Der fliegende Holländer

Carlo Benedetto Cimento
Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters
Mitglieder des Philharmonia Chors Wien
Mozarteumorchester Salzburg
Date/Location
11 November 2025
Felsenreitschule Salzburg
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
DalandMartin Summer
SentaMagdalena Hinterdobler
ErikLuke Sinclair
MaryKatie Coventry
Der Steuermann DalandsIlia Skvirskii
Der HolländerMinsoo Ahn
Gallery
Reviews
Der Standard

Wagners “Holländer” als Parcours für Felsenreitschüler

Diese Senta himmelt einen blonden Schönling auf einem Hochglanzposter an und sehnt sich nach der Weite … Nach der eher weichgespülten Ouvertüre bei der Premiere am Sonntag ließ Leslie Suganandarajah am Pult des Mozarteumorchesters Salzburg die Wagner’sche Brandung auf immer markantere Klippen laufen.

Intendant Carl Philip von Maldeghem verlegt in seiner Inszenierung des Fliegenden Holländers in der Felsenreitschule die Geschichte von Fluch und Erlösung in eine zeitlose Gegenwart, markiert durch ein “modernes” Schiff (Bühnenbild Stefanie Seitz), auf dem die Matrosen eifrig herumturnen. Respekt vor den Männern von Chor und Extrachor des Landestheaters sowie des Philharmonia Chors Wien für Kletterleistung und strahlenden Klang.

Auf der einen Hälfte des Kutters ist Daland der Kapitän, auf der anderen der Holländer. Die Grenze ist fließend. Raumhohe Segel, weiß und rot, kennzeichnen die Welten und sind zugleich Projektionsflächen für Welle und Brandung. Das Vokalensemble brilliert sängerisch wie darstellerisch – und beherrscht den Monumentalraum. Die Einzelporträts überzeugen ebenso wie die sich entwickelnden Beziehungen zwischen den Figuren. Derek Welton singt die Titelpartie im subtilen Wechsel von geisterhafter Abwesenheit und vollblütiger Präsenz. Martin Summer gibt den soliden, wenn auch etwas geldgierigen Daland als Bilderbuch-Kapitän. Reine Freude beschert die Stimme von Alexander Hüttner als Steuermann. Der Tenor Sung Min Song hat als arme Landratte keine Chance als verzweifelt in Senta verliebter Eric.

Ein Mann in einem Bühnenkostüm steht auf einer modernen Theaterbühne. Er trägt eine dunkle Jacke, ein dunkles Shirt und beige Hosen. Seine Hände sind mit Seilen seitlich an Metallgeländer gebunden, die Szene ist in blaues Licht getaucht.

Dass ein moderner Fischkutter keine Spinnräder an Bord hat, ist verständlich. Förderband und Klebeband-Roller drehen sich aber auch: Die Spinnstube der Mädchen ist im Bauch des Schiffes untergebracht und kommt als Fischfabrik oder deren Verpackungsstation daher. Dort sind die Chorsängerinnen munter am Werk und singen spritzig und textdeutlich.

Eine Extraklasse ist die Sopranistin Magdalena Hinterdobler. Schon mit ihrem ersten “Johohohe” in der Ballade vom Fliegenden Holländer wird als existenzielle Not kenntlich, was bislang interessantes Geplänkel war. Die dramatischen Passagen, nicht nur in der Ballade, grundiert Hinterdobler mit verstörender psychologischer Tiefe und Soprangold in allen Lagen. Darstellerisch gibt die Sängerin eine junge Frau von heute, die – emotionale Krise oder her – keinen Bock auf den Opfertod der Sopranistin hat. Gut so!

Heidemarie Klabacher | 21.10.2025

Der Merkur

Posterboy im lauen Lüftchen

Ansprechende Besetzung, durchhängende Musik und ein zeitweise effektvolles szenisches Arrangement: Das Salzburger Landestheater spielt Wagners „Holländer“ in der Felsenreitschule.

Aus der „Bravo“ könnte das sein, weniger aus dem „Playboy“. Der Kerl zieht ja nicht blank. Aber das Poster im Mädchenzimmer reicht, um Senta regelmäßig in Verzückung zu versetzen. Und in Entsetzen, als der Mann wirklich vor ihr steht. Ein Duett, ein paar phonstarke Chöre und einige beherzt ausgestoßene Spitzentöne weiter wandeln sie per Video und händchenhaltend über die Hofstallgasse. Man befürchtet kurz, sie würden zu Wagners Erlösungsfinale auch noch in die Kamera winken.

