Siegfried

Pablo Heras-Casado
Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
10 June 2026
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedAndreas Schager
MimeGerhard Siegel
WotanMichael Volle
AlberichGeorg Nigl
FafnerMatheus França
ErdaWiebke Lehmkuhl
BrünnhildeCamilla Nylund
WaldvogelFlorina Ilie
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Reviews
operinwien.at

Olympischer Siegfried

Siegfried – und noch drei Ausrufezeichen dahinter: Andreas Schager gibt seine Paraderolle wieder an der Staatsoper. Naiv-juvenile Komödiantik paart sich mit schier unerschöpflichen tenoralen Kraftreserven, wenn der Sänger von Mimes Schmiede bis zum Brünnhildenfelsen marschiert und so „nebenbei“ noch einen Riesenwurm aus der Welt schafft.

Die Kombination ist ideal und das Besondere ist nicht nur das helle Metall seines nie ermüdenden Tenors, das dem kraftstrotzenden Siegfried-Jüngling stimmliche Durchschlagskraft verleiht, sondern der Überschuss (!) an Kräften, der diesen Siegfried auch im Liebesjubel des Finales mit einem Enthusiasmus tönen lässt, als wäre das alles die einfachste und herrlichste Sache der Welt.

Dazu gesellt sich noch eine Portion Humor, mit der sich Andreas Schager einige darstellerische Freiheiten nimmt und dem hehrsten Helden kindlichen Schalk mit auf dem Weg gibt, etwa wenn er das Waldvögelein mit Brotkrumen lockt oder wenn er mit lautstarker Interjektion pubertär seine Abneigung gegenüber Mime zeigt. Schagers Siegfried fühlt sich wohl in seiner Adoleszenz, aus der sich der Held wie von selbst gebiert, und als Publikum muss man keine Umwege denken, sondern kann diesen Kerl ganz einfach so nehmen wie er ist.

Ein gewisses stimmliches Risiko ist dabei einkalkuliert, und Schager federt geschickt kleinere Schnitzer ab oder überspielt sie, so wie wenn sich Siegfried beim Flötenbasteln ein bisschen den Finger geritzt hätte – was für einen Drachtentöter natürlich gar nichts ist. Und wenn es darauf ankommt, kann Schager auch die Stimme zurücknehmen und die nachdenkliche Seite dieses Naturburschen zeigen.

Für Siegfrieds erotisches Erweckungserlebnis am Walkürenfelsen sorgte Camilla Nylund als Brünnhilde. Mit dem gesanglich kraftstrotzenden Siegfried konnte sie nicht mithalten, sie bot zwar sichere Spitzentöne, aber eine unstete, zu schmal wirkende Mittellage, und schien dieses Mal mehr Mühe mit der Brünnhilde zu haben als in der „Walküre“.

Gerhard Siegels gut getroffener Mime war im Ausdruck differenziert, stimmlich etwas zurückhaltend und krafteinteilend, mehr auf eine leicht grelle, fast ein wenig karikaturhafte Pointe berechnet. Die Hilflosigkeit dieses Mime war gut herauszuspüren: ein selbstverliebter, fieser Kerl mit ziemlich begrenztem Horizont, dessen Scheitern vorprogrammiert ist. Bei solcher Veranlagung ist es keine Überraschung, dass Mime bei der Wissenswette die falschen Fragen stellt – und dass er Siegfried schwer auf die Nerven geht. Er passte gut zu Schagers Siegfried, auch wenn er ihn nicht wirklich herausgefordert hat.

In der Gestalt des Wanderers von Michael Volle hat Mime das Auge Wotans in seine Höhle hereingeleuchtet. Volle gab die Partie vor allem im ersten Aufzug leicht ironisch gefärbt und ausreichend kraftvoll: Das Wandern hat dem Gott nach der eher resignativ angehauchten „Walküre“ hörbar gut getan. Volles Wiener Wotan-Debüt ist leider an Jahren etwas spät erfolgt, auch wenn man die noble Grandezza seiner Stimme immer noch heraushören kann.

