Götterdämmerung

Christian Thielemann
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
9 August 2026
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedKlaus Florian Vogt
BrünnhildeCamilla Nylund
GuntherMichael Kupfer-Radecky
GutruneMagdalena Hinterdobler
AlberichJochen Schmeckenbecher
HagenMika Kares
WaltrauteChrista Mayer
WoglindeKatharina Konradi
WellgundeNatalia Skrycka
FloßhildeMarie Henriette Reinhold
1. NornAnna Kissjudit
2. NornAlexandra Ionis
3. NornMagdalena Hinterdobler
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Reviews
klassik-begeistert.de

Trotz KI-Nachbesserung hagelt es Buhs nach der Bayreuther „Götterdämmerung“

Das Schöne an Bayreuth ist ja, unter vielem anderem, die vom „Meister“ programmatisch vorgegebene Offenheit für Neues, und es drängt sich geradezu auf, alles auszureizen, was machbar ist, um ein veritables Gesamtkunstwerk allen Sinnen zugänglich zu machen. Vielleicht liegt es hier schon schlichtweg an der Masse der Bilderflut, denn mit einem geschätzten Drittel all der Einblendungen, Fantasy-Film-artigen Stimmungsbilder oder verschwimmenden Folien mit Mauern, Hölzern, Farbflächen, Figuren und Strukturen aller nur denkbaren Art wäre man sicher besser bedient gewesen.

Mehrere Dimensionen überlagern sich hier oder fließen ineinander. Da ist die rein ästhetische Ebene, die jedes einzelne, auch nur Sekundenbruchteile währende „Bild“ als solches wahrnehmen könnte, dann kommt die persönliche psychologisch-assoziative, deutende hinzu. Lobbes und Co. haben dann die Inszenierungsgeschichte eingebaut, zudem die Historie der letzten 150 Jahre. Und ganz grundsätzlich sind ja bereits Partitur und Libretto des „Rings“, wie Gerhart Hauptmann wusste, „das einzige seiner Art in der Welt und vielleicht das rätselhafteste Kunstgebilde der letzten Jahrtausende“. Die mannigfachen Stränge dieses, wie hochkompliziertes nordisches Flechtwerk ineinander verwobenen, mehrdimensionalen Werks an sich können schon überfordernd wirken, und vielleicht fährt man am besten, wie eine Verteidigerin der Produktion empfahl, wenn man hier einfach mal alles nur in sich hineinrauschen und als atmosphärische Stimmungsbilder wirken lässt.

Man könnte nun auch in dieser Besprechung wieder diskutieren, wie sinnstiftend die Photos von Helmut Kohl, Ronald Reagan, Rosi Mittermaier und vielen anderen Personen des öffentlichen Lebens sowie des Brandanschlages auf das Rostocker Sonnenblumenhaus, einer Briefmarke zur Deutschen Einheit oder des Schengen-Raum-Schildes sind. Faktum ist: Die Macher haben nachgearbeitet, es gibt viel mehr Verweise auf die historischen und jüngsten Inszenierungen (Harry Kupfer ist übrigens eindeutig KIs Liebling, gefolgt von Wieland Wagner, Chéreau und sehr viel Castorf) und die Bilder bleiben länger stehen bzw. bewegen sich langsamer ineinander. Schwierig ist leider auch an diesem Abend, dass die Einblendung inhaltlich völlig abweichendes Bilder, wie dem „Euro“-Symbol, und Zeilen, wie „NO PLANET B“ oder „PUTINS WAR“ an den schönsten Stellen im Zusammenspiel oft banal und verstörend wirken. Da freut man sich über den geschlossenen Vorhang bei den Zwischenspielen, wo allein die Musik den Raum und die Herzen beherrscht.

Alte und junge Hügel-Hasen reagieren intelligent
Klar erkennbar ist die Reaktion der solistisch Mitwirkenden auf die Kritik der vergangenen Tage, denn sie bewegen sich viel mehr und spielen angeregter miteinander. Die Verwendung von fehlenden Requisiten, wie beispielweise Waffen, wird angedeutet, es gibt Gesten, Winke, Umarmungen. Siegfrid kniet nach dem Speerstoß und macht so die tödliche Verwundung deutlich. Beim Schlussapplaus bewegen die drei Rheintöchter ihre Arme wellenförmig, damit man sie von den Nornen unterscheiden kann.

