Das Rheingold
| Simone Young | |||||
| Orchester der Bayreuther Festspiele | ||||||
Date/Location
Recording Type
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| Wotan | Tomasz Konieczny |
| Donner | Nicholas Brownlee |
| Froh | Mirko Roschkowski |
| Loge | Daniel Behle |
| Fasolt | Patrick Zielke |
| Fafner | Tobias Kehrer |
| Alberich | Ólafur Kjartan Sigurðarson |
| Mime | Ya-Chung Huang |
| Fricka | Christa Mayer |
| Freia | Christina Nilsson |
| Erda | Anna Kissjudit |
| Woglinde | Katharina Konradi |
| Wellgunde | Natalia Skrycka |
| Floßhilde | Marie Henriette Reinhold |
„Alles was ist, endet“
Der Valentin Schwarz-„Ring“ ist seit der Premiere 2022 oft genug gescholten, ausgebuht und zerlegt worden, und daher müssen auch an dieser Stelle keine alten Besprechungs-Hüte aufgehübscht werden.
Die Idee, Wotan und Alberich als Zwillinge per Doppelhelix-Nabelschnur aneinander zu binden und den Beginn des tiefen Zwists, der zu der Welt Ende führt (zumindest, wie sie die Akteure kennen), quasi im Leib einer unbekannten Ur-Mutter zu verorten, das ist nach wie vor reizvoll. Beide Hauptdarsteller sind im Wagnerschen Entwurf und in Bayreuth im Wesentlichen nur durch ihre äußere Färbung zu unterscheiden, der Lichtalbe Wotan und der Schwarzalbe Alberich. Wagner hat sie ganz bewusst einer gemeinsamen Spezies zugeordnet, die sich durch Charakterlosigkeit und Unfähigkeit, selbsterlösend zu lieben, auszeichnet. Es gibt noch mehr gemeinsame Eigenschaften, aber die sind alle ebensowenig sympathisch und vor allem nicht auf Empathie ausgerichtet.
„Alles, was ist endet“, weiß Erda, und gerade in der Schwarz-Interpretation beginnt mit dem Ende auch immer Neues. Dies Neue sind die Kinder, die das Leben der entsterbenden Eltern (man gewähre hier einen Wagner-artigen Neologismus) nicht einfach weiterführen, sondern – das ist der hoffnungsfrohe Inhalt dieser Utopie – nicht die gleichen Fehler begehen und im günstigsten Falle die Welt zu einer besseren machen. Da waren die großen Hoffenden, ob Proudhon, Marx, Wagner oder Brecht, zumindest einer Meinung, bevor Verbohrtheit zumindest dem einen oder anderen den eigenen lichtvollen Weg verdunkelte.
Es sind die zahlreichen intelligenten und tiefsinnigen Einfälle, ja Knalleffekte, die diesen „Ring“ sehenswert machen und erweisen, dass Schwarz meistens schon weiß, was er tut. Dass Erda erstmal das Tablett mit den Sektgläsern, das zum fragwürdigen Abschluss der Verhandlungen mit den Walhall-Architekten gereicht wird, auf den Boden knallt, ist einer dieser intelligenten Knalleffekte, weil sich hier der ganze Unmut einer Wissenden ausdrückt und so klar wie wahr zutage tritt: Alles wird in Scherben fallen, weil ihr Machthungrigen es einfach vergeigt! Die Frau hat wirklich genug und um das mitzuteilen, muss es eben mal krachen, damit die testosterongesteuerten Dummbratzen einfach mal zuhören.
Auch der selbstgefällige Tanz Wotans zum warnenden Klagesang der Rheintöchter im Finale ist in Idee und Durchführung grandios – egomaner und ignoranter kann man sich nicht über die Stimmen der Natur und der naiven Unschuld hinwegsetzen, ja diese noch verhöhnen.
Aber gerade das zum Durch-Inszenieren und klugen Vollpacken einladende „Rheingold“ hat hier immer wieder Längen, etwa, wenn der Hort herbeigeschafft wird, um Freias Gestalt zu verbergen. Da passiert auf der Bühne kaum etwas; man hätte ja neben dem singulär agierenden Ersatz-Mädchen die ganze Schar der blonden Maiden im Streifenkleidchen versammeln und wuseln lassen können. Wenn so ein tiefer Spalt zwischen Libretto und Bühnenhandlung klafft, dann wirkt das auch in einer so freien Interpretation wie dieser schlichtweg inkongruent und verschafft eine gewisse Langatmigkeit.
