Das Rheingold

Cornelius Meister
Staatsorchester Stuttgart
Date/Location
19 December 2021
Staatsoper Stuttgart
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanGoran Jurić
DonnerPaweł Konik
FrohMoritz Kallenberg
LogeMatthias Klink
FasoltDavid Steffens
FafnerAdam Palka
AlberichLeigh Melrose
MimeElmar Gilbertsson
FrickaRachael Wilson
FreiaEsther Dierkes
ErdaStine Marie Fischer
WoglindeTamara Banješević
WellgundeIda Ränzlöv
FloßhildeAytaj Shikhalizade
Stage directorStephan Kimmig (2021)
Set designerKatja Haß
TV directorTon- und Videoabteilung Staatsoper Stuttgart
Gallery
Reviews
nmz.de

Zur Kenntlichkeit entstellt – Ein neues Stuttgarter Ringprojekt hat mit dem „Rheingold“ begonnen

Auch diesmal soll es ein Ring von verschiedenen Regie-Kollektiven werden. In Stuttgart haben sie das unter Klaus Zeheleins künstlerischer Obhut quasi erfunden. Was Joachim Schlömer, Christoph Nel, das Gespann Jossi Wieler/Sergio Morabito und Peter Konwitschny nebeneinander gestellt haben, profilierte vor über zwanzig Jahren die Teile des Ganzen. Ob ein solches Vorgehen mehr Vor- oder Nachteile hat, kommt auf das Ergebnis an.

Dass ein Ring aus einem Guss nicht per se überlegen ist, demonstrierte gerade Stefan Herheim an der Deutschen Oper Berlin. Der ist bei seinem Langstreckenmarsch durchs metaphorisch einheitliche Koffergebirge etwas vom Weg abgekommen.

Anders Frank Castorf. Der hatte in Bayreuth vier mal ganz unterschiedlich angesetzt, aber in einem höheren, dialektischen Sinne ein Ganzes geschaffen. Schließlich bleiben die klassischen Nachahmer der Stuttgarter Methode. In Karlsruhe und in Chemnitz stach dabei zwar (zufällig beide Male) jeweils die „Götterdämmerung“ heraus, was aber an den Inszenierungsteams um Tobias Kratzer und Elisabeth Stöppler lag. Doch die Methode bewährte sich insgesamt in ihrer Deutungsoffenheit.

Der erneute Stuttgarter Versuch ist zunächst vor allem ergebnisoffen. Einmal, weil weder in Stein gemeißelt ist, wie es mit der renovierungsbedürftigen Stuttgarter Oper ganz konkret und zum anderen, wie es mit der Oper als Institution ganz allgemein weitergehen wird. Man kann nur hoffen, dass der Pessimismus, den Stephan Kimmig in seiner Rheingold-Inszenierung zelebriert, eher zur Aufmunterung führt, als zur Resignation. Bislang hat sich die reale Politik jeder Partei-Couleur als unfähig erwiesen, die Branche als das zu behandeln, was sie ist: nämlich ein Musterknabe der Pandemiebekämpfung. Impfverweigerer mal nicht mitgerechnet bzw. auf eigene Rechnung freigestellt, mit Zuschauern im 2G-Status (wenn es denn sein soll auch noch mit Test und Maske obendrauf) – es ist nicht nachvollziehbar, wieso schon wieder der Lockdown für die Kultur im Gespräch ist bzw. in Sachsen und Bayern schon praktiziert wird.

