Tristan und Isolde

Lorin Maazel
Chor und Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks
Date/Location
10 November 1996
Prinzregententheater München
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
TristanJon Fredric West
IsoldeHildegard Behrens
BrangäneAnn Murray
KurwenalAlan Titus
König MarkeMatti Salminen
MelotVolker Vogel
Ein junger SeemannKobie van Rensburg
Ein HirtErnst Haefliger
Steuermann?
Stage directorAugust Everding
Set designerHans Schavernoch
TV directorBrian Large
Gallery
Reviews
Berliner Zeitung

Eine Münchner Liebe mit Spiegeln

Groß muß eine Liebe schon sein, wenn sie dieses Theater des Baumeisters Max Littmann zu neuem Leben erwecken will, so groß und über allen bloß guten Willen hinausreichend vielleicht wie Isoldes Liebe zu Tristan. Denn ein Baudenkmal ist das Prinzregententheater gewiß, aber kein Gebäude, das von sich aus den Wunsch nach möglichst originalgetreuer Restauration weckt. Ein ziemlich grober Klotz bei Tageslicht besehen, und im Innern eine eher üppig als elegant ausgemalte Bonbonschachtel, die nur mit Mühe und Blick auf Baujahr 1901 dem Jugendstil zugerechnet werden kann. Seit Sonntag strahlt das Gold der in Wahrheit klassizistischen Girlanden wieder ungetrübt. Nach dem Krieg diente das Theater, weil nur wenig beschädigt, anderen Münchner Theatern als Not- und Ausweichquartier – von 1945 bis 1962 der Staatsoper, dann von 1988 bis 1991 dem Residenztheater. Ein schmähliches Schicksal, das einen Mann wie Everding zutiefst empören muß, der von sich sagt, daß er “geschlossene Theater einfach nicht ertragen kann”. Wenn er, der Münchner Generalintendant, so redet, dann sollten Politiker und Mäzene auf der Hut sein. Dann geht es ans Geld, und Everding ist ein hinreißend besitzergreifender Liebhaber, weil es ihm so offensichtlich nur um das höhere Gute geht. Große Lösung Es war ja zum großen Teil Everdings Verdienst, daß das Residenztheater ein paar Jahre lang am Prinzregentenplatz gastieren durfte. Nach der Rückkehr der Staatsoper ins Nationaltheater kämpfte die “Bürgerschaftliche Vereinigung Münchner helft dem Prinzregententheater” 19 Jahre lang für die Rettung ihres nutzlos gewordenen, daher ganz besonders verehrten Objekts. 1983 endlich hatte der bayerische Landtag ein Einsehen und beschloß die sogenannte kleine Lösung, die Restauration des Zuschauerraumes, deren Vollendung vor neun Jahren gefeiert werden konnte. Das Resi kam und ging, danach dieses und jenes, Silvesterfeiern und dergleichen, nichts jedenfalls, was einer Geliebten zuzumuten wäre. Die große Lösung, die völlige Wiederherstellung der Bühne mit Orchestergraben, war unvermeidlich geworden – und natürlich längst im Herzen der Everdingschen Gemeinde geplant. 33 Millionen Mark hat sie gekostet, sieben davon kamen aus privaten Quellen, eine davon gar aus Everdings “Eigenveranstaltungen und Honoraren für Reden”. Es gelang. Pünktlich um fünf Uhr am Sonntag nachmittag verlöschen die Lichter im Saal, und im Orchestergraben intonieren die Bratschen die ersten Takte des Vorspiels zu Tristan und Isolde von Richard Wagner. Überraschend beiläufig, mit einer Atempause zwischen Auftakt und der chromatisch absteigenden Klage läßt Lorin Maazel diese Töne spielen, denen schon Wagner das Gewicht der tragischen Vorahnung aufgebürdet hat und nach ihm die Musikgeschichte die Beweislast weit vorausweisender Modernität. Beides scheint Maazel für einen schlichten Irrtum zu halten. Zwar verbeißt sich die Bratschenlinie auch hier alsbald in den Tristanakkord, der ewig wiederkehrend bleiben wird, jedoch nichts auflöst, nicht die Ordnung der Tonalität, noch auch die Ordnung des Gefühls, die gemeint ist. Hier ist der harmonische Konflikt nur Klangfarbe, zwar chromatisch in diesem Wortsinn erzeugt, aber doch nur ein Reiz von der Art der etwas schwülen, doch behäbigen Dekorationen, die das wiedererstandene Theater schmücken. Dieser erste Eindruck einer gewissen Kongenialität epigonaler Haltungen hält sich bis zum Ende der (mit Pausen) sechs volle Stunden währenden Aufführung. Sie läßt sich nur verstehen im Rahmen der Vorgeschichte dieser Theaterrestauration. August Everding hat selbst die Regie geführt, dafür nun aber doch zuwenig Zeit gehabt. Er will einfch eine Geschichte erzählen, obwohl er wissen muß, daß es damit nicht weit her ist bei Wagners Tristan. Denn der hochmittelalterliche Roman liegt der Handlung