Eine Kollegin machte den Vorschlag, den einzelnen Personen Schilder wie von Nummerngirls in die Hand zu drücken, um sie kenntlich zu machen, denn auch am letzten Tag des Bühnenfestspiels war von den oberen Sitzreihen kaum oder gar nicht erkennbar, wer da den Beifall entgegennahm.

Eine fast durchweg glänzende musikalische Gesamtleistung
Klaus Florian Vogts Siegfried ist auch an diesem Abend ausgesprochen bühnenpräsent; man versteht auch jedes Wort. Den Wechsel vom oft humorvollen Titelhelden des vorigen Teils zur Dramatik und dem unfreiwilligen Mitspieler im Intrigen-Netz der Macht meistert er unbestritten. Den Vierabende-Kraftakt merkt man seiner Stimme auch nach 16 Stunden „Ring“ nicht an – eine ganz große Leistung!

Die beiden Bösewichter Alberich und Hagen sind absolut überzeugend. Jochen Schmeckenbecher als Schwarzalbe lässt stimmlich tiefgründig in seine düstere Seele blicken, und Mika Kares, sein finsterer Sohn, ist ein ernstzunehmender Gegner. Sein „Waffen“-Ruf zeigt, dass es jetzt wirklich ans Eingemachte geht.

König Gunther ist Michael Kupfer-Radecky; von seiner stimmlichen Präsenz her ist er eher zurückgenommen, aber das entspricht der Rolle als Memme. Schwester Gutrune singt Magdalena Hinterdobler etwas farblos. Ihr Entsetzensschrei angesichts des Mordes an ihrem Gatten hingegen klingt tiefempfunden und echt.

Die drei Rheintöchter (Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold) lassen ihren mädchenhaften Charme spielen, wenngleich sie auch in der Vorahnung des drohenden Zusammenbruchs schon weise wirken.

Neben Magdalena Hinterdobler geben Alexandra Ionis und Anna Kissjudit wirklich beeindruckende Nornen. Letztere ist unter den kleinen Rollen in dieser „Götterdämmerung“ eine echte Offenbarung, denn ihr klarer, runder Mezzosopran dringt scheinbar aus der Erdentiefe in die Herzen derer, die sich der Mahung öffnen.

Christa Mayer gestaltet die Waltraute vokal variabel und gibt den dramatischen Aspekten Ausdruck, bei allem metallischen Grundklang gerade in der Mittellage.

Last but sowas von not least ist Camilla Nylund als Brünnhilde zu feiern. Ja, sie singt mit reichlich Vibrato, aber in der Finalszene entlässt sie solch hochdramatische, flammenstrahlende Höhen in den Saal, dass sie allein schon in der Lage sind, den Stoß mit den starken Scheiten zu entzünden. Mit ihrem lyrischen Sopran formt sie eher das Bild der liebenden, angreifbaren Frau als das eines wilden, martialischen Wunschmädchens

Ganz stark ist der Festspielchor unter Thomas Eitler-de Lint. Er holt sich den Beifall nach dem zweiten Akt ab, und gerne hätte man den massig singenden Mannen am Ende noch applaudiert. Leider öffnete sich da der Vorhang nicht mehr.

Christian Thielemann erntet zu Recht tobenden Applaus, denn unter seiner Leitung entfaltet das Festspielorchestereine so vielschichtige und leuchtende Fülle, dass an manchen Stellen die Augen im Publikum feucht werden. Mögen wenige Ansätze zu Beginn geringfügig asynchron geraten sein, so fließt zum Finale musikgewordene Lava aus dem Graben, ergießt sich über Walhall und verschlingt die aus mit Lug und Trug gebaute Burg mit feurigem Glanz und alles besiegender Liebe.

