Tristan und Isolde

Giampaolo Bisanti
Chœur et Orchestre de l’Opéra Royal de Wallonie-Liège
Date/Location
8 February 2025
Opéra Royal de Wallonie-Liège Liège
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
TristanMichael Weinius
IsoldeLianna Haroutounian
BrangäneVioleta Urmana
KurwenalBirger Radde
König MarkeEvgeny Stavinsky
MelotAlexander Marev
Ein junger SeemannZwakele Tshabalala
Ein HirtZwakele Tshabalala
SteuermannBernard Aty Monga Ngoy
Stage directorJean-Claude Berutti (2025)
Set designerRudi Sabounghi
TV directorStéphane Vérité
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Reviews
klassik-begeister.de

“Tristan und Isolde” kehren nach 99 Jahren zurück auf die Bühne der Oper in Lüttich

Die erste Eigenproduktion des Tristan an der Opéra Royal de Wallonie in Lüttich ist ein Ereignis. Am Dirigentenpult steht der musikalische Leiter der Opéra Royal, Giampaolo Bisanti für den es auch eine Premiere ist: Noch nie zuvor dirigierte er eine integrale Aufführung dieses Werks.

Als ob es sein 100. Tristan wäre, leitet er das Lütticher Orchester mit viel Engagement und großer Präzision durch den Abend. Sein Dirigat besticht durch Leichtigkeit und Durchsichtigkeit, was den Sängern zuvorkommt.

Dabei weiß er auch das Orchester wenn nötig aufzuheizen und in vollem Forte auftrumpfen zu lassen. In diesen Momenten sind die Sänger nur ein einzelnes Instrument im Ensemble-Klang Bühne/Orchester. Das Orchester folgt den Anweisungen seines Leiters aufs Genaueste. Nicht überraschend ist deshalb, dass Dirigent und Orchester beim Schlussapplaus am meisten bejubelt wurden.

Das Orchester hat sich unter Bisantis Leitung in letzter Zeit zu einem hochklassigen Musikapparat entwickelt, dem man auch in Zukunft weitere Mammutwerke wie Tristan zumuten sollte.

Auf der Bühne steht ihm ein erstklassiges Sängerensemble zur Verfügung. Allen voran Lianna Haroutounian, die an diesem Abend ihr Rollendebüt als Isolde gibt. Die armenische Sopranistin besticht durch den jugendlichen Klang ihrer Stimme. Hier hört und sieht man keine Wagner- Matrone, die mit voller Power die Partitur stemmt. Nein, hier erlebt man Liebe und Leiden einer jungen Frau, die genau weiß was sie will: Anfangs den Tod aus Rache, später den Tod aus Liebe. Dennoch besitzt die Sängerin die nötige Dramatik in ihrer Stimme, um auch diesen wichtigen Aspekt ihrer Rolle voll auszudrücken, ohne ins Schreien und Stemmen zu verfallen.

Michael Weinius hat den Tristan schon öfters gesungen. Er weiß sich die Kräfte gut einzuteilen, sodass er noch die nötigen Kraftreserven besitzt für den 3. Akt. Hier kann er in den Wahnvorstellungen des Tristan mit seiner kraftvollen Stimme voll auftrumpfen und dessen physischen und psychischen Leiden dem Zuhörer fühlbar machen. Von Anfang an weiß der Sänger seinem Tenor wehmütige, todesvorausahnende Farben abzuringen. Auch das wunderbar gestaltete Liebesduett im 2. Akt wird von ihm mit Leidenschaft und viel Melancholie in der Stimme vorgetragen.

Violeta Urmana singt die Brangäne und kehrt nach ihrem Ausflug ins Sopranfach mit der Isolde zu ihren gesanglichen Wurzeln zurück. Ihre Stimme besitzt die nötigen Höhen und wird den stimmlichen Ansprüchen der Rolle, die sie teilweise in Sopransphären führt, voll gerecht.

Birger Radde besticht als Kurnewal sowohl schauspielerisch als stimmlich durch seinen Spielwitz, mit dem er Tristans engen Vertrauten zeichnet.

