Siegfried

Ádám Fischer
Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
11 April 2018
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedStephen Gould
MimeHerwig Pecoraro
WotanTomasz Konieczny
AlberichMartin Winkler
FafnerJongmin Park
ErdaMonika Bohinec
BrünnhildeIrène Theorin
WaldvogelHila Fahima
Stage directorSven-Eric Bechtolf (2008)
Set designerRolf Glittenberg
TV directorElla Gallieni
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Reviews
bachtrack.com

Ohne Furcht und Tadel: Ein sagenhafter Siegfried an der Wiener Staatsoper

Der Ring des Nibelungen ist das in Musik gegossene Motto „Think big“, und besonders gilt das für Siegfried. Paradoxerweise braucht es aber nicht unbedingt einen „Gigantowitsch“ (Gottfried von Einem über Herbert von Karajan) am Pult, um ihn bestmöglich zu realisieren. Unabdingbar sind jedoch Erfahrung, handwerkliches Können. Ein sagenhafter Siegfried an der Wiener Staatsoper, Ausdauer, und nicht zuletzt Liebe zur Sache – all das vereint Ádám Fischer, dieser stets freundlich-bescheiden wirkende Herr aus Budapest aufs Schönste.

Abgesehen davon ist er die Ruhe selbst. Als wenige Takte nach Beginn des Vorspiels ein Mobiltelefon lautstark und nicht nur für eine Schrecksekunde klingelte, blieb er völlig unbeirrt. Unter seiner Leitung fügte sich die Partitur ganz natürlich, fielen die Leitmotive wie ein sommerlicher Meteorschauer vom Himmel, leuchteten auf und verglühten. Auch das Orchester war bestens disponiert. Unter der Leitung von Konzertmeisterin Albena Danailova beeindruckten besonders die Violinen am Beginn der Szene am Walkürenfelsen – das waren magische Momente, an dem es an diesem Abend ohnehin keinen Mangel gab.

Das gelungen Dirigat zeigte sich auch in der Führung der Sänger. Immer wieder war zu erkennen, dass es bei allen Ansprüchen, die Wagner an sein Personal stellt, doch kleine Schlupflöcher in der dicken Orchestrierung gibt, die es den Sängern ermöglichen, ihr Instrument bestens zur Geltung zu bringen. Allerdings bräuchte es das für vokale Kraftlackel wie Stephen Gould (Siegfried) und Tomasz Konieczny (Wanderer) gar nicht. Ich hatte schon öfter den Eindruck, dass man die beiden bei geöffneten Türen bis zum Naschmarkt hören müsste, und an diesem Abend war das nicht anders. Beide waren in Hochform und zogen ihre Aufgabe ohne jegliche Ermüdungserscheinung durch, gestalteten ihre Partien mitreißend. Das Aufeinanderprallen der beiden Stimmgewalten im dritten Aufzug – heldentenoraler Ungestüm gegen göttlich-väterliche Bass-Autorität – fiel dementsprechend heftig aus.

Bei Stephen Gould staune ich immer wieder, wie agil und verspielt dieser Bär von einem Mann im Finale wirkt, wo er doch sonst eher den Eindruck vermittelt, er könnte Mime einhändig erwürgen. Stimmlich betrachtet wäre etwas weniger vielleicht sogar mehr gewesen, denn mit seiner naturgegeben großen Stimme hätte er einigen Tönen gar nicht so viel Nachdruck verleihen müssen, wie er dies tat. Das Vergnügen an seiner Leistung schmälerte das aber keineswegs. Iréne Theorin war ihm in ihrem Wiener Rollendebüt eine ausgezeichnete Partnerin. In einer dynamisch differenzierten Gestaltung brachte sie Brünnhildes innere Zerrissenheit über den Verlust ihres Status und die Freude an Siegfried zum Ausdruck. Dabei durchdrang ihr leuchtender Sopran das Orchester in jeder Lage.

Der Aufbau von Siegfried erzählt eine Reise von der Finsternis zum Licht. Als Erzählform wählt Wagner praktisch ausschließlich den Dialog (Mime – Siegfried, Mime – Wanderer etc.), wovon erst der letzte in einem Duett mündet – endlich Gemeinsamkeit! Dadurch sind in Siegfried alle Sänger stark exponiert, und dementsprechend sind stimmliche und (mit Ausnahme der Stimme des Waldvogels) darstellerische Präsenz zwingend notwendig. Diese Vorgabe wurde an diesem Abend bestens erfüllt, denn Martin Winkler (Alberich) und Erda (Monika Bohinec) holten das Menschenmögliche aus ihren Partien; Herwig Pecoraro hat sich Mime ohnehin „einverleibt“, besteht mit großer Stimme auch gegen Stephen Gould. Mit lieblich-hellem Sopran ließ Hila Fahima als Waldvogel aufhorchen, Jongmin Park als Fafner gelang dies am anderen Ende des stimmlichen Spektrums.

Ein Siegfried von musikalischer Qualität wie dieser ist immer ein Ereignis und versetzt das Publikum in lautstarke Euphorie. An diesem Abend beschlich einen zusätzlich ein ehrfurchtsvoller Schauer, denn das Diktum aus Ariadne auf Naxos, wonach Musik eine heilige Kunst ist, sah sich eindrucksvoll bestätigt.

