Lohengrin

Cristian Mandeal
Chorus and Orchestra of the National Opera Bucharest
Date/Location
3 December 2011
Romanian National Opera Bucharest
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Heinrich der VoglerHoria Sandu
LohengrinMarius Vlad Budoiu
Elsa von BrabantIulia Isaev
Friedrich von TelramudValentin Vasiliu
OrtrudMadeleine Pascu
Der Heerrufer des KönigsVasile Chisiu
Vier brabantische Edle?
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Stage directorȘtefan Neagrău
Set designerAdriana Urmuzescu
TV director
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Reviews
Der Neue Merker

Der rumänische „Lohengrin“ – eine Erfolgslandung!

„Nach Deutschland sollen noch in fernsten Tagen des Ostens Horden siegreich nimmer zieh’n!?“ – So ließ Richard Wagner seinen Schwanenritter – in der meist gestrichenen Textstelle – am Ende des 3. Akts dem König Heinrich (10. Jh. n. Chr.!) weissagen. Die Zeiten jener „Horden“ sind Gott sei Dank vorbei. Ungarn und Rumänien gehören zur EU. Der kulturelle Austausch fluktuiert. Was die Sänger betrifft, in erster Linie westwärts – in unglaublicher Anzahl und Qualität. Gäste aus dem Westen hingegen sind in Bukarest wohl nicht nur aus finanziellen Gründen rar. Sowohl bei den Aufführungen, die wir im Frühjahr 2011 („Manon Lescaut“, „Hänsel und Gretel“) dort besuchten (s. „Merker“ 4/11) als auch jetzt bei Wagner und Puccini war zu konstatieren, dass man in Rumäniens Hauptstadt alle Rollen aus den eigenen Reihen gut bis hervorragend besetzen kann. Diesmal machte uns der Tenor Daniel Magdal, der seit rund 12 Jahren in Deutschland lebt, den wir aber auch aus Innsbruck und Klagenfurt im italienischen (Cavaradossi, Dick Johnson, Manrico, Radames) und französischen Fach (Aeneas in den „Trojanern“) kennen, auf die „traumhaft schöne Produktion“ von „Lohengrin“ aufmerksam, die an der rumänischen Nationaloper im September 2011 (im Rahmen des George Enescu-Festivals, mit Johan Botha in der Titelrolle) Premiere hatte und in der er jetzt erstmals die Titelrolle singen durfte. Das war für uns Regietheater-geschädigte „Wessies“ ein unwiderstehliches Angebot. Gute Sänger, Dirigenten und Orchester gibt es bekanntlich auch anderswo – gescheite, schöne und lebendige Inszenierungen sehr selten. Wir haben eine erlebt! Und dazu in Verbindung mit hoher musikalischer Qualität.

Das Regie-Team bestand nicht aus reisenden Stars, sondern aus einheimischen Künstlern, die das Haus samt seiner Technik sehr gut kennen und daher wissen, was machbar ist. An der Spitze der Operndirektor persönlich, im Programmheft angeführt als „künstlerischer Koordinator“ und „lighting designer“: Cătălin Ionescu Arbore. Als Regisseur wird überdies genannt: Stefan Neagrău, als „Szenografin“ Adriana Urmuzescu, „szenische Bewegung“: Ileana Niculescu. Das gemeinsame Unterfangen zeichnete sich durch Originalität und sichtliche Begeisterung für die Sache aus.

Mit der deutschen Geschichte hatten weder die Inszenatoren noch das Publikum ein Problem – aus voller Brust sang der Chor „Für deutsches Land das deutsche Schwert!“ und ließ dabei die Waffen klirren. So wie weltweit in „Aida“ der ägyptische Sieg über die Äthiopier gefeiert wird oder Otellos Sieg über die Sarazenen. Ein historisches Sujet bleibt ein historisches Sujet.