Evgeny Stavinsky ist ein junger König Marke, visuell, aber auch stimmlich. Es fehlt ihm allerdings somit die königlich-väterliche Wärme und Tiefe im Ausdruck. Die besten Passagen seines Monologs sind diejenigen, wo er Markes Eifersucht und Schmerz ausdrücken kann. Seine Diktion ist hervorragend, wie die aller großen Rollen dieses Abends.

In diesem Punkt fallen Alexander Marev als Melot sowie Zwakele Tshabalala als Junger Seemann/Hirte stark ab, auch wenn sie ansonsten stimmlich den Ansprüchen ihrer Rollen genügen können. Der Chor der Opéra Royal entledigt sich seiner kurzen Intervention mit Brio.

In seiner Inszenierung spielt Jean-Claude Berutti auf zwei Ebenen: Realität und Traum. Er zeigt die Oper als Flashback, den Tristan kurz vor seinem Tod erlebt. Zum Ende der Ouvertüre hin, wenn sich der Vorhang hebt, sieht man einen älteren, verletzten Mann (großartige gespielt vom Schauspieler Thierry Hellin) am Strande in einem Rollstuhl. Er scheint an seinen Erinnerungen zu verzweifeln. Während eine Krankenschwester sich um ihn bemüht, kommen ihm die Erinnerungen zurück an sein Leben und seine Liebe. Er erlebt die Szene auf dem Boot, mit dem Tristan Isolde zu König Marke bringen soll, als Zuschauer.

Schon hier begeistert das wunderbare Bühnenbild (Rudy Sabounghi), die Lichtgestaltung (Christophe Forey) sowie die Videoeinspielungen (Julien Soulier). Diese sind hier ein wichtiger Teil der visuellen Darstellung, im Gegensatz zu vielen anderen Produktionen, wo sie mehr vom Bühnengeschehen ablenken als hinweisen.

Auch die Kostüme von Jeanny Kratochwil, angelehnt an die Entstehungszeit der Oper, fügen sich nahtlos in die Produktion ein.

Der zweite Akt zeigt einen Park, zuerst aus der Vogelperspektive. Dann, beim Eintreffen von Tristan, dreht sich das Bild in die seitliche Perspektive. Zum Anfang dieses Aktes übernimmt der Schauspieler einen aktiveren Part. Er tritt zusammen mit Tristan auf. Den ersten Teil des Liebesduetts singt Isolde dem Schauspieler zu, während der Sänger des Tristans, Michael Weinius, abseits steht. Erst bei “O, sink hernieder, Nacht der Liebe” nimmt Letzterer seine Position neben Isolde ein. Traum und Realität vermischen sich immer mehr.

Der dritte Akt spielt im Hospiz. Kurnewal pflegt als Arzt den verletzt im Rollstuhl sitzenden Tristan. Vor dem Tode von Tristan erscheinen Ärzte und Pfleger, unter ihnen auch die Interpreten von König Marke und Melot. Isolde und Brangäne treten als Krankenschwestern auf. Nach ihrem Schlussgesang, dem Liebestod, legt Isolde sich neben den Tristan-Sänger. Der Tristan-Schauspieler sitzt im Rollstuhl. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht, bevor er (für immer?) einschläft.

Was er in den letzten Stunden erlebte, waren es die Erinnerungen an sein Leben und seine Liebe oder war alles doch nur ein imaginärer Traum?

Jean-Nico Schambourg | 30. Januar 2025

Online Musik Magazin

Das Sterben an der Liebe ist ein hochinteressanter pathologischer Fall

Tristan stirbt. So steht’s im Textbuch, kurz vor dem Ende der Oper. In der Inszenierung von Jean-Claude Berutti sieht man Tristan drei Akte lang beim Sterben zu. Die Geschichte wird erzählt wie eine Erinnerung – oder ein Wunschtraum, das bleibt offen – des Sterbenden. So erscheint die Schiffspassage im ersten Akt beinahe naturalistisch, auch wenn die Kulisse nur angedeutet wird. Das gelingt optisch allerdings beeindruckend durch ein großes herabhängendes Segel und Filmsequenzen des aufbrausenden Meeres (Bühne und Video: Rudy Sabounghi). Mit ähnlichen Mitteln, aber nicht ganz so wirkungsvoll gestaltet ist der zweite Akt mit Feuerschale vor ebenfalls per Video eingeblendetem Garten. Gebrochen wird der Realismus dadurch, dass Tristan verdoppelt wird. Neben dem Akteur der Handlung ist er auch als Beobachter, sich Erinnernder (oder sich Hineinträumender) präsent. Der dritte Akt spielt im Kranken- und Sterbezimmer, in dem sich Kurwenal und König Marke in Ärzte, Isolde und Brangäne in Krankenschwestern verwandeln. Die Bilder verblassen; die Ankunft von Isoldes Schiff sieht man nicht mehr. Tristan deutet das Geschehen nur noch pantomimisch vage an. Am Ende ist der Hintergrund tiefschwarz.

