Der fliegende Holländer

Oksana Lyniv
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
6 August 2026
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandMika Kares
SentaAsmik Grigorian
ErikBenjamin Bruns
MaryNadine Weissmann
Der Steuermann DalandsKieran Carrel
Der HolländerNicholas Brownlee
Gallery
Reviews
Online Musik Magazin

Rachefeldzug statt Erlösung

Eigentlich sollten zum 150-jährigen Jubiläum der Bayreuther Festspiele alle 10 von Wagner für festspieltauglich gehaltenen Werke nebst der ersten Inszenierung des Rienzi auf dem Hügel gespielt werden. Allerdings wurde klar, dass sich dieses Vorhaben nicht realisieren ließ, und so gibt es neben dem bereits erwähnten Rienzi, einem KI-generierten Ring-Projekt und der Wiederaufnahme des Parsifal in der Inszenierung von Jay Scheib aus dem Jahr 2023 “nur” den fliegenden Holländer in der Regie von Dmitri Tcherniakov aus dem Jahr 2021, der eigentlich schon 2024 abgespielt war. Sicherlich hätte es dem feierlichen Anlass eher entsprochen, Tobias Kratzers Tannhäuser-Inszenierung im Jubiläumsjahr zu spielen, die zum Besten zählt, was am Hügel in den vergangenen Jahren produziert worden ist. Das mag aber aus dispositionellen Gründen nicht möglich gewesen sein, und so gibt es den Holländer in großen Teilen neu besetzt auf hohem musikalischem Niveau. Dass man das Meer, an dem die Handlung spielt, zwar in der Musik hört, aber nur hinter der pittoresken Kleinstadt, die Regisseur Dmitri Tcherniakov auf die Bühne gezaubert hat, vermuten kann, mag man verschmerzen. Immerhin lässt sich aus dem Seemannschor zu Beginn des ersten Aufzugs auch ein lallendes “Alhohol” heraushören, was motivieren soll, dass die Oper nicht auf einem Schiff, sondern in einer Kneipe beginnt.

Doch eigentlich beginnt sie bei Tcherniakov ja bereits viel früher im Vorspiel, dass er nicht nur inszeniert, sondern auch noch mit einer zusätzlichen Geschichte bestückt. Bei Tcherniakov ist es nicht eine stetige Rückkehr des verdammten Holländers alle sieben Jahre an Land, um eine Frau zu finden, die ihm Treue bis in den Tod schwört, sondern ein immer wiederkehrender Traum des als H. bezeichneten Protagonisten, der sich als Alptraum entpuppt. Demnach hat nämlich die Mutter des Holländers, als dieser noch ein Kind war, eine leidenschaftliche Affäre mit Daland gehabt. Ob dieses Liebesspiel, das der kleine Junge beobachtet, zur im Vorspiel motivisch anklingenden romantischen Ballade Sentas passt, ist Geschmackssache. Jedenfalls wird Daland diese außereheliche Beziehung zu viel, und er trennt sich von der Mutter des Holländers, die im Folgenden immer wieder die Nähe zu Daland sucht. Doch nicht nur der ehemalige Geliebte schneidet sie. Auch von der Dorfgemeinschaft wird sie ausgegrenzt. Als ihr dann auch die Kirche als Zufluchtsort verwehrt wird, sieht sie keinen anderen Ausweg, als sich zu erhängen. Traumatisiert muss der Junge seine Mutter sehen, wie sie an einem Strick baumelt. Deshalb kehrt er nach vielen Jahren in die Kleinstadt zurück, um Rache zu nehmen.

Aber wie soll diese Rache denn aussehen? Was ist der Plan, wenn der Holländer Daland um die Hand seiner Tochter Senta bittet? Will er Senta so verderben, wie Daland seine Mutter zerstört hat? Und welche Rolle spielt eigentlich Mary in Tcherniakovs Inszenierung? Dass die eigentliche Amme hier Dalands Ehefrau und damit Sentas Mutter oder Stiefmutter ist, mag noch vertretbar sein. Aber wieso hat Mary in ihrer Handtasche das Bild des Holländers, das Senta für die berühmte Ballade herausholt? Weiß sie von Dalands Beziehung zur Mutter des Holländers? Ist Daland vielleicht sogar der Vater des Holländers? Wäre die Rache dann eine inzestuöse Verbindung eines Halbgeschwisterpaares? Diese ganzen Fragen löst die Inszenierung auch nach fünf Jahren nicht auf, widerspricht sich vielmehr in einigen Punkten. Senta ist hier ein rebellierender Teenager. Da wirkt es absolut unglaubwürdig, dass sie einem Mann bedingungslose Treue bis in den Tod schwören soll. Wie selbstbewusst sie ist, zeigt sich vor allem im Zusammenspiel mit Erik, der ihr mit seinen ständigen Vorwürfen den letzten Nerv raubt. Dass Mary am Ende dem ganzen Spuk ein Ende bereitet und einen “Untoten” erschießt, macht genauso wenig Sinn, wie die Tatsache, dass sie anschließend von Senta getröstet wird.