In Stuttgart war jetzt das drohende kulturelle Desaster erst einmal nur zur Inspiration für Katja Haß’ Bühne und die Kostüme von Anja Rabes gut. Es liegt nahe, dass die Gestänge, die die Bühne locker füllen, und auf ein Zirkuszelt verweisen, dem die Hülle abhanden gekommen ist (vielleicht hat es dafür auch nicht mehr gereicht), auf Walhall deuten. Viel Staat könnte Wotan damit nicht machen. Seine Götterverwandschaft glaubt ihm offensichtlich sowieso nichts mehr. Seine torkelnde Frau Fricka (Rachael Wilson) hängt offensichtlich an der Flasche. Freia baut wahrscheinlich statt der Jugend-Äpfel gleich richtige Drogen an und verkostet sie täglich. Esther Dierkes verblüfft damit, wie wahrnehmbar eine Freia plötzlich wird, wenn sie völlig neben der Spur ist! Donner (Paweł Konik) und Froh (Moritz Kallenberg) konzentrieren sich auf ihre (Tret)Autos, das Rudern oder den Fitnessclub, also auf ihre Körper, geben damit an, sind aber auch stimmlich in Topform! Erda (Stine Marie Fischer) ist im Selbstgestrickten und mit grünem Fahrrad auf Fridays for No-Future – Trip. Als Rheintöchter hängen Tamara Banješević (Woglinde), Ida Ränzlöv (Wellgunde) und Aytaj Shikhalizade (Floßhilde) in ihrer Internatskluft vor ihren Handys ab. Eigentlich klar, dass denen selbst ein Penner wie Alberich das Gold unter den Nasen wegkarrt. Immerhin machen sie eine Art Praktikum und protokollieren, was sie in dieser abgetakelten Zirkusarena von den diversen Mauscheleien um unbezahlte Rechnungen und den kleinen Diebstahl zwischendurch so mitbekommen. Die Hosen hat der im glitzernden Auftrittsfrack rumlaufende Wotan (Goran Jurić) schon längst nicht mehr. Oft auch ganz wortwörtlich.

Am Ende tragen die Rheintöchter ein Spruchband herein, auf dem steht „Lasst alle Feigheit fahren!“ Die Ähnlichkeit zu Dantes berühmter Inferno-Begrüßungsformel gehört freilich zur Nachdenk-Wegzehrung, die jeder Zuschauer mit nach Hause nehmen kann. In diesem Päckchen befinden sich auch noch ein paar andere eingefügte oder weggelassene Rheingoldzutaten. Ein vor der Vorstellung eingeblendetes ziemlich revoluzzerhaftes Wagnerzitat von 1848 zum Beispiel, das dann nicht wieder auftaucht. Zwei fleißige Akrobatinnen im Hintergrund oder die roten Halstücher der Nibelungenkinder. Dafür gibt es nur einen imaginären Gutschein für Wotans weggelassenen Speer und die ebenso fehlende Augenklappe. Oder auch für den Riesenwurm und die Kröte in Nibelheim, die Alberich – allerdings sehr gut – nur in seiner originalen Körpergröße vorspielt. Auch den Einzug der Götter in ihre Burg gibt es nur von Cornelius Meister und dem Stuttgarter Orchester, samt der vier in die Seitenlogen ausgelagerten Harfen. Die Burg sieht ohnehin nur Wotan (vielleicht sogar schon samt der sie wieder vernichtenden Flammen). Die anderen nehmen sich eher unwillig, die ausgeteilten wetterfesten gelben Jacken. Nur Donner, dem Kimmig ein selbstbewusst rebellisches Eigenleben zubilligt, zieht sie trotzig wieder aus. Auch Loge macht dieses Getue nicht mit. Der sieht aus wie ein tv-kompatibler Modephilosoph von heute und weiß eh was kommt. Wie der sich ein Vergnügen daraus macht, die Götter vorzuführen, ist eine Klasse für sich. Vor allem, weil Matthias Klink das nicht nur spielt, sondern auch stimmlich lustvoll auskostet. Für ihn gibt es einen magischen Moment: für Sekunden hält er nämlich den Ring, den er Albreich gerade abgenommen hat, um ihn Wotan zu überreichen, selbst in den Händen. Man sieht förmlich wie ihn die Versuchung durchzuckt, den Lauf der Geschichte zu ändern und das gute Stück selbst zu behalten. Macht er aber nicht. Er begnügt sich zusammen mit Leigh Melroses atemberaubend spielenden, auch auf dem Kopf stehend noch grandios singenden Alberich mit dem Lorbeer der zu recht am entschiedensten bejubelten Glanzleistungen in einem durchweg überzeugenden Ensemble.

