Götterdämmerung

Pablo Heras-Casado
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
14 June 2026
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedAndreas Schager
BrünnhildeCamilla Nylund
GuntherAttila Mokus
GutruneJenni Hietala
AlberichGeorg Nigl
HagenGünther Groissböck
WaltrauteSzilvia Vörös
WoglindeIleana Tonca
WellgundeAlma Neuhaus
FloßhildeStephanie Maitland
1. NornMonika Bohinec
2. NornMargaret Plummer
3. NornJenni Hietala
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Reviews
Der Standard

Brutal, wild und aufwühlend

Der Mensch giert nach “maßloser Macht”, heißt es im Ring des Nibelungen. Dem widersprach Bogdan Roščić am Tag der Götterdämmerung öffentlich: Manch einem wäre Publicity noch wichtiger. In einem Beitrag für den Kurier meinte der Staatsoperndirektor, speziell in der Person von Festwochen-Intendant Milo Rau einen “Musterschüler” im “Spiel auf der rauschenden Harfe der Aufmerksamkeits-Ökonomie” zu erkennen. Eine Harfenisten-Stelle im Staatsopernorchester bot er ihm nicht an, auch nicht die Regie eines neuen Rings. Eine “Rolle beim Opernball” würde er für Rau aber finden, ätzte Roščić, und schlug den Schweizer als Nachfolger des verstorbenen Society-Kasperls Richard Lugner vor. Staatsoper gegen Festwochen, das ist Brutalität.

Brutal, wild und aufwühlend war es auch, was vom Orchester unter der Leitung von Pablo Heras-Casado am letzten Tag des Bühnenfestspiels zu hören war. Speziell das Blech war eine Macht: als hätte Andreas Schager mit seiner trompetengleichen Schallkraft gleich die ganze Orchestergruppe mitgerissen. Heavy Metal am Opernring. So unkaputtbar gut gelaunt wie Harry Prünster und Andy Borg zusammen war der Österreicher als Siegfried zudem noch.

Jubel für alle
Da transportierte Camilla Nylund als Brünnhilde eher eine Grande-Dame-Attitüde. Von einem Wasserfall blonder Locken umspült, ließ sich die Finnin von der kruden Story nicht irritieren und lieferte fünfeinhalb Stunden, was von ihr erwartet wurde: lange, hohe, laute und trotzdem edle Töne. Eindrücklich Szilvia Vörös als Nylunds Bühnenschwester Waltraute, deren klarer Mezzo erfrischte.

Mit limitierter Lautstärke und eher stumpf-kehlig timbriert der umtriebige Hagen von Günther Groissböck; Georg Nigl fesselte bei seinem kurzen Auftritt als Alberich auch mit dramatischer Stummfilmmimik. Nobel-blass Attila Mokus als Gunther; souverän Jenni Hietala, die Regine Hangler kurzfristig als Gutrune ersetzte. Am Schluss hatten die Machtspielchen ein Ende, Jubel für alle.

Stefan Ender | 5.6.2026

operinwien.at

Abschied vom Ring?

Musikalisch ergab sich an diesem Abend ein etwas uneinheitlicher Eindruck. Das begann schon im Orchestergraben. Pablo Heras-Casado hat es laut und brutal klingen lassen: Wäre Siegfried nicht gerade eben verstorben, er hätte ihn mit dem Trauermarsch erschlagen. In der Tageszeitung „Die Presse“ (6.6.2026) war anlässlich der ersten Vorstellung der „Götterdämmerung“ dieser beiden „Ring“-Durchgänge von einem „symphonischen Mahlstrom“ zu lesen, allerdings hat sich nach meinem Eindruck dieser „Endzeitstrudel“ mehr in seiner technisch-akustischen Ausformung artikuliert, weniger in einem subtilen Spannungsaufbau, der auch die musikalischen Bögen sucht.