Georg Nigl bot einen baritonal hellen, nicht wirklich durchsetzungsstarken, im zwergischen Ausdruck fast schon verspielt wirkenden Alberich, der mehr die Verwandtschaft mit Mime zu betonen schien, als den ehemaligen Herrscher über die Nibelungen. Nicht nur das Machtgefälle gegenüber Mime war mir zu gering, auch das Auftreten gegenüber Wotan war zu wenig auf Augenhöhe. Wiebke Lehmkuhls solider Erda hätte mehr mythisch unterfütterte Tiefe gut angestanden. Matheus França ergänzte mit etwas „wolkigem“ Bass als Fafner. Der Waldvogel von Florina Ilie lockte recht zart und flackrig, aber Siegfried hat trotzdem den Weg zu Brünnhilde gefunden.

Mit dem Dirigat von Pablo Heras-Casado konnte ich mich nicht anfreunden. Er ist kein „Stimmungsmaler“, schon die düster-bedrohliche musikalische Präsenz Fafners im Vorspiel zum ersten Aufzug fiel sehr blass aus. Es scheint am Gespür oder am Willen zu mangeln, die einzelnen Motive in ihren emotionalen Nuancen auszukosten – und Lautstärke ersetzt einen kontinuierlichen Spannungsaufbau. So machte sich eine gewisse Lieblosigkeit breit, die man vielleicht auch als „historische Distanz“ bezeichnen könnte, die die kritiklose Unnahbarkeit musikalischer Verführung scheut.

Der erste Aufzug „Siegfried“ ist Sven-Eric Bechtolf eigentlich recht gut gelungen (Premiere war 2008), der dritte Aufzug schwächelt hingegen ziemlich. Aber Bechtolf hat den „Ring“ mehr als lockerere „Plauderei“ erzählt, und den Ausführenden bleibt genug Freiraum, um sich in Wagners Geschichte ohne grobe szenische Irritationen zurechtzufinden.

Der Schlussbeifall des begeisterten Publikums war nicht nur für Schager (wenn auch für ihn ganz besonders) eine Ovation und hielt um die zehn Minuten lang an.

Dominik Troger | Wiener Staatsoper 30. Mai 2026

klassik-begeistert.de

Der Held, der keine Angst kennt

Mit Siegfried absolvierte der aktuelle Ring-Zyklus der Wiener Staatsoper seinen dritten Abend. Nach dem mythischen Weltenbau des Rheingold und der emotionalen Wucht der Walküre schlägt Wagner hier einen überraschend anderen Ton an. Vieles wirkt heller, beweglicher und nicht selten humorvoll. Doch hinter dem Abenteuer des jungen Helden zeichnet sich bereits das Ende jener Ordnung ab, die den gesamten Zyklus bislang bestimmt hat.

Schon der erste Akt macht deutlich, dass sich die Perspektive verändert hat. Die Welt wird nicht länger aus der Sicht von Göttern oder tragischen Liebenden betrachtet, sondern durch die Augen eines jungen Menschen, der die bestehenden Regeln weder kennt noch akzeptiert. Die Konflikte zwischen Siegfried und Mime entwickeln dabei eine Dynamik, die immer wieder zwischen Komik und Bedrohung pendelt.

Andreas Schager erwies sich in der Titelrolle als Idealbesetzung. Die Partie des Siegfried zählt zu den anspruchsvollsten Aufgaben des gesamten Opernrepertoires. Wagner verlangt nicht nur stimmliche Kraft und Ausdauer, sondern auch die Fähigkeit, über mehrere Stunden hinweg eine Figur glaubwürdig lebendig zu halten. Schager meisterte diese Herausforderung mit beeindruckender Selbstverständlichkeit. Sein Siegfried wirkte ungestüm, neugierig und voller Energie. Gerade die Mischung aus jugendlicher Unbekümmertheit und zunehmender Selbstfindung verlieh seiner Darstellung große Überzeugungskraft.

