Die Walküre
| Donald Runnicles | |||||
| Orchester der Deutschen Oper Berlin | ||||||
Date/Location
Recording Type
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| Siegmund | Matthew Newlin |
| Hunding | Tobias Kehrer |
| Wotan | Jordan Shanahan |
| Sieglinde | Elisabeth Teige |
| Brünnhilde | Trine Møller |
| Fricka | Annika Schlicht |
| Helmwige | Martina Welschenbach |
| Gerhilde | Felicia Moore |
| Ortlinde | Maria Motolygina |
| Waltraute | Aleksandra Meteleva |
| Siegrune | Arianna Manganello |
| Grimgerde | Nicole Piccolomini |
| Schwertleite | Lauren Decker |
| Roßweiße | Karis Tucker |
So romantisch ist „Die Walküre“ nur selten zu erleben
Keine 20 Stunden ist der Start des handwerklich ausgezeichneten Rheingolds her, und nun geht es direkt weiter mit dem beliebtesten Teil der Tetralogie, „Der Walküre“. Auch dieser Abend ist nicht ausverkauft, allerdings scheinen ein paar leere Plätze vom Vortag nun gefüllt worden zu sein.
Auch einen Tag später schwirrt ein wenig der Kopf angesichts der überbordenden und verqueren Regie von Stefan Herheim, doch das ist mit dem immer wieder umwerfenden Walküren-Vorspiel wie weggeblasen.
Dirigent Runnicles, der es am Vorabend noch zurückhaltend angegangen ist, wagt deutlich mehr als viel Interpretation. Hier setzt der Brite nicht auf Knalleffekt und Apokalypse, sondern beginnt im furiose Vorspiel fast zärtlich. Das gilt auch für den restlichen ersten Akt, der selten so betörend und romantisch erklingen darf.
Getragen wird dies überdeutlich von Elisabeth Teige und Matthew Newlin. Während Teige einfühlsam,regelrecht mütterlich die liebende Sieglinde mimt, ist Matthew Newlin ein Held der Sonderklasse: Überschäumend von Selbstvertrauen, Furchtlosigkeit und Dummheit, stellt er sich – den durch Tobias Kehrer vortrefflich finster gesungenen – Hunding und dem Rest der Welt in den Weg.
Allerdings fangen nach dem glänzenden Start erstmals in diesem Zyklus die Probleme an. Hin und wieder greift Runnicles zu arg langsamen Tempi, Todverkündung und der Brünnhilde-Siegmund-Dialog schleppen sich ein wenig. Und auch die titelgebende Walküre kann leider nicht ganz überzeugen, Trine Møller ist zwar wunderbar emphatisch, aber leider einen Tick zu passiv und kindlich, zu wenig kämpferisch, um wirklich glaubhaft den ständig schäumenden Wotan umstimmen zu können.
Allerdings ist fraglich, ob der statt von Iain Peterson nun von Jordan Shanahan gesungene Göttervater eine feurige Brünnhilde braucht, denn der ist bei seinem ersten Auftritt ein zum wimmernden Wrack verkommenes Häuflein, die Degradierung vom Göttervater zum gebrochenen Individuum ist allerdings angesichts seiner durch Annika Schlicht wirklich fabelhaft manipulativen-sadistischen gespielten Fricka auch mehr als angemessen.
Schluchzend und mit perfekter Phrasierung meistert der Amerikaner die Mega-Monologe, die wohl zu dem dramatischsten und mitreißendsten gehören, was Wagner je geschrieben hat. Ist die Gattin im dritten Akt verschwunden, verwandelt sich der im weißen Anzug gekleidete Gott und kann nun die ganze Vielseitigkeit der komplexen Figur ausarbeiten: Vom cholerischen Machthaber bis zum melancholischen Vatern ist alles im wohlklingenden Bariton drin.
Das ist wirklich bitter nötig, denn Herheims Inszenierung zeigt diesmal deutlich, welche Tiefpunkte an einem Opernabende erreicht werden können. Erzählerisch passiert diesmal so gut wie gar nichts, wieder Kofferparaden und Kofferberge, wieder ein sinnloses Statistenmeer, gepaart mit lahmen Rumstehtheater und altbackenen Operngesten.
Das Nervtötendste ist jedoch ein Regieeinfall, der den gesamten ersten Akt andauert: statt einem spannenden Kammerspiel zwischen Siegmund, Sieglinde und Hunding hopst eine Pantomime herum, die die Gefühlszustände der Drei unterstreichen soll. Wenn ein Regisseur gar kein Vertrauen zu Libretto und Partitur hat, muss wohl zu solchen Mitteln gegriffen werden. Peinlich.