In einem Interview für die Website „Klassik begeistert“ meinte Heras-Casado: „Wagner is closer to Monteverdi than to Puccini, Vivaldi or Bellini.“ (1) Aus „narrativer“ Sicht vielleicht – und das hat sicher Vorteile, wenn es darum geht, sich ins Motivgeflecht einzuhaken, etwa bei der Nornenszene, wo man der leitmotivischen „Deklamatorik“ mit Interesse lauschte. (Wobei in diesem zitierten Vergleich rezeptionsgeschichtlich schon eine sehr „akademische“, um nicht zu schreiben „historiographische“ Sichtweise zum Vorschein kommt.)

Aber „Interesse“ und „große Emotionen“ sind doch zwei Paar Schuhe und die Emotionen artikulierten sich an diesem Abend vor allem durch Gegensätze in der Lautstärke (besonders laut die Blechbläser) oder in sehr deutlichen Tempowechseln (etwa am Ende des Vorspiels, wo Grane gleichsam in Galopp verfiel, um mit Siegfried möglichst rasch zum rheinbefahrenden Schifflein zu kommen).

Vor Beginn des dritten Aufzugs gab es sogar ein paar Buhrufe, die den Dirigenten meinten, aber sie waren wenig durchsetzungsstark, auf meinem Platz (Balkon Seite) schlecht zu hören, und sind rasch vom allgemeinen Beifall verschluckt worden. Vielleicht waren sie vom zweiten Aufzug angeregt worden, der seine Stärken nicht so recht ausspielen konnte und der gegen Ende hin überraschend spannungslos geriet – was aber auch mit der Besetzung zu tun hatte.

Denn die Gibichungen waren an diesem Abend kein „Highlight“: Attila Mokus ein blasser, gesanglich durchsetzungsschwacher Gunther, Jenni Hietala eine etwas zu leichtgewichtig besetzte Gutrune, und Günther Groissböcks Bass klang sehr trocken, im Volumen sparsam, aber er konnte sich zumindest darstellerisch die Präsenz sichern, die Hagen als Gegenspieler Siegfrieds profiliert. (Und überhaupt hätten nicht nur die drei von einem in der Dynamik sensibleren Dirigat stark profitiert.)

Camilla Nylund hat erst 2023 in Zürich als „Götterdämmerungs“-Brünnhilde debütiert, und ein kleineres Haus wird, wenn sich ihr Sopran zu hochdramatischen Höhenflügen aufschwingt, für diese wahrscheinlich geeigneter sein als die Wiener Staatsoper. Nylunds Brünnhilde war trotzdem beeindruckend, gewann durch sichere Spitzentöne, und durch starke darstellerische und emotionale Intensität. Einserseits hat sich ihr Sopran trotz langer Karrierejahre eine gewisse lyrische Anschmiegsamkeit bewahrt, was ihrer Brünnhilde eine überzeugende Frische verlieh, andererseits war die stimmliche Anstrengung dann doch nicht zu überhören, etwa im zweiten Aufzug, wenn Wotans Tochter vor Zorn und Rache kocht. Auch dem Schlussgesang hätte eine etwas breitere stimmliche Fundierung gut getan.

Andreas Schager hat seinen energetischen Jung-Siegfried in die „Götterdämmerung“ übersiedelt. Im ersten Aufzug wirbelte er die Gibichungen durcheinander und warb nach Hagens Trunk stürmisch um Gutrune. Die Täuschung Brünnhildes durch die Verwendung des Tarnhelms war wieder großartig gestaltet, auch im Stimmklang trefflich angepasst. Im dritten Aufzug mischte sich dann eine Spur Nachdenklichkeit in Siegfrieds Jugend, so als würde er sein nahes Ende erahnen. Schagers Tenor präsentierte sich insgesamt in sehr guter Verfassung, bei gewohnt beeindruckendem Durchhaltevermögen (und das „Hoihe!-C“ ist ohnehin eine Luxusfrage, an diesem Abend zählte der Wille fürs Werk).