Nach diesem Auftakt könnte Kimmig gar keine Götterdämmerung mehr hinkriegen. Cornelius Meister hat da keine Wahl. Er wird wollen müssen. Und es können. Sein „Rheingold“ war großformatig und – oft im Gegensatz zur Szene – aus einem Guss, aber auch – da wieder in Übereinstimmung mit ihr – mit Raum für einige verblüffend überzeugende Rollenprofile. Alberich, Loge, Freia und Donner haben davon profitiert, Wotan, Mime und die Riesen eher nicht. Die Welt ist halt ungerecht. Im großen Zirkus und im nachgebauten. Das Publikum bemühte sich da um Ausgleich. Dem Regieteam gab es allerdings eine hübsche Ladung Buhs mit auf seinen Heimweg. So stimmt die Bilanz dann wieder.

Joachim Lange | 22.11.2021

concerti.de

Manege frei fürs Welttheater

Vor allem in seiner Personen(ver-)führung ins Destruktive läuft Stephan Kimmig zur Hochform auf, überlässt nach diesem Vorabend zum neuen Nibelungenring jedoch diversen Regiekollegen das Feld. Cornelius Meister hält am Pult zusammen, was bei dem gewagten szenischen Zugriff auch mal auseinanderzudriften droht.

Noch ist es nicht irgendeine – auch ziemlich teure – Ausweichspielstätte der Staatsoper Stuttgart, die hier die Zirkus-Aura eines Provisoriums verbreitet. Das kommt erst auf die Stuttgarter zu. „Oper Stuttgart 20irgendwann“ oder so ähnlich.

Mittlerweile ist man da auf alles gefasst. Aber das hat noch Zeit. Jetzt ist es erstmal nur das Bühnenbild, das sich Katja Hass für den neuerlichen „Ring“-Auftakt ausgedacht hat. Dieser „Ring“ soll noch kollektiver werden als sein legendärer Vorgänger vor über zwanzig Jahren, bei dem einst Joachim Schlömer, Christoph Nel, Jossi Wieler und Peter Konwitschny vier verschiedene Deutungsanläufe zum Prinzip erhoben hatten. Mit vielen Nachfolgern auch andernorts. In Karlsruhe etwa oder zuletzt in Chemnitz, wo zeitgeistkonform sogar vier Regisseurinnen das Deutungskommando hatten.

Diesmal liefert Stephan Kimmigs „Rheingold“ den Auftakt. Im April 2022 soll eine „Walküre“ folgen, bei der das Theaterkollektiv Hotel Modern, der Lichtdesigner Urs Schönebaum und die bildende Künstlerin Ulla von Brandenburg jeweils einen Akt inszenieren sollen. Im Jahr darauf wird dann Jossi Wielers und Sergio Morabitos „Siegfried“ wieder aufgenommen, und im Frühjahr 2023 soll Marco Štorman den Zyklus mit der „Götterdämmerung“ vollenden.

Im Anfang zum Ende
Jetzt hieß es erstmal „Manege frei“ für den Vorabend zur neuen schwäbischen Variante des anspruchsvollsten Projektes der Operngeschichte überhaupt. Ob es das große Welttheater werden würde, wenn Regisseur Stephan Kimmig nach dem Vorabend auch noch die drei eigentlichen Teile von Wagners Bühnenfestspiel interpretieren würde, ist die Frage. Er nutzt die Chance, die er nicht hat, und inszeniert gleich mit dem Anfang das Ende. Das Schlussbild friert nämlich mit einer großen Ratlosigkeit ein, die jedem auf eine andere Art ins Gesicht geschrieben ist. Hier gibt es nicht mal den Schein der vergehenden Götter- und Weltordnung in Gestalt von Wahlhall.