Aber im Gegensatz zum KI-generierten Ring hat man beim Holländer wenigstens eine Inszenierung, die auch schlüssige Momente aufweist. Faszinierend ist vor allem das großartige Bühnenbild, das aus zahlreichen pittoresken Häusern besteht, die wie durch Geisterhand für die Szenenwechsel über die Bühne bewegt werden können. Dabei umfahren sie geschickt die fest positionierten Laternen und lassen so immer wieder neue Bilder entstehen. Die Frauen des Dorfes versammeln sich hier nicht zum Spinnen sondern zu einer Chorprobe vor den Häusern, um unter Leitung Marys ein unverbindliches Lied zu singen, bevor Senta die Probe torpediert und mit der berühmten Ballade dagegenhält. Das Treffen Sentas mit dem Holländer im zweiten Aufzug findet dann in einem pittoresken Wintergarten statt. Dass die beiden dabei nicht allein sind, sondern mit Daland und Mary am Tisch sitzen, stört dabei nur unwesentlich. Immerhin sind Mary und Daland so in das Schlürfen ihrer Suppe vertieft, dass sie von dem Gespräch zwischen Senta und dem Holländer nichts mitbekommen. Auch der dritte Aufzug wird mit einigen Effekten umgesetzt. So hat der Holländer nicht nur eine eindrucksvolle Mannschaft, die sich nicht an der ausgelassenen Feier der Dorfgemeinschaft beteiligt und schließlich recht aggressiv reagiert, wenn sie von der Dorfgemeinschaft provoziert wird. Da werden die Leute des Dorfes in die Gassen zwischen den Häusern getrieben, während der Holländer die Häuser in Flammen aufgehen lässt, nachdem er Senta der vermeintlichen Untreue bezichtigt hat.

Während man bei den weiblichen Partien auf “alte Bekannte” der Produktion trifft, sind die männlichen Partien allesamt neu besetzt. Das musikalische Niveau lässt dabei keine Wünsche offen. Da ist zunächst Nicholas Brownlee in der Titelpartie zu nennen. Mit wunderbar deutlicher Diktion und kraftvollem Bassbariton begeistert er auf ganzer Linie. Wie ein bedrohlicher Racheengel betritt er das Dorf und steht zunächst an der Stelle, an der sich seine Mutter erhängt hat, bevor er die Kneipe betritt und sich absolut unaufdringlich unter die Seeleute begibt. Dass er kurz vor seinem großen Monolog eine Runde Freibier spendiert und Matrosen während seiner Erzählung mit ihm an einem Tisch sitzen, stört nicht weiter, weil man sich völlig auf Brownlees großartige musikalische Umsetzung konzentriert. Im Zusammenspiel mit Senta hat er stimmlich sehr innige Momente, die allerdings hinterfragen lassen, wie der Rachefeldzug des Holländers in der Inszenierung denn aussehen soll. Wenn er Senta dann am Ende der Untreue beschuldigt, geht seine kraftvolle Intonation unter die Haut. Auch Mika Kares glänzt in der Partie des Daland mit tadellosem Bass, der in der Textverständlichkeit kaum zu übertreffen ist. Szenisch setzt er die Rolle überzeugend um, wenn er schon zu Beginn durchblicken lässt, dass der fremde Mann ihm irgendwie bekannt vorkommt. Benjamin Bruns verfügt als Erik über einen starken Heldentenor und begeistert ebenfalls durch eine sehr klare Diktion. Kieran Carrel punktet als Steuermann mit lyrischem Tenor und nahezu lieblichen Höhen. Hier blitzt die ganze Romantik des frühen Wagners durch.