Georg Nigl packte in die Darstellung des Alberich wieder einen Manierismus, der mich nicht überzeugte, auch die Zeichnung eines – wie mir schien – gealterten und etwas frustriert wirkenden Zwergen knabberte für meinen Geschmack zu stark an den Machtansprüchen des Nibelungen, die er ja nicht aufgegeben hat. Szilvia Vörös gab eine klangschöne, mitfühlende Waltraute, die Nornen präsentierten sich in Summe überzeugender als die Rheintöchter.

Das Publikum ließ sich nach Verklingen des letzten Tons sogar zu einigen Sekunden betroffener Stille hinreißen (wenige einsetzende Klatscher verstummten wieder). Der starke und teils enthusiastische Schlussbeifall dauerte zumindest eine Viertelstunde lang. (Ich habe das Ende des Applauses nicht abgewartet.)

Dominik Troger | Wiener Staatsoper 14. Juni 2026

klassik-begeistert.de

Heras-Casados „Ring“‐Dirigat vollzieht eine spannende Wendung

Warum manche eine negative Entwicklung ausmachen wollen, kann nur an einem liegen: Sie sehen Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ zu stark von der Theaterseite. Das heißt, sie stellen Text und Libretto in den Mittelpunkt. Anders ist nicht zu erklären, dass das „Rheingold“ hochgejubelt wurde, während man bereits in der „Walküre“ und im „Siegfried“ eine negative Entwicklung verspürt. Durch die Dehnung der Partitur hatte Heras-Casado die Sänger im „Rheingold“ dazu gezwungen, so zu singen, wie es vor 50 Jahren noch üblich war. Der musikalischen Kraft der Partitur war das keine Hilfe, weil vieles dadurch zerfallen war. Statt Spannung hat Heras-Casado damit das Gegenteil erreicht.

Zunehmend haben er und das sensationell aufspielende Staatsopernorchester diesen Pfad verlassen.

Lautstärkemäßig zumindest, aber auch von den Tempi. Dass dadurch einzelne Sänger in der „Götterdämmerung“ zu kämpfen hatten, lässt sich nicht verheimlichen. Doch selbst Christian Thielemann hatte in Wien schon Sänger der Kraft des Orchesters geopfert. Das ist notwendig, wenn man Wagners Ring nicht als reines Theater sieht, sondern beim Wort Musiktheater die Musik stärker in den Fokus rückt. Andernfalls muss man nach Bayreuth, wo man das Orchester wortwörtlich unter einem Deckel begräbt.

Wo hat das Wiener Staatsopernorchester geglänzt?
Dabei hatte das Staatsopernorchester seine Stärken gerade in den leisen Momenten ausgespielt. Dieser erste Akt der „Götterdämmerung“ war pure Magic. Fast kammermusikalisch hatte dieses Zurückblicken auf die ganze Geschichte des Rings gewirkt. Hier hat Heras-Casados eigenwilliger Zugriff sein Potenzial voll entfaltet. Vor allem, weil die Holzbläser der Wiener Staatsoper all ihr Können und ihre perfekte Intonation in die Waagschale geworfen hatten. Dass der Wiener Streicherklang einzigartig klingt, ist fast schon selbstverständlich.

Eine derartige Atmosphäre hatten in Wien bislang nur zwei Dirigenten der letzten Jahre erschaffen, jeder mit einem anderen Werk: Philippe Jordan bei einer „Così fan tutte“ und Alexander Soddy bei einer „Elektra“.

Was macht Andreas Schagers Siegfried unvergesslich?
Das noch größere Highlight war jedoch Andreas Schager. Dieser Siegfried ist stimmlich erwachsen geworden, ohne etwas von seinen enormen Kraftreserven einzubüßen. Ich gebe es zu: Der Siegfried hat mich als Figur noch nie gereizt. Seine Musik ist einfach nicht schön. Was Schager allerdings dieses Mal aus der Partie herausholt, hat sogar mich gefesselt. Zu der Bärenkraft ist eine Art Ausdruck hinzugekommen, die selbst dem lautesten Schrei eine weiche Gesangslinie verleiht.