Einen wichtigen Gegenpol bildete Gerhard Siegel als Mime. Seine Darstellung ging weit über die Rolle des bloßen Intriganten hinaus. Zwischen Berechnung, Verzweiflung und gelegentlich fast tragikomischen Momenten entstand eine vielschichtige Figur, deren Scheitern letztlich ebenso unvermeidlich wirkt wie das vieler anderer Gestalten im Ring.

Im Zentrum der Oper steht jedoch nicht nur der junge Held, sondern auch der langsame Abschied der alten Welt. Michael Volle setzte seine beeindruckende Gestaltung des Wotan fort, der nun als Wanderer durch die Handlung zieht. Während der machtbewusste Herrscher des Rheingold und der verzweifelte Vater der Walküre bereits deutliche Risse gezeigt hatten, begegnet man hier einer Figur, die dem eigenen Untergang entgegensieht. Volle gelang es eindrucksvoll, diese Mischung aus Würde, Melancholie und Resignation hörbar und sichtbar werden zu lassen.

Wie schon an den beiden vorangegangenen Abenden erwies sich Pablo Heras-Casado als einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren der Aufführung. Sein Dirigat verband dramatische Energie mit bemerkenswerter Transparenz. Besonders beeindruckend gelang die Gestaltung der zahlreichen orchestralen Zwischenspiele, in denen Wagner ganze Landschaften und Stimmungen allein mit den Mitteln des Orchesters erschafft. Ob im Waldweben, in den geheimnisvollen Szenen des dritten Aktes oder in den großen Steigerungen der Schmiedelieder – stets blieb das Klangbild differenziert und lebendig.

Das Orchester der Wiener Staatsoper zeigte sich dabei erneut in Hochform. Die Musikerinnen und Musiker entwickelten einen Wagner-Klang, der Kraft und Leuchtkraft besaß, ohne jemals schwerfällig zu wirken.

Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf blieb auch im dritten Teil des Zyklus ihrer Linie treu. Sie vertraut auf die Geschichte und die Figuren, statt sich selbst in den Vordergrund zu spielen. Die Handlung blieb nachvollziehbar, die Beziehungen der Figuren klar erkennbar, und die musikalische Seite konnte ihre Wirkung ungehindert entfalten.

Zum Höhepunkt des Abends wurde die Schlussszene. Nachdem Siegfried die Feuerwand durchschritten hat, begegnet er erstmals Brünnhilde. Aus dem furchtlosen Helden wird plötzlich ein junger Mann, der etwas völlig Neues entdeckt: die Liebe. Camilla Nylund knüpfte mit ihrer Brünnhilde nahtlos an die große Leistung der Walküre an. Gemeinsam entwickelten sie und Andreas Schager jene Mischung aus Staunen, Begeisterung und emotionaler Intensität, die den Schluss der Oper zu einem der schönsten Liebesduette Wagners macht.

Mit Siegfried gelang der Wiener Staatsoper eine Aufführung, die Abenteuerlust, philosophische Tiefe und musikalische Exzellenz auf bemerkenswerte Weise verband. Die alte Welt neigt sich ihrem Ende zu, doch für einen Moment scheint alles möglich. Gerade deshalb wirkt der Schluss so überwältigend: als strahlender Höhepunkt – und zugleich als letzte Ruhe vor dem Sturm. Die nächste Station des Ringes wartet bereits: die Götterdämmerung.