Elisabeth Teige gestaltet die Senta erneut mit vollem dramatischem Sopran. In den kraftvollen Höhen geht allerdings die Textverständlichkeit ein wenig verloren. Nadine Weissmann hat man als Mary auch in dieser Produktion in den vergangenen Jahren schon ein wenig besser erlebt. Ihr satter Mezzosopran wirkt an diesem Abend ein bisschen zu schwer und unbeweglich. Als weiterer Höhepunkt des Abends darf mit Sicherheit der von Thomas Eitler-de Lint einstudierte Festspielchor bezeichnet werden, der allein schon in der Größe beeindruckt. Da mag manches mittelgroße Stadttheater ein wenig neidisch auf die Möglichkeiten in Bayreuth blicken, dass man hier dem Chor der Dorfgemeinschaft noch einen stattlichen Chor der Holländer-Mannschaft auf der Bühne entgegenstellen kann. Aber Größe allein ist ja noch keine Garantie für einen hervorragenden Klang. Der sitzt bei diesem Chor aber auf den Punkt genau. Da sieht man auch gerne über die etwas alberne Polonaise beim berühmten “Steuermann”-Chor hinweg. Der fulminante Klang des Chores drückt das Publikum nämlich regelrecht in die Sitze, und die bedrohliche Interpretation der Holländer-Mannschaft geht unter die Haut. Oksana Lyniv zaubert mit dem Festspielorchester aus dem Graben erneut einen fulminanten Klang, der zumindest in der Musik das auf der Bühne nicht vorhandene Meer toben lässt, so dass diese Produktion musikalisch völlig zu Recht umjubelt wird.

FAZIT
Die großartige musikalische Umsetzung tröstet über einige Unstimmigkeiten in der Regie hinweg.

Thomas Molke | Festspielhaus Bayreuth am 29. Juli 2026

Frankfurt Allgemeine Zeitung

Diese Norwegerin singt zum Wahnsinnigwerden schön

Elisabeth Teige! Wenn man einzig nur ihretwegen nach Bayreuth fahren würde, wäre es Glückes genug. Es gibt derzeit nur wenige Sopranistinnen im jugendlich-dramatischen Fach mit einer so gut sitzenden Stimme wie sie. Im fünften Jahr singt die Norwegerin bei den Bayreuther Festspielen die Partie der Senta (bei Richard Wagner ebenfalls Norwegerin) im „Fliegenden Holländer“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, und sie hat nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt.

Sie beherrscht das Decken der Töne bei abgesenktem Kehlkopf so souverän, dass ihre hohen Spitzentöne weich eingefasst, sauber und kraftvoll bleiben. Die Wärme des Brustregisters und die Verstärkung durch die Resonanzräume im Kopfraum spielen bei ihr so perfekt zusammen, dass ein strahlkräftiger, aber nuancenreich schimmernder Klang entsteht, der zum Wahnsinnigwerden schön ist. Der Holländer singt bei ihrem Anblick: „Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten spricht dieses Mädchens Bild zu mir“, doch es ist vielmehr ein Stimmklang, der aus einem fernen Reich zu uns spricht mit sirenenhaftem Zauber.

Der „Holländer“ ist in dieser Spielzeit in Bayreuth exquisit besetzt. Mika Kares singt den Daland mit einem strengen Legato, das den Atem der Phrasen exakt mit den syntaktischen Einheiten des Textes zur Deckung bringt. Da begegnet uns ein Mann, der auf Einhaltung äußerer Formen besteht und zugleich seine Tochter an den Holländer verhökert. Die vokale Eleganz macht die moralische Verkommenheit dieses Biedermanns abgründig.

Nicholas Brownlee zeigt in der Titelpartie, wie stark er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Als Hans Sachs in Johannes Eraths Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ war er an der Oper Frankfurt noch 2022 ein jugendlicher Lyriker mit mozartischer Restsüße. Jetzt ist aus ihm ein Heldenbariton geworden, der noch in die leisesten Töne eine solche Gewaltbereitschaft zu legen versteht, dass einem der Frost in die Knochen schießt. Dieser zärtlich-manipulativen Grausamkeit möchte man nicht ausgeliefert sein.

Der Tenor Benjamin Bruns findet für den Erik einen Stimmklang, der das seltsame Ineinander aus Wehleidigkeit und Eifersucht treffsicher erfasst. Er betreibt eine aggressive emotionale Erpressung in Jammerlappenpose, wenn er ständig Senta die Schuld zu geben versucht an seiner seelischen Misere.