Bereits zu den Klängen des Vorspiels sitzt Tristan im Rollstuhl und schaut auf das Meer. Weißer Anzug, weißer Hut – das Bild weckt Assoziationen an Dirk Bogarde als sterbender Künstler in Viscontis Verfilmung von Tod in Venedig. Damit ist das zweite wesentliche Moment der Inszenierung umrissen: Kostüme (Jeanny Kratochwil) und Requisiten versetzen das Werk in das späte 19. Jahrhundert. Tristan stellt offensichtlich einen spektakulären pathologischen Fall dar, jedenfalls umgibt ihn im dritten Akt eine ganze Armada von beobachtenden Ärzten. Indem das Bühnengeschehen immer wieder von oben gefilmt und auf die Rückwand projiziert wird, erhält das Geschehen etwas Surreales. Auch das trägt dazu bei, die Erzählebene zu brechen und eine Distanz zum Geschehen zu schaffen. Dabei gelingt es der Regie sehr überzeugend, die Stimmung einzufangen. Die Personenregie bleibt zurückhaltend, setzt aber entscheidende Akzente. Sie weiß, wo sie der Musik den Vorrang lassen muss.

So ist die Inszenierung weit mehr als Bebilderung, geht aber nicht in Konkurrenz zur Komposition. Das eigentliche Ereignis dieser Produktion ist, was aus dem Orchestergraben ertönt. Dirigent Giampaolo Bisanti zeigt enormes Gespür für die großen Bögen und Entwicklungen. Er baut Steigerungen ganz sachte, aber mit langem Atem auf und erzeugt vom ersten Takt an einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Das Orchester der Opéra Royal de Wallonie-Liège spielt keineswegs perfekt; manche Einsätze klappern, manche Phrasen sind uneinheitlich, der Klang könnte transparenter sein. Aber es vermittelt ganz ausgezeichnet die große Idee, die hinter dieser Musik steht, und spielt einen in jedem Moment mitreißenden Tristan.

Gesungen wird die Titelpartie bravourös von Michael Weinius. Sein nicht zu heller, ohne Verschleißerscheinungen höhensicherer Tenor ist kein schwerer Heldentenor, dafür beweglich und geschmeidig, kraftvoll strahlend und nie angestrengt. Als Isolde gibt Lianna Haroutounian ihr Rollendebüt. Die Sängerin hat weltweit von der Traviata bis zur Desdemona, von der Manon Lescaut bis zur Butterfly die großen Frauenrollen bei Verdi und Puccini gesungen. Mit glutvollem, großformatigem Sopran gestaltet sie die Partie bis hin zum bewegenden “Liebestod” mit italienischem espressivo. Wie fast immer ein wenig problematisch bleibt das Duett im zweiten Akt, wo die für sich beeindruckenden, aber im Charakter unterschiedlichen Stimmen nicht recht verschmelzen.

Mit kernigem und präsentem Bass verleiht Evgeny Stavinsky dem König Marke jugendliche Vitalität – kein klangsatter altersweiser Monarch, eher der Typ “Tristans bester Kumpel”. Violeta Urmana singt mit ihrer großen Bühnenerfahrung eine absolut zuverlässige, klangvolle Brangäne. Mit leicht metallisch glänzendem, überaus durchsetzungsfähigem Heldenbariton (mit dem er das imposant donnernde Fortissimo maßvoller einsetzen dürfte) meldet Birger Radde als Kurwenal nachhaltige Ansprüche im Wagner-Fach an. Der Melot von Alexander Marev bleibt recht blass, Zwakele Tshabalala als junger Seemann und Hirt besitzt einen schönen lyrischen Tenor, der wohl besser bei Mozart oder im Belcanto aufgehoben ist als bei Wagner, wo er beim Forcieren an Farbe verliert.

