Der fliegende Holländer

Bertrand de Billy
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
25 April 2026
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandFranz-Josef Selig
SentaErica Eloff
ErikJörg Schneider
MaryStephanie Maitland
Der Steuermann DalandsHiroshi Amako
Der HolländerTomasz Konieczny
Gallery
Reviews
onlinemerker.com (I)

„Die Frist ist um“

2021 war Wagners musikalisches Meisterwerk zuletzt an der Wiener Staatsoper zu erleben. Die aktuelle Inszenierung hatte 2003 Premiere und kam bis 2015 auf 58 Aufführungen. Danach kam es erst 2021 zu einer ganz kurzen Wiederaufnahme (zwei Aufführungen) und nach weiteren fünf Jahren, ist die Frist nun um. Der fliegende Holländer kehrt endlich wieder auf den Spielplan der Wiener Staatsoper zurück. Auch in der nächsten Saison. Es ist eigentlich erstaunlich, dass es in den letzten zehn Jahren so wenige Aufführungen gab, erfreut sich der Holländer doch nicht nur großer Beliebtheit, sondern ist die Regiearbeit von Christine Mielitz zudem auch absolut repertoiretauglich und als gelungen zu bezeichnen.

Neben der Betonung der mystischen Komponente in einprägsamen Kulissen glänzt die Produktion mit einem eindringlichen Lichtkonzept, die das Unheimliche und Gruselhafte noch zusätzlich hervorhebt und unterstreicht. Die Geschichte wird hier auch optisch bestens miterzählt.

Neun verschiedene Titelrollen-Interpreten hat man seit Bestehen dieser Produktion an der Staatsoper schon sehen und hören können. Nach Falk Struckmann (in der Premiere), Franz Grundheber, Albert Dohmen, Juha Uusitalo, Alan Titus, Egils Silins, Terje Stensvold, Bryn Terfel und zuletzt Michael Volle ist nun Tomasz Konieczny der zehnte Holländer. Seit seinem fulminanten Alberich-Debüt ist Konieczny ein absoluter Publikumsliebling in Wien und endlich auch mit dem Holländer auf der Bühne der Wiener Staatsoper angekommen. Das recht eigenwillige Timbre des polnischen Bassbaritons ist wie geschaffen für die Titelpartie, passt sie doch hervorragend zur Erscheinung der Figur und der furchteinflößenden Geschichte. Und es ist Koniecznys Stimmgewalt die ihresgleichen sucht. Diesem Holländer haftet wahrlich Unheimliches an. Prächtig und mit starkem Ausdruck sein Auftrittsmonolog Die Frist ist um. Dieser Holländer macht unverständlich klar was er beabsichtigt, und so ist er auch im Auftreten ein rastlos Getriebener und ungeduldig auf eine potentielle Braut Wartender. Koniecznys Holländer dominiert klar die Szene und nicht nur Senta zieht er in seinen Bann. Es ist erstaunlich wie Konieczny es versteht seine Stimme bis zu den letzten Phrasen der Partie frisch zu halten und auch am Schluss noch mächtig und kraftvoll zu klingen. Man hat am Ende der Vorstellung das Gefühl, er könne die Partie gleich noch einmal von vorne beginnen. Eine Idealbesetzung.

Nach unsicherem Beginn findet Hans-Peter König in seine Rolle hinein und hat beim ersten Zusammentreffen mit dem Holländer stimmlich seinen stärksten Moment als Daland. Hier fällt auch des Sängers Wortdeutlichkeit positiv auf.

Seine Tochter Senta wird von Erica Eloff gesungen, die einen lyrischen Zugang zu der Rolle hat, und die die Partie stimmlich vorsichtig angeht. Überhaupt, wenn sie in lyrischen Gewässern unterwegs ist, fühlt sich die Stimme am wohlsten und die Sängerin präsentiert einen angenehm timbrierten Sopran, wie zum Beispiel in Sentas Ballade. In der dramatischen Höhe jedoch bekommt die Stimme eine eher unschöne Schärfe. Darstellerisch findet sich Eloff gut in die Produktion ein, ihre Besessenheit des Holländers ist fast so unheimlich wie der Holländer selbst und man hat sich inzwischen daran gewöhnt, dass Senta in dieser Inszenierung nicht von einer Klippe springen darf, sondern sich selbst mit Benzin übergießt und anzündet.