Bei der Brünnhilde dasselbe. Ebenfalls eine Partie, der Wagner keine klassischen schönen Linien in den Schoß gelegt hat. Viel Erzählung, die mich musikalisch generell kalt lässt. Camilla Nylund holt jedoch viel heraus. Fast lyrisch muten da einige Passagen an, ohne bei den dramatischen Ausbrüchen an Kraft zu verlieren. In Bayreuth wird sie dennoch leichteres Spiel haben.Warum man den Hagen unterschätzt, ist fragwürdig
Der Hagen hat davon ebenfalls einiges zu bewältigen. Bedenkt man, dass Günther Groissböck den Sprung zum Wotan nicht vollzogen hat, ist der Hagen eine gute Wahl. Das ist eine enorm schwierige Partie, der Groissböck viel Ausdruck und Herrscherisches einverleibt. Hätte er noch zehn Prozent stimmliche Reserven draufgelegt, wäre das sensationell gewesen. So bleibt die markante Stimme, die in den leiseren Orchester-Momenten voll sticht und einen unglaublichen Wiedererkennungswert hat.

Der Rest ist halt Wagners „Götterdämmerung“. Rund viereinhalb Stunden und Längen in der Partitur, die kein Orchester dieser Welt und kein Dirigent verkürzen kann. Zum Ende warte ich meistens nur mehr auf Siegfrieds Trauermarsch, in dem Wagner einige Leitmotive zu einer gigantischen einsätzigen Symphonie verwoben hat. Über die Phrasierung von Heras-Casado kann man diskutieren. An der Lautstärke gibt es nichts auszusetzen. Somit auf in „Ring“-Durchgang Nr. 2, der bereits morgen startet.

Jürgen Pathy | 5. Juni 2026

bachtrack.com

Ausgedämmert: das grandiose Finale des Bechtolf-Rings an der Wiener Staatsoper

Das Beste kommt zum Schluss, auch wenn Flut auf Brand folgt: Götterdämmerung war an der Wiener Staatsoper ein letztes Mal und so großartig wie schon lange nicht zu erleben, bevor Der Ring des Nibelungen in der Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf eingemottet wird.

Geliebt hat man diese merkwürdig kühle und leere Regiearbeit aus 2008 nie, denn das Motto „Den Ring muss man träumen“ führte mitunter eher zu Dämmerschlaf denn zu Traumbildern. Mit der rötlich beleuchteten Christbaumschonung am Walkürenfelsen und den als Synchronschwimmerinnen getarnten Rheintöchtern hatte sie jedoch Wiedererkennungswert und bot reichlich Raum für das, was Sängerinnen und Sänger an Schauspieltalent darin auszuleben bereit waren. Das war nicht immer viel, weil man an der Rampe kräftesparender und mangels Vorgabe auch legitim steht, doch hat man für die Dernièren-Saison die über die Jahre verflachte Personenregie wieder ernstgenommen, und die hochmotivierte Spitzenbesetzung sorgte für einen unvergesslichen Abend, der mit so langanhaltendem Jubel bedankt wurde, wie man ihn hierzulande nicht oft erlebt.

Nach etlichen Sekunden Schockstarre und Ergriffenheit, als der Schlussakkord verklungen war, ging man schnell zu Standing Ovations über, mit der zunächst Camilla Nylund für ihre überragende Leistung als Brünnhilde gewürdigt wurde. Sie war – auch rollenbedingt – schon immer eine Sängerin von großer Noblesse, die im Spektrum der Emotionen nicht unbedingt neben der wilden Leidenschaft steht, doch zeigte sie mit ihrer Götterdämmerung-Brünnhilde, was in ihr steckt: die Liebe zu Siegfried samt rasender Enttäuschung, die kalte Schulter für Gunther und das geradezu königliche Beharren auf ihrem Anspruch als Siegfrieds erste und einzige Frau. Dies mündete in einen geradezu unerhörten Schlussgesang, in dem nicht die Spur von Müdigkeit zu vernehmen war, sondern die schönsten und saubersten Töne, mit denen man sich über das finstre Fis-Moll von „Starke Scheite“ zur finalen Apotheose in Des-Dur durchmodulieren kann. Man hatte geradezu den Eindruck, dass ihr diese Partie in jeder Hinsicht guttut.