Kathrin Schuhmann | 10. Juni 2026

onlinemerker.com (I)

Es darf gelacht werden

Durchaus humorvoll ging es zu, beim vorletzten Siegfried dieser Art. Wagners Werk und Bechtolfs Beitrag machen’s möglich, Andreas Schager tut sein Übriges, damit nicht Langeweile irgendeiner Art aufkommt. Da wird gehämmert und geschmiedet, da wird über den Drachen gestaunt – und diesem gegenüber weit souveräner agiert als dies beispielsweise Tamino im Angesicht der Schlange tut –, da wird die Abneigung Mime gegenüber mit prononciert-pointierter Abscheu zum Ausdruck gebracht, da wird der – sich als solcher nicht zu erkennen gebende – Großvater mittels Feder-(Schwert)-st(r)iches düpiert, alles mit einem „frechen, jungen Blick“. Nur beim Anblick einer Frau, da wird er stumm. Stumm – ein sehr relativer Begriff angesichts der Stimmgewalt des niederösterreichischen Wälsungenhelden. Eine beachtenswerte Leistung wie er nach 5 Stunden Jauchzen und Konverserieren, Umtreiben und Rumtollen, Drachen Besiegen und Zwerge Morden sich mit alles übertönender Attacke in den letzten und fatalsten aller Kämpfe begibt: In den der Liebe. Doch zu diesem Zeitpunkt ist ja noch alles in Ordnung: Die zwei Ungeküssten finden (zu)einander.

Ihm zur Seite eine wunderbare Camilla Nylund als Brünnhilde, die so gar nichts mit vielen ihrer Rollenvorgängerinnen gemeinsam hat. Alles andere als eine Brüll-hilde singt sie mit berührender Differenzierung, silbriger Ausdrucksamplitude und glanzvoller darstellerischer Eleganz eine hingebungsvolle Liebende zwischen Furcht und Hingezogenheit. Der von einem Mime aufgezogene angelernte Schmied ist machtlos angesichts von so viel hingebungsvollem Schöngesang.

Ihr Vater, Michael Volle, gewinnt mit Fortdauer des Bühnenfestspiels als Wotan/Wanderer mehr und mehr an Kraft. Verhalten im Rheingold, resigniert in der Walküre, tritt er im Siegfried noch ein letztes Mal gegen den Machtverlust an und auf. Stark in der Wissenswette, hämisch in der Konfrontation mit Alberich, forsch und unerbittlich mit Erda und mit Siegfried sich ein letztes Mal aufbäumend gegen der Götter und seiner Macht Ende – bis der Speer durch Notung bricht. Nach wie vor wortdeutlich, dem Legatobogen verpflichtet, mit kluger Dosierung, aber auch kraftvoll in der Stimme. Ein autoritärer Gebieter – doch es sind andere Zeiten angebrochen.

Gerhard Siegel als Mime wie sein Ziehsohn mit köstlichem, wenn auch subtilerem Humor gesegnet, zeigt, dass er diesem auch stimmlich gern das Schwert reichen würde. Darstellerisch ein wahrhaft schleimiger und bösartiger Zeck kommt er gesanglich manchmal an des Wohlklangs Grenzen und darüber hinaus.

Georg Nigl, als Alberich ein Schwarzalb aus dem Bilderbuch, packt alle Ekelhaftigkeit in den lieblosesten aller Bösewichte und vermag bei seinem vergleichsweise kurzen Siegfried-Auftritt auch stimmlich zu glänzen.

Wiebke Lehmkuhl zeigt wie schon im Rheingold profund-weiche Alt-Tiefen und autoritäre Präsenz, wenn diese auch inszenierungskonform mumienbekleidet erfolgt. Eine tadellose Leistung.

Weniger profund Matheus França als Fafner, angenehm, wenn auch nicht ganz strahlend Florina Ilie als Waldvogel.

Pablo Heras-Casado überzeugt mit dem blendend disponierten Staatsopernorchester am meisten in den transparenten, konversationslastigen Teilen, behält allerdings immer die Stringenz und gestaltet eine im Aufbau beeindruckende Schlussszene.