Wagner, der junge Revoluzzer
Bevor es losging, war im Hintergrund die leicht verhuschte Projektion eines Wagnertextes aus seiner revolutionären Phase um 1848 zu lesen. „Zerstören will ich die bestehende Ordnung der Dinge, welche die einige Menschheit in feindliche Völker, in Mächtige und Schwache, in Berechtigte und Rechtlose, in Reiche und Arme teilt, denn sie macht aus Allen nur Unglückliche.“ Gut gebrüllt für einen späteren Busenfreund des Königs. Das Zitat wirkt wie ein Probelauf, taucht dann aber nicht noch einmal auf. Die Zerstörung, die man zu sehen bekommt, liegt hier in jedem der Akteure. Jeder ist hier auf seine Weise aus der Bahn von Zukunftsgewissheit geworfen. Folgt seinem eigenen Stern. Oder torkelt ihm hinterher. Zwischen einem luftigen Irrgarten aus wackligem Gestänge. Mit einem Gerüst für die Kuppel, in dem noch ein paar Lampen funktionieren.

Die Rheintöchter (Tamara Banješević als Woglinde, Ida Ränzlöv als Wellgunde und Aytaj Shikhalizade als Floßhilde) langweilen sich wie Schulschwänzerinnen mit ihren Handys vor der Nase. Auch das Gold, das sie bewachen, steht hier schon für den Luxuskonsum – und interessiert sie nicht wirklich. Erst als sie den angeseilten Penner Alberich kirre machen können, erwachen sie aus ihrer Lethargie. Immerhin nehmen sie dann einen Job als Beobachterinnen wahr. Rätselhaft bleiben die warngelben Wetterjacken, die sich am Ende alle (außer Donner, der vielleicht berufsbedingt den besten Überblick übers Klima hat) überziehen, um sich wenigstens etwas vor Wasser, Sturm und Kälte zu schützen? Gegen den großen Untergang, von dem Erda (Stine Marie Fischer vor sich selbst erschreckend) orakelt, wird diese Kleiderordnung nicht helfen.

Zirkusdirektor Wotan
David Steffens und Adam Palka kommen als seltsam angebräunte Riesen Fasolt und Fafner auf Plateauschuhen passend mit Gabelstaplern. Erda fährt im Selbstgestrickten wie eine Grüne im Wahlkampf mit dem Fahrrad vor. Zirkusdirektor Wotan hat zwar noch seinen glitzernden Direktorenfrack an, aber längst nicht mehr (auch wörtlich) die Hosen. Bei den Kostümen konnte sich Anja Rabes auch sonst regelrecht austoben.

Auf Droge
Paweł Konik und Moritz Kallenberg kommen als Donner und Froh mit Tretautos angesaust und kümmern sich im Ruderklub (mit Erfolg) um ihre körperliche Fitness. Freia (auch komödiantisch virtuos: Esther Dierkes) scheint neben ihren Äpfeln noch was anderes anzubauen, wirkt jedenfalls so, als wäre sie unter Droge. Bei Fricka (Rachael Wilson) ist es bisher wohl „nur“ der Alkohol, der für sie den ganzen Zirkus erträglich macht. Hier hat nur der Loge im Philosophenoutfit so was wie einen Plan. Zerstörung ist sein eigentliches Element – und er hat Spaß daran und vorsorglich einen Flammenwerfer dabei.

Szenische Illusionen braucht es gar nicht.
Mit üblichen szenischen Beigaben wie einem überzeugenden Bild für die Ausbeutung in Nibelheim, die Verwandlung von Alberich in Riesenwurm und Kröte oder eben die Vision eines Einzugs der Götter in Walhall hält sich die Regie nicht weiter auf. Mime (Elmar Gilbertsson) ist ein ausrangierter Clown. Die Nibelungen sind Kinder mit rotem Halstuch, die am Tisch eifrig (was auch immer) vor sich hin hämmern. Für den durchweg mit seinem komödiantischen Furor brillierenden Alberich ist es ein leichtes, einfach so zu tun, als wäre er Wurm oder Kröte. Und man glaubt es ihm beinahe sogar. Schwindelfrei ist er auch, denn Wotan und Loge machen sich einen Jux daraus, die Drehscheibe, auf der sie ihn gefesselt haben, kräftig rotieren zu lassen.