Wobei das Entlanghangeln am Stück, dies in jetztzeitiger Ausstattung, schon in Ordnung geht. Für Erst- und Seltenseher, die mit Konzeptkrämpfen nicht verschreckt werden sollen, taugt dieser „Fliegende Holländer“ des Salzburger Landestheaters durchaus. Ein- bis zweimal pro Saison darf das Haus ausweichen in die Felsenreitschule, gespielt wird dementsprechend groß Dimensioniertes. Wagner ist natürlich Chefsache. Der regieführende Intendant Carl Philip von Maldeghem und seine Ausstatterin Stefanie Seitz lassen alles auf einem gestaffelten Schiffsdeck spielen.

Manchmal tun sich die Wände auf für Sentas Mädchenzimmer oder den Frauenchor, die Damen jobben als Paketverpackerinnen. Das Setting ist auch Projektionsfläche für Videos; man sieht das Meer wahlweise wogen oder gischten, einmal zieht das Holländer-Schiff vorbei. Vor allem aber gibt es Seile im Dutzend, an denen sich alle hinauf- und hinunterhangeln, sowie ein riesiges weißes und ein rotes Vorhangsegel. Die werden effektvoll hin- und hergezogen und bauschen sich, von Statisten bewegt, im Sturm. Hübsche Bebilderungen sind das, die aber Ersatzhandlungen bleiben: Carl Philip von Maldeghem hat das Stück eher durchgestellt statt durchinszeniert.

Senta mit stabiler Dramatik
Ein Alarmzeichen ist auch, wie leicht sich ein Einspringer zurechtfindet. Sung Min Song kam als Erik erst vor wenigen Tagen dazu. Die knifflig gelagerte Partie singt er mit Verve und energiereichem Tenorstrahl. Zusammen mit Martin Summer (Daland) müht er sich erfolgreich um die Belebung des Abends. Summer steuert dazu seinen markigen, flexiblen Edel-Bass bei. Wie überhaupt sich die Besetzung hören lassen kann: Magdalena Hinterdobler gestaltet eine Senta mit stabiler Dramatik. Riskant ist das oft gesungen, aber bei dieser Sopranistin brennt nichts an. Derek Welton macht nicht nur bella Figura. Sein Holländer ist kein Dämon, sondern macht das menschliche Drama dieser Figur deutlich. Dazu gibt es einen kernigen, gut gepegelten Bassbariton – man hört, dass der Mann (wie in Berlin) schon als Wotan aktiv ist.

Chor und Extrachor des Landestheaters plus Mitglieder des Philharmonia Chores (Einstudierung: Mario El Fakih) stemmen die Massenszenen prachtvoll und meist präzise. Das klangschöne, detailbewusste Mozarteumorchester spielt bis aufs Finale ohne Imponiergehabe. Doch es trifft auf Leslie Suganandarajah, den Chefdirigenten des Landestheaters. Der lässt die Partitur untertourig durchhängen, die Ouvertüre tritt auf der Stelle. Alles wird freundlich verbucht, ein laues Lüftchen, gischten darf es nur auf den Videos. Der Musiksturm wird in dieser Deutung an die (zu oft) eingesetzte Windmaschine delegiert. In 98 Prozent aller Aufführungen gibt es den „Holländer“ als Einakter, hier wird alles durch eine Pause nach dem zweiten Akt unterbrochen. Man hätte dem Dirigenten in der Zeit gern einen großen Braunen spendiert.