Dass der Erik auch von lyrischen Tenören gut gesungen werden kann, ist bekannt. Geradezu belcanteske Aufschwünge hat Wagner diesem Erik zugedacht. Dennoch müht sich Jörg Schneider hörbar mit seiner Rolle, die ihn deutlich an seine Grenzen bringt, und muss im finalen Duett mit Senta gar einen unüberhörbaren Patzer wegstecken. Das ist nicht Schneiders Abend.

Das Ensemble komplettieren Hiroshi Amako, dessen lyrischer Tenor in der Partie des Steuermanns etwas zu sehr gefordert wird und Stephanie Maitland als rollendeckende Mary.

Der Chor der Wiener Staatsoper zeigt sich in Bestform und verdient viel Lob, und im Orchestergraben glänzt das Orchester der Wiener Staatsoper mit opulentem Klang unter der energiegeladenen Stabführung von Bertrand de Billy, der sich vor der Vorstellung wohl noch ein oder zwei Espressi gegönnt hat. Was da an Kraft und Klangvolumen aus dem Orchestergraben kommt ist jedenfalls ein Hochgenuss.

Eine sehr gute Aufführung die von Koniecznys eindringlicher Interpretation der Titelrolle dominiert wird, und für die er beim Sänger-Schlussapplaus, wenig überraschend, den größten Jubel des Abends einfährt.

Lukas Link | 26.04.2026

onlinemerker.com (II)

Sagenhaftes auf höchstem Niveau!!!

Die mystische Legende der jahrhundertelangen Sagengestalt des Fliegenden Holländers war bei der Wiederaufnahme der romantischen Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner, der auch für den Text verantwortlich zeichnete, in einer wahren Luxusbesetzung, fulminant an der Wiener Staatsoper zu erleben!

In der Inszenierung von Christine Mielitz (Bühne & Kostüme: Stefan Mayer) kommt das Mystische, Unheimliche und Unfassbare des Holländers durch spezielle Lichteffekte eindrucksvoll zum Ausdruck. Die Farbe Rot stellt eine besondere Farbe in dieser Inszenierung dar. Sie symbolisiert das Blut, die Revolution, aber auch einen Gefangenenraum, den Psychoraum des Holländers. Verschiebbare Wände, welche die Schiffe Dalands und des Holländers erkennen lassen, die ein Abbild der gesamten Welt, des Lebens an sich darstellen, in denen wir uns alle zurechtfinden müssen sowie im Schiffinneren anmutende Szenen, in denen das Leben bewerkstelligt werden muss. Imposante Chorszenen und faszinierend schaurige Szenen wie zum Beispiel beim ersten Auftritt des Holländers, wenn er sich aus der Gruppe seiner Schiffsbesatzung „herausschält“ und „Die Frist ist um“ zu singen beginnt.

Das exzellente Orchester der Wiener Staatsoper unter der stringent empathischen, souveränen, musikalischen Leitung von Bertrand de Billy präsentierte einen „Fliegenden Holländer“ mit straffen Tempi, eruptiver Klangintensität, instrumentaler Wucht und wohldosierter Differenziertheit. Der berückende Farbenreichtum und die Klangpracht von Richard Wagners Meisterwerk kam beeindruckend zur Geltung.

Tomasz Konieczny war in der Rolle des Holländers eine Sensation!!!
Bei seinem Rollendebüt an der Wiener Staatsoper zog er sämtliche Register seines überragenden Könnens und durchlebte diese mystische Sagengestalt mit enormer Intensität, faszinierender Bühnenpräsenz, fesselnder Gestaltungskraft und hingebungsvoller Authentizität. Sein unverwechselbares, männliches Stimmtimbre, die überwältigende Ur- und Durchschlagskraft seines Star-Bassbaritons gepaart mit brillanter Diktion machten seinen Holländer zum Ereignis!!! Zum Beispiel in seiner fabelhaften ersten Arie „Die Frist ist um“ formte er ein phänomenales Psychogramm dieser überirdischen Figur in Wort und Ton mit gleichberechtigter Intensität, Emotionalität und Ausdruckskraft, das im positivstem Sinne erschauern ließ…

Franz-Josef Selig verkörperte einen eleganten Daland mit gut geführter Stimme und überzeugender Präsenz. Erica Eloff gestaltete eine anmutige, teilweise sehr lyrische Senta (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper), die jedoch auch zu großen Ausbrüchen und Durchschlagskraft fähig war und auch Expressivität zeigte.