Zur Kenntlichkeit entstellt
Vor allem in seiner Personen(ver-)führung ins Destruktive läuft Kimmig zur Hochform auf. Hier sind alle mehr oder weniger zur Kenntlichkeit entstellt. Das Faszinierende daran ist, dass sie das auch singen. So zynisch erhellend wie Matthias Klink seinen Loge gestaltet, so triebgesteuert wie Leigh Melrose Alberichs verzweifelte Gier oder gierige Verzweiflung auch ins vokale Extrem treibt, hat man das kaum erlebt. Gegen die beiden hat der solide Goran Jurić als Wotan wenig Chancen. Die Götterburg im Abendlicht, von der er am Ende singt, ist wohl nur seine Vision. Nicht mal seine Familie kann er damit beeindrucken. Einhelliger Jubel für die Protagonisten
Anders als für das Regie-Team ist dieses „Rheingold“ für Cornelius Meister tatsächlich der Vorabend für ein Großunternehmen der besonderen Art, bei dem ihm die Aufgabe zufällt, so etwas wie ein Ganzes zu formen. Der Auftakt gerät ihm großformatig und mit Gespür für einige gewagte vokale Kunststücke und einen musikalischen Sound, der zusammenhält, was bei einem gewagten szenischen Zugriff auch mal auseinanderzudriften droht. Der Jubel für die Protagonisten war einhellig. Die Buhs für seinen Teil als szenischem Zirkusdirektor feuerte Kimmig sogar noch an. Auf dieses Leitmotiv einer Wagnerinszenierung wollte er dann doch nicht verzichten.

Roberto Becker | 22. November 2021

onlinemerker.com

Der Schatz leuchtet nur musikalisch

Gut zwanzig Jahre nach dem letzten Ring-Zyklus wird an der Stuttgarter Oper nun ein neuer geschmiedet. Erneut wird auf verschiedene Regisseure für die einzelnen Teile gesetzt, was damals ein Novum war, heute aber nicht mehr sonderlich originell ist. Im Hinblick auf den jetzt zur Premiere gekommenen Vorabend erweist sich diese Vorgangsweise indes als Vorteil, weckt die Inszenierung von Stephan Kimmig doch nicht gerade die Lust, aus seiner Hand auch die weiteren Teile vorgeführt zu bekommen.

An grundsätzlichen Ideen zu dem mehr denn je hochaktuellen Kreislauf von Natur und ihrer Bemächtigung durch den Menschen mangelt es dem im Schauspielmetier tätigen Stuttgarter Regisseur nicht. Aber wie leider so oft kapituliert eine szenische Umsetzung an der Größe der Musik, hier auch am Gesamtkunstwerk Richard Wagners. Kimmig verweist auf die Tatsache, dass der Komponist und Textdichter in Personalunion die Grundlage der nordischen Sagen und die von ihm unterstützte Revolution seiner Zeit für eine Neuschaffung der Verhältnisse in seinem Riesenwerk verschweißt und so der Beginn der Tetralogie nicht zwingend die Ur-Erstehung der Erde sein muss, sondern auch der Wiederaufbau zugrunde gerichteter Existenzen sein kann. Und so hat sich Kimmig mit seinem Team (Bühne: Katja Haß, Kostüme: Anja Rabes, Video: Rebecca Riedel und Licht: Gerrit Jurda) für einen ausgebrannten und darnieder liegenden Zirkus mit einigen übrig gebliebenen Versatzteilen als Einheits-Schauplatz entschieden. Alberich streift als arbeitslos gewordener Clown durch die Welt und wird von den drei Rheintöchtern, die hier Studentinnen aus betuchten Familien sind, für ein Experiment zur Erkundung ihrer eigenen Sexualität benutzt. Am Ende reiten sie auf der „Friday for Future“-Welle, indem sie ein Tuch mit der Aufschrift „Lasst alle Feigkeit fahren“ enthüllen.

Wotan sucht als Ex-Zirkusdirektor nach neuer Macht. Die weiteren Götter sind wohl ehemalige Artisten, zwei zusätzliche von ihnen turnen während der zweiten Szene immer wieder an zusammengerafften Vorhängen auf und nieder. Einen Kontrast bilden die beiden Riesen in ihren braunen Overalls und schwarzen Plateauschuhen, die auf kleinen Gabelstablern herumkurven und mit Donner und Froh, die in Kettcars ihren Weg kreuzen, die Kräfte messen.

