Tannhäuser

Peter Schneider
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
2 November 2014
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
HermannKwangchul Youn
TannhäuserRobert Dean Smith
Wolfram von EschenbachChristian Gerhaher
Walther von der VogelweideNorbert Ernst
BiterolfSorin Coliban
Heinrich der SchreiberJames Kyshak
Reinmar von ZweterDan Paul Dumitrescu
ElisabethCamilla Nylund
VenusIréne Theorin
Ein junger HirtAnnika Gerhards
Stage directorClaus Guth
Set designerChristian Schmidt
TV directorDominik Kepczynski
Gallery
Reviews
Die Presse

Christian Gerhaher ist als Wolfram in Claus Guths freudianischer Regie das unangefochtene und gefeierte Zentrum einer ungleichmäßigen Besetzung. Robert Dean Smith sang auf Sparflamme.

Diesem Mann ist nicht wohl in seiner Haut. Verlegen blickt er immer wieder zu Boden, windet sich, weicht aus, nestelt an seiner Brille herum. Zwar ist er ein Meister des Wortes: Mehrfach wird er von seinem „edlen Kreise“ vorgeschoben, wenn es gilt, den rechten Ton zu treffen, mit schönen, hehren Phrasen zu erfreuen und zu überzeugen. Aber seine wahren Gefühle zu offenbaren, nämlich die Liebe zu Elisabeth, das will ihm nicht gelingen.

Grandios, wie Christian Gerhaher den Wolfram von Eschenbach erneut mit wohldosierter Präzision in Stimme und Darstellung als scheuen Intellektuellen porträtiert: Mit seinem klaren, modulationsfähigen und immer im Dienst der Textausdeutung eingesetzten Bariton bringt er es fertig, gerade die nobelsten Formulierungen des Dichters als Schutzschild zu entlarven. Dahinter verborgen ist freilich eine verwundete Seele, die sich nicht eingestehen will, jede Hoffnung auf Liebeserfüllung längst verloren zu haben.

In Claus Guths betont freudianisch inspirierter, im Wien der Jahrhundertwende angesiedelter „Tannhäuser“-Inszenierung zerbricht der Titelheld am unseligen Widerspruch zwischen der Frau als Hure und als Heiliger, der sein Denken bestimmt: Hat er die eine, will er die andere. Im Venusberg des ersten Aufzugs wird das durch allerlei theaterartige Selbstbespiegelungen und Verdoppelungen gezeigt; im dritten Akt liegt Tannhäuser in einer Heilanstalt im Koma, aufopferungsvoll von Elisabeth gepflegt, die für Wolfram nach wie vor unerreichbar ist. Als sie in ihrer Verzweiflung Tabletten nimmt, fragt er: „Dürft’ ich dich nicht geleiten?“ – und Gerhaher singt traumverloren und fein ziseliert das Lied an den Abendstern, mit dem Revolver in Händen und dem eigenen Freitod nahe: der herzzerreißende Höhepunkt eines ungleichmäßig besetzten, aber allein durch diese Szene schon lohnenden Abends.

Peter Schneider: Ehrwürdige Tempi

Die Lücken, die Franz Welser-Mösts Abgang im laufenden Spielplan hinterlassen hat, sind schon weitgehend geschlossen. Dieser Tage wurde Mikko Franck als Dirigent der „Elektra“-Premiere bekannt gegeben; er hatte schon im April den neuen „Lohengrin“ übernommen, nachdem Bertrand de Billy wegen eines strittigen Strichs ausgestiegen war.

Doch sind auch andere Umbesetzungen am Staatsopernpult nötig: Chung Myung-whun sollte die aktuelle „Tannhäuser“-Serie leiten, kommt aber stattdessen im Dezember für „Traviata“ und den neuen „Rigoletto“. Deshalb durfte nun Peter Schneider mit kapellmeisterlicher Ökonomie und in ehrwürdigen Tempi nicht bloß für Ordnung, sondern auch für weitgehend differenzierte Klangentfaltung bei Orchester und Chor sorgen.