Andreas Schager konnte in der Rolle des Erik (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper) nur den ersten Teil ausgezeichnet singen, dann ereilte ihn eine schwere Allergie und die Stimme war weg. Jörg Schneider, das bewährte Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper, sprang während der Vorstellung für den erkrankten Kollegen ein und meisterte bravourös diese Ausnahmesituation. Staatsoperndirektor Bogdan Roščić konnte erst nach der Vorstellung vor den Vorhang treten und die Situation für das Publikum aufklären. Er dankte Jörg Schneider für sein bravouröses Einspringen.

Stephanie Maitland überzeugte als Mary (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper) mit Souveränität, Strenge und Präsenz. Hiroshi Amako verlieh dem Steuermann (Rollendebüt an der Wiener Staatsoper) Profil und stimmlichen Charakter.

Großartig waren der Chor und der Extrachor (Choreinstudierung: Thomas Lang), das Bühnenorchester und die Komparserie der Wiener Staatsoper.

Eine fantastische Aufführung dieses exzeptionellen Wagner‘schen Meisterwerks, die sicherlich Maßstäbe setzte!

Marisa Altmann-Althausen | 23.04.2026

onlinemerker.com (III)

Diese Senta hat drei Verehrer

23 Jahre sind seit der Premiere des Fliegenden Holländers in der Produktion von Christine Mielitz (Bühne und Kostüme Stefan Mayer) vergangen, und anlässlich der Wiederaufnahme ist festzustellen, dass die Produktion zeitlos stringent, aber mit viel Verve die Geschichte des Mannes erzählt, der als Sterblich-Unsterblicher erst dann Erlösung findet, wenn ihm eine Frau ewige Treue schwört. Die Geschichte ist bei Mielitz durchaus stimmig in einem Schiffsbauch angesiedelt, auf dem sich neben den Darstellern allerlei Requisiten tummeln, mal die Schiffe, mal Sentas (Phantasie-)Welt. Die Ausleuchtung dieser Produktion fokussiert auf das Düstere, Dunkle der Sage, vornehmlich schwarz dominiert, einzig die Welt der Spinnerinnen und Eriks – die Bürgerlichkeit – ist hell und erleuchtet. Der einzig – wie schon bei der Premiere – unklar gebliebene Regieeinfall ist die Selbstverbrennung Sentas anstelle ihres Freitodes in des Holländers Element, dem Meer. Wahrscheinlich sollen damit ihr Fanatismus, ihre Idée fixe über ihr Idol deutlicher zum Ausdruck gebracht werden als durch ein vergleichsweise banales „Ins-Wasser-gehen“. Das Setting stimmt sonst allerdings: Es ist daher angerichtet für die düstere Geschichte, die sich bei Mielitz – durchaus nachvollziehbar – allfällig nur in Sentas Kopf abspielen könnte, – verdeutlicht wird dies durch ein rotes Dreieck, das bei ihrem ersten Zusammentreffen mit dem Holländer in den Bühnenvordergrund fährt – um aus ihrem vorbestimmten Leben mit einem biederen, einfachen Mann mit Spinnen, Kochen und Kinder Bekommen zu entfliehen.

Im Orchestergraben bleiben keine Wünsche offen: Bertrand de Billy findet mit dem in seinem Wagner-Meer-Element aufspielenden Orchester der Wiener Staatsoper einen volumens- und dezibelreichen Duktus, mit dem er das Geschehen drängend vorantreibt und mit dem nie Langeweile – des Zuhörers größter Feind – aufkommt. Ein wildes Geschehen, wild interpretiert. Dort, wo zartere Töne anzuschlagen sind, klingen diese an, wie beispielsweise beim Lied des Steuermanns. Auch in der Ballade der Senta werden kostbare Momente zu Gehör gebracht. Gut geprobt fügen sich Herren- und Damenchor durchaus volltönend ins Geschehen.