Von der gesamten Ring-Inszenierung, die Sven-Erich Bechtolf verantwortet, ist Siegfried für mich der am besten gelungene Teil. Bechtolf hat bewusst darauf verzichtet, die vielfältig interpretierbare Geschichte in eine bestimmte Richtung zu lenken, und ihr dadurch das Märchenhafte erhalten. Das ist gut und richtig, denn Märchen – und das gilt gerade für Siegfried – vermitteln mitunter unangenehme, aber fundamentale Einsichten über Ängste, Aggression und Tod, die jeder für sich selbst entdecken darf. Und natürlich darf man mit und an ihnen wachsen. Bei meinem allerersten Siegfried hätte ich nicht im Traum daran gedacht, dass ich viele Jahre später ein tiefes Verständnis für Mimes Frustration entwickeln würde, die in einer Erkenntnis mündet: Man kann seinem Sohn kein Schwert schmieden, mit dem er den Wurm der Mathematik erschlägt; das muss er selbst tun…

Rolf Glittenbergs Kulisse in Betonoptik mit eingebauten Ventilatoren ist nicht schön, aber praktisch; und obwohl ich den ausgestopften Auerhähnen der ländlichen Gasthäuser wenig abgewinnen kann, fasziniert mich der mit präparierten Wildschweinen, Rehen und anderem Getier bestückte Bühnenbeton im zweiten Aufzug immer wieder auf Neue – eine originellere Darstellung eines Waldes muss erst gefunden werden. Sollte diese Inszenierung eines Tages durch eine vegane Produktion ersetzt werden, werde ich diesen Teil vermissen.

Snapdragon | 16 April 2018

klassik-begeistert.de

Brünnhilde kreischt, Siegfried strahlt und das Orchester spielt ohne Probe

Im komödiantischen Teil der Ring-Tetralogie nimmt Richard Wagner das Publikum mit auf die Entwicklungsreise des jungen, verwegenen Siegfried: Von der Selbstfindung (Schwertschmiedung) über das Durchsetzungsvermögen (Drachentötung) bis zum schwierigsten Teil im Leben eines naiven Junggesellen: der Liebe.

Als inzestuöser Spross von Siegmund und Sieglinde macht der in Virginia (USA) geborene Stephen Gould, 56, seinem Namen alle Ehren und glänzt darstellerisch wie stimmlich im mittleren und höheren Register – vor allem im Forte beweist er leuchtende Durchschlagskraft. Der Kammersänger, der 2019 am Grünen Hügel in Bayreuth wieder die Titelpartie in „Tristan und Isolde“ singen wird, wächst im Laufe des Abends immer authentischer in die Rolle des kühnen, jugendlichen Helden. Mit seinen Einlagen bekundet er bei der Waldvogelszene seine komödiantischen Fähigkeiten, zeigt eine enorme Ausdauer und strahlt auch noch in der abschließenden Liebesszene mit Brünnhilde, bei der er kurzfristig das Fürchten lernt.

Dieses lehrt auch eine im Forte kreischende Iréne Theorin, 54, die einen rabenschwarzen Tag erwischt. Das betörende Piano der debütierenden Staatsopern-Brünnhilde deckt wiederum das Orchester unter der Leitung des ungarischen Maestros Ádám Fischer, 68, völlig zu. Neben den neuerlich katastrophalen Hörnern nicht das einzige Mal, dass die Wiener Philharmoniker an diesem „dritten Abend“ den Sängern das Leben schwer gestalten. Kaum wahrzunehmen war auch das grazile Vögelchen der Hila Fahima.

Der Hochmut, den „Ring“ ohne eine einzige Orchesterprobe realisieren zu wollen, musste sich im Laufe dieses schwierigen, epochalen Werkes irgendwann rächen. Wer auch immer diesen Zustand zu verantworten hat, sollte sich bewusst vor Augen führen, dass die renommierte Wiener Staatsoper, eine weltweite Institution, einen Ruf zu verlieren hat.

Vorbildliches leistet ein weiteres Mal der als Wanderer getarnte polnische Parade-Wotan Tomasz Koniecny, 46. Mit Leib und Seele verschreibt sich der ausgebildete Schauspieler diesem wankenden Götter-Charakter, dessen vielschichtige, bedeutende Partie man laut dem Bassbariton „überhaupt nie ausschöpfen kann“. Der vielgepriesene Wagner-Sänger beweist das Gegenteil und kann diesem „Ring“ neuerlich seinen brillanten Stempel aufdrücken.

Unfähig die Mitgift der verstorbenen Sieglinde neu zu schmieden, erfährt der Niblung Mime „Nur wer das Fürchten nie erfuhr, schmiedet Nothung neu“. In der Rolle des egoistischen Ziehvaters von Siegfried zeigt der österreichische Kammersänger Herwig Pecoraro, 61, zwar Probleme im hohen Register, besticht das Wiener Publikum jedoch mit einem kauzig wackelnden Gang, einer charismatischen Stimme und einer deutlichen Artikulation.

Der außerordentlich sauberen Ausdrucksweise genauso mächtig ist der Bregenzer Charakter-Bariton Martin Winkler, dessen Alberich wieder einmal bemerkenswert glaubwürdig wirkt.

Nicht minder beeindruckend der mächtige Bass des Südkoreaners Jongmin Park, 31, der einen atemberaubenden Drachen gibt.

Jürgen Pathy | 13 April 2018

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1920×1080, 4.0 Mbit/s, 5.9 GByte (MPEG-4)
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