Auffallend hübsch ist der Tenor von Kieran Carrel, einem Schüler von Christoph Prégardien, als Steuermann. So kurz sein Auftritt sein mag, so stark hinterlässt er den Eindruck eines erfahrenen Mozart-Sängers voller Raffinement in der Kunst, dem es gelingt, die Hörenden um den Finger zu wickeln. Er nutzt die wenigen Minuten vokaler Präsenz optimal für schnelle Farbwechsel zwischen jungenhaftem Dicketun und verzehrender Sehnsucht nach seinem „Mädel“.

Auch Nadine Weissmann, fünf Sommer lang die Bayreuther Erda in Frank Castorfs „Ring“-Inszenierung in Bayreuth, braucht als Mary nicht viel Singzeit, um den Eindruck einer Frau zu vermitteln, die ihre Verbitterung, ihre Demütigung und Zurücksetzung durch Alltagsroutine zu verdrängen sucht, bis sie den finalen Schuss der Selbstermächtigung abgibt.

Natürlich sind diese Gesangsleistungen eng mit der darstellerischen Wirkung verknüpft, die Tcherniakov als Regisseur meisterlich präzise durchgearbeitet hat. Sänger berichten immer wieder, dass er in die Proben mit einem Konzept exakt zur Musik getimter Bewegungen und Gesten kommt, von dem er kaum Abweichungen duldet. Das Ergebnis in dieser nun sechs Jahre gelaufenen Inszenierung spricht für sich. Es ist, inmitten der Diskussionen und der Publikumsempörung über den aktuellen „Ring des Nibelungen“ mit Künstlicher Intelligenz, das schönste Plädoyer für natürliche Intelligenz.

Oksana Lyniv, als Dirigentin die Konstante der letzten sechs Jahre, hat nach ihrem angespannten, fast überkonzentrierten Debüt 2021 viel an Gelöstheit und freiem Atem, an neuer Souveränität in Bayreuth gewonnen. Das nimmt der Ouvertüre nichts an Schärfe und Wucht, räumt aber den oft erhobenen Einwand aus, „Der fliegende Holländer“ sei, gemessen an Wagners späterer Kunst, ein klanglich eher grobes und rohes Stück. Vor allem führt Lyniv den von Thomas Eitler-de Lint einstudierten Festspielchor mit großer Ruhe und Umsicht. Und der Chor ist darstellerisch durch viel Bewegung stark gefordert beim Singen.

Für den 6. und 18. August wird noch einmal Asmik Grigorian, die Senta der Premierenbesetzung, die momentan die Carmen in Salzburg singt, nach Bayreuth zurückkehren. Auch sie ist, vor allem im triumphierenden Kräftemessen bei Blickwechseln wie im aggressiven Verweigern von Augenkontakt, eine großartige Darstellerin in dieser Inszenierung, die zu den besten Bayreuths gehört.

Jan Brachmann | 31.07.2026

deropernfreund.de

Was für eine Erholung auf dem Bayreuther Hügel nach zwei ermüdenden Ring-Tagen mit einer nach wie vor stimmigen Inszenierung und großartiger Regie! Der fliegende Holländer in der Interpretation von Dmitri Tcherniakov überzeugte am 29. Juli 2026 auch in seinem sechsten Jahr durch in jeder Hinsicht künstlerisch reife Leistungen.

Auch nach mehrfachem Erleben der psychoanalytischen Deutung der Holländer-Sage bzw. Wagners Bearbeitung von Dmitri Tcherniakov geht die Neuerzählung unter die Haut. Im Zentrum steht hier ja – Dürrenmatts Drama Der Besuch der alten Dame verwandt – ein in seiner Kindheit traumatisiertes Mitglied einer Kleinstadtgesellschaft, das in seinen Heimatort zurückkehrt, um den Suizid seiner Mutter zu rächen. Die hatte einst ein Verhältnis mit Daland, der sie brutal fallengelassen hatte. Von der spießigen Gemeinschaft stigmatisiert und gemobbt, hatte sie nur den Weg in den Freitod gesehen und sich vor den Augen des kleinen Sohnes erhängt. Das ist harte Kost und bereits zuvor treibt der Schrei der von Daland zu Boden geworfenen Mutter sensiblen Gemütern die Tränen in die Augen.