Auch Andreas Schager hatte als Siegfried einen starken Abend, doch würde man sich wünschen, dass er seinen stimmlichen Energieüberschuss in die musikalische Gestaltung transformieren könnte, die an seinem Tristan so gefällt. Insofern gerieten jene Stellen am besten, in denen er nicht auf die metaphorische Tube drückte. Andererseits passt der kraftstrotzende Ansatz zum jugendlichen Übermut, mit dem er Siegfried darstellt. Mehr stimmliche Zurückhaltung hätte es ihm aber wohl erlaubt, die schwierig zu singenden Reprisen des Waldvogelmotivs vor der Todesszene auszukosten, anstatt vornehmlich die Spitzentöne explosiv anzureißen – an Lautstärke hätte es dennoch nicht gefehlt. Daran, dass die Inszenierung Siegfrieds Tod buchstäblich unter Bühnenniveau versenkt, trägt er keine Schuld.

Der nachfolgende Trauermarsch, neben dem von Frédéric Chopins wohl der berühmteste der Welt, setzte für Wiener Verhältnisse, wo man es gern krachen lässt, getragen und dezent ein, und schwoll wie ein heraufdräuendes Gewitter zu Klangwolken an, die sich unter Tschinellen-Blitzen auf die gewohnte Weise entluden. Diesen Klangrausch und natürlich das Götterdämmerung-Finale zu dirigieren, muss ein im Doppelsinn mächtiges Gefühl sein, und Pablo Heras-Casado erwies sich als weiser Herrscher am Pult des Staatsopernorchesters. Dieses lief unter seiner Leitung zu Bestform auf und setzte das Vorgegebene nuanciert um. Es waren atemberaubend schöne Pianissimi zu hören, und nicht minder beeindruckende von den Solistenleistungen. Besonders positiv fiel auf, dass auch Pausen mit Spannung gehalten waren, und die leisen, spärlicher instrumentierten Stellen mit genauso viel Detailfreude wie den Rest gestaltet waren.

Neben dieser Führungsriege, bestehend eben aus Instrumentalmusik, Brünnhilde und Siegfried, setzte von den Nebenpartien insbesondere Szilvia Vörös als Waltraute einen Glanzpunkt. Sie gefällt als geradezu mädchenhafte Erscheinung, die allen Mut zusammennimmt, um die große Schwester Brünnhilde um Hilfe für Walhall und die Welt zu bitten. Und von der Gesangsleistung, die jener von Nylund ebenbürtig ist, kann man nur den Hut ziehen. So gut gesungen bekommt man diese Szene nur selten, und dasselbe gilt auch für die Nornenszene. Diese kann sich so lang wie das von den Nornen gesponnene Seil ziehen, doch das ließen Monika Bohinec, Margaret Plummer und Jenni Hietala nicht zu.

Jenni Hietala gab auch Gutrune, die neben dem übergriffigen Hagen von Günther Groissböck wie ein Schulmädchen wirkte. Das ist jedoch für diese Partie, die musikalisch einen bewusst lieblichen Kontrapunkt zum selbstbewussten Rest darstellt, kein Fehler. Als ihr linkischer Bruder Gunther war Attila Mokus zu erleben, der zwar nichts falsch machte, aber neben dem Charisma von Schager und Groissböck verblasste. Groissböck ging den Abend vorsichtig an, und sparte sich die Kraft für gelungene Mannenrufe und das besonders packende Verschwörungsterzett mit Brünnhilde und Gunther.