Simone Young wird mit ihrem Dirigat der Partitur unbedingt gerecht, weil sie feinfühlig akzentuiert, mit Crescendi umzugehen weiß, und die Forte-Stellen, soweit das die Bayreuther Akustik hergibt, kraftvoll in den Saal entlässt. Gerade im Regenbogen-Finale (das hier ja leider eines komplett ohne das spektralfarbige Himmelswunder ist) hätte man sich noch mehr Wuchtigkeit gewünscht, aber die soll ja der tiefe Graben gar nicht erzeugen. Young dirigiert mit angenehmem Tempo und nie so rasch, dass die Solisten Probleme bekämen, mitzukommen. Zu Recht erhält sie entsprechenden Beifall.
Ladies and maiden first – das “Rheingold” lässt ja ohnehin die Herren, oder die sich für solche halten, schlecht aussehen.
Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold als Rheintöchter überzeugen gesanglich und durch ihr munteres Spiel, da gibt es überhaupt nichts zu mäkeln.
Während Christina Nilsson eine durchaus leuchtende Freia gibt, die auch durch Mimik und Gestik ihrer verzweifelten Lage Ausdruck gibt, vermag Christa Mayer als Fricka gerade in der Mittellage nicht mehr der Göttin glaubhaft Fülle zu geben, denn da klingt sie immer wieder kehlig. Spielerisch hingegen hat sie gerade im Konflikt mit Wotan wundervolle Momente.
Anna Kissjudit formt eine weiblich warme Erda voller aufrechter Authentizität und respektheischender Größe. Zweifellos die beste weibliche Stimme der Produktion, was auch einhellig durch das Publikum bescheinigt wird.
Tomasz Konieczny ist als Wotan von der Figur her optimal, zumal in dieser Deutung. Aber er hat immer wieder Konsonantenprobleme gerade in den Wortendungen, die zuweilen eigentümlich gerollt erscheinen. Als Darsteller des schwachen Machthabers ist er dagegen großartig.
Nicholas Brownlee als Donner und Mirko Roschkowski, der den Froh gibt, hätten beide noch mehr auf die Tube drücken dürfen, zumal der Donner hier wenig gefährlich wirkt. Da müssen die Riesen Fasolt (Patrick Zielke) und Fafner (Tobias Kehrer) wenig Furcht haben. Die beiden fiesen Architektenbrüder selbst sind in ihrer Mafioso-artigen Brutalität echte Angstgegner, vor allem Kehrer gibt dem Walhall-Erbauer machtvolle Tiefe.
Der Loge von Daniel Behle ist so, wie man ihn sich auch in dieser Produktion wünscht, sein heller Tenor kann nicht über seinen zweifelhaften Charakter hinwegtäuschen. Köstlich, wie er noch wichtige Telephonate zu erledigen hat, während die Götter ihn dringend brauchen! Er spielt auch gekonnt, mitunter wundervoll bissig, mit dem Libretto.
Gegenspieler der „da oben“ sind die Nibelungen Alberich, dem Olafur Sigurdarson eine ungemein plastische Gestalt gibt, und Ya-Chung Huang als sein Bruder Mime. Letzterer erfüllt spielerisch und im Umgang mit Wagners Worten die Rolle als gekniffener Zwerg absolut glaubhaft, aber letztlich ist Sigurdarson derjenige, der das Libretto in diesem „Rheingold“ am lebendigsten füllt; er synkopiert, spuckt die Worte manchmal aus, fällt ins Parlando, um den Text inhaltlich greifbar zu machen. Der Bariton erhält am Ende für seine Leistung auch den meisten Beifall – völlig verdient.
Von der Wortverständlichkeit her sind es tatsächlich diejenigen, die Walhalls Wege nicht beschreiten, die hier das beste Bild abgeben. Da dürfen die im Lichte sich gerne noch was abgucken.
Ein „Ring“-Vorabend, der trotz einiger kritischer Aspekte gerade musikalisch beglückt. Und es gibt tatsächlich kein einziges „Buh“. Auch mal schön auf dem Hügel.
Dr. Andreas Ströbl | 27. Juli 2025
Der von Publikum und Presse überwiegend mit Häme, Beschimpfungen und Unverständnis abgestrafte Ring von Regisseur Valentin Schwarz steht zum letzten Mal in zwei Aufführungszyklen auf dem Spielplan der Bayreuther Festspiele. Dabei ist die Idee der Umdeutung des Ringes in ein Kind durchaus eine Auseinandersetzung wert. Das Kind als Zukunft und Erbe, als das Weiterbestehen der eigenen Wünsche und Ideen. Bei der von Wotan mit unbarmherziger Hand angeführten dysfunktionalen Familie ergeben sich dadurch erschreckende Realbezüge. Das Streben nach Macht und Reichtum, nach Unsterblichkeit durch Vererbung des Selbst-Erreichten, bilden durchaus einen dem Stück adäquaten Deutungsspielraum.
Schon im Rheingold präsentiert sich das die weiteren Teil bestimmende brutale Vorgehen der Personen, die ohne jegliche Empathie ihre Zwecke verfolgen. Scheitern werden sie alle. Überdeutlich zeigt Schwarz, wie nach dem brutalen Mord von Fafner an seinem Bruder Fasolt zur Tagesordnung und übergegangen wird.
