Das Rheingold

Christian Thielemann
Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
4 August 2026
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanMichael Volle
DonnerAlexander Grassauer
FrohSiyabonga Maqungo
LogeKlaus Florian Vogt
FasoltMika Kares
FafnerPeter Rose
AlberichJochen Schmeckenbecher
MimeGerhard Siegel
FrickaAnna Kissjudit
FreiaEvelin Novak
ErdaChrista Mayer
WoglindeKatharina Konradi
WellgundeNatalia Skrycka
FloßhildeMarie Henriette Reinhold
Gallery
Reviews
klassik-begeistert.de

„…flimmert der Fluß, flammet die Flut…“ – Der Bayreuther „Ring“ startet mit optischer Verwirrung

Mit Spannung erwartet wird seit Monaten der Jubiläums-Ring im KI-Kleid. Doch wie das manchmal so ist mit den neuen Kleidern, seien sie des Kaisers oder die einer neuen Inszenierungsidee – nicht immer gerät das Ergebnis überzeugend. Der „Rheingold“-Premierenabend am 27. Juli 2026 im Bayreuther Festspielhaus ließ viele Fragezeichen über den Köpfen des Publikums entstehen.

Das Gegenteil von „gut gemeint“
Sicher, schon Wagner selbst träumte davon, mit neuen technischen Möglichkeiten all das darzustellen, was er an seinerzeit undurchführbaren Ideen im Kopf hatte und in seinen Regieanweisungen deutlich niederschrieb. Allein das Ende der „Götterdämmerung“ wäre eine Aufgabe für „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson, und als vor drei Jahren der neue „Parsifal“ von Jay Scheib mit den AR-Brillen herauskam, war die Wagner-Gemeinde sehr gespannt darauf, wie nun endlich all das sichtbar gemacht würde, was bislang zu phantastisch oder überdimensioniert für eine normale Bühnenaufführung war. Das Ergebnis war eher ernüchternd, da war und ist noch viel Luft nach oben.

Ebenso verhält es sich mit der KI-Projektion von Marcus Lobbes und Nils Corte, die für das Kuratorium bzw. die künstlerisch-technische Konzeption dieses „Rings“ verantwortlich sind. Angedacht war ja eine in die Produktion integrierte Retrospektive auf 150 Jahre Inszenierungsgeschichte inklusive ständiger optischer Interaktion mit dem Bühnengeschehen und dem Libretto. Zu Beginn ist das auch noch der Fall, wenn ein Schwarz-Weiß-Photo mit den Ur-Rheintöchtern eingeblendet wird und allmählich leicht ins Diffuse changiert. Aber dann wird es bunt, und wie die Rheintöchter singen, es „…flimmert der Fluß, flammet die Flut…“, und zwar eine Flut von Bildern, die sich in sehr raschem Tempo ändern, zerfließen und in andere übergehen.

Sicher, man erahnt immer wieder die bekannten Aufnahmen der Inszenierungen von Wieland Wagner, Patrice Chereau oder Valentin Schwarz; auch das Kernenergie-Symbol aus dem Castorf-„Ring“ ist einmal zu sehen. Zumeist aber verschlingern und verschlieren sich goldene Ornamente, hölzerne Stellagen, Blicke in Abbruchhäuser oder auf Mauern unterschiedlicher Bauweise ineinander, und wenn einmal das Auge versucht, sich an etwas zu halten, um sich zu orientieren oder zu assoziieren, verschwindet das Gesehene bereits wieder oder wandelt sich. Es ist ein bisschen so, als hätte man einen Klon aus der DNS von Salvador Dalí, Francis Bacon und Max Ernst mit harten Designerdrogen vollgepumpt und ihm gesagt: „Male was – und zwar schnell!“

Ringe werden zu Menschenköpfen, rissige Lehmflächen zu Landschaften oder Bäumen – oder irgend etwas. Viele dieser Bilder sind ausgesprochen reizvoll und würden manche Galerie in Köln oder Berlin-Mitte schmücken, aber, das ist das Ärgste dabei, sie haben fast nie Bezug zum Geschehen. Gerade die Dichte von Wort und Ton ist es ja, was Wagners Werk auszeichnet, und da ist man schon froh, wenn in der Drachen-Verwandlungsszene von Alberich ein riesiger Schlangenkiefer erscheint. Beim Kröten-Kleinwuchs ist eine Art von Tschernobyl-Mutation einer Kröte zu sehen, die ebenso viele Beine hat wie die Menschenhände Finger in einer späteren Einblendung. Aber warum sind in ebendieser Nifelheim-Szene mehrfach irgendwelche Typen auf Gartenstühlen sichtbar, deren Gesichter dann auch wieder verschwimmen wie auf einem Bacon-Gemälde?

