Götterdämmerung

Hartmut Haenchen
Koor van De Nederlandse Opera
Nederlands Philharmonisch Orkest
Date/Location
5 February 2014
Het Muziektheater Amsterdam
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedStig Andersen
BrünnhildeCatherine Foster
GuntherAlejandro Marco-Buhrmester
GutruneAstrid Weber
AlberichWerner van Mechelen
HagenKurt Rydl
WaltrauteMichaela Schuster
WoglindeMachteld Baumans
WellgundeBarbara Senator
FloßhildeBettina Ranch
1. NornNicole Piccolomini
2. NornBarbara Senator
3. NornAstrid Weber
Stage directorPierre Audi
Set designerGeorge Tsypin
TV directorMisjel Vermeiren
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Reviews
Online Opera Magazin

Zurück vom Ring!

Pierre Audi hat mehrfach erklärt, dass es sich bei den beiden zyklischen Aufführungen in 2014 um die letzten Wiederaufnahmen seiner großartigen Ring-Inszenierung handelt, schon aus praktischen Gründen der Lagerung; dem Vernehmen nach ist aber geplant, wenigstens die Walküre aufzuheben und in einigen Jahren noch einmal zu spielen (warum nicht auch Gotterdämmerung, ich bin der Meinung, dass auch der Dritte Tag gut allein gespielt werden kann). Schade ist das, dieser Ring ist wirklich im besten Sinne zeitlos und würde auch in Zukunft sicher nicht an Faszination verlieren. Noch einmal ließ man sich verzaubern von den faszinierenden Bühnenbilder von George Tsypin, der nur vier natürliche Materialien verwendet hat (Holz, Stein, Glas und Metall), das tolle Licht von Wolfgang Göbbel und Cor van den Brink (besonders schön der Sonnenaufgang vor dem Prologduett), die suggestive Regie des Hausherrn. Was will man herausheben, was wird länger in Erinnerung bleiben? Der Einfall, die Gibichungen als elegant gewandete Geschwister zu zeigen, die sich vielleicht ein bisschen zu sehr zugetan sind – die Macht hat ohnehin Hagen, er lässt sogar das Licht angehen in der Halle und ist Herr über die Mannen, die hineinkriechen (Choreografie: Amir Hosseinpour), keine Individualität zugestanden bekommen und wie Holzpuppen wirken, er fasst Gutrune so an, dass man das Schlimmste befürchtet. All das erzählt Audi sehr genau und stets präzis, insgesamt wohl etwas gegenständlicher als an den vorausgegangenen Abenden, aber nicht weniger überzeugend. Zu nennen wären auch der surreale Hochzeitstanz der Protagonisten in unwirklichem Licht am Ende des zweiten Aufzugs, der Einfall, Brünnhilde schon bei Siegfrieds “Brünnhilde! Heilige Braut!” als Witwe auftauchen zu lassen, sie bricht nach dem Tod des geliebten Mannes zusammen, legt sich schließlich an seine Seite und steckt sich seinen Ring an (das “Mein Erbe nun nehm ich zu eigen” steht dann natürlich etwas im Raume, aber das ist verzeihlich). Weniger überzeugend geriet Brünnhildes eigentliches Opfer: Vier Mannen legen ihr ein riesiges rotes Tuch um den Hals, das schließlich die ganze Bühne bedeckt und zum “Lodern” gebracht wird. Ganz zum Schluss sehen wir erneut das Rheingold, fast als Mahnung an die Zuschauer, nicht auch auf den Gedanken zu kommen, nach ihm zu trachten.

Und ich liebe die besonderen Perspektiven, die die adventure seats bieten, man sieht die Darsteller die Bühne betreten und verlassen, man ist so nah dran, dass man Details der herrlichen Kostüme von Eiko Ishioka und Robby Duiveman bewundern und den Schweiß fließen sehen kann, dass man die komplexe Interaktion zwischen Bühne und Dirigent mitverfolgen kann.