Nichtendenwollende leuchtende Liebe des Publikums für alle Beteiligten!

Sabine Längle | 30.05.2026

onlinemerker.com (II)

Selige Höhen – bisweilen oktaviert

Vorweg: Es gibt keinen Zweifel daran, dass Andreas Schager der Siegfried unserer Tage ist, das hat er im Vorjahr und nun in der ersten Serie bewiesen. An diesem Abend war er es darstellerisch – wieviel Spiellust, wieviel Draufgängertum, wieviel Herz da doch zu bewundern sind. Aber auch der Unzerstörbare kann einmal Stimmprobleme haben. Soll man darauf herumreiten? Eher nicht, denn Grane schläft noch bis in den dritten Aufzug. Und letztlich ist es auch bewundernswert, wie Schager die Rolle trotzdem über alle drei Akte bringt – wahrscheinlich besser als die meisten anderen Siegfriede bei guter Disposition.

Es gibt auch keinen Zweifel daran, dass die Brünnhildenpartie im Siegfried nicht der Gipfel des hochdramatischen Fachs ist und oft von Sängerinnen angegangen wird, deren Kernrepertoire Sieglinde und Chrysothemis ausmachen. So gesehen konnte man sich auch schon vorweg sicher sein, dass sie Camilla Nylund gut in der Kehle liegen wird und so war es denn auch beim Wiener Rollendebüt, freilich mit mehr Anteilnahme gesungen als gespielt.

Bei den weniger zentralen Rollen wurden fast alle ebenfalls erst zum zweiten Mal in Wien präsentiert, ausgenommen Gerhard Siegel, dessen Mime die ideale Mischung aus Weinerlichkeit und Bosheit bietet, allenfalls etwas deutlicher artikulieren könnte, aber eine besonders gute Ergänzung zu Schagers Siegfried (und zu Nigl im „Kavaliersduett“) ist. Ob man in einem Haus mit Laurenz, Schneider, Schmidlechner und allenfalls Ebenstein unbedingt einen Gast für Mime braucht, kann man diskutieren, aber Siegel ist jedenfalls ein gern gesehener und gehörter Gast.

Großartig wie erwartet gestaltet Michael Volle wie schon die beiden Wotane, nun auch den Wanderer. Was für ein strömender Bariton, was für eine Rollengestaltung! Die überlegene Ironie gegen Mime, die umwerfende Szene mit Alberich, in der dessen Giftigkeiten am Gott abperlen, die finale Auseinandersetzung mit Erda (wie oft ist das eine Pflichtübung und stimmliche Prüfung, hier dagegen eine wesentliche Komponente des Ausstiegs Wotans aus dem Geschehen), das fast bis zum Ende erfolgreiche Bemühen um Abgeklärtheit, bis zum letzten – für Wotan fatalen – Wutausbruch gegen Siegfried: Es reicht lange zurück, ein so erfülltes Portrait miterlebt zu haben. Anteil daran ist auch den Antagonisten zuzuerkennen: Georg Nigls verzweifelt giftenden Alberich mit einer schier unendlichen Ausdruckspalette und Wiebke Lehmkuhls blendend gesungener Erda. Bleiben zu erwähnen der hübsche, nicht riesige Sopran von Florina Ilie (Waldvogel) und der riesige, nicht hübsche Bass von Matheus Franca (Fafner).

Das Beste zum Schluss (über Inszenierung und Ausstattung kann man bei einer Dernière auch schweigen): Pablo Heras-Casado macht es möglich, ungehörte Nuancen, neue Farben, originelle Tempi in einem Stück zu entdecken, das man sehr gut zu kennen glaubt, und ein Orchester, das den Ring oft und gern spielt, zu einer noch größeren Spitzenleistung zu animieren. Man möchte neben Manuel Hubers Hornrufen nahezu alle andere Orchestermitglieder hervorheben und muss doch eine Pauschalhymne genügen lassen. Das Scherzo der Tetralogie ist so – trotz der Probleme des Titelhelden – zu einem Höhepunkt geworden. Sonntag folgt der Abschluss nicht nur einer Aufführung der Tetralogie, sondern einer Produktion als Ganzes.