Während der Regenbogen sich musikalisch erhebt, sieht man Gestänge, rostige Oberflächen von Maschinen oder dergleichen, dann endlich gibt es auch die Spektralfarben in kitschigster Überzeichnung, und davon zuviel.

Ein Kollege meinte am Ende, nun müsse man sich jetzt wohl jeden „Ring“-Abend von diesem Bildschirmschoner die Augen ermüden lassen. Ja, man hätte soviel machen können aus dieser Idee und mit dieser Technik, aber – jetzt kommt das wirklich große „aber“: Das wird sich weisen. Jemand, der sich mit KI auskennt, hoffte, dass Lobbes umgehend den prompt, also die Arbeitsanweisung für die KI ändern möge, denn so wird das sonst am Ende zu einem Mega-Buh-Sturm führen, der sich am gestrigen Abend schon angedeutet hat.

Wer ist jetzt wer?
Ein weiteres echtes Problem dieser Produktion sind die Kostüme von Pia Maria Mackert. ALLE Mitwirkenden sind in das jeweils fast identische Kostüm gewandet, das in etwa so aussieht, als hätte man ein paar Lumpen und Federn in eine weiß-grau-schwarze Abmischung getunkt, die in etwa den Farbton der Hinterlassenschaften von Singvögeln hat. Beim Schlussapplaus weiß man in den mittleren bis oberen Reihen also nicht, wem man gerade Beifall spendet. Naja, Loge hat noch so etwas wie Silberflügel angeklebt bekommen, den erkennt man.

Eine Bewegungsregie gibt es nicht, es ist eine konzertante Aufführung mit bis auf wenige Gänge oder Gesten statischem Herumstehen und Rampensingen. Aber man soll ja auch die bunten Bilder anschauen, bis die Augenlider sinken.

Der ganz große Gegenpol
Musikalisch ist der Abend ein Hochgenuss. Christian Thielemann führt das Festspielorchester mit großer Sensibilität und Gespür für die ganz feinen Töne. Wofür er ein paar „Buhs“ erntet, ist unklar; möglicherweise ist sein Dirigat den Blökenden an manchen Stellen zu leise. Aber gerade dadurch schenkt er den Solistinnen und Solisten Raum und Entfaltungsmöglichkeiten. Wann hat man einen Alberich, wie den von Jochen Schmeckenbecher so angreifbar und fast sympathisch verzweifelt gehört? Er ist nach Meinung vieler der Star des Abends, weil er mit seiner markanten Stimme ganz wunderbar mit dem Text umgeht, ihm Leben gibt und seine Emotionen dadurch greifbar gestaltet.

Wenn es um den Beifall geht, so räumt Klaus Florian Vogt als Loge hier wirklich ab. Er ist der einzige, der versucht, etwas Bewegung in die Starrheit zu bringen, und hervorragend textverständlich. Ja, ein Loge darf frecher, bissiger sein; Vogt ist ein eher freundliches Feuerwesen.

Michael Volles Wotan ist gewohnt souverän, machtvoll und erschreckend aggressiv, als es ihm mit dem argen Alben zuviel wird. Stimmlich ist er herausragend, wenngleich er mit reichlich Vibrato singt.

Anna Kissjudit lässt als Fricka ihre so außerordentliche und farbenreiche Stimme wunderbar strömen und verleiht der Göttin eher menschliche Züge.

Christa Mayer singt die Erda mit deutlich wärmerem Alt bis Mezzo als im Vorjahr, wo sie bisweilen etwas kehlig klang.

Viel Beifall ernten zu Recht auch die Rheintöchter Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold, die das starre Stehen durch lebhaften Gesang ausgleichen.

Alexander Grassauer und Siyabonga Maqungo sind Donner und Froh, Evelin Novak ist die Freia; sie alle liefern ebenso wie die beiden Riesen Fasolt (Mika Kares) und Fafner (Peter Rose) einwandfreie Leistungen ab.

„Weißt du, wie das wird?“, fragt sich das Hügel-Publikum und ist gespannt auf die drei Hauptteile. Man hofft auf eine Sofort-Werkstatt Bayreuth.

Dr. Andreas Ströbl | 28. Juli 2026

konzertkritikopernkritikberlin.blog

Ist KI echt so langweilig?