Wie alles endet…
Dass in diesem Moment schon die ersten „Buhs“ durch den Saal grölen, ist geschmacklos, denn das ist eine Beleidigung des ganzen Werks und derer, die es erglänzen lassen. Dazu ist ja später noch Zeit genug. Die wird auch genutzt, denn das Team um Lobbes und Corte ernten bis auf wenige Klatscher fast einhellig das Bayreuth-typische Schmähgewitter. Man hatte allerdings mit mehr tönenden Ohrfeigen, womöglich auch geworfenen Eiern und Tomaten gerechnet, aber die Nachjustierung hat doch einiges herausgerissen.

„Wie alles wird, wie alles sein wird“, um mit der Erda aus dem „Rheingold“ zu sprechen, mit den neuen medialen Möglichkeiten und einer modernen Ästhetik, das weiß nur die Ur-Wala. Wir werden es gewahr werden – geben wir dem Neuen eine Chance und respektieren das, was nie an Wert und Würde verlieren sollte.

Dr. Andreas Ströbl | 2. August 2026

Berliner Zeiung

In Schönheit gescheitert

Das Publikum hatte Oper gewollt, doch gezeigt wurde ein „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“. So zumindest nannte der Komponist Wagner 1876 seinen „Ring des Nibelungen“, die „Götterdämmerung“ ist der letzte Teil davon. Und Bayreuth machte daraus 2026 ein Computer-Meisterwerk mit dem Untertitel „Vom Mythos zum Code“.

Erzählt werden der Untergang einer Götterwelt und das Ende des Fluchs des Rings aus dem Rheingold. Wotan-Nachkomme Siegfried liebt die Walküre Brünnhilde, vergisst sie, heiratet Gutrune und stiehlt den machtgebenden Ring. Brünnhilde und Hagen ermorden Siegfried. Brünnhilde gibt den Ring dem Rhein zurück und stirbt auf Siegfrieds Scheiterhaufen. Mit dem Ende wird eine neue Welt möglich, von Machtgier befreit.

Als Bühnenkulisse dienen Bildprojektionen in stetiger Veränderung, die von dünnen Stoffleinwänden ins Publikum strahlen: Fotos und Texte aus 150 Jahren Bayreuther Festspiele plus Weltgeschichte. In ständigem Fluss vermischen sich Übergänge, verändern sich unerklärliche Formen und Farben; dazwischen stehen die Sängerinnen und Sänger. Der Computer weiß durch Künstliche-Intelligenz-Software (KI), was das Orchester spielt, und wer gerade was singt. Die Maschine stellt sich selbst andauernd Fragen und erzeugt daraus eigenständig die nächsten Bilder. Szenerien wie Buchcover von Fantasy-Romanen, Architekturzeichnungen in Disco-Neon, geschmiedete Ketten, Nieten, Gräser und schmelzende Regenbögen. Immer wieder Ruinen und Gerümpel, Wagner-Personen oder mal eckige Flammen.

Thielemann dirigiert den Ring strahlend schön
Dazu gehörten auch Momente im bilderlosen Halbdunkel. Mittendrin etwa der geschlossene Vorhang zu „Siegfrieds Trauermarsch“. Musik pur. So etwas gehört zu den großartigen und jetzt schon legendären Ideen dieser Produktion und des KI-Teams. Natürlich auch dank der genialen, kraftvollen Kunst von Dirigent Christian Thielemann und dem funkelnden, lyrischen Festspielorchester. So schön wie an diesen vier „Ring“-Tagen hat wohl kaum jemand je Wagners Musik erlebt: Viel Applaus für den klaren, gereifte Tenor Klaus Florian Vogt (Siegfried) – die hingebungsvolle, leuchtende Sopranistin Camilla Nylund (Brünnhilde) – der böse und einnehmende Bass Mira Kares (Hagen) – die kompetent strahlende Mezzosopranistin Christa Mayer (Waltraute).

