt in einer von Nidia Zusal entworfenen prachtvollen Uniform auf. Da ist es nur folgerichtig, dass Fricka Evita ist. Die Riesen sind moderne Bauunternehmer. Fafner sitzt im Rollstuhl. Jeder der beiden Brüder hat eine eigene Anhängerschaft um sich. Nachdem Fafner Fasolt ermodert hat, bringt seine Liga diejenige des toten Bruders um die Ecke. Im „Siegfried“ gibt es keinen Drachen. Siegfried trägt mit den Männern des auch hier wieder im Rollstuhl sitzenden Fafner einen kurzweiligen Faustkampf aus, an dessen Ende er den Riesen ersticht. Ein guter Regieeinfall ist, dass sich der seines eintönigen Lebens müde Fafner augenscheinlich fast gerne von Siegfried töten lässt. Der Waldvogel wird durch einige aus naturalistischem Gestrüpp herausragende Arme symbolisiert, während die Hort-Kinder hinter Gittern auf ihre Befreiung durch Siegfried warten, die ihnen aber nicht zuteil wird. Eine tolle Idee von psychologischer Tiefgründigkeit ist, dass sich Mime aus den blonden Haaren der toten Sieglinde eine Perücke angefertigt hat. Die Walküren sind Soldatinnen, die mit den sich am Boden wälzenden Helden, die schließlich ihre toten Kameraden forttragen, viel Mühe haben. Der Feuerzauber wird von weiß gekleideten Männern und Frauen gestaltet, die um die schlafende Brünnhilde zahlreiche brennende Kerzen platzieren. Etwas heiter geht es im dritten Aufzug der „Götterdämmerung“ zu, wenn sich Siegfried als Golfspieler versucht. Mit einem Golfschläger wird er schließlich von Hagen erschlagen, der gänzlich unter dem verderblichen Einfluss seines Vaters Alberich steht. So böse wie sonst scheint er hier gar nicht zu sein. Am Ende darf er überleben und geht in der Masse des Volkes auf. Während Brünnhildes Schlussgesang erscheint noch einmal Wotan. Familien finden zueinander. Kinder umarmen zu den Schlusstakten ihre Eltern – ein recht berührendes Ende.

Am Pult erweist sich Roberto Paternostro als ausgezeichneter Anwalt der vier Partituren. Das Teatro Colón Orchestra ist hörbar nicht das beste Wagner-Orchester, setzt aber die Intentionen des mit großer Intensität, Feuer, Elan und großer Transparenz dirigierenden Maestro trefflich um.

Auf unterschiedlichem Niveau bewegen sich die sängerischen Leistungen. Mit seinem ziemlich halsigen und klanglosen Bariton vermag Jukka Rasilainen als Wotan rein stimmlich nicht sonderlich zu überzeugen. Insgesamt solide bewältigt Linda Watson die Brünnhilde. Leider neigt sie dazu, in der Höhe manchmal vom Körper wegzugehen. In der „Götterdämmerung“ kommt ein zeitweiliges unschönes Hochschleifen im oberen Bereich liegender Töne dazu. Außerdem möchte man gerne an so mancher Stelle die richtige Tonhöhe hören. Eher dünner Natur ist der Siegfried von Leonid Zakhozhaev, dem ein wenig mehr solide Körperstütze seines Tenor nichts schaden könnte. Das gilt verstärkt auch für den überhaupt nicht gefälligen, mehr bellenden und deklamierenden Alberich von Andrew Shore. Da gefällt Kevin Connors Mime schon besser, aber auch ihm fehlt es am letzten Quantum Tiefgründigkeit. Daniel Sumegi ist ein vokal annehmbarer Hagen und Hunding, dem es indes noch etwas an dämonischer Ausdrucksstärke fehlt. Die Lyrismen des Fasolt stattet er mit viel Emotionalität aus. Robust legt Gary Jankowski den „Rheingold“-Fafner an, was auch für Fernando Radós „Siegfried“-Fafner gilt. Typmäßig sind sich beide Bassisten sehr ähnlich. Stig Andersen liegt der Siegmund gut. Gut focussiertes Sopranmaterial bringt Marion Ammann für die Sieglinde mit. Mit bester italienischer Technik singt Gérard Kim, den man von seinem Ludwigshafener Wotan noch in bester Erinnerung hat, den Gunther. Eine stimmkräftige, aber nicht gerade erotisch anmutende, ältliche Gutrune ist Sabine Hogrefe, die auch die Helmwige gibt. Mit bestens sitzendem Mezzosopran bewährt sich Simone Schröder in der Partie der Fricka. Ordentlich singt Stefan Heibach den Loge, und auch die Leistung von Silha Schindler als Woglinde, Waldvogel und Ortlinde ist gefällig. Leidlich sind Uta Christina Georg (Wellgunde), Bernadett Fodor (Floßhilde) und Sonja Mühleck-Witte (Freia, Gerhilde) anzuhören. In den kleinen Rollen von Waltraute, Siegrune und Roßweiße runden Susanna Geb, Adriana Mastrangelo und Manuela Bress das Ensemble ab. Gut bewährt sich der von Peter Burian einstudierte Chor.