Really? Das Jubi-Rheingold ist da, 150 Jahre Ring in Bayreuth, und es gibt quasi keine Inszenierung. Die Sänger machen einen auf Standbild, die Videos rasen ziemlich random durch 150 Jahre Bühnenstory. Aber sonst passiert 144 lange Musikdrama-Minuten – nichts. So will es Marcus Lobbes, Konzeptverantwortlicher beim Ring des Nibelungen 2026. So will es Katharina Wagner. Oder? Kostüme (Pia Maria Mackert): irgendwo zwischen lustig und vernachlässigbar. Ist KI echt so langweilig?

Die Besetzung kommt derzeit noch ohne KI aus und ist, Hand aufs Wagnerianer-Herz, hörenswert.

Michael Volle, der tatsächlich hier und heute seinen ersten Bayreuth-Wotan singt, ist in Rheingold kein Gott, sondern eine Type. Volle, der anfangs müde wirkt, ist ein hellklingender, gestochen Silben-klarer Wotan, als Göttervater gleich gebieterisch und fahrig, intelligent und altersgereizt, immer mit einer grandiosen Schippe Ironie gesungen. Anna Kissjudit, oft als Erda gehört, lässt ihre Fricka dank extra viel Stimme ins Mythische wachsen, doch – kleine Kritik – nicht immer schließt sich bei ihr der Klang zum Porträt. Und Erda Christa Mayer, oft als Fricka gehört, steigt als allwissende Untote aus dem Orkus des germanischen Mythos.

Die Schwarzalben glänzen. Jochen Schmeckenbechers Alberich-Porträt lässt ein gewisses Alter hören, aber er ist in der Rheinszene souverän und in der Nibelheimszene prall vor Jähzorn. Seine Herrschlust – vor den habt Acht!-Rufen – wird gepusht durch konsonantische Schärfe, seine Verfluchung des Rings durch gestisches Singen lebendig. Gut auch Gerhard Siegel als Mime, gut der Zorn der Verzweiflung in Wir lachten lustig der Müh‘.

Was macht das restliche göttliche Personal dieser Rheingold-Premiere? Licht und Schatten beim Loge von Klaus Florian Vogt. Blass bleibt Loges palaverndes Parlando. Vogt war als Sänger nie Rhetoriker. Aber der liedhafte Schwung von So weit Leben und Weben überzeugt. Das Zwielichtige fehlt. Dafür fesselt die Aufrichtigkeit dieser Figur. Hier darf Loge endlich einmal eine auch stimmlich strahlende, zudem mit hinreißender Textverständlichkeit ausgestattete Jünglingsgestalt sein. Was doch aufregend ist.

Sehr gut die Hilfsgötter Donner und Froh. Ersterer wird schlank und energisch gesungen von Alexander Grassauer, in Heda! Heda! Hedo! wird der Bassbariton noch ein bisserl markiert eingesetzt. Siyabonga Maqungo gibt den Froh fulminant, klingt bei allem Diensteifer, mit dem er Freia zur Hilfe eilen will, immer leicht ironisch – ein Vergnügen. Makellos schlank: Zu mir, Freia! und Sie kehrten zurück. Von der Freia (Evelin Novak) bleiben die feurigen Hilferufe in Erinnerung.

Wie Mime und sein Neffe Hagen, wie das Wälsungenpaar, wie das hohe Paar Siegfried-Brünnhilde, wie Hunding, so erlebt auch das Geschlecht der Riesen das Ende des Rings des Nibelungen nicht. Fasolt, den Mika Kares mit eindrucksvoller Stimme unnötig voluminös singt – wunderschön allerdings der Abschiedsgesang Freia, die schöne -, erwischt es schon in Rheingold, Fafner, den der famos verschlagene, stimmlich schon am Rand der Altersweisheit stehende Peter Rose zur Bühnengestalt formt, dann in Siegfried.

Die Rheintöchter machen immer Spaß, auch bei dieser Premiere. Woglinde (Katharina Konradi) erweist sich als supergut vernehmbar im ersten kleinen Wallala!-Terzett (doch einiges klingt nicht idiomatisch). Die Wellgunde der Natalia Skrycka singt Durch den grünen Schwall/den wonnigen Schläfer sie grüßt wunderbar behutsam, während Floßhilde (Marie Henriette Reinhold) Alberich von Anfang an nicht über den Weg traut: Der Vater sagt‘ es/und uns befahl er.

Offenbar unbeeindruckt von der realtime-KI, die in full swing über seinen Scheitel flutet, dirigiert Christian Thielemann im Bayreuther Graben – offenbar einen Ticken langsamer als zuletzt in Berlin. Das Vorspiel beginnt naturmotivisch behäbig, doch sobald das Wellenmotiv auftaucht, ist die Bewegung da. Thielemann lässt das Festspielorchester gar nicht schwer spielen, immer ist die Musik im Fluss, Ring- und Walhallmotiv erhalten, wo möglich, eine satt leuchtende Patina. Auffällig die Freude an der Tonmalerei, auffällig die lustvoll aufbrandenden Höhepunkte, aber auch eine fast unmerkliche klassizierende Eleganz, auffällig die Plastik selbst kleiner Details, und überhaupt eine (fast naive) Freude am Klang.