Ökonomie war freilich auch die Maxime für den ersten Wiener Tannhäuser von Robert Dean Smith. Darstellerisch bekanntermaßen eher phlegmatisch, teilte sich der sonst zuverlässige Amerikaner auch seine vokalen Kräfte genau ein. Schade, dass somit nichts wirklich vital und wie aus dem Vollen geschöpft klang – zumal er am Ende des Sängerkriegs ohnehin in deutliche Bedrängnis geriet, sich aber wieder fangen konnte. Dass allerdings Iréne Theorin, die im Jänner als Isolde zurückkehrt, auch die Venus noch im Repertoire hat, konnte sie mit ihrem wenig einschmeichelnden Gesang nicht rechtfertigen – da schnitt Camilla Nylund mit ihrer auch stimmlich leicht unterkühlt anmutenden, aber von standfester Grandezza geprägten Elisabeth deutlich besser ab. Kwangchul Youn als etwas schmalbrüstiger Hermann und Norbert Ernst als prägnanter Walther ragten aus der Schar entrüsteter Recken der Doppelmoral hervor, Annika Gerhards pries hübsch den „lieben Mai“: Wenn er nur bald käme…

Walter Weidringer (Rez. Aufführung 2. 8. 2014) (“Die Presse”, Print-Ausgabe, 24.10.2014)

Der Standard

Notenrudimente und Poesie

Wien – Es begann das Vorspiel zwar mit schüchtern-anämischer Blechkunst. Bald jedoch entwickelte sich unter der kundigen Leitung von Peter Schneider ein so opulentes wie energisches Orchesterspiel der Farben und Motive. Und an manchen irrwitzig kühnen Stellen schien jener Wahnsinn intensiv eingefangen, den Regisseur Claus Guth auf der Bühne ausgebreitet hatte – seinerzeit, als die finalen Direktionstage der Ära Ioan Holender sich abzuspielen geruhten.

Guths Arbeit ist psychologisch kühn, subjektiv und voll der alptraumhaften Momente, in denen Figuren verdoppelt werden und stumm auftauchen – als Gespenster eines schmerzhaften Wahns, der die Hauptfigur befällt. Bedauerlicherweise ertönten auch einige vokale Schmerzmomente: Robert Dean Smith (als Tannhäuser) wirkte schon zu Beginn in der Höhe dünn und landete bei seinem Venusberg-Geständniss am Rande des Abbruchs. Da waren nur noch Notenrudimente zu hören, wobei Smith im 3. Akt zur allgemeinen Erleichterung wieder etwas Fuß fasste.

Wäre er in Spitzenform gewesen, hätte es dennoch nicht gereicht, neben Christian Gerhaher (als Wolfram) zu bestehen. Der grandiose Liedsänger zeigte wieder einmal, dass er auch in expressiver instrumentaler Umgebung Präsenz entfalten kann, ohne Timbrezauber einzubüßen. Und dort, wo liedhaftes Singen möglich war, punktete Gerhaher mit kultiviertem Sound und delikater Legatokultur. Weltklasse auch die subtile Darstellung eines fragilen Charakters.

Daneben konnte Camilla Nylund (als Elisabeth) mit Intensität reüssieren, während Iréne Theorin (als Venus) etwas schrill und im Wortbereich neblig-unverständlich wirkte. Tadellos der Chor und solide der Rest des Ensembles. Am Schluss gab es nur Buhs für Smith, vor denen er regelrecht die Flucht ergriff. Gute Besserung.

Ljubiša Tošić, DER STANDARD, 24.10.2014

Rating
(5/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Premiere 11840
Get this Recording
Donate $5 to download MP4
Technical Specifications
1280×720, 1.7 Mbit/s, 2.3 GByte (MPEG-4)
Remarks
Live stream from the Wiener Staatsoper