FAZIT
Mit einer sensiblen, die Stimmung des Werkes treffenden Inszenierung und einer musikalisch ganz ausgezeichneten Interpretation gelingt der Lütticher Oper ein nachhaltig berührender Tristan.

Stefan Schmöe | rezensierte Aufführung: 2. Februar 2025

deropernfreund.de

Das Vorspiel fängt mit einem Strand an, auf dem Tristan im altmodischen Rollstuhl mit weißem Anzug und Hut mit dem Rücken zum Publikum aufs Meer blickt. Als ob er schon in Kareol auf Isolde wartet? Seine Erscheinung erinnert an den sterbenden Aschenbach auf dem Lido in Thomas Manns bzw. Viscontis „Tod in Venedig“. Doch dann erscheinen Ärzte und Pfleger und wir verstehen, dass sich Tristan in einem Irrenhaus befindet und die ganze Geschichte in der Rückblende erlebt. – So kann man quasi jede Oper inszenieren und das haben wir schon Dutzende Male gesehen. Doch im ersten Akt sind wir wieder am Strand, aus dem mit wenigen Requisiten und zwei Segeln das Schiff wird. Schöne historische Kostüme von Jeanny Kratochwil, atmosphärische Beleuchtung von Christophe Forey und passables Bühnenbild von Rudy Sabounghi (von dem wir ganz Anderes gesehen haben, mit u. A. Luc Bondy und Klaus Michael Grüber). Erst jetzt verstehen wir, dass unser Tristan in Wirklichkeit ein Tristan-Double ist, nämlich der Schauspieler Thierry Hellin. Auch schon oft gesehen, aber hier durchaus vertretbar, da der Sänger-Tristan Michael Weinius ein Hüne ist, sowie der allererste Tristan Ludwig Schnorr von Carolsfeld, und ein solcher „Bär“ nicht eben singend in die Kniee gehen kann. So verlässt Thierry Hellin im zweiten Akt seinen Rollstuhl, um neben Isolde zu knien, während Michael Weinus hinter dem Rollstuhl steht – was perfekt funktioniert. Thierry Hellin ist für uns das Beste der ganzen Inszenierung, weil er der Einzige ist, der den ganzen Abend seine Rolle innerlich zu durchleben scheint (im Französischen gibt es den schönen Ausdruck „être habité“). Da hätte man ihm im Programm-Heft, wo er quasi als Statist aufgeführt wird, etwas mehr Beachtung schenken können (er wurde z.B. 2015 als bester belgischer Schauspieler ausgezeichnet). Aber auch er kann nicht retten, was ab Ende des zweiten Aktes szenisch versandet, quasi einfriert. Denn im dritten Akt sind wir wieder in der Klinik, wo eine frostige Kälte und Statik herrschen, die auch durch die Live-Videos-von-oben (siehe Foto) nicht durchbrochen werden. Tristan legt sich recht unmotiviert mitten auf die Vorderbühne, um Isolde zu erwarten. Doch das erhoffte Bild von Meer und Schiff taucht nie auf (das hätte der für die Videos zeichnende Julien Soulier mühelos einfügen können) und irgendwann fangen zwei Krankenschwestern an zu singen, ohne sich zu bewegen – Brangäne und Isolde. So einen gefühlskalten „Liebestod“ habe ich noch nie gesehen. Schade! Man hätte die guten Karten, die man in der Hand hatte, nur etwas anders ausspielen können…