Nach Erlösung, sprich Auflösung sehnt sich der Ruhelose: „Wann alle Toten auferstehn, dann werde ich in Nichts vergehn!“, singt der Holländer. In der Sehnsucht nach dem Ende ist er Wotan nahe und damit insgesamt der buddhistischen und von Schopenhauer geprägten Idee Wagners von der Befreiung des Individuums aus dem Kreislauf der Inkarnationen und der Auflösung des Ich ins Nirvana – oder im Verschmelzen der Individuen in alles übersteigender Liebe, wie im „Tristan“. Diese Liebe gibt es hier nicht; am Ende siegt die Gewalt und in einem apokalyptischen Feuerchaos verbrennt die Kleinstadt, der Umherirrende wird erschossen. Wie kleine schwarze Todesvögel fliegen Ascheflocken durch die qualmgetrübte Luft.

Das Sympathische an der Produktion ist unter anderem die Liebe zu Details. So zeigt die Uhr an einer Hauswand jeweils völlig andere Zeiten, wenn versetzte Handlungsteile das erfordern. In Echtzeit läuft sie dagegen in den entsprechenden Szenen.

Wenn der Holländer zum Verlobungs-Geschachere ins enge Eigenheim Dalands kommt, wird tatsächlich gegessen und getrunken, es brennen echte Kerzen auf dem Tisch mit dem feinen Geschirr. „Plopp!“, macht die Weinflasche beim Entkorken, und das hört man bis in die letzte Reihe. Irgendwoher von dort kommt auch das enervierende Geräusch, das während der ganzen Aufführung immer wieder stört; offenbar hat jemand im Publikum ein Ultraschall-Zahnreinigungsgerät mitgebracht und macht es alle 10 bis 15 Minuten an.

Seewindfrisch ist das Dirigat von Oksana Lyniv; die Dirigentin führt zügig durch die rasanten Passagen und nimmt sich Zeit für die lyrischen Aspekte. Die starke Dynamik des differenziert spielenden Festspielorchesters nimmt sie an den heiklen Stellen stets zurück; da haben Bayreuth-Dirigentinnen und Dirigenten in den letzten Jahren insgesamt eine größere Sensibilität entwickelt.

Kraftvoll und wuchtig ist der Festspielchor unter Thomas Eitler-de Lint. Wirklich faszinierend sind die unterschiedlichen Färbungen der beiden wie verfeindete Heerhaufen gegenüberstehenden Gruppen; aus den Reihen der Stadtbewohner spricht Wut, Provokation und schließlich Angst, während die Mannen des Holländers in entschiedener Schwärze und brutaler Kälte singen. Bayreuth-Weltklasse!

Da gilt auch für alle großen Hauptrollen. Nicholas Brownlee ist ein starker, viriler Holländer; sein satter Bassbariton trägt wunderbar durch das Haus. Die wütende Verzweiflung ganz am Ende dringt großartig aus ihm heraus und sein „Du kennst mich nicht, du ahnst nicht, wer ich bin!“ macht wirklich Angst.

Georg Zeppenfeld hatte die Rolle des Daland in den vergangenen Jahren wunderbar spießig angelegt, Mika Kares hingegen ist deutlich mehr egoistischer Kaufmann, der eben auch das eigene Kind feilbietet, wenn die Kasse stimmt. Er gestaltet das Libretto sehr lebendig, sein Textverständnis ist ausgesprochen gut.

Das gilt für Elisabeth Teige als Senta nur bedingt; man versteht sie oft nicht, was aber nichts macht. Ihr kraftvoll strahlender Sopran dominiert auch bei den Massenszenen – dieses junge Mädchen hat hörbar seinen eigenen Kopf und setzt sich gegen die soziale Kontrolle der engstirnigen Kleinstadt konsequent durch. Ihr irres Lachen angesichts des von Mary erschossenen Holländers geht an die Nieren. Klanglich und stimmwuchtig ist sie für viele der unbestrittene Star des Abends!

Ganz hervorragend ist der Erik von Benjamin Bruns. Der Tenor läßt gleichsam in seine Seele blicken; spielerisch ist er ungemein präsent. Den Konflikten mit Senta verleiht er durch seine exzellente Führung ein beeindruckendes Spektrum von zorniger Kernigkeit und einer das Lyrische streifende Angreifbarkeit. Schließlich bricht hier mal eben sein Beziehungsmodell zusammen und das nimmt man dem Sänger unbedingt ab. Grandiose Leistung!

Kieran Carrels Steuermann besticht durch große Lebendigkeit in der Darstellung und eine schöne Spannweite von unbekümmert-jugendlich bis hin zu besoffen und liebenswert töffelig, wie man an der Küste sagt. Er relativiert die dramatischen Aspekte des Stücks erfrischend, aber am Ende ist auch für ihn die Realität erdrückend und hart.

