An allem ist Hütchen schuld!

Lionel Friend
Sonderchor der Ruhr-Universität Bochum
pianopianissimo-musiktheater München
Bochumer Symphoniker
Date/Location
18 October 2015
Auditorium Maximum Bochum
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
HütchenLaura Lietzmann
Der FriederHans-Georg Priese
Das KatherlieschenRebecca Broberg
Frieders MutterJulia Ostertag
TrudeMaarja Purga
Ein HexenweibchenAnnamaria Kaszoni
Der DorfrichterLucas Vanzelli
SonneJulia Ostertag
MondAxel Wolloscheck
SternAnnamaria Kaszoni
Der TodRalf Sauerbrey
Der KönigsohnMartin Schmidt
Der TeufelAxel Wolloscheck
Des Teufels EllermutterJulia Ostertag
Der MüllerMartin Schmidt
Die MüllerinAnnamaria Kaszoni
Der SakristanKieran Carrel
Ein WirtAxel Wolloscheck
Sein EheweibMaarja Purga
Das singende springende LöweneckerchenLaura Lietzmann
Jacob Grimm
Siegfried WagnerMartin Schmidt
Gallery
nmz.de

Grimm und Käse

Der eingefleischte Opernfan kann dem Produktionsteam von Siegfried Wagners Märchenoper „An allem ist Hütchen schuld“ nur dankbar sein, immerhin sind dessen Opern äußerst selten auf den Spielplänen vertreten und die wenigen und dabei leider auch nicht wirklich immer brillanten Aufnahmen ermöglichen zudem kein eindeutiges Bild von den möglichen Qualitäten der fast vergessenen Werke.

Am vergangenen Sonntag war die Oper im Audimax der Bochumer Ruhr-Universität in einer Inszenierung des Siegfried-Wagner-Spezialisten Peter Paul Pachl mit dem pianopianissimo-musiktheater aus München, den Bochumer Symphonikern und dem Sonderchor der Ruhr-Uni unter der Leitung von Lionel Friend endlich einmal live zu hören und zu sehen.

„An allem ist Hütchen schuld“ ist ein im guten Sinne merk-würdiges Stück. Dabei besteht es weniger aus einer klar erzählten Märchenhandlung, wie viele andere Werke aus der Feder des Wagner-Sohnes und anderer Märchenoper-Komponisten der Jahrhundertwende. Vielmehr ist „An allem ist Hütchen schuld“ eine Oper über Märchenopern, treten in ihr doch nicht nur über 40 verschiedene Märchen-Figuren aus dem Grimmschen Märchen-Kosmos auf den Plan, sondern geraten sich darüber hinaus auch die Gebrüder Grimm mit dem Komponisten selbst in die Haare ob der verwirrten Handlungsstränge und des erstaunlich überbordenden Figurenklumpatschs. Schuld an der Verwirrung, das erfahren wir in Pachls Inszenierung bereits in der pantomimisch nacherzählten Ouvertüre, ist allerdings nicht eine ausgeuferte Intertextualitätsdebatte, sondern allein ein Kobold, der übles Chaos im Märchenbuchreich angerichtet hat. Zuweilen macht es durchaus Laune beim Hören, wenn Siegfried – ohne aber wirklich zu zitieren – den Sound des Vaters gerade an solchen Stellen heraufbeschwört, die auf textlicher Ebene eher absichtsvoll banal daherkommen.

Das sind dann zahlreiche kleine Gemeinheiten und Watschen in Richtung Papa, die faszinieren können und Spaß machen. Auffällig ist auch das extrem klein- und feingliedrige motivische Gewebe in Wagners Partitur, das blitzschnell und theaterwirksam auf die vielen Stimmungswechsel reagieren kann. Allerdings könnte gerade darin zugleich eine der Schwächen insgesamt liegen, denn wirklich aufregend musikalische Bögen spannen sich recht selten und so dümpelt die Musik doch häufig zäh und wenig inspiriert vor sich hin. Große Freude fürs Ohr brachten dennoch insbesondere immer wieder die wunderbar gespielten Soli der Bochumer Symphoniker, gerade in den Holzbläsern. Auch der überaus volle und warme Klang der Streicher konnte für das oft doch etwas wenig anpackend-inspirierte Dirigat von Lionel Friend entschädigen.