Ganz zum Schluss gibt es einen kleinen Lichtblick: Untermalt von der traumhaften Melodie des Zaubers sehen wir, wie der frisch geborene Siegfried von Mime (verkleidet als Wagner) gestohlen und mit der Musik des Feuerzaubers in den Schlaf gewiegt wird. Hier bekommt Herheim erstmals Meta-Ebene und Libretto zusammen, daran lässt sich anknüpfen! Hoffentlich…
Arthur Bertelsmann | 21. Mai 2026
Beginnen wir heute mit den Sängern. Daß die mindestens drei Jahrzehnte lang wortreich beschworene „Krise des Wagnergesangs“, sollte es sie je gegeben haben, überwunden ist, konnte man schon bei den zurückliegenden Bayreuther Festspielen hören. Nun bietet die Deutsche Oper nach dem „Vorabend“ auch für den „ersten Tag“ des Bühnenfestspiels eine Besetzung ohne Ausfälle auf. Seit der Premiere dabei ist Annika Schlicht als Fricka, deren Mezzo kraftvoll und zupackend tönt, die aber eine Neigung zu Abwärts-Portamenti hat, welche man bei Wagner für stilistisch unpassend halten kann. Ebenfalls zur Stammbesetzung seit der ersten Wiederaufnahme zählt Elisabeth Teige, deren jugendlich-dramatischer Sopran für die Sieglinde neben schwärmerischer Emphase auch verhangene Töne der Resignation kennt. Auch Tobias Kehrer hat als Hunding Rollenerfahrung seit 2021 und imponiert wieder mit seinem schwarzen, kernigen Baß. Als Wotan ist Jordan Shanahan eingetauscht worden. Das ist gut so. Im Rheingold mag man Ian Paterson die leichten Gebrauchsspuren seines Baritons als Gestaltungsmittel für einen etwas derangierten Gott gutgeschrieben haben. Der Walküre-Wotan muß seine Autorität aber auch stimmlich beglaubigen, selbst wenn er bereits im zweiten Aufzug sein Scheitern eingesteht. Trine Møller ist eine jugendlich-frische Brünnhilde, die ihre Schlachtrufe unerschrocken angeht. Ob man ihr ausgeprägtes Vibrato goutiert, ist Geschmackssache. Schließlich ist von einem vielversprechenden Rollendebüt zu berichten: Matthew Newlin gibt in den beiden Ring-Zyklen an seinem langjährigen Stammhaus seinen ersten Siegmund. Über Jahre hinweg bediente er die großen Partien des lyrischen Repertoires. Nun hat er einen Fachwechsel vorgenommen. Für einen ehemals lyrischen Tenor erstaunt dabei die volltönende Mittellage. Gerade der Siegmund könnte über weite Strecken von einem hohen Bariton gesungen werden. Newlin verfügt über das nötige bronzenfarbene Register, aus dem heraus er dann zu einer angemessen heldischen Höhe ansetzen kann. Zu Beginn meint man bei wenigen gaumigen Beimischungen noch dieser Höhe anzumerken, daß ihr Stahl erarbeitet werden mußte. Schnell aber singt er sich hier frei. In die berühmt-berüchtigten Wälse-Rufe legt er seine gesamte Kraft. Bei seiner Absage an Brünnhilde in der Todverkündungsszene macht es ihm Donald Runnicles unnötig schwer, indem er ein Tempo am Rande des Stillstands wählt, so daß Newlin innerhalb der Phrasen nachatmen muß. Derartige Tempodrosselungen waren bereits im ersten Aufzug aufgefallen. Im Übrigen läßt es der Dirigent in den Vorspielen zum ersten und zweiten Aufzug ordentlich krachen und serviert den Walkürenritt mit dem erforderlichen Aplomb. Die acht Walküren schließlich sind tadellos besetzt und können mit dem kraftvollen Orchestersound mithalten.