Dafür ließen sich die Ausstatter originelle und doch zeitgerechte Kostüme und Requisiten einfallen. Goldene Schärpen für die weiß gewandeten Frauen (mit einer nackten linken Schulter!), goldene Helme von originellem Design, ebensolche Kronen, Brustpanzer, Schuhe, Schwerter und lange Spieße, mit denen heftig und sinnvoll agiert wird. Da entstehen eindrucksvolle Bilder, wenn diese Waffen kreuz und quer gestellt, durcheinander bewegt oder in Parallelformationen hereingetragen werden. Schützend formieren sich Frauen und Männer um die Protagonisten, wo diese schutzbedürftig sind. Mit einem riesigen Schleiertuch wird Elsa für den Brautzug bedeckt – dreimal reißt Ortrud ihr dieses von Kopf und Leib. Während Radbods letzter Spross und der friedreiche Graf von Telramund zu Beginn des 2. Akts im Vordergrund in dumpfem Brüten verharren, laufen und tanzen im Hintergrund junge Mädchen und Burschen in freudvoller Erwartung des Hochzeitsfestes über die Bühne. Ebenso werden während des Vorspiels zum 3. Akt Rosenblätter auf der Bühne verstreut, wieder aufgelesen und durcheinander gewirbelt. Locker und beschwingt ist auch der vom König und großem Gefolge begleitete Gang von Lohengrin und Elsa ins Brautgemach, das nur durch eine kleine Spiegelwand, in der das Brautpaar sich selbst – Selbstbespiegelung mit entsprechenden Folgen! – erblickt, vom Hintergrund abgegrenzt wird. Das Schönste an dieser Inszenierung ist aber der Zauber, der – im wörtlichsten Sinn – zu seinem Recht kommt. Mittels fantasievoller Beleuchtung wird er zur Bühnenrealität. Während des Vorspiels zum 1. Akt sieht man auf einer Projektionswand im Hintergrund merkwürdige Schattenspiele – keine konkreten Objekte, sondern etwas Bewegtes, was in Elsas Fantasie Gestalt anzunehmen begonnen hat. Im Halbdunkel gewahrt man Elsa und ihren halbwüchsigen Bruder in weißen Gewändern…, eine schwarze Gestalt, nur als Silhouette wahrnehmbar, schiebt sich zwischen die Geschwister…, als Ortrud identifizierbar, als sie mit den großen, weit ausholenden Gesten der gelernten Zauberin den Knaben in Nebelgebilden verschwinden lässt. Wenn Elsa von Brabant dann im 1. Akt auftritt, sehen wir wieder den unruhigen Hintergrund. Aus stark bewegten Nebelschwaden taucht schließlich der Schwanenritter auf – ganz in Weiß und Silber mit dem Schwert in Händen, ohne leibhaftigen Schwan.

Das Lichtspiel hat den ganzen Abend hindurch die Hauptrolle. Es wechseln Farben und Leuchtkraft mit piano- oder forte-Stellen der Musik, gleichen sich den orchestralen Farben an. Momente purer Magie – schwarzer wie weißer – bestimmen die Optik dieses „Lohengrin“! Kalt läuft es einem über den Rücken, wenn am Ende des 2. Akts das Brautpaar in Weiß mit Gefolge sich dem – nicht existenten – Kirchentor, das durch ein hell beleuchtetes großen silbernes Kreuz ersetzt wird, zuwendet, während im Vordergrund zwei überdimensional wirkende schwarze Gestalten, wieder nur silhouttenartig sichtbar, das offenbar nicht aufzuhaltende Unheil verkörpern. Dafür darf im Finale der Oper der junge Gottfried ganz normal und leibhaftig in Silberweiß auftreten, Elsa darf den wieder gefundenen Bruder umarmen, ehe der Gralsritter im Nebel verschwindet und sowohl Elsa als auch die ebenfalls durch eigene Schuld ihres Gatten beraubte Ortrud knieend einander gegenüber verharren. Aber selbst das musikalisch recht traurige Finale trieft nicht vor Tristesse, sondern kommt zu lockerem Abschluss, der ein wenig Hoffnung gewährt… Kurzum: die Produktion war so wenig „teutsch“ wie nur möglich, machte auf ganz lockere Art die Allgemeingültigkeit dieser märchenhaft-mythisch-realistisch-historischen Story begreifbar und ließ der Musik ungehindert jeden Freiraum.

Von erstaunlicher Aussagekraft war auch die musikalische Wiedergabe. Cristian Mandeal (geb. 1946, hat noch bei Karajan in Berlin und Celibidache in München studiert; Festengagements in Haifa, San Sebastian, Bozen & Trient, Manchester, Belgrad, Kopenhagen und natürlich in Rumänien, u.a. dem Enescu Festival) gilt in Sängerkreisen als zurzeit bester rumänischer Dirigent. Das halte ich durchaus für möglich. Mit wahrer Passion zauberte er einen lebendigen Wagner-Klang aus dem Orchester. Was szenisch während des Vorspiels zu sehen war, wurde förmlich durch die „sprechende“ Musik hervorgezaubert. Nie gestattete Mandeal hohles Pathos. Höhepunkte wurden organisch aufgebaut. Den Sängern legte er jede Phrase geradezu in den Mund und reagierte auf winzigste Temporückungen seitens der Solisten, sodass diese sich lustvoll ihren sängerdarstellerischen Aufgaben hingeben konnten. Auch die Damen und Herren des Chores, einstudiert vom „maestru de cor“ Stelian Olaru, sangen, obzwar mit der deutschen Sprache noch etwas auf Kriegsfuß, mit großem, klarem Ton und imponierender Schlagkraft ihre humanen oder kriegerischen Botschaften mit hörbarer Freude. Besonders prachtvoll schmetterten die 4 Trompeter von der rechten Seitenloge ihre Soloauftritte. Aber auch Streicher, Holz und Schlagzeug boten tadellosen, stets transparenten Wagner-Sound, immer in engem Kontakt zum Bühnengeschehen.