Dagegen brach über das KI-Team mit Lobbes, Corte, Hardmeier, Senkl, Jungschlaeger, Gutjahr, Mackert (Künstlerisch-technisches Konzept, Dramaturgie, Digitales Erzählen, Kodieren, Bühne, Kostüme) ein wahrer Buhsturm aus. Zwar gewaltig, aber kurz, kontrolliert und nicht wütend. Die Mehrheit des Publikums mochte schlicht nicht, was sie gesehen hatte. Die wenigen Begeisterten sind ewig dankbar für dieses Wunderwerk aus Musik und Optik. Und beantworten gern die notorische Kritikerfrage „Was hat das gebracht?“ mit den Worten „Glück und Freude“.

Philipp von Studnitz | 02.08.2026

Augsburger Allgemeine Zeitung

Bayreuths vollendeter „Ring“ ist wohl selbst ein Fall für die KI

„Kinder, schafft Neues“, ist ein Ausruf Richard Wagners, der immer gerne dort Verwendung findet, wo eine seiner Opern in frischer Gestalt auf die Bühne kommt. Treffender als in diesem Jahr dürfte Wagners Wort jedoch nie gewesen sein. Denn der mittels künstlicher Intelligenz von Marcus Lobbes und seinem Team für die Bayreuther Festspiele kuratierte „Ring des Nibelungen“ schafft Neues dadurch, dass er das szenische Geschehen abschafft. Dafür gab es nach der „Götterdämmerung“, dem letzten der vier „Ring“-Abende, im Festspielhaus scharfen, einhelligen Buh-Protest, als das Produktionsteam vor dem Vorhang erschien.

Der „KI-Ring“ als 16-stündiger Bildersturzbach
Katharina Wagner, die Festspielchefin, hatte gewiss den richtigen Riecher: Die KI wird künftig auch auf dem Theater eine Rolle spielen. Zu sehr dominiert sie schon heute das gesellschaftliche Leben, als dass die Bühne ihr die Tür verschlossen halten könnte. Allerdings: So, wie die Bayreuther Festspiele im diesjährigen „Ring“ die KI verwenden, nämlich als insgesamt 16-stündigen Bildersturzbach, der auf einer bühnenfüllenden Projektionswand durchrauscht und szenisches Agieren zur Randerscheinung degradiert, so funktioniert es nicht, so kann es nicht zum Modell herhalten.

Was noch schwerer wiegt: Wenn die KI sich aus ihrem Bilder-Pool einen immer nur für Sekunden ausgespielten Reim macht und dies die szenisch-visuelle Ebene der Aufführung beherrscht, dann geht damit die Abwesenheit jeglicher übergreifend interpretierenden Idee einher. Und das gerade bei Wagners „Ring“, einem nicht ohne Grund ausladenden Werkkomplex, weil ja nicht weniger verhandelt wird als der Sachverhalt, wie die Welt zu dem wurde, was sie ist und was daraus zu folgern wäre: Utopie? Dystopie? Fehlanzeige im Bayreuther „Ring“.

Die Bildfrequenz der „Rings“ würde TikTok alle Ehre machen
Statt eines in Szene gesetzten Sinngebäudes also, nun schon wiederholt beschrieben, ein unablässig sich drehendes Kaleidoskop. Mit einer Bildfrequenz, die TikTok alle Ehre machen würde. Man könnte – wer’s tut, verpasst nicht wirklich etwas – die Augen schließen und sich ganz auf das Hören konzentrieren, aber nur dafür kommt man nicht nach Bayreuth. Schon gar nicht in diesem Jubeljahr, in dem das 150-jährige Bestehen der Festspiele und damit auch der Uraufführung des „Rings“ gefeiert wird.

Wofür es sich dennoch lohnt, in diesem Sommer zum „Nibelungen“-Vierteiler auf den Grünen Hügel zu kommen, ist eben – die Musik. Christian Thielemann ist derjenige, auf den nach der „Götterdämmerung“ der Applaus am stärksten niederprasselt. Immer wieder gelingt dem Dirigenten Überwältigendes dort, wo er pure Orchesterkraft aus dem „mystischen Abgrund“ des Festspielhauses heraustreten lässt, in der „Götterdämmerung“ etwa in den markerschütternden Düsterfarben zu Hagens erstem Auftritt oder später beim Trauermarsch für den toten Siegfried. Thielemann, der vielbejubelte, leitet den Beifall stets generös hinab in Richtung Festspielorchester – welches allerdings in Sachen Präzision an exponierten Stellen noch nachjustieren könnte.