Die Grundideen von Regie und Bühnenbild werden im ersten Aufzug zurückhaltend ausgespielt. Zu Beginn ist der Vorhang geschlossen, das Saallicht gelöscht (man muß das betonen, weil im Rheingold das Gegenteil gezeigt wurde). Wenn der Vorhang sich öffnet, befindet sich dieses Mal keine Menschenmenge auf der Bühne. Die im Rheingold herbeigeschafften Koffer dienen nun als Bausteine für Hundings Hütte, die sich geradezu antikisierend als Halb-Rotunde mit angedeuteten Säulen präsentiert. In deren Mitte steht wie am Vorabend der Konzertflügel samt dem von Wotan in die Klaviatur gerammten Schwert „Nothung“. Herheim arrangiert die Szenen zwischen Siegmund und Sieglinde und später Hunding als intensives Kammerspiel – beinahe klassisch. Zu den Orchesterstürmen des Vorspiels wehen Schneeflocken herein. Der „Wonnemond“ wird an passender Stelle auf ein Tuch projiziert, das sich aus dem Flügel heraus zur Baumkrone formt. „Du bist der Lenz“ wird mit Projektionen von üppigem Grün illustriert – in den äußeren Formen und Zeichen erweist sich Stefan Herheims Inszenierung immer wieder als geradezu texttreu. Die auffälligste Regiezutat ist ein stummer Schauspieler: Er wird im Programmheft als „Hundingling“ benannt, also als gemeinsamer Sohn von Hunding und Sieglinde. Anfangs wirkt sein Auftreten befremdend, allmählich aber entwickelt man Sympathien mit einer geschundenen Kreatur, die sich nach Zuneigung sehnt und diese ausgerechnet von Siegmund erhält, so daß man umso entsetzter ist, wenn der Junge am Ende des ersten Aufzugs von Sieglinde (als Akt der Befreiung aus ihrer Ehe) gemeuchelt wird. Der Regisseur begründet das damit, daß er die Schuldgefühle, welche Sieglinde im zweiten Aufzug ob ihres Ehebruchs zeigt, „höchst problematisch und in unserer Zeit nicht vertretbar“ finde. So habe er mit dem hinzuerfundenen Mord am eigenen Kind ein (vermeintlich) glaubwürdigeres Motiv für die Schuldgefühle konstruieren wollen. Was aber ist „unsere Zeit“? Spielt denn der Ring in „unserer Zeit“? Ganz sicher nicht nach dem Libretto Wagners, aber doch wohl auch nicht in der Inszenierung von Herheim, welche Flügelhelme und Brustpanzer, Schwerter und Speere (überwiegend) ohne ironische Brechungen präsentiert und als wichtigstes Kulissenelement Koffer verwendet, die seit mindestens einem halben Jahrhundert aus der Mode geraten sind. Und ist es denn „in unserer Zeit“ vertretbar, daß ein „Gott“ ein Auge für seine Brautwerbung hingibt? Denn die Einäugigkeit Wotans zeigt Herheim in traditioneller Manier.
Jedenfalls klebt nun im gesamten zweiten Aufzug Blut an den Händen Sieglindes. Von der Rotunde des ersten Aufzugs sind nur noch die Säulen übrig geblieben. Ansonsten türmen sich die Koffer zu Mauerresten eines Trümmerfelds. Nun tauchen auch immer wieder die stummen Statisten aus dem Rheingold auf, geht das Saallicht unvermittelt zu Wotans „nur eines will ich noch: das Ende“ an, so als habe der Regisseur sich verpflichtet gefühlt, seine einmal eingeführten Regiemittel in Erinnerung zu rufen. Ein Mehrwert ergibt sich daraus allerdings nicht. Ein wenig zwanghaft wirkt es auch, daß immer wieder einzelne Sänger am Flügel Platz nehmen müssen, um dort so zu tun, als spielten sie den Orchestersatz mit.
Zum Walkürenritt des dritten Aufzugs erscheinen die gefallenen Helden als Zombies, welche den Walküren deren Speere entwinden, so daß sie außer Kontrolle zu geraten drohen. Auch der ermordete Hundingling taucht als Untoter wieder auf, erfährt, daß seine Mutter erneut schwanger ist und kann nur mühsam davon abgehalten werden, sich mit einem Messer auf sie zu stürzen. Schließlich fügen sich die Zombies und lassen sich vertreiben. Ohne weitere Verspieltheiten wird die große Abschiedsszene von Wotan und Brünnhilde gezeigt. Daß die Walküre unter dem Deckel des Flügels in den Schlaf gebettet wird, war vorauszusehen. Auch, daß Tücher als Projektionsflächen wieder auftauchen. So wird mit Flammenprojektionen ein recht läppischer Feuerzauber illustriert. Dazu scheint sich auch Donald Runnicles im Orchestergraben zurückzuhalten, womöglich aus Rücksichtnahme gegenüber Jordan Shanahans zwar edel timbrierter, aber nicht allzu voluminöser Stimme. Wieder wird am Ende bereits eine Verknüpfung zum nächsten Teil gezeigt: Der Deckel des Flügels öffnet sich. Man sieht die hochschwangere Sieglinde, die unter Mithilfe des Zwergs Mime entbunden wird. Dieser stiehlt sich mit dem Neugeborenen und den Stücken des zerborstenen Schwerts Nothung davon. Wenn man spitzfindig wäre, könnte man lästern, Brünnhilde habe sich im Flügelinneren unversehens in Sieglinde verwandelt. So ist es wohl nur ein ironischer Besetzungszufall, daß im Siegfried die Sängerin der Sieglinde nun die Partie der Brünnhilde übernehmen wird.
Großer, berechtigter Jubel für sämtliche Beteiligten.
Michael Demel | 29. Mai 2026