Dem offensichtlichen Mangel, dass ein Audimax nun einmal kein Opernhaus ist und folglich nicht mit Bühneneffekten und überbordender Theatermagie gespielt werden kann, begegnete das Regieteam sehr charmant, indem mit den unperfekten Möglichkeiten der atmosphärisch nicht unbedingt einnehmenden Spielstätte gearbeitet wurde. Ein umherlaufendes Filmteam projizierte dabei Live-Videos von Requisiten und Figuren auf eine große, zweigeteilte Leinwand – besonders auffällig dabei, da sich alles in einem Käselager abspielte, ein omnipräsentes Milchproduktsortiment sowie Zippo-Plastik-Tüten aus einem Drogeriemarkt. Die vorproduzierten Projektionen, beeindruckend insbesondere der Zoom ins Innere von chaotischen Gouda-Molekülen, substituierten das Bühnenbild und gaben Auskunft über den jeweiligen Ort des Geschehens. Während das Unfertige und Improvisierte in Requisite, Bühne oder Kostüm durchaus erfreute, ermüdete hingegen das typisch Opernhafte, das (womöglich ungewollt?) immer am Rande der Satire zu sein schien. Die Gestik der Sänger, die Auftritte, die Personenführung erschöpfte sich doch sehr schnell und ließ einen durchweg heiteren, aber ob der Harmlosigkeit doch etwas zwiespältigen Eindruck zurück.

Gordon Kampe | 20.10.2015

der-neue-merker.eu

Nach einer Durststrecke von einigen Jahren, während der zumindest im deutschsprachigem Raum keine Siegfried-Wagner-Oper mehr aufgeführt wurden, wurde jetzt in Bochum im Audimax der Ruhruniversität die Märchenoper „An allem ist Hütchen schuld“, aufgeführt, nachdem sie noch vor etwa zwei Jahren an einem Stadttheater des Ruhrgebiets aus Spargründen abgesagt wurde. Ausführende waren auch bei dieser Neuinszenierung das piano-pianissimo Musiktheater unter Leitung Peter P.Pachl, das einzige Theater, das sich heute noch für Siegfried Wagner-Aufführungen einsetzt. Die Bochumer Symphoniker unter der Leitung von Lionel Friend und der Sonderchor der Ruhruni (E.: Hans Jaskulsky) konnten dazu gewonnen werden. Es ergab sich eine sehr gelungene schöne Aufführung trotz der eingeengten Möglichkeiten im Audimax, nichtsdestotrotz konnte mehr als eine halbszenische-semikonzertante Aufführung wie noch vor ein paar Jahren in Danzig („Schmied von Marienburg“) realisiert werden, wohl da auch einige Sponsoren dazugekommen waren. ‚An allem ist Hütchen schuld‘ ist S.Wagners op.11 und gehört damit noch zu den früheren seiner über 20 Opern, sie erschien aber 1915, also nur 15 Jahre vor seinem Tod. Es handelt sich bei diesem Opus um eine Märchenkompilation aus über 40 Märchen der Brüder Grimm und anderer Märchenautoren, die von Siegfried Wagner, der seine Texte auch selber dichtete, oft mit ironischem Blick wie musikalische Motive zueinandergefügt werden. Handlungsträger stellen dabei auch zwei Märchenfiguren, nämlich Katherlieschen und Frieder dar, deren Liebe in 3 Akten auf harte Proben gestellt wird, bis es endlich für sie ein Happy-end gibt. Insofern wäre die Oper in ihren Wanderungen und Prüfungen, die die beiden unabhängig voneinander zu durchlaufen haben, und in denen sie in die jeweiligen Märchenplots geführt werden, mit Mozarts Zauberflöte zu vergleichen, aber ohne deren (Freimaurer-) Ideologie.