Die musikalische Seite war weitaus erfreulicher, beginnend mit dem Isolde-Debüt des in Armenien geborenen lyrischen Soprans Lianna Haroutounian, die man an vielen großen Häusern hauptsächlich im italienischen Fach gehört hat (z.B. 2018 als Butterfly an der Wiener Staatsoper). Nun also zum ersten Mal auf Deutsch und dann auch noch gleich Wagner. Sie hat sich sehr gut vorbereitet und wurde voll und ganz durch Giampaolo Bisanti unterstützt, womit sie im Laufe des Abends immer mehr in ihre wunderschöne Stimme fand. Im ersten Akt wurde sie noch durch Michael Weinius quasi „an die Wand gesungen“, im zweiten Akt sangen sie ebenbürtig nebeneinander (nicht wirklich miteinander, also ohne ein wirkliches Verschmelzen) und ihr „Liebestod“ war sängerisch einwandfrei. Der schwedische Tenor Michael Weinius ist ein erfahrener Wagner-Sänger (erster Preis beim Wagner-Wettbewerb in Seattle 2008) und die Rolle des Tristan bereitet ihm nicht das mindeste Problem. Das ist schon sehr viel: Chapeau! Aber vielleicht liegen ihm Siegfried und Lohengrin – er hat schon alle großen Wagnertenor-Rollen gesungen – mehr als der melancholische Tristan? (Kommt ja von triste, traurig) Violeta Urmana ist nun seit einigen Jahren im Fachwechsel – vor zehn Jahren sang sie noch Isolde! Brangäne liegt ihr deutlich zu tief, was für ein unkontrolliertes Vibrato sorgt. Aber mit ihrer Bühnenerfahrung kam sie souverän durch den Abend. Evgeny Stavinsky besitzt wohl die nötigen tiefen Töne für König Marke, ist ein wunderbar sonorer Bass, aber eine emotionale Tiefe fehlt ihm in dieser Inszenierung – ein so kühles „Treuster aller Treuen“ habe ich noch nie gesehen und gehört. Alexander Marev als Melot, Zwakele Tshabalala als junger Steuermann und Bernhard Aty Monga Ngoy (aus dem Chor) als junger Seemann rangen noch etwas mit ihren Rollen (verständlich bei einer Premiere). Sie standen darstellerisch und auch in der vokalen Gestaltung im Schatten des deutschen Baritons Birger Radde (2023 Wozzeck an der Wiener Staatsoper und 2024 Melot in Bayreuth). Er war für uns als Kurwenal der beste Sängerdarsteller des Abends – Chapeau!

Alle Sänger wurden richtig durch Giampaolo Bisanti getragen, der auch immer Blickkontakt zu seinen Musikern hielt, so dass es schien, als ob er auswendig dirigieren würde.

Er kostete im Vorspiel quasi jede Note aus, mit vielen Pausen und nahm betont langsame Tempi, auch in der „Liebesnacht“. Doch wie auf der Bühne, so gab es auch im Graben mehr Nebeneinander als Verschmelzen: wir hörten die einzelnen Instrumentengruppen separat, der Rausch blieb aus. Und wie schonend und behutsam er auch mit seinen Musikern umging, ab dem Vorspiel des dritten Aktes zeigt das Orchester der Oper hörbare Ermüdungserscheinungen. Bei den Streichern (homogen, wunderbare Phrasierungen bis hin zu Passagen, in denen man die Bogenstriche nicht mehr hörte) hat sich die viele Vorbereitungsarbeit deutlich ausgezahlt, aber die Bläser hakten irgendwann ab mit zittrigen Einsätzen (bei offenem Graben hört man in Lüttich wirklich jeden einzelnen Musiker und dann reicht es, wenn einer müde wird…). Wie dem auch sei, Bisanti und seine Musiker bekamen den größten Applaus des fünfstündigen Abends – absolut verdient, denn es war/ist eine beachtliche Leistung!

Nächsten Monat geht es gleich weiter mit anderen Werken, die seit mindestens 25 Jahren nicht mehr in Lüttich gespielt wurden, und zwar mit Rossinis „Guillaume Tell“. Sehr passend, denn auf dem Deckengemälde des Opernsaals von Emile Berchmans (1903), sitzen Wagner und Rossini friedlich nebeneinander (was damals in Paris nach Augenzeugenberichten nicht unbedingt der Fall war). Ebenfalls noch im März „La Damnation de Faust“ von Berlioz (konzertant und mit Starbesetzung: Vittorio Grigolo, Erwin Schrott und Julie Bouliane). Im April Massenets „Werther“, worauf dann wieder gängige Operntitel folgen. Nächstes Jahr wird es eine Uraufführung geben, sogar ein Auftragswerk: „Bartleby“ des belgischen Komponisten Benoît Mernier. Nach der Novelle „Bartleby the Scrivener“ (1853) von Herman Melville, total anders als sein Seefahrer-Roman „Moby Dick“, eher eine Geschichte, die schon zu Kafka passt und in diesem Sinne sehr heutig ist. In Planung sind eine andere Oper von Wagner, von Smetana und Richard Strauss – doch Genaueres konnte Stefano Pace uns dazu jetzt noch nicht verraten. Man muss eben bedachtsam Schritt für Schritt vorgehen, wenn man „den Horizont erweitern“ will.