Auch der Kurzauftritt von Georg Nigl als vom Leben gebeugter, aber immer noch rachsüchtiger Alberich war in jeder Hinsicht sehens- und hörenswert. Das ist auch das Fazit des Abends, an dem die Rheintöchter, die nach wenigen Takten zu einer Leistung aus einem Guss zusammenfanden, nicht vergessen werden sollten. Mit ihnen beginnt die Tetralogie, und der sprichwörtliche Zauber des Anfangs in Rheingold, spiegelte sich in dieser magischen Götterdämmerung, mit der die Ära der Bechtolf-Inszenierung endet.

Snapdragon | 16 Juni 2026

onlinemerker.com

Alles, was ist, endet

Das sagt uns schon Erda und nun trifft es auch auf Sven Eric Bechtolfs Ring des Nibelungen zu, war doch diese Götterdämmerung der letzte Abend dieser Produktion. Da war nicht viel an Deutung, aber alles, was nötig ist, um Sängern den Raum für ihre Rollengestaltung zu geben. Erinnern wir uns ein letztes Mal an die Ausstattung, so bleiben die Christbaummarkttannen des Walkürenfelsens, die Stelen des zweiten Akts, die mit dem (stimmgewaltigen) Chor um Bewegungslosigkeit konkurrieren und die chaotisch auf- und niederfahrenden Podeste der letzten Szenen, die am Ende mit gescheiten Projektionen versöhnen, in Erinnerung – und eine gewisse Dankbarkeit, dass den Kostümen stets die Farbe und bis auf die Waltrauten-Entgleisung auch alle Originalität abgeht. Kann sein, dass wir uns danach noch zurücksehnen werden, aber schauen wir mal.Aktivposten dieser Dernière war in erster Linie das Orchester unter Pablo Heras-Casado. Es trat, wie üblich, nicht in allen vier Teilen in gleicher Besetzung auf, war aber wiederum grandios, von sublimen Soli (Klarinetten, Oboen, Blech und noch viel mehr) bis zum überwältigenden Vollklang, den der spanische Maestro erkennbar führte. Heras-Casado hat sein Ring-Konzept, zieht es klar durch und sorgt für den Fluss, die Höhepunkte und die Ruheinseln des Weltendramas. Ein Dirigent von hohem Format, auf dessen weitere Dirigate (in der nächsten Saison nur, aber immerhin Holländer) man sich schon freut.Die Bühne dominiert Camilla Nylund. Sie hat sich diese schwierigste aller Brünnhilden zu Eigen gemacht, strahlt die Würde aus, die man von ihr kennt und so sehr schätzt, und setzt mit der Schlussszene einen auch gesanglichen Höhepunkt der Sonderklasse. Dass sie das derart singen kann! Chapeau! Als weiterhin unbekümmerter Wirbelwind fegt Andreas Schagers Siegfried umwerfend über die Bühne. Ohne stimmliche Probleme (und mit ein paar geschickt kürzer gefassten Noten) flutet sein mächtiger Heldentenor wieder das Haus. Stückbedingt eher Cameos als durchgehende Rollen liefern auf Spitzenniveau Szilvia Vörös als Waltraute: textdeutlich, manchmal liedhaft, manchmal hochdramatisch; eine Waltraute, die sich unter die bemerkenswertesten meiner Götterdämmerungserfahrungen (nahe an Ludwig und Kulman) reiht, und Georg Nigl, ein Alberich berstend von Ausdrucks- und Gestaltungswillen, der sich keine Millisekunde um den bloßen Schönklang schert. Dass Gunther (Attila Mokus, um Haltung und Ausdruck bemüht, aber zwischen den Mühlsteinen großer Singschauspieler zerrieben) und Gutrune (Jenni Hietala, brav, aber kaum textverständlich) daneben blässlich daherkommen, ist keine dramaturgische Schwäche. Und dass Günther Groissböck mit starker Persönlichkeit und intensivem Spiel einen ebenso durchtriebenen wie bösen Hagen darstellt, passte auch. War auch vokal im ersten Aufzug alles in Ordnung und mündete in eine sehr gut gestaltete Wacht, so war es ab den Mannenrufen dann nicht mehr allzu gut um seine stimmliche Verfassung bestellt. Nicht jeder, der so viel macht wie Placido Domingo in seinen Glanzzeiten, wird am Ende auf eine auch nur annähernd so lange Karriere zurückblicken können. Vorsicht!Kurz zu den beiden Frauenterzetten: Bei den Nornen ist Monica Bohinec ein Fels in der Brandung und Margaret Plummer steht ihr um nichts nach. Jenni Hietala ergänzt mit guter Stimme und weniger guter Diktion. Bei den Rheintöchtern klingt Ileana Tonca noch nicht ganz auf der gewohnten Höhe, Alma Neuhaus und Stephanie Maitland ergänzen mit hübschen Leistungen ein dann doch ausreichend homogenes Trio.