Stimmig nachvollziehbar ist die Szene in Nibelheim konzipiert, wo junge Statisten (eine Anspielung auf umstrittene Kinderarbeit?) auf Hockern an einem Tisch mit Stirnlampen an der Bearbeitung des begehrten Rohstoffs zugange sind und Mime unter der errungenen Macht seines Bruders steht. Besonders hier sowie in einigen Momenten, wenn die Götter nach Freias Entführung ihre jugendliche Kraft verlieren und wie erschlafft aneinander hängen, wird die Hand des Regisseurs sichtbar. Über weite Strecken herrscht jedoch eine eher statische oder beliebige Führung der Personen, wie sie von einem Vertreter der Schauspiel-Zunft nicht zu erwarten ist. Da müssen dann die heute wohl unverzichtbaren Video-Einblendungen im Hintergrund so einiges an direkter Interaktion ersetzen. Was da mit den Akteuren an Assoziationen zum Thema Reichtum und Verführung oder Zerstörung zu sehen ist, bildet wieder mal eine überflüssige Ebene, die von der Aussagekraft der Musik ablenkt. Stattdessen hätten die heutigen technischen Möglichkeiten besser für eine Imagination der von Wagner angedachten Schauplätze und ihrer Stimmungen genutzt werden können. Es bleibt aber leider bei einem nur phasenweise aufflackernden Diskurs der eigentlichen Handlung. Selbst dem C-Dur-Triumph des Einzugs der Götter in Walhall vermag die Szene mit nichts annähernd Aussagekräftigem zu begegnen. Frontal zum Publikum stehen da die abgewrackten Zirkus-Götter und strecken die Arme in die Luft als ob sie irgendwo ihr Walhall erahnen würden.

Wenden wir uns an dieser Stelle besser der musikalischen Seite zu, auf der die Stuttgarter Oper den lobenswerten Nachweis erbrachte, dass ein solches Stück fast komplett aus dem Ensemble besetzt werden kann. Und das auf durchweg hohem Niveau mit eher geringfügigen Einschränkungen. Lassen wir dem einzigen Gastsänger den Vortritt und loben Leigh Melrose für seinen vokal bestechend prononciert und nuanciert interpretierten Alberich auf Basis eines flexiblen Charakterbariton. Mit dem Anschnallen auf eine sich drehende große Zielscheibe als Druckmittel Wotans für die Gewinnung des Rings wird dem auch als Schauspieler sehr präsenten Künstler einiges zugemutet. Sein Kontrahent ist für Goran Juric ein Rollendebut, das er dank eines gut unterfütterten Basses und mit der hier geforderten stabilen Höhenlage überzeugend bestanden hat, auch wenn er als Figur in den glitzernden Resten seines Zirkusoutfits eher lächerlich als autoritär wirkt. Und die Klärung, warum er am doch so verheißungsvollen Ende dieser Vorgeschichte in der Unterhose da stehen muss, bleibt der Regisseur den Zuschauern schuldig.

Wie erwartet fügte Matthias Klink seinen zahlreichen facettenreichen Rollengestaltungen mit dem heimlichen Drahtzieher dieses Vorabends, dem Halbgott Loge eine weitere faszinierende Studie an vokal-darstellerischer Durchdringung hinzu. Pointiert bis in die kleinste sprachlich-melodische Wendung kann der schwäbische Tenor mit feiner lyrischer Note über seine wenig rollendienliche Ausstattung als Alt-Student im schwarzen Habitus hinweg überzeugen. Und um bei den Tenören zu bleiben: Elmar Gilbertsson mischte lyrisches und charaktertenorales Potenzial ideal für den unterdrückten Mime, und der aus dem Opernstudio hervor gegangene Moritz Kallenberg stattet den Froh mit frisch zupackendem Wohllaut und Spiellust aus.

Bei den tiefen Männerstimmen fällt es schwer einem der beiden Riesen den Vorzug zu geben. David Steffens bringt für den durch die Liebe zu Freia von der Goldgier abgelenkten Fasolt den helleren, saftigen Bass ins Geschehen, Adam Palka bildet das passend dunkel sattere Gegenbild des finsteren Fafner mit astreiner Diktion. Pawel Konik gibt dem Donner machtvollen Bariton-Höhen-Furor, während die Tiefe etwas matt bleibt.