Waldemar Kamer | 1. Februar 2025

nmz.de

Tod in Liège

So ist es per se verdienstvoll, wenn sich die auf Vielfalt setzende Oper in Liège jetzt der künstlerischen Herausforderung gestellt und „Tristan und Isolde“ aufs Programm gesetzt hat. Ausgerechnet das Werk, bei dem es besonders um die Imagination eines Klangzaubers geht, der immer wieder ins Rauschhafte eskaliert. Worauf sich ja die gern zitierte Warnung des Komponisten bezieht, dass vollkommen gelungene Aufführungen gesundheitsgefährdend sind.

Nun spielen Jean-Claude Berutti (Regie), Rudy Sabounghi (Bühne), Jeanny Kratochwil (Kostüme) und Julien Soulier (Videos) in ihrer Inszenierung zwar extensiv mit der Krankenhaus-Metaphorik, machen Tristan zum Patienten und Isolde zur Krankenschwester. Eine ernsthafte Gefahr wegen der von Wagner insinuierten Nebenwirkung seiner Musik besteht für die Zuschauer aber nicht. Die ist freilich selbst in den deutschen Hochburgen der regelmäßigen Wagnerpflege (von Bayreuth, Dresden, München und Berlin bis Dessau und Chemnitz) eher selten zu vermelden.

Optisch verweisen vor allem die Kostüme für die vier zentralen Protagonisten und den König dezidiert auf das 19. Jahrhundert. Hintergrund-Videos liefern im ersten Aufzug einen fulminanten Meeresblick. Dass der vom Schiff aus erfolgt, wird durch ein paar Reisegepäckstücke und etwas Segel samt Zubehör angedeutet. Im zweiten Aufzug ist eine Parklandschaft erst in der Draufsicht, dann sozusagen realistisch in die Horizontale abgekippt der Hintergrund. Im dritten Aufzug schließlich dominiert das Sanatoriumspersonal in weißen Kitteln und entsprechende Interieur-Musterungen die Bühne. Nachdem die jetzt als Schwester kostümierte Isolde den letzten Ton verhaucht und sich zum (nicht mehr) singenden Tristan gelegt hat, nickt der nur spielende Tristan im Rollstuhl unmerklich und stirbt. Entschläft würde es hier treffen.

Eine Herausforderung ist dieses Ausnahmewerk vor allem für jedes Orchester, das (außerhalb des Festspielhausprivilegs in Bayreuth) im offenen Graben Emotionen aufglühen lassen und zugleich zügeln muss, um sich mit den Stimmen der Interpreten zu mischen, die vokale Monsterpartien zu stemmen haben. Am Pult des Orchesters der Opéra Royal de Wallonie-Liège legt der Musikdirektor des Hauses, Giampaolo Bisanti, den Ehrgeiz eines eigenen, zupackend transparenten Zugangs an den Tag. Er versucht sich gar nicht erst an einer betont suggestiven Überwältigung. Man hört die einzelnen Instrumentengruppen separierter, als man es unbedingt brauchen würde. Wo man auf einen unmerklichen Übergang ins Hörbare hofft, trifft das Ohr der pointiert beherzte Schritt. Keine Gefahr, ins Schweben zu kommen oder gar abzuheben.