Robert Fucik | 15.06.2026

deropernfreund.de

Der derzeitige Wiener Ring, nun abgeschlossen und noch einmal wiederholt (Streams der zweiten Serie wären das wahre Geschenk für Wagnerianer in aller Welt…), hatte mit dem Rheingold hoch solide begonnen, explodierte mit der Walküre und erreichte einen Höhepunkt, wie man ihn selten erlebt, mit Siegfried. Dass da nichts mehr „über drüber“ drinnen war, schien logisch, die Makellosigkeit stellte sich nicht mehr ein. Dennoch haben die Protagonisten ihren jubelnden Beifall verdient, bei Wagner sitzen Fachleute im Publikum (andere halten das ja gar nicht aus) und wissen, was der Meister den Sängern abverlangt hat.

Nur Andreas Schager konnte sein Siegfried-Niveau halten, wobei er die Figur weiterentwickelt hat, spürbar erwachsen geworden (wohl durch die Gemeinsamkeit mit Brünnhilde), wäre er den Gibichungen vermutlich nicht hinein gefallen, wenn bei Wagner nicht so gerne Tränke kredenzt würden – ein Vergessenstrank, um die Handlung möglich zu machen, ein Erinnerungstrank, um ihm seinen tragisch schönen Tod zu schenken… . Dazwischen noch die bemerkenswerte Szene, wie sehr er sich auch stimmlich verwandelt, wenn er für Gunther um Brünnhilde wirbt, und im Übrigen wieder eine gesanglich und darstellerisch wundervoll ausgefeilte Leistung. Seien wir froh, daß wir Andreas Schager haben.

Optisch und in der Gestaltung überragt Camilla Nylund wohl heute viele ihrer Kolleginnen. Der Weg zur Brünnhilde führt für Sängerinnen, die nicht als „gestandene“ Hochdramatische geboren sind, über die Charakteristika der Rolle, die hart erarbeitet werden müssen – die attackierenden, sicheren Spitzentöne. Hat man die, singt man Wotans Tochter. Und vergisst, daß da sehr viel Mittellage ist, die Kraft und Klang braucht. Klappt das nicht, bricht die Leistung immer wieder – die „Starken Scheite“ waren wirklich nicht aus einem Guss.

Die interessanteste Figur des Abends ist wohl Hagen, Alberich Sohn. Weil der Schwarzalben-Papa die Gibichungen-Mama vergewaltigt hat, ist er der Halbbruder von Gunther und Gudrune – und mehr. Er ist der Drahtzieher der Götterdämmerung, dabei er ist selbst eine Marionette, jene seines Vaters Alberich, der von ihm nachdrücklichst verlangt, den Ring, den Wotan Alberich gestohlen hat und der inzwischen bei Siegfried gelandet ist, wieder zu beschaffen. Nicht von ungefähr hat Wagner für diesen Hagen mit dem Chor seiner Mannen die wohl brutalste Musik geschrieben, an die man sich bei ihm erinnert.