Die der Pseudo-Inszenierung geltenden Buhs im Publikum waren allem Anschein nach nicht KI-generiert.

Schlatz | 28. Juli 2026

Der Merkur

Ja wo singen sie denn? KI-„Rheingold“ bei den Bayreuther Festspielen

Für alles gibt es ja eine Generalentschuldigung. Billig musste die Sache sein, bühnentechnisch nicht zu komplex und, was die Live-Situation betrifft, schnell herstellbar, ohne lange Umbaupausen. Dieser „Ring des Nibelungen“ war einst als Herzstück einer Mega-Sause gedacht. Wir erinnern uns: Alle jemals für Bayreuth gedachten Musikdramen Richard Wagners sollten zum 150. Geburtstag der Festspiele aufgeführt werden plus der Neuling „Rienzi“ als Bonustrack und einmalige Ausnahme. Dann kam das große Finanzgespenst und zauberte viele Projekte in den Orkus. Jetzt haben wir den KI-Salat: einen „Ring“ mit Riesenbildern aus der Künstlichen Intelligenz und einem exquisiten Gesangspersonal, das in der digitalen Illustration absäuft.

Für Sängerinnen und Sänger gilt zumindest im „Rheingold“, im ersten „Ring“-Teil, Badekappenpflicht. So sieht jedenfalls die vorgeschriebene Kopfbedeckung aus. Einzig bei Klaus Florian Vogt als Loge darf sich die Blondmähne wie eh und je entfalten. Dafür hat ihm Kostümdesignerin Pia Maria Mackert zwei Flügel umgeschnallt – ein Heldentenor-Engelchen. Alle sind sie weitgehend verdammt zum Stillstand und werden ein paar Meter hinter der Rampe postiert. In ihrem Rücken ein bühnenhoher Gazevorhang und vor ihnen, an der Rampe, leider auch. Projektionsflächen für die KI-Bilder sind das. Vor allem aber rücken uns die Stars unendlich fern. Visuell, dummerweise auch klanglich. Wie abgetrennt vom Publikum müssen sie singen. Im offenen Bühnenraum verschaffen sie sich schwer Resonanz, selbst Stimmen wie die von Wotan Michael Volle klingen matt. Auch Bayreuth-Debütant Alexander Grassauer, mit sonor-samtigem Bassbariton auf dem Weg zu ganz Großem, bleibt als Donner ein Gewitterchen. Ein Frust-Erlebnis für beide Seiten der Rampe.

Bilderrätselfutter für Wagnerianer
Marcus Lobbes und Nils Corte werden wohlweislich nicht Regisseure genannt („Kurator“, „künstlerisch-technische Konzeption“). Ihre Computer haben sie mit 150 Jahren „Ring“-Geschichte gespeist, auch mit Bildern aus Politik und Gesellschaft. Sogenannte „Tracker“ sorgen dafür, dass die KI auf Stücke und Text live reagiert und Projektionen auswirft. Was bedeutet: Dreimal wird dieser „Ring“ in diesem Bayreuther Sommer gespielt, dreimal wird er vom Bildgeschehen her anders ausfallen. Keine bewegten Sequenzen sind das, Opas Diavortrag feiert Wiederauferstehung als 2026er-Update.

Immerhin liefert das Rätselfutter. Wieland Wagners „Ring“-Scheibe glimmt auf, Bruchstück-Bilder der späteren Produktionen von Patrice Chéreau, Harry Kupfer und Frank Castorf werden projiziert. Bei Alberichs Verwandlung in einen Drachen sieht man grünes Gewürm, beim Regenbogen-Finale gibt sich die KI werktreu: Der bunte Bogen wäre eine Zierde für jeden CSD. Wenn Menschen auftauchen, sind sie zur Unschärfe verfremdet. Ein kaum rhythmisierter, nie fokussierter Assoziationswust. Auge und Hirn sind dauerbeschäftigt und ermüden gleichzeitig. Konzertante Aufführungen sind dagegen ein Thriller. Buhs und Pfiffe nach dem letzten Ton, sie wirken wie eine Pflichterfüllung.