Lang dauerte es, bis der polnische vielbeschäftigte Bassbariton Tomasz Konieczny dem ihn sehr verehrenden Wiener Publikum seinen Holländer vorstellen durfte: Als einer „der“ Wotans/Wanderer unserer Tage zeigt er neuerlich als getrieben Treibender als rastend Rastloser, dass er einer der eindrucksvollsten Sängerdarsteller unserer Tage ist. Schon bei seinem ersten Auftritt mit Monolog und anschließendem Duett mit Daland führt er dem Publikum vor Augen, dass genau er der unheilvolle Dämon ist, mit dem sich unglückliche poetische junge Mädchen in eine andere Welt zu träumen wagen. Senta erstarrt förmlich vor der realen Verkörperung ihrer Vorstellung. Determiniert dealend über alle Hindernisse hinweggehend ist er der „He-Man“, der sein Ziel, das Sterben und Erlöst-werden, mit allen Mitteln zu erreichen trachtet. In schauspielerischer Hinsicht wohl völlig konkurrenzlos verdeutlicht er mit seiner sehr charakteristischen, eher rauen Klangfärbung auch stimmlich seine Wünsche, verfügt über genügend Kraft, einen langen Atem und starke, selbstbewusste, aber in der zentralen Begegnung mit Senta auch einschmeichelnde Töne, um sein Begehr zu untermauern. Er ist auch stimmlich mehr volltöndender Kaufmann als zärtlich Liebender.

Ihm zur Seite steht Erica Eloff, Südafrikanerin mit starkem Linz-Bezug und Gewinnerin des Österreichischen Musiktheaterpreises 2024 für ihre Verkörperung der Marietta/Marie und der Meistersinger-Eva, als Senta, ihrer ersten Staatsopern-Opernrolle. Sie überrascht zunächst mit einer vergleichsweise delikat-sensibel gesungenen Ballade und kann mit Fortdauer des Abends mit eleganter Stimmführung und Phrasierung den fallweise etwas ungeschlacht daher kommenden Herren zeigen, dass auch Schöngesang ein wertvolles Atout bei der Interpretation der Musik Richard Wagners sein kann. Darstellerisch fügt sie sich tadellos in die von Mielitz verlangten Vorgaben, ist beseelt-besessen von ihrem erträumten Helden und geht in der mentalen Aufopferungsspirale gefangen bestimmt und unbeirrbar in ihren Freitod.

An ihrer Seite rittern diesmal ZWEI weitere Verehrer um ihre Gunst: Im zweiten Akt interpretiert einer „der“ Heldentenöre unserer Tage, Andreas Schager, den vergleichsweise lyrisch angelegten Erik, und schon nach kurzem zeigt sich, dass er zumindest nicht einen seiner besseren stimmlichen Tage hat, muss er zum Teil in den Sprechgesang flüchten, Legatobögen gelingen gar nicht, manchmal versagt das Organ sogar. Und so findet sich – unterbrechungslos – im dritten Akt ein anderer Verehrer in Gestalt von Jörg Schneider, der mit einem „Sprung ins kalte Wasser“ den dramaturgisch vorgesehenen „Sprung ins kalte Wasser“ seiner Angebeteten zu verhindern trachtet. Stimmlich tadellos schneidert Schneider die Bitten des Jägers an seine Geliebte, von diesem unheilvollen Gesellen doch abzulassen. Beim Schlussvorhang erst wurde er vom Intendanten als Dritt-Akts-Erik vorgestellt.

Franz-Josef Selig ist ein ordentlicher, wenn auch nicht sehr prononcierter Daland, Hiroshi Amako hat hörbar Höhenprobleme als Steuermann und Stephanie Maitland ist gewohnt verlässlich als Mary.

Ein Abend also, an dem der Holländer sogar zwei Verehrer ausgeschaltet hat.

Sabine Längle | 23.04.2026

Rating
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User Rating
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Media Type/Label
Technical Specifications
192 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 188 MiB (MP3)
Remarks
Broadcast (Ö1)
A production by Christine Mielitz (2003)
Jörg Schneider replaces Andreas Schager as Erik.