Günther Groissböck singt erstmals in Wien den Hagen. Anfang 2020, als ein neuer Ring in Bayreuth bevorstand und Groissböck annehmen konnte, infolgedessen die nächsten Jahrzehnte seiner Ring-Karriere als Wotan / Wotan / Wanderer zu verbringen, hat Corona nicht nur in sein Schicksal verheerend eingegriffen. Seither konnte er in diesen Rollen, die auf den großen Häusern der Welt von Volle und Konieczny verwaltet werden, nicht Fuß fassen.

Also nun eine Partie, die er davor nie ins Auge gefasst hatte: der Hagen. Ob sein interessantes Konzept für die Figur Eigenbau ist oder aus der Inszenierung stammt (aber daran würde man sich doch erinnern?), ist egal, er macht jedenfalls einen ganz faszinierenden „Zauberer“ aus diesem Mann, der mit seinen Händen alles zu lenken scheint (nicht nur den Chor seiner Mannen). Gelegentlich fasst er sich ans Ohr, und dann ist ziemlich klar, dass sein Vater in seinem Kopf sitzt und Anweisungen gibt. Er zeigt mit Handbewegungen Gunther und Gutrune (die er vielleicht ein bißchen zu lieb hat?), was sie tun sollen. Und den Göttersohn (Enkel) Siegfried zu töten, ist gewissermaßen seine Pflicht als Schwarzalbe, der auch für die verhängnisvollen Tränke sorgt.

Es ist ein Vergnügen, Groissböck zuzusehen, was jedoch den Umfang seiner Stimme betrifft, so ist sie deutlich schmäler als früher, kann nur durch Forcieren gelegentlich auf jenes Level gebracht werden, das Hagen die ganze Zeit brauchte. Hoffentlich ist es nur eine vorübergehende Schwäche. Wenn man dagegen hört, wie vergleichsweise kraftvoll Georg Nigl als Vater Alberich ihm das Böse mit schneidender Kraft ins Ohr träufelt…

Blasse Gibichungen-Geschwister sind Attila Mokus und Jenni Hietala (eingesprungen für die wegen Krankheit entschuldigte Regine Hangler, die sich immerhin noch mit Monika Bohinec und Margaret Plummer durch die einleitende Nornen-Szene kämpfte). Szilvia Vörös, von der Fricka zur Waltraute geworden, ist zu hell für einen Mezzo. Schade, dass die schäkernden Rheintöchter (Ileana Tonca, Alma Neuhaus, Stephanie Maitland) Siegfried den Ring nicht abnehmen, aber sonst gäbe es ja auch keinen Trauermarsch…

Womit man bei dem Dirigenten Pablo Heras-Casado wäre, der seinen kompletten Ring mit einer Götterdämmerung abschloß, die nicht lauter, dramatischer, alles überfahrender hätte sein können (worunter zahlreiche Sänger litten). Also nicht Karajans Ziselierarbeit, sondern Wagner für Wagnerianer, die bei der „Rheinfahrt“ auf den Wogen der Musik mitschwelgen und beim Trauermarsch in Ergriffenheit versinken wollen. Auch legitim, oder?

Szenisch wird man diesem Ring sicherlich nicht nachweinen, man muss nur an das Video-Ende denken, das dermaßen nichts mit dem zu tun hat, was die Musik erzählt, dass man sich fragt, was der Blödsinn soll. Die mindestens fünf Sekunden Schockstarre nach den letzten Tönen, waren sicherlich nicht darauf, sondern schlicht auf die Macht der Musik zurückzuführen. Kleiner Schnitzler ungeachtet – es war ein sehr schöner Zyklus, mit dem die Staatsoper die unglückselige Produktion von Sven-Eric Bechtolf und dem Ehepaar Glittenberg verabschiedete.

Renate Wagner | 8. Juni 2026

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User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
682 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 1.2 GiB (flac)
Remarks
In-house recording
A production by Sven-Eric Bechtolf (2008)
This recording is part of a complete Ring cycle.