Machtdemonstration von Christian Thielemann
Man spürt, wie unschlüssig Sängerinnen und Sänger alledem gegenüberstehen. Dabei fährt Bayreuth First-Class-Personal auf: Michael Volle bleibt der führende Wotan unserer Zeit, Klaus Florian Vogt entdeckt mit Tenorfeinbesteck in der Loge-Partie ungewohnt Liedhaftes, Gerhard Siegels Mime neonleuchtet in allen Vokalfarben, auch die Rheintöchter sind mit Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold exquisit besetzt. Einzig Jochen Schmeckenbecher als Alberich (eine Indisposition?) fällt etwas ab. Sie alle führen vor: Gegen ihren gestischen Gesang, ihre in Klang übersetzte Textkunst hat KI keine Chance.

Erst recht nicht gegen den Mann am Pult. Christian Thielemann dirigiert dieses „Rheingold“ als Machtdemonstration. Alle sollen hören, dass er die Partitur im kleinen Finger hat, es ist ein Fest des Wissens und der Finessen. Was die Szene verweigert, spielt sich im überdeckten Graben ab. Mit dem Festspielorchester sorgt Thielemann für eine plastische, doppel- und dreifachbödige Interpretation. Ausgerechnet zum 150. Geburtstag wird das Festspielhaus also verdammt zum unsichtbaren Theater. Die gute Nachricht: KI verliert im direkten Duell haushoch gegen analoge Kunst. Die schlechte: Bis zum Final-Akkord der „Götterdämmerung“ sind es noch zwölfeinhalb Stunden.

Markus Thiel | 28. Juli 2026

concerti.de

Wenn das Rheingold in Bilderfluten absäuft

Mancher eingefleischte Wagnerianer, der von den letzten Bayreuther „Ring“-Inszenierungen von Frank Castorf bis Valentin Schwarz entsetzt war, mochte heimliche Hoffnungen gehegt haben. Nicht etwa, weil es diesmal die Position „Regie“ in der Liste der Leitungsfunktionen von „Musikalischer Leitung“ bis „Kostümbild“ gar nicht gab. Sondern weil die Ankündigung, es gebe im „Ring“ 2026 als Bildwelt einen von der Künstlichen Intelligenz generierten Querschnitt von 150 Jahren Bayreuther Inszenierungshistorie, doch immerhin nahelegte, dass die legendären liebgewonnenen Produktionen von Wieland Wagner, Patrice Chéreau und Harry Kupfer ein wohliges Wiedersehen bieten mochten. Statt krampfhafter Neuerung der Sicht auf die mythenschwere und womöglich längst ausinterpretierte Tetralogie also ein Best of-Mix bewährter Lösungen. Statt intellektueller oder politischer oder sonstwie kritischer Befragung des Stücks einfach mal die Rolle rückwärts. Retro ohne Regie. Entlastung statt Erregung. Poesie statt Konzept.

Unerwünscht: eine eigene Haltung zum Werk
Die ersten Minuten machen denn auch durchaus Laune. Während Christian Thielemann das allmähliche klangliche Wachsen und Werden der Welt aus der Es-Dur-Ursuppe mit überlegener leichter Hand gestaltet – flüssig im besten und wahrsten Sinn des Wortes, transparent und warm zugleich, als ganz natürliche Evolution, öffnet sich langsam der Vorhang, und wir erblicken auf der Rückwand der Bühne Schwarz-Weiß-Bilder der Rheintöchter aus der ersten Bayreuther Inszenierung von 1876, die Richard Wagner ja noch selbst als Regisseur verantwortete. Das Anfangsbild ist von Marcus Lobbes und seinem für die KI-Bebilderung zuständigen Team noch nicht dem digitalen Zufall überlassen: Es ist eine bewusste Setzung der künstlerisch-technischen Kuratoren, die ansonsten ausdrücklich keine Interpretation, keine eigene Haltung zum Werk einnehmen wollen. Sie haben in ihrer Vorarbeit nur eifrig Bildmaterial gesammelt, in einen Archiv-Pool eingespeist und die Szenenfolge dramaturgisch in einem Skript festgehalten, damit die KI weiß, zu welchem Teil der Handlung denn grundsätzlich welche visuellen Schnipsel passen.