Zugegeben, nicht immer ist alles klar zu durchschauen, vieles bleibt unerklärt. Natürlich gibt es in so einem Konzept auch Stellen, die mit dem Text nicht zu verbinden sind. Als Beispiel sei hier die Aufhäufung des Rheingolds zur Befreiung Freias genannt, die einfach nicht vom Konzept und dessen Umsetzung gedeckt ist. Dennoch bleibt auch im jetzt letzten Jahr der Eindruck einer, gerade für Bayreuth, adäquaten Inszenierung, bei der sich ein Regisseur wirklich Gedanken zum Werk gemacht hat, um neue Wege aufzuzeigen.
Valentin Schwarz versteht es, die Personen ganz aus der Musik heraus zu führen und seine Deutung durch meist schlüssige, aus dem Text und der Musik heraus entwickelten Bewegungsabläufe umzusetzen. Gerade dadurch zeigt er nur zu deutlich, was für schäbige und menschenverachtende Figuren der angeblich so hehre Göttervater und seine Entourage sind.
Festspielwürdig das Dirigat von Simone Young. Das wie aus dem Nichts beginnende Rheingold steigert sich langsam in der Dynamik, und der Weltenlauf beginnt. Die Dirigentin begeistert mit einer transparenten, rhythmisch pointierten und stringent in den Tempi durchgestalteten Interpretation. Das Festspielorchester beweist dabei seinen besonderen Status mit schillerndem, klangschönem und immer wieder auftrumpfendem Spiel. Dies ist eine wirkliche Festspielleistung. Kleine Wackler im Blech fallen da nicht weiter ins Gewicht.
Tomazc Konieczny als Wotan braucht einig Zeit, um sich frei zu singen. Die kraftvolle Stimme, vor allem die Mittellage und Höhe, zusammen mit dem die Rolle vollkommen verinnerlichten Spiel überzeugen. Allerdings leidet immer wieder die Textverständlichkeit durch seine Art des Singens. Dies fällt in Bayreuth besonders ins Gewicht, da hier durch die akustischen Bedingungen die Textverständlichkeit noch unterstützt wird.
Olafur Sigurdarson gestaltet den Alberich mit großer Stimmattacke und akzentuiertem Spiel. Im Vergleich zum letzten Jahr hat er seine Textverständlichkeit erheblich verbessert, so dass ihm eine überzeugende, mitreißende Darstellung des immer auf der Verliererspur wandelnden Alberich gelingt. Ya-Chung Huang als Mime hat eine kräftige, für die Rolle genau passende Stimme. Allerding überzieht er manchmal etwas, was zu unschöner Intonation führt.
Daniel Behle singt einen feinsinnigen, ironischen und wunderbar den Text auslotenden Loge. Seine ausgeglichene, sowohl an großen Wagnerpartien als auch im Liedgesang geschulte, klare Stimme, ist ideal für die Rolle. Schauspielerisch zieht er alle Register als schmieriger Anwalt und Strippenzieher.
Faszinierend die Erda von Anna Kissjudit. Sie verwöhnt das Publikum mit einem wunderbar runden, warmtimbrierten Alt, der sofort für sich einnimmt. Ihr Warnung an Wotan singt sie mit überzeugender stimmlicher und textlicher Darbietung. Die Sängerin spinnt betörende Phrasen und lässt alles wunderbar auf dem Atem schweben. Ein Höhepunkt des Abends.
Christina Nilsson als Freia singt mit strahlender Stimme und verkörpert glaubwürdig die unter der schäbigen Behandlung durch die Familie gebrochenen Frau. Die Fricka von Christa Mayer ist wie immer souverän. Auf hohem Niveau bewegen sich Nicolas Brownlee als stimmgewaltiger Donner und Mirko Roschkowski als lyrisch-strahlender Froh.
Vom Regisseur wunderbar als großspurige Architekten gestaltet, agieren die Riesen Fasolt und Fafner. Patrick Zielke als Fasolt hat eine etwas lyrischere Stimme, die dem in Freia verliebten Riesen die richtige Dimension verleiht, wohingegen der dunkler, heldischer timbrierte Bass von Tobias Kehrer die brutalen Dimensionen des Riesen Fafner passend zum Ausdruck bringt. Der Mord am Bruder wirkt hier umso glaubwürdiger.
Die Rheintöchter sind mit Katharina Konradi, Natalia Skrycka und Marie Henriette Reinhold sehr ansprechend und homogen besetzt.
Großer Jubel am Ende der Aufführung für alle Beteiligten.
Axel Wuttke | 26. Juli 2025
A production by Valentin Schwarz (2022)
This recording is part of a complete Ring cycle.