Die „Götterdämmerung“ als Drama siedender Emotionen
Die Gesangssolisten haben es nicht leicht mit der ihnen auferlegten Statik auf der Bühne und dem ständigen Überblendetsein durch die KI-Projektion. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass es sich gerade bei den Hauptträgern des Geschehens um einen ausgesprochen guten „Ring“-Jahrgang handelt. Wobei in der „Götterdämmerung“ das zentrale Paar Camilla Nylund (Brünnhilde) und Klaus Florian Vogt (Siegfried) mehr noch als in den Monologen – Nylund gelingt Brünnhildes Schlussgesang tadellos, wenn auch nicht als großer Wurf – im Ensemble des zweiten Aufzugs überragt: ein gesungenes Drama tödlich siedender Emotionen.

Doch lebt auch die „Götterdämmerung“, lebt der gesamte „Ring“ nicht nur von den Protagonisten, sondern ebenso von den Figuren der zweiten Reihe und ihren Interpreten. Herausragend Mika Kares in der Rolle des Verderben bringenden Hagen. Gewaltig sein Bassvolumen, das Kares aber nicht als bloß stolzer Besitzer präsentiert, sondern situativ zu formen und zu färben versteht. Und einmal mehr ist Christa Mayer zu rühmen. Ihr Auftritt als Waltraute, die Mahnung an die Schwester Brünnhilde, das ist Wagner-Gesang, wie er nur ganz selten zu hören ist: als mythisches Erzählen im Wissen um einen tief geheimnisvollen Grund. Aus dem weiteren Ensemble hervorstechend noch Anna Kissjudit als 1. Norn; achtbar Michael Kupfer-Radecky in der Rolle des Gunther; enttäuschend leider der Alberich von Jochen Schmeckenbecher, der diesmal in die Unsitte des Überpronocierens verfällt.

Und was hat die KI am Ende der „Götterdämmerung“ zum Untergang Walhalls zu bieten? Viel rote Farbe, wie üblich in rasch sich wechselnder Gestalt, finale Metamorphose des Unbestimmten. Weiß man, was das soll mit diesem „Ring“? Vielleicht empfiehlt es sich, hierzu die KI zu befragen.

Stefan Dosch | 02.08.26

onlinemerker.com

Bildlich wieder ein zunächst relativ friedlicher, schließlich jedoch trügerischer Beginn erwartete uns beim finalen Abend der Tetralogie – wieder eine nostalgisch-rotbraunstichige Bühnenskizze aus dem Uraufführungsjahr, dann gefolgt von einem s/w-Bild wohl aus der Wieland-Wagner-Ära, in dem sogar das Schicksalsseil zu sehen ist. Und obwohl manche Bilder seitens der KI noch länger als an den bisherigen drei Abenden auf dem Gazeschirm verweilen – meist reicht es doch nicht, diese und ihre Beziehung zur Handlung oder Musik ausreichend betrachten, begreifen und bedenken zu können. Weil ja auch oft recht wahllos zu Historienikonen gegriffen wird, ohne näheren Bayreuth- oder „Ring“-Bezug bzw. ohne klaren Bezug zu einer früheren, jetzt wieder zitierten Inszenierungsidee – Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, Frank Sinatra, Die Deutsche Einheit, der Euro, die brennenden WTC-Türme vom 9/11, ein überfülltes (Flüchtlings-)Schlauchboot wohl im Mittelmeer oder eine Ortstafel von Schengen. Zu Beginn des dritten Aktes blickt uns ein Portrait von Valentin Schwarz an, der den letzten szenischen „Ring“ (2022 – 2025) verantwortet hat. War jetzt auch nicht die große Freude. Dafür kommt das eine oder andere Feuerinferno irgendwann auf den Projektionsschirm, aber eher weniger davon im Finale…