Poetische Assoziationsräume oder ermüdende Langeweile?
Während zu Beginn also noch eine zur epischen Ruhe der Musik passende Langsamkeit der Projektionen herrscht und die Publikumserwartung – statt der sonst allfälligen Regieprovokation – in Richtung anregender poetischer Assoziationsräume geht, gibt Marcus Lobbes diese einzige, die KI gleichsam mäßigende Vorgabe auf. Denn der Direktor der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund lässt nun eine solch ungebremste Flut der Bilder zu, die erst für Überforderung, dann – es folgen ja noch über zwei pausenlose Stunden Wagnerwerk – nurmehr für ermüdende Langeweile sorgt. Die Bildfolge ist derart beschleunigt, als würde sie dem wahllosen Wischen auf dem Smartphone folgen. Sowohl auf die Rückwand als auch auf die Gaze am Orchestergraben (Bühne: Wolf Gutjahr), werden die Projektionen geworfen, dazwischen stehen die Sänger festgenagelt wie Skulpturen, alle ähnlich gewandet in gräulichen wuseligen Kostümen wie aus handelsüblichen Fantasy-Filmen.

Die Besetzungsliste weist Pia Maria Mackert als Kostümbildnerin aus. Gestreift von einem Anflug von Humor wirkt allein das Kostüm von Klaus Florian Vogt als Feuergott Loge: Er trägt – schließlich ist der Lohengrin die Rolle seines Lebens – Flügel am Rücken. Eine Personenregie gibt es ausdrücklich nicht, soll es ja auch nicht geben, die szenische Probenphase ist von vielen Wochen auf wenige Tage geschrumpft. Das Konzept ist auch ein Sparmodell.

Das Verschmelzen von theatraler Geschichte und Gegenwart
Zugegeben: Es gibt ein paar aparte Augenblicke. Wenn Wieland Wagners Weltenscheibe, denen das den Sängern vorbehaltene Halbrund entfernt ähnelt, auf der Rückwand erscheint, dann verschmelzen theatrale Geschichte und Gegenwart: Die Besetzung von heute steht so statisch umher wie auf dem Foto von einst, sie verlängert gleichsam das frühere sängerische Kollegium. Doch es bleiben dem Zufall geschuldete sekundenkurze Momente der Magie, denen alsbald nichts als digital generierte Beliebigkeit folgt. Erkennbar wird die höchst gelangweilte, in Liegestühlen vor dem Motel sitzende Herrenriege aus Frank Castorfs „Rheingold“-Produktion.

Natürlich wählt die KI auch immer wieder die Fabrikwelten aus Chéreaus legendärem Jahrhundert-„Ring“, doch die Bilder bleiben zu oft im gepixelten Ungefähr und wechseln einfach zu rasant, als dass sie für sinnstiftenden Beziehungszauber sorgen könnten. Der Mix aus Bühnenentwürfen, konkreten Szenenfotos, Naturbildern und romantischen Gemäldezitaten ergibt ein wuselndes Gewimmel, das bestenfalls an die surrealen Welten von Salvador Dalí erinnert, aber meist doch nur eine viel zu spät kommende Möchtegern-Postmoderne unterbietet. Und letztere hat nun mal eine für das (Musik-) Theater fatale Eigenschaft: Sie ist so furchtbar beliebig. Den behaupteten und erhofften Mehrwert besitzen diese Bilderfluten der KI nicht. Sie mögen künstlich (erzeugt) sein, intelligent sind sie nicht wirklich.

Thielemann zaubert mit dem größten Understatement
Doch jede Verlusterfahrung kann ja auch einen Gewinn bieten. Dieser liegt darin, dass die Sänger so artig festgenagelt auf der Stelle stehen und daher direkt zu Christian Thielemann blicken können, dass die musikalische Koordination ein Kinderspiel zu sein scheint. Am Pult des Orchesters der Bayreuther Festspiele steht der wichtigste Wagner-Dirigent der Gegenwart und kann mit dem größten Understatement zaubern. Dieses „Rheingold“ klingt über weite Strecken wie Kammermusik und wie ein perfekt austariertes Konversationsstück. Thielemann trägt die Sänger auf Händen. Er entfaltet die Leitmotive ganz plastisch und verständlich. Er dirigiert ohne jeden Druck, weiß eben, wie die Kunst des feinsten Übergangs geht. Erfahrung, die im auf junge aufstrebende Dirigenten setzenden Musikmarkt fast zum Schimpfwort geworden ist, zahlt sich bei ihm vollends aus. Erst im letzten Bild steuert Thielemann bewusst orchestrale Höhepunkte an, die nun umso krasser ihre Wirkung entfalten.