voraus, die Oper beginnt mit dem Verhängnis des Liebestranks und inszeniert nur den nachfolgenden todessüchtigen Zustand versagter Erfüllungen. Wenig ist davon zu sehen. Everding und mehr noch sein Bühnenbildner Hans Schavernoch haben mit einer nur auf den ersten Blick theatertauglichen Grundidee die Irritation beschwichtigt, die von diesem Werk ausgehen kann. Schavernoch, sonst Harry Kupfers Lieblingsausstatter, läßt zwei mächtige, drehbare Wände in den Bühnenraum schweben. Sie spalten Tristan und Isoldes verstörte Welt in zwei Teile: einen realen, in dem König Marke herrscht, und einen phantasierten der Liebessehnsucht. Für den ersten stehen die Stahlkonstruktionen der Wandrückseiten, für den anderen die Spiegel, die sie tragen. In ihr imaginäres Abbild sind die Liebenden eingeschlossen, was zwar dem ordinären Narzismus jeder Liebesaffäre Rechnung trägt, kaum jedoch der Übersteigerung, die Wagner komponiert hat. In seiner Partitur sind die Everdingschen und Schavernochschen Welten von Anfang an verschmolzen, Marke, Kurwenal und Brangäne intervenieren gelegentlich mit ihren vergleichsweise ungetrübten Dreiklängen in die verschleierte Liebesharmonik, aber es ist ihre Moral, die untergeht, um den Preis freilich der Selbstaufgabe der Liebenden. So nun, auf dieser wieder ordentlich aufgeräumten Bühne, scheinen Isolde und Tristan bloß an drogenbedingtem Realitätsverlust zu leiden, und mangels geeigneter Therapie am industriellen Naturalismus von Metall und Spanten zu scheitern. Die erinnert in der Münchner Seligkeit an ostdeutsche Krisenwerften. Ein aparter Kontrast, dem aber der nötige Rückhalt in der Regie fehlt. Everding ist nun mal nicht Harry Kupfer, und was die Spiegel angeht, so hat ihr Glanz die Inszenierung zum Verstoß gegen das oberste Gebot jeder Opernregie verführt: Ausgerechnet für den Zwiegesang der Liebesnacht im zweiten Akt muß sich das Paar in die hinterste Linie der Bühne verziehen, hübsch auf Laub gebettet zu jener Musik, die noch jeden Wagnerverächter in die Knie gezwungen hat, nun aber verzweifelnd in einen schier endlosen Abgrund vor dem Publikum hineinsingend. Später werden die Wände das Paar sogar ganz verdecken – nein, so darf man den Kern jeder Oper, den Gesang, nicht hinter das Bild stellen, und schon gar nicht diesen an die Grenze der Pornographie herankomponierten Liebesakt in Tönen. Was sollen Sänger und Sängerinnen tun, die derart im Stich gelassen werden? Sie tun, was sie können: Sie singen. Hildegard Behrens, Matti Salminen, Jon Frederic West, Alan Titus und Ann Murray haben – in dieser Rangfolge – diesen Tristan dann doch noch zum Eröffnungsfest gemacht, wenn auch nur mäßig unterstützt von Lorin Maazel und seinem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, die miteinander eine kommode Privataffäre pflegen, wohlklingend, aber unerschüttert von den Schrecken auf der Bühne. Tonlos erschauernd Hildegard Behrens kommt zur Not auch allein zurecht, ihre Isolde kann bis zur Tonlosigkeit erschauern, ungläubig die Stimme brechen lassen und dann mit ganz von innen kommender Wärme doch wieder über das volle Wagnerblech hinaus triumphieren. Matti Salminen ist wahrscheinlich als König Marke geboren worden, was Jon Frederic West an Volumen für den ganz großen Tristan noch fehlt, macht er mit intelligenter Disposition und schauspielerischen Zusatzgaben wett. Die Jüngeren Alan Titus als Kurwenal und Ann Murray als Brangäne lassen sich davon inspirieren, sie sind auf dem Weg, was übrigens für das ganze, neue Prinzregententheater gelten soll. Zu den Liebeslisten des Intendanten (nicht des Regisseurs) August Everding gehörte vor drei Jahren ja auch die Gründung einer Theaterakademie, die hier nun ihre eigene Spielstätte in Besitz nehmen wird. Wenn München schon keinen neuen Tristan gewonnen hat, dann wenigstens einen neuen Everding, wie immer mit sowohl künstlerischen wie finanziellen Spätfolgen. Zwar will sich das Theater mit Sponsoren und Aufführungen selbst tragen. Aber Bayerns Kultusminister Hans Zehtmair ahnt schon, was die Stunde geschlagen hat: Er will sich für “die schöne Lösung” einsetzen, sagt er und findet, das sei “antizyklisch” im Sinne des “Kulturstaates Bayern”. So stehe das nämlich in der Verfassung des Freistaates.

Niklaus Hablützel | 12.11.1996

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Telecast (BR)
Reopening of the Prinzregententheater München