Unter den weiblichen Mitstreitern gebührt der mit edel schlankem und doch tragfähigem Mezzosopran für ausgesprochenen Wohllaut sorgenden Rachael Wilson als abgetakelter Zirkus-Diva Fricka die Krone. Stine Marie Fischer imponiert mit gleichmäßig ansprechendem und sehr wortdeutlichem Alt in ihrem finalen Auftritt als Erda, muss dabei aber gegen ihre Ausstaffierung als mit dem Fahrrad in Aktion tretender Greta Thunberg-Verschnitt ankämpfen.

Esther Dierkes irritiert mit einigen flackrigen Höhen, ist im Übrigen jedoch eine ordentliche Freia. Von den drei Rheintöchtern bzw. Studentinnen hatte Tamara Banjesevic als Woglinde das Pech, bei den Proben einen Knöchel gebrochen zu haben und ihren Einsatz im E-Rolli zu absolvieren. Und das tat sie mit leuchtendem Sopran dankenswerterweise ohne Einschränkungen. Ida Ränzlövs Wellgunde hat ihr die klarere Artikulation voraus, Aytaj Shikhalizade als Flosshilde die kultiviert strömendere (Mezzo)-Stimme.

Immer dann, wenn es auf der Szene dröge, fade oder auch lachhaft wurde, blieb zum Glück die Konzentration auf die Klänge aus dem Orchestergraben, denn dort entfaltete GMD Cornelius Meister Wagners motivische Feinarbeit sowohl mit Präzision als auch mit durchgängig fließendem Wogen und Ineinandergleiten. Mit dem Staatsorchester Stuttgart, das in allen Gruppen bestens mitzog, realisierte er eine Wiedergabe, die sich dem sängerischen Einsatz geschickt balancierend anpasste, auf der anderen Seite neben kammermusikalischen Details in den bläserlastigen Phasen prachtvoll stramm daher kommt. Es bleibt abzuwarten, ob Meister in den nachfolgenden Teilen über größere zeitliche Ausmaße hinweg auch eine solche dichte Spannung zu halten vermag wie bei diesem musikalisch gewinnenden und die Szene meist in den Schatten stellenden Auftakt.

Die polarisierende Reaktion des Publikums gegenüber der Regie lag auf der Hand, wenn auch nicht hinsichtlich einer diesbezüglichen Ausgeglichenheit.

Udo Klebes | 21.11.2021 (Premiere)

merkur.de

Mein Feind der Clown

Wie vor zwei Jahrzehnten beim legendären „Ring des Nibelungen“ vergibt Stuttgart die vier Opern an mehrere Regie-Teams. Und wieder zeigt die „Rheingold“-Premiere: Da ist noch Luft nach oben.

Mit Goldbarren mutmaßlich aus Familienbesitz verführen die drei höheren Töchter in Schuluniformen den armen Alberich. Doch am Ende ist das Edelmetall nur billiger Flitter. Lametta, mit dem sich Wotan den Bau seiner Burg erkauft. Hier, im ersten Teil von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“, wo eigentlich Aufbruch herrschen sollte, ist nämlich schon alles vorbei.

Götter, Zwerge und sonstige Mythenwesen vegetieren als abgewrackte Zirkusgesellschaft unter einem Gerüst dahin. Die guten Zeiten für Direktor Wotan und seine Artisten sind perdu. Man langweilt sich, spielt böse Spielchen und säuft sich das Leben mit Dosenbier schön.

So abgeranzt beginnt das neue Mega-Unternehmen der Staatsoper Stuttgart. Ein Haus, an dem ab 1999 ein legendärer „Ring“ herauskam. Für jede der vier Opern ein anderer Regisseur, das war die schwäbische Frischzellenkur gegen zunehmenden Deutungsleerlauf bei diesem Projekt. Joachim Schlömer für „Das Rheingold“, Christof Nel für „Die Walküre“, Jossi Wieler/Sergio Morabito für „Siegfried“ und Peter Konwitschny für die „Götterdämmerung“: Eine steile, starke Steigerung war das damals.