Robert Fucik | 11.06.2026

deropernfreund.de

Ja, stimmt schon, das Zitat bezieht sich auf den Papa. Siegmund heiß ich – und so weiter. Aber wenn dann ein Siegfried-Interpret nicht nur perfekt „die Rolle“ ist (jene Partie, von welcher der große, unvergessene Johan Botha sagte, er würde sie nie singen, denn nachher könne man seine Stimme wegwerfen) – kurz, wenn Andreas Schager der Siegfried ist und (wie bei ihm meistens) einen so goldenen Abend wie diesen hatte, dann gilt er im Moment als die Erfüllung der Rolle.

Ich habe ihn 2017 in Wiesbaden erlebt, wo Schager in dem Ring, der Uwe Eric Laufenberg von Linz an seine neue Wirkungsstätte mitgenommen hatte, innerhalb einer Woche Siegmund / Siegfried / Siegfried sang, als ob es nichts kostet. Damals war er schon im Besitz seiner vollen stimmlichen Mittel, über die man nicht genug staunen kann, und dennoch fast zu entdecken – heute steht der Niederösterreicher an der Weltspitze.

Sein Siegfried ist kein dumber Dodel, auch kein künftiger Faschist (beides hat man schon gesehen), sondern ein vor Kraft sprühender, übermütiger junger Mann, der seine besinnlichen Momente hat, wenn er nach seinen Eltern forscht. Im Umgang mit Mime erweist Schagers Siegfried jene Lockerheit und Humor, die das doch sehr kritische Verhältnis der beiden seiner hässlichen Schärfe beraubt.

Stimmlich bot Schager einfach alles, von einem Schmiedelied, das konkurrenzlos war, bis zu den Waldvogelszenen, die er allerdings nicht putzig, sondern locker machte, bis zu jener Szene, die meines Erachtens die tragischste des Rings ist, in der Siegfried mit Nothung Wotans Speer zerschlägt, der Generationenwechsel auf die denkbar tragischste Art vollzogen und Wotan ins Out geschickt wird. Es ist eine Begegnung, die wie ganz freundschaftliches Geplänkel beginnt, schnell eskaliert und so schlecht ausgeht – da waren Schager und Volle als Schauspieler gefragt. Und dann darf der bisherige Naturbursche angesichts der Frau das Fürchten lernen und plötzlich erwachsen werden… (Wobei das in dieser Inszenierung mit ihren vielen Dummheiten gar nicht so leicht ist, weil Brünnhilde nämlich wie eine ägyptische Mumie verpackt ist, und als Siegfried die Frau erkennt, noch gar nicht als solche sichtbar ist).

Wie sich Schager und Camilla Nylund gewissermaßen auf einander, auf ihr gemeinsames Schicksal zusingen, darstellerisch voll unendlich vieler, zarter, menschlicher Details, um dann in der Ekstase zu landen – das ist Wälsungenblut zwei (und die beiden umarmen sich auch, fallen zu Boden und gehen zu Sache, wie es die Musik vorschreibt. In der Walküre waren Siegmund und Sieglinde stehen geblieben wie Ölgötzen, bis der Vorhang zuging – vielleicht war der amerikanische Tenor nicht gewillt, eine Partnerin anzugreifen, aus Angst, dann der sexuellen Belästigung geklagt zu werden? So könnte der Zeitgeist auch Wagner erreichen… In vieler anderer Hinsicht hat er ihn schon.)

