“Tannhäuser” an der Staatsoper mit dem famosen Clay Hilley
Elisabeth und Venus, Sittlichkeit und Sünde: Zwischen diesen Polen ist die Seelenwelt Tannhäusers aufgespannt, und zwar bis zum Zerreißen. Dem Staatsopernorchester gelingt es am Sonntagabend schon bei der Ouvertüre, diese Verschiedenheit hörbar zu machen: Unter der Leitung des dynamischen Axel Kober präsentieren die Bläser den Pilgerchor in makelloser Weise, mit schlankem Klang und fließendem Tempo, kantabel und differenziert. Die Streicher hingegen spielen die flirrende Venusberg-Musik teils unrein und auch etwas ungelenk.
Ja: Nach der Premiere im Mai steht Lydia Steiers Neudeutung von Richard Wagners großer romantischer Oper wieder auf dem Spielplan der Staatsoper. Da ist wieder der große, schwarz-goldene Torbogen, das “Stargate”, das die Protagonisten in so unterschiedliche Zeiten führt: erst in die goldenen 1920er-Jahre und dann in das Braunhemdjahrzehnt danach.
Wunderschöne Aussprache
Wie vor vier Monaten gibt Clay Hilley die Titelpartie. Sein Tenor bietet trompetenhelle Geradlinigkeit, kennt aber auch die federnde Gangart und die zarten Töne. Die Rom-Erzählung gelingt dem US-Amerikaner spannend und intensiv. Eine famose Gesamtleistung. Eine sichere Bank ist auch Camilla Nylund als Elisabeth: in der Spitze kurz hochdramatische Intensität, darunter sattes, wenn auch wenig glänzendes Material.
Wie bei der Premiere ist Martin Gantner (statt Ludovic Tézier) als Wolfram von Eschenbach ein Aktivposten, dessen agiler Bariton mit druckvoller Eindringlichkeit belebt. Und dann diese wunderschöne Aussprache! Die lyrische Wärme bleibt beim Holden Abendstern stimmcharaktergemäß etwas unterbelichtet. Eine Idealbesetzung und glänzend disponiert: Georg Zeppenfeld als nobler Landgraf Hermann; beglückend auch Jörg Schneider als Walther von der Vogelweide. Ekaterina Gubanova paart als Venus obenrum schillernde Schärfe mit einem üppigen Vibrato und lockt in der leisen Mittellage ins sinnliche Halbdunkel. Jubel.
Stefan Ender | 15.9.2025