Der schwedische Tenor Michael Weinius als Tristan und die in Armenien geborene Sopranistin Lianna Haroutounian bei ihrem Isolde-Debüt haben damit kein Problem. Es ist schon gewöhnungsbedürftig wie beide – vor allem in den ersten beiden Aufzügen – darauf achten, vokales Aufschwingen nicht in einen Strom einzubinden, sondern erkennbar, gleichsam auf eigene Rechnung zu platzieren. Das immerhin gelingt beiden. Danach ist es geradezu freudig überraschend wie Weinius die Fieberfantasien und Haroutgounian der Liebestod gelingt.Die kraftvoll gebundene Gestaltung, von der man in den beiden ersten Aufzügen gerne mehr gehabt hätte, gibt es hier dann doch noch. Klug gespart und konzentriert ans Ende gesetzt, zahlt sich halt für den Gesamteindruck aus.

Da in Lüttich gleich in vier Sprachen übertitelt wird, geht hier niemand (der es nicht will) auf dem Weg durch Wagners Dichtung mit all ihrem Verständnis-Unterholz verloren. Die Textverständlichkeit gehört überhaupt auf die Habenseite des Abends. Kurwenal und König Marke sind da eh begünstigt – Birger Radde liefert mit seinem Kurwenal auch in der vokalen Gestaltung hier die überzeugendste Leistung. Evgeny Stavinsky ist ein etwas gaumiger, aber doch würdevoller König Marke. Violeta Urmana kommt dank ihrer Erfahrung und deutlich angestrengt alles in allem als Brangäne durchs Ziel. Alexander Marev als Melot komplettiert das Ensemble, Bernhard Aty Monga Ngoy und Zwakele Tshabalala ringen noch um die kleinen Rollen des Steuermanns, des Hirten und des jungen Seemanns.

In dieser Inszenierung kommt noch dem Schauspieler Thierry Hellin die Aufgabe zu, als Tristan-Double den dauerpräsenten Kranken zu verkörpern, der auf Isolde wartet, sich an die ganze Geschichte erinnert und vor dessen innerem Auge alles abläuft. In weißem Anzug mit Hut im altmodischen Rollstuhl erinnert seine Erscheinung an den sterbenden Aschenbach in Thomas Manns bzw. Visconti „Tod in Venedig“. Bei dem Tod in Liège, ist dieses aparte Tristan-Double aber nicht nur der sich Erinnernde, Sterbende, sondern tauscht – etwa im großen Liebesduett im zweiten Aufzug – auch schon mal seinen Platz mit dem singenden Tristan. Über weite Strecken bleibt das dennoch szenisch vor allem eine Behauptung. Sie fügt der Postierung der Protagonisten an der Rampe immerhin eine mitunter hektisch zelebrierte Bewegung hinzu.

Joachim Lange | 29.01.2025

forumopera.com

Un torrent de musique

C’est d’abord pour la musique qu’il faut découvrir le nouveau Tristan und Isolde proposé par l’opéra de Liège. Non que la mise en scène de Jean-Claude Berrutti soit sans mérite. L’idée de situer l’action dans les premières années du 20e siècle se déploie avec bonheur grâce aux costumes élégants de Jeanny Kratochwil. Les projections en fond de scène sont d’une beauté prenante : la mer au premier acte, et un jardin au deuxième, qui pivote d’une façon qui soutient l’action et hypnotise le spectateur par son pouvoir poétique. Et quelle bonne idée d’avoir filmé la fontaine dont parle le livret, ce qui permet de respecter la volonté du compositeur sans avoir à subir le « glou-glou » des productions traditionnelles. Les chanteurs sont bien dirigés, et l’histoire se déroule sous nos yeux avec clarté. Le problème est que le metteur en scène, en parallèle, sacrifie à quelques grands classiques du Regietheater : le double de Tristan, plus âgé, qui se promène en scène en permanence, l’idée de présenter toute l’histoire comme le délire d’un malade soigné en hôpital psychiatrique, le travestissement d’Isolde en infirmière, … Et que, entre son niveau de lecture plus classique et cette déconstruction, Jean-Claude Berrutti ne choisit pas vraiment. L’opéra hésite sans cesse entre modernité et lisibilité, et ne trouve jamais son équilibre. La fin du troisième acte est particulièrement malvenue, puisque tout l’aspect émotionnel lié au retour d’Isolde, à la mort de Kurwenal et au pardon de Marke est évacué.