Dass Daniel Magdal mit dem Lohengrin keine Probleme haben würde, war vorauszusehen. Nicht nur, weil er Deutsch nahezu perfekt und akzentfrei beherrscht, sondern weil er sich in natürlicher Entwicklung von lyrischen Tenorpartien langsam ins Spintofach bis zum Samson und Otello durchgesungen hat und jetzt im besten Alter für Wagnerrollen angelangt ist, die man ihm aber aufgrund unseres Schubladendenkens in deutschen Landen kaum anbietet (ein Florestan und ein konzertanter Siegmund waren seine bisher einzigen Ausflüge ins deutsche Fach). Als sehr musikalischer Sänger brachte er Wagners Gralsbotschaften klangschön und mit großer Präzision über die Rampe, wobei natürlich seine topsichere Höhe, auf die man Häuser bauen kann, der Strahlkraft des Gralsritters besonders dienlich war. Wenn dem sonst so temperamentvollen Sänger (nach eigener Aussage) etwas Mühe machte, dann das würdevolle Stillstehen, das in den ersten zwei Akten kaum vermeidbar ist. Bei wiederholten Auftritten wird sich die Aktion zwischen ihm und seiner „süßen, reinen Braut“ sicherlich noch lockern. Auch für Dorina Chesei war es ein Rollendebut, und zwar ein ganz außerordentliches. Wenigen Interpretinnen dieser Rolle glaubt man auf Anhieb die „Traumseligkeit“ in diesem Ausmaß – im wörtlichsten Sinn: die Traumfähigkeit schien diese junge Frau selig und stark zu machen. Allein schon in ihrem Gesicht spielte sich das Drama in seiner ganzen Emotionalität ab, und stimmlich konnte sie nach kleinen Härten in der Einsingphase mit sicher bewältigten Schwebephrasen Elsas Seelenzustand und mit aufblühenden Höhen ihre seelischen Aufschwünge glaubhaft machen. Bravissima! Kleine Ausspracheverbesserungen sind sicher noch machbar. Das prinzipielle Gefühl fürs dieses Idiom ist vorhanden.

Obwohl die übrigen Solisten die Originalsprache nicht ganz mühelos zum Einsatz brachten, verstanden sie merklich, was sie sangen. Die Sängerin der Ortrud, Madeleine Pascu, konnte mit ihrem in der Tiefe eher hauchigen und zu wenig substanzreichen Mezzo dank effektvoller Höhen und fulminanter Rollengestaltung als teuflische Zauberin reussieren. Ein richtiger Haudegen mit dunklem, durchschlagskräftigem Heldenbariton stand ihr bzw. agierte Valentin Vasillu zur Seite. Die gemeinsamen Szenen hatten viel Feuer. Am meisten plagten sich König und Heerrufer mit ihren Parts. Marius Bolog verfügt über einen nicht sehr ebenmäßigen Bass und hätte auch als König mehr Standfestigkeit vertragen. Vasile Chisiu brauchte einige Zeit, bis sein Bariton sich ausreichend festigte, um seine königlichen Aufträge allgemein hörbar zu machen.

Das bringt mich zu dem einzigen bedauerlichen Aspekt dieses Abends: Das Haus war nur halbvoll, die Reaktionen des Publikums seltsam zurückhaltend – erst am Schluss gab es Bravorufe für alle Mitwirkenden. Richard Wagner scheint in diesem Lande für viele potentielle Operninteressenten immer noch ein Fremdkörper zu sein. Was sich so relativ schlecht verkauft, wird die Theaterleitung kaum zu häufigen Reprisen animieren, in denen noch vorhandene Unsicherheiten abgebaut werden könnten.

Wie aus Künstlerkreisen zu vernehmen ist, hat Direktor Ionescu Arbore das Niveau des Hauses schon mächtig in die Höhe gebracht. In Anbetracht des reichlich vorhandenen Künstlerpotentials wäre sehr zu wünschen, dass ihm da in den kommenden Jahren noch einiges gelingt!

Sieglinde Pfabigan | 20.1.2012

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1920×1080, 2.2 Mbit/s, 3.1 GByte (MPEG-4)
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