Für Stephen Goulds Siegfried gilt exakt das, was ich bereits nach dem Zweiten Tag festgehalten habe: Der Amerikaner “bringt vieles mit für die kräftezehrende Titelpartie, etwa eine volle, baritonal grundierte, belastbare, kaum je an Grenzen kommende Tenorstimme, die er gleichwohl an den geforderten Stellen sehr sensibel einzusetzen versteht, und ein glaubwürdiger, erfahrener Darsteller ist er auch.” Es war nicht zuletzt erstaunlich, auf welchem Niveau er die Lyrismen des letzten Aufzugs bewältigte – kein leichtes Erbe für Stig Andersen, der ihn in den zyklischen Aufführungen ablösen wird. Alejandro Marco-Buhrmester war ein geschmackvoll phrasierender, um Schöngesang erfolgreich bemühter Gunther, Werner Van Mechelen fand als Alberich erneut einen guten Ausgleich zwischen starker deklamatorischer und seriöser gesanglicher Leistung. Kurt Rydl war mit freiem Oberkörper, großer Präsenz, darstellerischem Totaleinsatz und spürbarer Erfahrung die längste Zeit noch immer ein imposanter Hagen, die Stimme an sich klingt doch in manchen Passagen strapaziert und brüchig.

Catherine Foster war in der Walküre “eine hervorragende, klug disponierende, stets um eine schlanke Tongebung bemühte Sängerin mit einem trotz vieler Einsätze im schweren Fach noch immer sehr jugendlich klingenden Sopran, der nach wie vor zu schönen Pianotönen fähig ist”, “aber erst in den letzten Minuten des dritten Aufzugs … empfahl (sie) sich für die dramatischen Passagen der letzten Brünnhilde”. Tatsächlich kam sie mit der Partie besser zurecht als erwartet, die Stimme klang sehr ausgeruht und warm drei Tage nach der Premiere und hatte enorme Reserven bis zum Schluss. Einige wenige der mächtigen, runden Spitzentöne gerieten minimal zu tief, und mitten im Schlussgesang hatte sie einen mehrere Sekunden dauernden Blackout an einer vergleichsweise harmlosen Stelle (“dem Fluche, dem du verfielest”), aber ansonsten ist ihr Ruhm als eine der führenden Wagnerinterpretinnen vollkommen gerechtfertigt, auch wenn ich dabei bleibe, dass die Britin “keine wirklich faszinierende Darstellerin” ist und nach wie vor mehr aus dem Text machen könnte.

Eine gewisse nicht unangenehme Schärfe garantiert Astrid Webers schlankem, leuchtenden jugendlich-dramatischen Sopran einige Durchschlagskraft als Gutrune (und Dritte Norn), einige Töne fand ich etwas zu exaltiert, die Textverständlichkeit für eine Muttersprachlerin zu schwach. Die bewegendste, stärkste Leistung steuerte Michaela Schuster als vogelhaft agierende, den Text ungeheuer präzis ausdeutende und äußerst expressiv singende Waltraute. Nicole Piccolomini war mit kraftvollem Alt die interessanteste der Nornen, was nicht heißt, dass Barbara Senator als deren zweite keinen guten Job gemacht hat (auch nicht im Verbund mit Machteld Baumans und Bettina Ranch als Rheintochter, das hört man nicht immer so homogen gesungen, und hervorragend bewegen konnten die Damen sich auch). Gleiches gilt für den darstellerisch wie vokal nicht unerheblich geforderten Koor van De Nederlandse Opera in der Einstudierung von Eberhard Friedrich.

Hartmut Haenchen und das Nederlands Philharmonisch Orkest bewältigten problemlos und souverän nicht nur die immensen Schwierigkeiten besonders im zweiten Aufzug (über die der Deutsche in seiner Werkeinführung spricht, die ich hier noch einmal allen Geneigten sehr ans Herz lege), sondern glänzten auch beispielsweise mit einer ausgelassen und doch präzis musizierten Rheinfahrt und einem wirklich intensiv gestalteten, bewegten Trauermarsch der Extraklasse oder dem mitreißenden Finale.

FAZIT

Bitte, liebe Verantwortliche der Amsterdamer Oper, suchen Sie weiter nach Sponsoren, die die Lagerung dieser herausragenden Produktion finanzieren, und wagen Sie eine weitere Wiederaufnahme in ein paar Jahren. In diesem Sinne: “Zurück vom Ring!”

Thomas Tillmann | 17. November 2013

Rating
(5/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Premiere
Technical Specifications
1920×1080, 1.5 Mbit/s, 2.9 GByte (MPEG-4)
Remarks
Telecast (NTR)
This recording is part of a complete Ring cycle.