Wie auch in den vergangenen Jahren gibt Nadine Weissmann die resolute Mutter Mary, in deren Rolle sie spielerisch absolut überzeugt, aber ihre kehlig-metallische Stimme muß man mögen. Sie paßt jedoch zur Figur, die sie vielfältig gestaltet, einerseits als eher trutschige Hausfrau und andererseits als entschiedene Mutter, die ihr Ziehkind schützt.

Brandender, uneingeschränkter Beifall belohnt diese Gesamtleistung, mit vollem Recht. Ein aufwühlender, beglückender Bayreuth-Abend!

Andreas Ströbl | 30. Juli 2026

klassik-begeistert.de

Auf den Punkt 99: Verschwörungstheoretiker, Paranoiker oder Phobiker am Werk in Bayreuth?

Stellen Sie sich vor, ein Vater erzählt Ihnen vom Schicksal seiner Tochter. Ihre Liebe ist unendlich groß, so wie ihre Treue. Allein, sie verliebt sich einfach immer in die falschen Männer. Das ist tragisch und endet tödlich. Vermutlich müssen Sie angesichts dieser Geschichte (also Wagners Version der berühmten Seemanns-Sage) erstmal um Fassung ringen – und werden sich fragen: Wie finde ich jetzt tröstende Worte für den trauernden Vater. Nicht so der russische Regisseur Dmitri Tcherniakov, der – so muss man sich das vermutlich vorstellen – macht dem Vater erstmal Vorwürfe. So in etwa auf dieser Tonspur:

„Daland, was jammerst Du geldgeiler Sack? Ich weiß genau, Du hattest doch damals eine Affäre mit der Mutter des Holländers – das hat die Dorfgemeinschaft nicht gut aufgenommen, die Frau hat sich erhängt. Da ist es doch kein Wunder, dass der Junge jetzt auf Rache sinnt und das voll durchzieht.“

Übrigens, bevor Sie denken, ich hätte nicht aufgepasst: Bei Tcherniakov stirbt Senta nicht … Ein Libretto derart zu verdrehen, Wagners Geschichte durch eine eigene Rahmenhandlung zu ersetzen, das hat bei Dmitri Tcherniakov Tradition.

Kurz nach der Premiere des jetzt wiederaufgenommenen Bayreuther Holländers (das war am 25. Juli 2021) verantwortete Tcherniakov an der Hamburgischen Staatsoper die Premiere von Richard Strass’ Elektra (28. November 2021). Deren Handlung wurde weniger krass umgedeutet, aber immerhin: Hier darf der Rächer Orest nicht Rächer sein, sondern ein gesuchter Serienkiller. Am 29. Oktober 2023 (Premiere von Richard Strass’ Salome an der Hamburgischen Staatsoper) war Tcherniakov dann fast schon altersmilde: Keine neue Handlung eigentlich, aber eine extreme psychologische Umdeutung und Radikalisierung der Handlung.

Wie nennt man jemanden, der hinter jeder Oberfläche Abgründe vermutet? Nun, das kommt darauf an, wen Sie fragen. Politiker und Journalisten würden Verschwörungstheoretiker sagen. Ein Psychiater würde auf Paranoia oder Phobien tippen. Anhänger des Regietheaters indes, die wären aus dem Häuschen und würden von einem Geniestreich sprechen: Sowas Tolles hätten Sie noch nie gesehen, so kreativ der Mann. Am Stammtisch dagegen, da würde man vielleicht schimpfen: Steuerverschwendung, völlig abgehoben ist das!

Bilden Sie sich bitte Ihre eigene Meinung, hier gibt es kein Richtig oder Falsch … Und wie hielten es die Musiker mit Tcherniakov? Nun, die machten frei nach Udo Lindenberg ihr eigenes Ding: Ja, ich mach’ mein Ding / egal, was die andern labern / Was die Schwachmaten einem so raten / das ist egal.

Oksana Lyniv feiert ihren Wagner transparent, mit straffen, forschen Tempi, größtmöglicher Dynamik und trotz starker rhythmischer Fokussierung mit Platz für Details. Das Bayreuther Festspielorchester setzte feinste Anweisungen punktgenau um und fand dabei zu italienischer Spritzigkeit. Tcherniakov dürfte das nicht gefallen haben, niemand im Graben wollte den in seinem Regiekonzept angelegten Hass verbreiten. Spettacolo!