Aber wenn ein solcher Siegfried auch das herrliche Zentrum des Abends ist, er macht ihn nicht allein. Wieder kam man aus der Bewunderung für Michael Volle nicht heraus, die Kraft, Fülle und Modulationsfähigkeit der Stimme, die Souveränität des Wanderers, der Mime ironisch in die Tasche steckt, schließlich die Resignation, nachdem er – nehmen wir es genau! – Erda vorgeworfen hat, ihm im Rheingold seinen Elan vitale gestohlen zu haben (wird wohl so sein, Wagner wird es gewusst haben). Schließlich der finale Versuch, Siegfried zu bändigen, und sein Scheitern (eine Erfahrung, die natürlich viele Väter und Großväter machen). Großartig.

Die Siegfried-Brünnhilde ist zwar die kürzeste, aber beileibe nicht die leichteste der drei Rollen, man kann sich nicht hinter permanenten Fortissimi verstecken, wobei der Dirigent Camilla Nylund in ihren Mezzavoce-Passagen geradezu auf Händen trug. Ihre Chemie mit Schager war, wie schon erwähnt, bemerkenswert, der Schlußjubel für die beiden erreichte sicherlich das, was man unter den Rekordhöhen der Staatsoper einordnen kann.

Gerhard Siegel war mit seiner scharf akzentuierten Stimme ideal für den Mime, den er in boshafter Schusseligkeit herumwirbeln ließ. Bruder Alberich, wieder der herrliche Georg Nigl, hatte dieselbe Schärfe, noch mit abgrundtiefer Bösartigkeit getränkt, die auch die Kurzauftritte, die er im Siegfried hat, punzierten.

Wiebke Lehmkuhl war als weißgesichtige Gruftie-Erda eindrucksvoller als im Rheingold. Damals hätte man allerdings schon bemerken sollen, dass Matheus França kein nachhaltiger Baß ist (und ihn für den Fafner mit seinem Rheingold-Bruder austauschen). Unzureichend auch Florina Ilie, weil der Waldvogel eine kristallklare Stimme braucht und keine belegte, bei der man den in diesem Fall so essentiell wichtigen Text nicht versteht.

Man möchte ja über die Inszenierung schweigen – aber wie geht das im letzten Bild? Na gut, die Pferde sind vielleicht weggetrabt. Aber hatte Brünnhilde Zeit, sich in ihrem – ohnedies nie ernst zu nehmenden – Feuer- und Eis-„Gefängnis“ umzuziehen? Jedenfalls tauschte sie die Walküren-Uniform in ein sehr elegantes silbernes Abendkleid. Reden wir nicht weiter. Wenn wir in Zukunft irgendwann etwas geboten bekommen, das möglicherweise aussieht wie Castorfs Verrücktheit anno dazumal in Bayreuth – wir werden uns zurücksehnen.

Am Pult wieder Pablo Heras-Casado. Kritikaster werden dieses und jenes „nicht lupenrein“ gefunden haben (und vielleicht auch Schager als „Schreihals“ abwerten wollen) – davon darf man sich nicht beirren lassen. Ein großer Abend, auch vom Dirigentenpult, und jedenfalls auf der Bühne.

Es ist seltsam. Da hat man den Ring im Laufe seines Opernlebens, das stark von Wagner geprägt war, schätzungsweise vierzigmal (oder mehr) gesehen. Ehrlich: Gelegentlich ist man auch müde und ein bißchen gelangweilt in den Seilen gehangen. Und dann kommt eine Schar großer Interpreten und zündet im Publikum jenes Begeisterungs-Feuer an, das noch um eine Spur heller und wilder lodert als bei anderen Komponisten. Da findet man sich selbst, die schandbarerweise meist nicht einmal klatscht, plötzlich unter jenen, die aus voller Brust „Bravo“ rufen… Na ja, Richard, der Einzige.

Renate Wagner | 31. Mai 2026

Rating
(6/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
702 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 1.2 GiB (flac)
Remarks
In-house recording
A production by Sven-Eric Bechtolf (2008)
This recording is part of a complete Ring cycle.