Zusätzlich zu den Düpierungen durch bösartige Märchengestalten/Hexenweibchen.Tod,Teufel, Sakristan etc.) geistert durch die ganze Handlung das Hütchen, ein Kobold, der den Verliebten das Leben zusätzlich schwer macht, wenn er auch eher wie ein kleiner Amor herüberkommt. Seine Machenschaften werden von Siegfried Wagner erst gestoppt, wenn gegen Ende in einem Melodram, die einzige ‚Unterbrechung‘ der sonst durchkomponierten Akte, Jacob Grimm und S.Wagner selbst einen Disput über die Auflösung dieser ‚Negativserie‘ halten lässt. In der Inszenierung stürzen dabei drei Denkmalfiguren der Brüder Grimm vom Sockel und die Dichter/Komponist verständigen sich via Telefon.

Bei P.P.Pachl beginnt das Spiel in einer Käsefabrik, in der Katherlieschen sich unmöglich macht wegen ihrer angeblichen bzw. vorgetäuschten Dummheit, und dann zum Sexualobjekt der Männer ihres Ortes verkommt. Frieder versteht sich als einziger mit ihr, ist aber von seiner Mutter an die ’schieche‘ Trude versprochen. Die moderne Käsefabrik wird auf einer Video-Breitleinwand eingespielt (Sebastian Rausch). Die Märchensituationen werden in starken Personenregien vergegenwärtigt und ‚herangezoomt‘ (Höhepunkt: der Teufel mit den drei goldenen Haaren mit seiner Ellermutter, aber auch die Szene mit der in den Sakristan verliebten Müllerin, wo Katherlieschen mit Hilfe eines kranken aber wahrsagenden Raben die Verstecke der edlen Speisen und dasjenige des Sakristans verrät, hat es in sich).

Robert Pflanz schafft mit nur zwei Ikea-Tischen immer wieder plastische „Bühnenbilder“, dazu stehen noch schwarze Tartan-Decken auf der sonst leeren Spielfläche zu Verfügung. Die teils grotesk ironischen Kostüme stammen von Christian Bruns.

Ganz ebenmäßig gestalten die Bochumer Symphoniker einen nicht enden wollenden Klangfluss, der einen ganz eigen-romantischen Schimmer aufweist, öfter ehestens an ‚die Meistersinger von Nürnberg‘ erinnernd. (Auch eine knackige Fuge kommt vor samt Prügelszene am Ende.) Also für 1915 kein Avantgardismus, sondern leicht impressionistisch angehauchter Schönklang, in der Wiedergabe sehr harmonisch aufbereitet. Lionel Friend kann diese fast verinnerlichte Märchen-Musiksprache den Musikern lebhaft vermitteln, und auch die Akustik ’spielt mit‘.

In der Kurzrolle des singenden springenden Löwenecketrchetns tritt Laura Lietzmann auf, die auch einen Part des Hütchens singt. Die stumme Rolle desselben gestaltet ganz amorhaft Alexander Lueg. Märchenfrau, Wirtin und Trude werden von Maarja Purga mit rollengemäßer leicht kreischender Stimme übernommen. Der Sakristan ist Kieran Carrel mit eindrücklichem Spiel. Müllerin und Hexenweibchen mimt und singt Annamaria Kaszoni mit großem Animo, die Kurzrolle Müller und ein kranker Königsohn übernimmt Martin Schmidt. Der Wirt, Teufel und Mond ist Axel Wollaschek mit ganz plastisch tumb-bösem Spiel und charakterstark baßbaritonalem Gesang. Den Tod gibt sehr eindrücklich Ralf Sauerbrey. Ganz köstlich markant auf den Punkt kann Julia Ostertag des Teufels Ellermutter sowie Frieders hartherzige Mutter zeichnen, wobei ihr ein äußerst klangsatt-prägnanter Mezzosopran zu Verfügung steht.

Als das hohe und gleichzeitig niedere Paar fungieren Hans-Georg Priese/Frieder mit einem super heldisch angelegten, klangreich farbigen Tenor, den man sich bereits als Jung-Siegfried vorstellen kann, und Katherlieschen Rebecca Broberg mit schön voluminösem gleichzeitig weichem Sopran, die sich sehr sympathisch aus ihrer Dienermentalität herausarbeitet.

Friedeon Rosén | Bochum/Audimax 18.10.2015

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Technical Specifications
192 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 270 MByte (MP3)
Remarks
A production by Peter P. Pachl