Les vrais atouts de cette production sont donc musicaux. Et il faut d’abord saluer l’extraordinaire travail du directeur musical maison, Giampaolo Bisanti. Dans une œuvre d’une complexité folle, et plus jouée à Liège depuis 1926, il ne se contente pas d’une mise en place impeccable, avec un orchestre de l’Opéra Royal de Wallonie qui a mangé du lion et qui exhibe fièrement des pupitres disciplinés et d’une beauté de timbre intoxicante (les bois !). Ce simple exploit serait déjà remarquable en soi. Mais le maestro a déjà une conception personnelle de l’œuvre. Il resserre les tempis dans les récits et autres moments dramatiques, et étire les durées dans les grandes extases qui parsèment l’opéra. Comme tout cela est remarquablement pensé, les choses s’écoulent avec naturel, et le grand duo du deuxième acte ne semble pas durer 45 minutes. Miracle du temps musical qui, lorsqu’il est bien géré, défie nos montres et nos horloges. Le chœur de l’Opéra Royal de Wallonie est lui aussi bien préparé, mais le choix de le faire chanter en coulisses nous prive d’une partie de son impact.

L’équipe de chanteurs a fait l’objet d’un travail en profondeur sous la houlette du chef, cela s’entend immédiatement. L’osmose entre les intentions de la baguette et la prestation des solistes est immédiate, et rare dans le répertoire wagnérien. La lourdeur des rôles fait que le nombre de titulaires potentiels est limité. Ces quelques élus sillonnent le monde et ont l’habitude d’imposer leurs conceptions aux chefs. Rien de tel ici, où l’équipe est unie derrière la vision « dramatico-lyrique » de Giampaolo Bisanti exposée plus haut. Portés par une conception qui les convainc, les chanteurs donnent le meilleur d’eux-mêmes. C’est un festival de beauté vocale et d’endurance. On mettra légèrement en retrait la Brangäne de Violeta Urmana, dont on attendait peut-être trop. Mais celle qui fut une des plus belles mezzo-soprano des années 2000 à 2010 paye aujourd’hui des choix de répertoire un peu hasardeux. Son émission est tendue, et elle peine plus d’une fois à se faire entendre. Il reste un timbre somptueux, mais on espérait plus. Le Roi Marke d’Evgeny Stavinsky bouleverse tant son chant de basse profonde dégage de noblesse, d’amour blessé et de rage contenue. Chaque intervention du Kurwenal de Birger Radde est comme un rayon de soleil dans cet opéra nocturne, et la façon dont il tente de raccrocher son maître Tristan à la vie au troisième acte est à la fois enthousiasmante et désespérante. Face à tant de joie et de dynamisme, le spectateur voudrait lui aussi que Tristan suive les conseils de son fidèle écuyer, laisse tomber ses chimères amoureuses et embrasse la vie telle qu’elle est. Mais les efforts du brave Kurwenal resteront vains, et c’est la mort qui emportera tout sur son passage.

A condition d’accepter une certaine nasalité dans le timbre, on sera séduit par le Tristan de Michael Weinius. Cet artiste probe et intelligent gère son effort avec beaucoup de sagesse, ce qui lui permet de privilégier le lyrisme lors du duo avec Isolde et d’arriver au troisième acte et à son agonie avec des réserves. Il impose alors un personnage incroyablement vrai, et affronte cette partie du rôle quasi inchantable avec une conviction qui fait mouche. Le tout avec une ligne de chant qui reste précise et dosée. Bravo ! Mais la révélation de la soirée a pour nom Lianna Haroutounian. Celle qui s’est fait un nom dans Verdi et Puccini avait fait lever quelques sourcils lorsqu’elle avait annoncé qu’elle se lancerait dans Wagner. Qui plus est, elle commencerait par Isolde ! De l’audace à revendre … qui a fini par payer. L’intelligence du rôle est totale (quelques fautes de textes ne sont que peccadilles ici), la princesse altière du début est aussi crédible que l’amoureuse du duo et la pauvre créature deséspérée sur le corps de son amant. La voix est d’une beauté presque surréelle, avec un volume qui surprend. Le sol tremble littéralement lorsque la diva lance ses aigus. Les larmes et l’accolade au chef au moment de saluts ne trompent pas : Lianna Haroutounian entame une nouvelle phase dans sa carrière, et une étoile de plus brille au firmament du chant wagnérien.

Dominique Joucken | 30 janvier 2025

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