Matthias Klink als Loge in einer eigenen Liga
Weil’s so schön war, wird das Rezept nochmals ausprobiert. Der Schauspiel-Mann Stephan Kimmig, 2009 in München mit „Don Giovanni“ erstmals (und scheiternd) in der Oper aktiv, übernahm das „Rheingold“. Für die „Walküre“ wird ab April 2022 sogar mit Hotel Modern, Urs Schönebaum und Ulla von Brandenburg pro Akt ein eigener Regie-Entwurf aufgefahren. Wohl aus Kosten- und Nostalgiegründen wird im Oktober 2022 der „Siegfried“ von Wieler/Morabito wiederbelebt. Und Marco Štorman schultert im Januar 2023 die „Götterdämmerung“.

Kimmigs Endzeitspiel versucht sich an einer Entzauberung. Längst vor dem Raub des titelgebenden Metalls ist hier ein Sündenfall passiert, von dem sich diese Manegenbesatzung nicht mehr erholt. Zweieinhalb Stunden kreist die Truppe im grimmigen Leerlauf umeinander. Man erlebt dabei durchaus prägnante Typen, wobei Matthias Klink als aggressiver, narzisstischer und entsprechend bejubelter Loge-Freak in einer eigenen Liga singspielt. Goran Jurić gibt das lässige Wotan-Bärchen. – dass er kein gebieterisches Heldenbariton-Geschütz auffährt, passt sogar. Esther Dierkes ist ganz böses Freia-Mädchen, Rachael Wilson eine Fricka von der Grandezza-Resterampe. Leigh Melrose (ein vokal unsteter Alberich) und Elmar Gilbertsson als geprügelter Mime-Clown leben lustvoll und auch stimmlich ihre Bizarrerien aus.

Ästhetische Spielerei statt plausible Deutung
Die meisten Beteiligten sind Rollendebütanten. Keiner kann sich also in „Ring“-Routine flüchten, was wohltuend ist. Zugleich wirkt manches aber auch zu kleinformatig, (noch) nicht rollendeckend. Und oft scheint es, dass Kimmig, dessen heruntergerockter Zirkus von Katja Haß (Bühne) und Anja Rabes (Kostüme) stammt, auf Eigeninitiative vertraut und nur aufmunternde Probenworte verloren hat. Punktuell gibt es in diesem „Rheingold“ durchaus starke Momente. Doch im Vermeiden von Pathos, Zaubermomenten und theatralem Charme, zu dem man sich bei diesem Zweieinhalbstünder eigentlich auch verhalten müsste, flüchtet sich Kimmig ins Nihilistische und Zynische. Das meiste ist daher ästhetische Spielerei statt plausible, tiefenscharfe Deutung.

Zum Geschehen im Graben tut sich da eine Kluft auf. Generalmusikdirektor Cornelius Meister hat mit dem Stuttgarter Staatsorchester schon Lust auf Wagners großen Aufriss, aufs Pompöse und ungebrochen Emotionale wie im Finale. Zugleich bleibt er zügig in den Konversationsstrecken. Auch Wagners Zutaten, die Schichtungen und Mixturen der Partitur hört man heraus. Das ist zwar mehrdimensionaler als die Szenerie. Aber gelegentlich zieht der Abend vorüber wie eine Repertoireaufführung, weniger wie eine wochenlang geprobte Premiere. Bühne und Graben sind nicht immer gut verzahnt. Und wenn ein Solist mal musikalisch nicht ganz einrastet, gibt es kaum energisches Gegensteuern vom Dirigentenpult. Schon jetzt gibt es also bei diesem „Ring“-Auftakt eine Parallele zu 1999: Da ist noch gut Luft nach oben.

Markus Thiel | 23.11.2021 (Premiere)

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User Rating
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Media Type/Label
Technical Specifications
1920×1080, 1.9 Mbit/s, 2.2 GByte (MPEG-4)
German subtitles
The live transmission from Stuttgart had some problems in the third scene, for about 5′ there are constant picture freezes.
Remarks
Webstream