Ludwig Steinbach | 7. 7. 2013

pizzicato.lu

Eigentlich wollte ich mir diesen ‘Colón Ring’ gar nicht ansehen. Es hätte mir viel Ärger erspart. Ich tat es dennoch, weil ein Rezensent ja auch eine Verantwortung gegenüber seinen Lesern hat und Hilfestellung leisten soll in einem immer breiteren Angebot an Tonträgern. Hier also mein Leidensbericht.

Das DVD-Set besteht aus einem Dokumentarfilm über die Produktion und den gekürzten Fassungen – oder soll ich gleich sagen: den amputierten Fassungen – der vier Teile des Wagnerschen ‘Rings’.

Wir hatten darüber berichtet: Katharina Wagner sollte diesen ‘Colón Ring’, so genannt, weil er am ‘Teatro Colón’ in Buenos Aires aufgeführt wurde, inszenieren. Doch die Wagner-Urenkelin kam, sah und … reiste sofort wieder ab. Die Arbeitsbedingungen waren für sie inakzeptabel. Das ‘Teatro Colón’ gab nicht auf und verpflichtete vier Wochen vor der Premiere die Regisseurin Valentina Carrasco und anstelle des ebenfalls desertierten Dirigenten Julien Salemkour den Ring-erfahrenen Roberto Paternostro. Dieses ganze Chaos wird in der beigelegten, etwas langatmigen Dokumentation ausführlich geschildert. In dem Film darf auch Cord Garben seine Amputationsarbeit erklären. Garben sagt mit einer beispiellosen Arroganz, Wagners Ring sei einfach zu lang, es gebe weite Teile mit textlichen wie musikalischen Wiederholungen, die man problemlos entfernen könne. Ach, muss Wagner doch ein blöder Trottel gewesen sein, um so viel Sinnloses komponiert zu haben.

Doch das Resultat zeigt, wer der Trottel ist: Herr Garben! Sein amputierter ‘Ring’ ist derart unstrukturiert und zusammenhanglos, dass man diese Arbeit als einen puren Verrat am Librettisten und Komponisten Wagner bezeichnen muss. Dass Bayreuth diese Fassung autorisiert hat, kann nur etwas bedeuten: heute stehen an der Spitze des Wagner-Imperiums Leute, die definitiv da nicht hingehören.

Garben eliminierte willkürlich einige Götter aus dem ‘Rheingold’, eine der acht Walküren, Alberich ist im Siegfried arbeitslos, und die Schlüsselfigur Erda (samt Nornen) fehlt völlig.

In das übrig gebliebene Konglomerat klebte die argentinische Regisseurin eine abstruse Vergangenheitsbewältigung argentinischer Geschichte. Aus dem Rheingold (also dem Goldschatz im Rhein) wurde ein neugeborenes Baby. Wie Alberich daraus einen Ring schmieden liess, ist ebenso rätselhaft wie vieles Andere in diesem ‘Ring’-Torso, in dem Wotan und Fricka als Juan and Eva Perón dargestellt werden und die sieben Walküren als Falkland-Soldaten. Was Wotan mit Perón verbinden soll, muss mir gelegentlich mal jemand erklären. Bis dahin, sehe ich diese Inszenierung als eine pure Verballhornung des Wagnerschen Dramas an.

Da es auf der musikalischen Seite nicht viel besser aussieht, ist das Urteil schnell gefällt: dieser ‘Colón Ring’ ist eine einzige Katastrophe, mit einem miserablen Orchester und einem Sängerensemble, in dem ich nicht einzige gute Stimme ausgemacht habe und das als Vibrato-Team ins Guinness-Buch der Rekorde eingetragen werden sollte. « Wer über sieben Fehler verlor, hat versungen und ganz vertan! », heißt es in den ‘Meistersingern’. Damit ist alles klar.

Remy Franck | 15/12/2013

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Media Type/Label
C Major
C Major
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Technical Specifications
1920×1080, 13.9 Mbit/s, 37,6 GByte, 5.0 ch (MPEG-4)
Remarks
Der Ring des Nibelungen in 7 hours, a shortened version by Cord Garben
A production by Valentina Carrasco