Immerhin gibt’s diesmal nicht nur überwiegend Stehgesang, sondern auch Interaktionen zwischen den nach wie vor verwechslungsträchtig verhüllten Charakteren – so der innige Abschied Brünnhilde/Siegfried vor der Rheinfahrt, die gewaltsame Verschleppung der Ex-Walküre mit dem (freilich nicht szenisch ausgeführten) Tarnhelmtrick, ums Haar sogar einen Verschwörungshandschlag zum Ende des zweiten Aktes und ein doch recht eindrücklicher Mord Hagens an Siegfried; die Lanze dazu muß man sich freilich denken, wie zuvor schon Wotans Speer und Notung – nur Grane kommt einmal (im ersten Akt) kurz in den Projektionen vor. Und die Rheintöchter greifen wegen ihres dem der Nornen (und im Grunde aller anderen) recht ähnlichen Erscheinungsbildes beim Applaus zu einem Identifikationsgag: Wellgunde & Co. machen Unterarm-la ola, was aus dem Saal natürlich mit Heiterkeit quittiert wird; ob Pia Maria Mackert (Kostüme) mitgelacht hat?

Christian Thielemann hat erneut die musikalische Seite beispielhaft im Griff: die vielfältig wallenden Emotionen schon des ersten und zweiten Aktes blühen eindrücklich. Der dritte Akt ist dann einfach nur mehr unüberbietbar an – innerlich logisch und organisch eingesetzter – Dynamik und Agogik, die Stimmungen und Situationen direkt in die Ohren und Gehirne des Publikums projizieren: die Bühne und das, was Solistinnen und Solisten tun dürfen, geben das ja nicht her. Ob der Dirigent auch dafür verantwortlich ist, daß beim Trauermarsch der Vorhang geschlossen bleibt? Angesichts des immer wieder zu verzeichnenden (und anscheinend nicht von außen beeinflußbaren) visuellen Kuddelmuddel kunterbunt eine Idee, die dem Abend sehr gut tut.

Unter Thielemanns Leitung und Einstudierung geriert sich des Festspielorchester als wahre „Wunderharfe“ Dresdner Zuschnittes, das die Umsetzung des Vorbeschriebenen in makellosester Technik und Musikalität besorgt. Ähnliches ist auch über den Festspielchor (Leitung: Thomas Eitler-de Lint) zu vermelden: stabiler, rhythmisch und dynamisch felsenfest mit dem Dirigenten verbundener, artikulationsdeutlicher Gesang, alleine für sich schon ein Erlebnis!

Klaus Florian Vogt (Siegfried) ist nun schon den vierten Ring-Abend (in seiner dritten Rolle) ein Muster an stimmlicher Stabilität und Qualität: auch ohne baritonales „Helden“-Timbre paßt der Stimmkern, ist keine Anstrengung erkennbar, liefert er gute Diktion und insgesamt eine hervorragende Interpretation des „freien Helden“, den sich Wotan erträumte.

Die Brünnhilde von Camilla Nylund beginnt zwar wieder mit den schon in „Walküre“ und „Siegfried“ merklichen Schwächen, kann aber im langen Finalmonolog das Wobble-Vibrato fast völlig ablegen, trotz immer wieder erforderlicher hoher Lautstärke, und so zu einem sehr befriedigenden Ende dieser ersten „Ring“-Serie finden.

Waltraute statt Erda: Christa Mayer hat auch heute abend wieder einen nicht nur für den Handlungsverlauf (leider vergeblichen) eindrücklichen Auftritt; sie gestaltet ihn mit ihrer vorzüglichen Stimme und sehr guten Diktion als Ereignis.

Mika Kares mag nicht ganz den (unforciert!) geradezu erschreckenden Schalldruck eines Günter Groisböck oder dessen Diktion erreichen, aber sein Hagen ist trotzdem von erlesener Qualität. Auch Michael Kupfer-Radecky (Gunther), Jochen Schmeckenbecher (Alberich) und Magdalena Hinterdobler als Gutrune sowie 3. Norn bieten vorzügliche Leistungen. Letztere Gruppe ist außerdem mit Anna Kissjudit (am Montag und Dienstag als überzeugende Fricka besetzt) und Alexandra Ionis sehr gut bei Stimme.