Nicholas Brownlee (Bassbariton) gibt den Holländer warm-volltönend in der Tiefe, in den für seine Stimmlage erreichbaren Höhe recht strahlkräftig. Auch bei ihm von Rachegelüsten weit und breit nichts zu hören. Anders Elisabeth Teige, sie füllt das Rollenbild der Senta im Sinne Tcherniakovs aus. Nutzt ihren Power-Sopran für etliche gar nicht brave Attacken. Mika Kares laviert sich irgendwie durch zwischen Regiekonzept und eigenem Rollenbild. Seinem weltgewandten Bass könnte man den Bösewicht ohnehin nicht abnehmen. Tenor Benjamin Bruns geht die Rolle des Erik so an, wie es seine Stimme nahelegt: lyrisch und mit klarem Blick auf die Dinge – ihn interessiert nur Senta. Der Festspielchor ist und bleibt ein Weltklassechor.

Jörn Schmidt | 29. Juli 2026

Merkur

Endlich echte Oper

Es ist Tag sechs der Festspiele, da passiert etwas Verrücktes. Eine vollwertige Inszenierung und ein Bayreuth-würdiges Stück, beides gab es in dieser Combo heuer noch nicht – obwohl es der Normalfall sein sollte. Regisseur Dmitri Tcherniakov brachte seinen „Fliegenden Holländer“ 2021 heraus, ein Rache-Thriller. Der erzählt nicht nur von Senta, sondern vom Titelhelden, der als kleiner Junge beobachtet, wie seine Mutter von Dorfvorsteher Daland missbraucht wird – und sich erhängt. Ein Trauma, der Erwachsene sinnt auf Vergeltung.

Die dunkle Story funktioniert auch nach fünf Jahren. Weil Tcherniakovs Inszenierung einen Rahmen bietet, in dem sich das Gesangspersonal natürlich und schlüssig bewegen kann, auch wenn es bei der Premiere nicht dabei war. Benjamin Bruns zum Beispiel als Erik. Seine Tenorstimme spricht in allen Vokalsituationen an, kann immer frei ausschwingen, dazu kommt ein Timbre von exzellenter Qualität. Das Lyrische, die heldenhaften Ausbrüche, das Textbewusste, das Bewältigen der kniffligen Lage, alles verbindet sich bei Bruns zum Musterfall.

Orchester im Verfeinerungszustand
Erstmals steht Nicholas Brownlee als Holländer auf der Bayreuther Bühne. Und provoziert zum Superlativ: Schon jetzt reiht sich der US-Amerikaner ein in die große Heldenbariton-Reihe am Hügel. Eine Stimme wie aus dem Granitsteinbruch, imponierend, raumfüllend, mit enormer Projektionskraft, aber auch fähig zum Zärteln, zum Konversationston – zumal Brownlee gar nicht der dämonische Typ ist, sondern seinen Überfiguren (wie jüngst beim Münchner Wotan) viel Menschliches abgewinnt. Ein Abend für die Annalen. Brownlee singt teils sehr riskant. Eine Unbekümmertheit ist da herauszuhören, die ihn hoffentlich nie über Grenzen treibt: Von diesem Ausnahmesänger kann das Wagner-Fach viele Jahre lang profitieren.

Mika Kares bietet ihm als Daland Paroli. Singdarstellerisch einschüchternd, doch ohne (wozu er manchmal neigt) Brutalo-Charme. Elisabeth Teige funktioniert als Senta-Gesamtpaket. Den zerrissenen Charakter macht sie plausibel, an die eingedunkelte Stimme muss man sich gewöhnen. Dirigentin Oksana Lyniv hat seit der Premiere mit dem Festspielorchester einen Verfeinerungszustand erreicht, der fast ins Überprononcierte driftet. Manch ruhige Passagen werden nun überdehnt. Doch wird dadurch der Kontrast zu den Sturm-Stellen nur eindrücklicher. Handwerklich ist alles vom Feinsten: Als der wackere Festspielchor im dritten Akt aus dem Tritt gerät, wird das schnell eingefangen. Ovationen, es ist der Erleichterungsjubel von KI-Geschädigten aus dem „Ring“.