Sängerisch ist die Bayreuth-Welt in Ordnung: Da verströmt Michael Volle als weltbester Wotan die Bariton-Souveränität eines echten Göttervaters. Anna Kissjudit ist als seine Gattin Fricka die große Entdeckung des Abends, so berührend dunkel und erdig tönt ihr Mezzo zwischen Eichenholz und Granit. Klaus Florian Vogt (der in diesem „Ring“ auch den Siegmund und den Siegfried geben wird) führt seinen Tenor für den Loge so schlank und hell wie zu seinen sängerischen Anfängen. Jochen Schmeckenbecher ist ein deklamationsstarker, nachgerade intellektuell gestaltender Alberich, dem nur die düstere Durchschlagskraft abgeht. Charaktertenor Gerhard Siegel führt seinen Mime nah an die Grenze der Karikatur. Mika Kares ist ein mit wohltönenden Kopfstimmenresonanzen aufwartender Edel-Fasolt. Nur: Wie geht das jetzt weiter mit dem Bayreuther-KI-„Ring“? Gibt es die unverhofft schnelle Lernkurve des Systems? Lernen die Bilder, langsamer zu laufen?

Peter Krause | 28. Juli 2026

Online Musik Magazin

Bilder, die man nicht braucht

150 Jahre Bayreuther Festspiele, das bedeutet auch: 150 Jahre Der Ring des Nibelungen. Auch wenn Das Rheingold und Die Walküre gegen den Willen Richard Wagners auf Geheiß seines königlichen Mäzens Ludwig II. vorab in München uraufgeführt wurden (1869 bzw. 1870), ging der erste vollständige Zyklus 1876 über die Bühne. Zum aktuellen Jubiläum darf es deshalb durchaus etwas Besonderes geben. Man erinnere sich: Zum 100. Jahrestag hatte der seinerzeitige Festspielleiter Wolfgang Wagner einen jungen, nahezu unbekannten Filmemacher namens Patrice Chéreau als Regisseur verpflichtet, der den Mythos kurzerhand ins 19. Jahrhundert und die Epoche der Industrialisierung verfrachtete – was zuerst vehement niedergebrüllt wurde, später als gefeierter “Jahrhundert-Ring” in die Rezeptionsgeschichte eingegangen ist. Nun hat das Regietheater das vierteilige Werk seitdem in nahezu alle Richtungen ausgeweidet, sodass jede Neudeutung Gefahr läuft, mit einem kühlen “das hatten wir schon” abserviert zu werden. Und prominente Regieteams stehen nicht gerade Schlange, um in Bayreuth unter immensem Zeitdruck und keineswegs unbegrenztem Budget vier ausladende Opern am Stück zu inszenieren.

Die Lösung soll künstliche Intelligenz, kurz: KI, bringen, orientiert an den Bühnen- und Kostümbildern der fünfzehn vergangenen Bayreuther Ring-Inszenierungen. Damit blickt man, so die Hoffnung, in die Vergangenheit wie in die Zukunft oder zumindest in die digitale Gegenwart. Passend dazu bezeichnet man dieses Projekt als Ring 10010110, wobei die Zahlenkombination nichts anderes bedeutet als “150”, dargestellt im Binärsystem, das nur 0 und 1 als Ziffern kennt und die Basis jeden Computers und aller Digitalität darstellt. Marcus Lobbes, Regisseur und inzwischen Direktor der Akademie für Theater und Digitalität Dortmund, trägt als “Kurator” die künstlerische Hauptverantwortung – denn die KI tut im Allgemeinen das, wozu man sie auffordert, und ist abhängig davon, was sie zum Lernen vorgesetzt bekommt. Grundlage ist in diesem Fall zunächst das Bildmaterial der vergangenen Bayreuther Ring-Produktionen. Dabei bleibt es nicht, denn es soll vielschichtiger zugehen. So erwähnt Lobbes im Programmbuch, dass man sich damit befasst habe, welche Gesprächsthemen jenseits von Wagner das Publikum im Laufe der Jahre in den Pausen beschäftigt haben könnte. Es soll ein Netz von vielschichtigen Assoziationen über die Aufführung gelegt werden.

Nun ist das Ergebnis, so der Eindruck nach dem Rheingold, einigermaßen ernüchternd. Auf zwei gestaffelte Vorhänge (dazwischen stehen Sängerinnen und Sänger) werden im einlullenden Rhythmus von einigen Sekunden Bilder aller Art mit sanft fließenden Übergängen eingeblendet. Am Beginn jeder Szene steht, das ist eine der Vorgaben an die KI, ein entsprechendes Foto des allerersten Rings von 1876. Der Rest soll als Reaktion auf das Geschehen jeden Abend neu entstehen (warum eigentlich? Findet die KI keine “optimale Lösung” des Problems?). Um es kurz zu machen (und weil zu befürchten ist, dass die folgenden Abende keine wesentliche Veränderung des Konzepts zeigen und Raum für die Beschreibung von Details lassen werden): Es artet in einer ebenso beliebig anmutenden wie ermüdenden Bilderflut aus. Man ist ja schon dankbar, wenn zu Alberichs Verwandlung in einen Riesenwurm der anatomisch unsinnige, aber immerhin erkennbare Kopf eines echsen- und schlangenartigen Tieres und später eine Kröte zu erkennen sind. Über besondere Wagner-Kenntnisse verfügt die KI offenbar trotz aller Vorgaben nicht, jedenfalls sind manche Motive falsch zugeordnet. Der Regenbogen nach Walhall etwa, der eigentlich erst in den letzten Minuten der Oper als Brücke geschlagen wird, taucht schon sehr viel früher auf.