Die Rheintöchter sind mit Katharina Konradi (Woglinde), Natalia Skrycka (Wellgunde) und Marie Henriette Reinhold (Floßhilde) ident zu „Rheingold“ und imponieren mit ebensolcher Güte wie am 27. 7.

Die Premiere schließt mit dem zu den letzten Takten der Musik fallenden Vorhang. Gewaltiger Applaus, Bravorufe, Getrampel bricht los – anfänglich mit einigen Buhs durchsetzt, aber nach Erscheinen der Sängerinnengruppen und der Protagonistenriege rein und sehr laut positiv. Trotzdem gibt’s dann noch eine Steigerung, als Christian Thielemann vor den Vorhang tritt – und den Applaus auch auf Orchester und Souffleuse (Ute Gherasim) lenkt. Die Begeisterung hält 17 Minuten an – eine einminütige, durch ebenso einhellige und laute Buhrufe gefüllte Pause zwischendurch gibt es aber, als das Produktionsteam (Marcus Lobbes, Nils Corte, Andri Hardmeier, Roman Senkl, Phil Hagen Jungschlaeger, Pia Maria Mackert sowie Wolf Gutjahr) vor dem Vorhang erscheint.

Petra und Helmut Huber | 02.08.2026

Der Merkur

Oper aus der Chip-Tüte

In der „Götterdämmerung“ zeigt Thielemann mit dem Festspielorchester noch einmal, wer am Hügel musikalisch das Sagen hat. Es ist ein Paradox. Der Mann bewegt sich in der Partitur wie ein lustvoller Flaneur. Gleichzeitig ist da diese Drauf- und Übersicht. Kein anderer Dirigent hat derzeit so viel „Ring“-Erfahrung, man hört es in jedem Takt. Die Tempo-Architektur, die Steigerungsdramaturgie, die Klangabmischungen mit ihren wie begeistert formulierten Details – es ist das Ereignis dieses „Rings“.

Keine Überwältigungsstimmen im „Ring“
Ungewohnt lyrisch ist auch in der „Götterdämmerung“ die Besetzung. Keine Überwältigungsstimmen. Klaus Florian Vogt schafft den Marathon. In allen „Ring“-Opern ist er dabei, am Ende, wo andere Tenöre ihre Stimmreste zusammenkratzen, ist er noch (fast) frisch. Camilla Nylund singt ihre Brünnhilde, als sei’s aus einer Oper von Richard Strauss – mit lyrischer Fülle, vielleicht etwas zu kleinformatig fürs Festspielhaus, aber mit Jubel-Spitzen bis zum Schlussmonolog. Mika Kares bleibt als Hagen schwarzsamtig raumfüllend und einige Nuancen schuldig. Christa Mayer (Waltraute) und Magdalena Hinterdobler (Gutrune), Nornen, Rheintöchter, alles exzellente Besetzungen. Der Chor singt seiner früheren Form hinterher, es gibt sogar einige Buhs.

Das Team an der KI ist etwas auf die Bremse getreten, die Bilder wechseln nicht mehr so hektisch. Es ist, das wird immer mehr zum Ärgernis, ein „Ring“ für Insider. Wer die szenischen Zitate aus früheren Inszenierungen nicht kennt, wird ausgesperrt. Ihm bleiben Politikerköpfe zwischen Reagan und Gorbatschow, der Rest ist Bildgrundrauschen. Dreimal geht der Vorhang zu, bei den großen symphonischen Zwischenspielen. Man ist allein mit Thielemann und dem Orchester. Bei der „Rheinfahrt“, erst recht beim grandios gesteigerten „Trauermarsch“ springt im dunklen Festspielhaus bei jedem das Kopfkino an. Ein KI-Projekt, das sich selbst widerlegt: Dieser „Ring“ ist ein Plädoyer fürs Analoge und für die Fantasie.

Markus Thiel | 02.08.2026

Rating
(8/10)
User Rating
(4.5/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
718 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 1.2 GiB (flac)
Remarks
In-house recording from the Bayreuth festival
A production by Marcus Lobbes (2026)
This recording is part of a complete Ring cycle.