Markus Thiel | 30.07.2026

seenandheard-international.com

This Fliegende Holländer revival proves quite a tonic after the anti-human beginning to the ‘AI’-Ring

Dmitri Tcherniakov’s Dutchman and Dutchmen return, still ship-less, to their small town of still smaller horizons for what may or may not be the last time. They have had a good run by recent Bayreuth standards, rightly so, and are not scheduled for next season. (Minus Tristan, all dramas from Rienzi onwards are scheduled either for this season or next.) Whilst there was naturally immense relief all round at an actual theatrical experience amidst the torture-debris of the ‘AI’-Ring debacle (review here), things were looking a little tired, at least until a third act that continues to pack quite a punch. I doubt this was really the fault of anyone concerned, although Tcherniakov presumably did not return to direct this revival, since there was no production team present for curtain calls. Indeed, what we saw had very much the air of a repertory house revival, somewhat at odds with what is held to be the ethos of ‘Werkstatt Bayreuth’, if infinitesimally so when compared to the horrors that had unfolded the previous two nights. (I shall deal with Die Walküre in a single ‘rest of the Ring’ review following its much-awaited Götterdämmerung.)

Providing, as ever, his own set designs, Tcherniakov presents in the Prelude a pantomime in which the young ‘H.’ (Holländer, we presume) sees his mother hanging lifeless from a house window, shamed by a hypocritical, Peter Grimes-like community that had her yield – perhaps as sex worker – to Daland’s advances, only to be cast aside when no longer of use. His adult return is no seven-year ritual in search of an impossible love, but rather pursuit of revenge against the man and more broadly the community that did this. His whole life, one senses, has explicitly led up to this, as he is welcomed by the venal Daland – maybe he continues to run up such expenses? – and later his wife Mary, acted with palpable compassion by Nadine Weissmann, as well as by Senta. Invited to dinner, his plan falls into place when, following interesting initial reluctance that has her decline even to come inside, Senta falls for him. The third act shows the community at large, in mirthless corporate celebration for which the Dutchman’s crew (or whatever they be) notably fail to participate. Shots are fired, Daland falling before his daughter, who nonetheless continues to hold faith in H., to be cruelly tossed aside — as surplus to his requirements as his mother had to Senta’s father’s. Daland’s house and wealth ablaze, the entire claustrophobic Nordic townscape at risk, Mary returns to kill the Dutchman. Senta’s highly disconcerting, hysterical turn between grief and celebration is ultimately transformed into compassion for the woman who has long cared for her. Perhaps, then, as we hear the 1860 post-Tristan ‘redemptive’ ending, there is a form of feminist redemption after all. Men have created and perpetuated this world and its revenge saga; if women survive, they can hardly do worse and might, just might, do better.

Oksana Liniv’s conducting remained the weakest link in the evening’s proceedings (from when I last heard it in 2024). It is a pity she could not have been replaced with someone more able and willing to respond to such a dramatic conception, or indeed any other, of the work. If the Bayreuth Festival Orchestra played well enough, it rarely sounded inspired, and one could hardly blame it. Lyniv’s alternation between pressing too hard and listlessly meandering, the latter especially apparent in a second act that seemed much longer than it was, offered a reversion to number opera seemingly not from aesthetic conviction, but because a more music-drama-focused performance could not be sustained. A sudden change of gear to breakneck speed at the close of the spinning chorus had pit and stage fall apart for several bars, the chorus compelled to find its own way back into sync, quite unaided by the conductor.

A further sadness lay in the sound offered by a now reduced chorus, especially at the beginning of the third act. The Festival’s decision to take an axe to what should be one of its crown jewels has regrettably had consequences, notwithstanding the musicianship of those remaining and their new director. In the title role, Nicholas Brownlee had an awkward beginning, intonation surprisingly, repeatedly awry in the first act. He grew into his own, though, to offer a compelling performance later on. Having sung two other challenging roles (Fasolt and Hunding) on two immediately preceding evenings, Mika Kares was undaunted by prospect or reality of Daland, outsinging the Dutchman in the first act and continuing to impress thereafter. Benjamin Bruns and Elisabeth Teige offered an aural, if not necessarily dramatic, glimpse of what a future Siegfried and Brünnhilde might sound like, Bruns impassioned and vocally fearless as Erik, Teige taking all in her musicodramatic stride in a role notorious for its demands. It was heartening too to welcome a fresh-voiced Kieran Carrel from Berlin’s Deutsche Oper to the Green Hill as the Steersman; let us hope this intelligent portrayal will prove neither his last visit nor role here. If I had certain reservations, then, this revival nonetheless proved quite a tonic after the anti-human production horrors of the two preceding evenings.

Mark Berry | 29.7.2026

Rating
(6/10)
User Rating
(4/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 44.1 kHz, 315 MiB (MP3)
Remarks
In-house recording from the Bayreuth festival
A production by Dmitri Tcherniakov (2021)