Das singende Personal steht in edlen silbergrauen, vogelartigen, einander sehr ähnlichen und kaum unterscheidbaren Kostümen auf der Bühne. Am einfachsten ist Loge zu erkennen, der ein Paar Flügel trägt (Kostüme: Pia Maria Mackert). So sollen die Figuren skulptural wirken. Ein “rollenbezogener Ansatz” und “individuelle Charakterzeichnungen” sind, so Lobbes, explizit nicht erwünscht. Das unterlaufen die Darstellerinnen und Darsteller in der hier besprochenen zweiten Aufführung immer wieder und versuchen, zumindest pantomimisch anzudeuten, dass es sich grundsätzlich beim Ring des Nibelungen um lebendiges Theater handelt, das eine Geschichte erzählen will. Genau das tut ja auch die Musik, und ganz dezidiert auch in dieser Aufführung, die zum großen Hörtheater wird – soweit man sich nicht durch die Projektionen ablenken lässt.

Dirigent Christian Thielemann lässt das fabelhafte Festspielorchester, das ungleich farbenreicher klingt als am Abend zuvor in Rienzi, eine unendliche, nie abreißende Melodie spielen. Davon werden die Stimmen nicht nur getragen, sondern der symphonisch-erzählerische Gestus, der kammermusikalische Klarheit besitzt, korrespondiert exzellent mit den Gesangslinien. Ein leichter, wendiger, oft ironischer Konversationston, der gleichzeitig den großen Bogen schlägt: Damit gelingt Thielemann so etwas wie die Quadratur des Kreises. Die erste Szene ist von hell leuchtender, beinahe impressionistisch anmutender Leichtigkeit geprägt. Dabei zeigt der Dirigent Sinn für lautmalerische Klangeffekte. Wohl noch nie haben die Wellen des Rheins so plastisch geplätschert wie hier. Aber ebenso werden die dramatischen Momente mit großer Spannung aufgebaut.

Gesungen wird mit außerordentlich guter Textverständlichkeit und genauer, an der Sprache orientierter Phrasierung. Wenn Mime von seiner Pein mit Bruder Alberich klagt, macht Gerhard Siegel mit geschmeidigem Tenor ein vokales Kabinettstückchen daraus, dass man durchaus Mitleid mit ihm bekommen kann. Überhaupt ist die absurde Konversation in Nibelheim mit vielen ironischen Zwischentönen mitreißend ausgestaltet: Der agile, ironisch distanzierte Loge von Klaus Florian Vogt, der nobel-liedhafte Wotan von Michael Volle und der gefährlich kühl auftretende Alberich von Jochen Schmeckenbecher liefern sich ein irrwitziges Wortgefecht mit feinen Nuancierungen. Allein die Ambosse wirken arg kraftlos.

Die leicht dunkel grundierte, überaus souveräne Fricka von Anna Kissjudit und die jugendlich-lyrische Freia von Evelin Novak ergänzen ein Götterensemble, in dem der etwas leichtgewichtige Froh (Siyabonga Maqungo) und der etwas eindimensional poltrige Donner (Alexander Grassauer) eine Spur abfallen. Christa Mayer singt eine prachtvolle, besser als in vergangenen Jahren fokussierte Erda. Mika Kares gibt einen naiv-einfältigen Fasolt, Peter Rose in sinnfälligem Kontrast dazu einen rational und sachlich kalkulierenden Fafner. Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold harmonieren perfekt als außerordentlich klangschönes Rheintöchter-Terzett. Ihnen allen (und noch mehr dem Publikum) wünschte man, die KI würde einfach einmal innehalten und der Musik nachlauschen. Aber der ist’s offenbar egal. Fortsetzung folgt.

FAZIT
Musikalisch ein überragender Ring-Auftakt mit nervtötenden, wenig sinnstiftenden Bilderfluten.

Stefan Schmöe | rezensierte Aufführung: 4. August 2026

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(7/10)
User Rating
(4/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
669 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 717 MiB (flac)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth festival
A production by Marcus Lobbes (2026)
This recording is part of a complete Ring cycle.