Markus Thiel | 20.10.2025

opera-online.com

Purer Seemannsrealismus bei Wagners “Fliegender Holländer”

Der Sturm heult enorm, auf großformatigen Projektionen brechen sich riesige Wellen, bühnenfüllende Segel blähen sich gewaltig, Matrosen turnen eifrig auf dem modernen Schiffsrumpf herum: Auf puren Seemanns-Realismus setzt Regisseur und Intendant Carl Philip von Maldeghem bei Richard Wagners Frühwerk „Der fliegende Holländer“ in der Salzburger Felsenreitschule. In dieser Neuinszenierung des Salzburger Landestheaters, das einmal jährlich eine größere Produktion in einem der Bühnen des Festspielbezirks veranstaltet, müssen die Protagonisten und der Chor in heutigen Kostümen trittsicher sein, wenn sie ständig am Schiffsrumpf herumklettern (Ausstatterin: Stefanie Seitz) oder zwischen den zahlreichen Seilen herumbalancieren müssen. Alle Achtung, aber es wird jedoch fast ständig und teilweise übertrieben gezeigt. Das Schiff, das eher wie der Rücken eines U-Bootes wirkt, von Daland ist auf der Riesenbühne linker Hand mit einem großen, weißen Vorhangsegel zu sehen, jenes des „verdammten“ Holländers übergangslos mit einem roten Segel auf der rechten Seite. Die Segel werden immer wieder von Statisten aufgebauscht. Senta und ihre Gehilfinnen bedienen keine Spinnräder, sondern arbeiten in einem Versandhandel, in dem sie Pakete zusammenkleben und aufgeben. Das Bild ihres Angebeteten, des Holländers ist wie ein Pin-Up Poster an der Wand geheftet. Und zum Finale wandeln Senta und der Holländer auf einer Projektion offenbar erlöst händchenhaltend durch die Salzburger Hofstallgasse. Insgesamt wirkt die Regie mehr bebildernd, als inszeniert.

Gesungen wird ganz vorzüglich: der Bayreuth-erfahrene Derek Welton ist ein imposanter, immer textverständlicher Titelheld ebenso wie Magdalena Hinterdobler als Senta, die ihre Spitzentöne völlig mühelos und mit dramatischer Wucht hinausschleudert. Martin Summer singt einen markanten, kernigen Daland. Auch die übrigen Sänger, die alle aus dem hauseigenen Ensemble stammen, beeindrucken, wie Luke Sinclair als selten angestrengt wirkender Erik, Kate Coventry als solide singende Mary und Ilia Skvirskii als schönstimmiger Steuermann mit hellem Tenor. Stimmgewaltig und manchmal außer Tritt, das zweifellos dem ständigen Herumklettern geschuldet ist, erlebt man den Chor und Extrachor des Salzburger Landestheaters, verstärkt durch Mitglieder des Philharmonia Chores (Einstudierung: Mario El Fakih).

Viele Emotionen und Spannungen werden beim Mozarteumorchester Salzburg unter Leslie Suganadarajah freigelegt. Aber ohne überzuschwappen, denn der Orchesterklang bleibt immer ausbalanciert, transparent, klar strukturell aufgefächert, sängerfreundlich, aber öfters zu weichgespült. Und so hätte man sich vom Chefdirigenten mehr „Sturm und Drang” und öfters stärkere Akzente gewünscht.

Üblicherweise wird die Oper heutzutage pausenlos aufgeführt, hier gibt es eine eher störende Pause nach dem zweiten Akt, die den dramatischen Fluss nur hemmt.

Großer Jubel im nicht ausverkauften Saal!

Dr. Helmut Christian Mayer | 30. Oktober 2025

resonances-lyriques.org

Le Vaisseau fantôme à la Felsenreitschule par le Landestheater de Salzbourg

Le Théâtre d’État de Salzbourg propose actuellement une nouvelle production du Fliegender Holländer de Richard Wagner dans une mise en scène de son directeur Carl Philip de Maldeghem et dans le décor grandiose de la Felsenreitschule (le manège des rochers), un lieu de prédilection pour les créateurs de théâtre : l’équipe de mise en scène possède une vaste expérience de cet espace, qui offre une liberté artistique remarquable et où le directeur musical Leslie Suganandarajah a notamment dirigé des productions de Lohengrin et du Chevalier à la rose.

La scénographe et costumière Stefanie Seitz a installé un immense rideau d’avant-scène blanc et rouge, des couleurs qui se retrouvent à la fois dans les drapeaux norvégiens et autrichiens. Le rideau s’ouvre sur la coque métallique et les ponts d’un navire dont le rideau d’avant-scène, manipulé par des techniciens, figurera bientôt les voiles. Les deux galeries supérieures de la Felsenreitschule, creusées dans la roche, permettront également aux marins de circuler. Le metteur en scène y fait se dérouler toute l’action. Des cordages descendent des cintres, auxquels les équipages s’agrippent pour résister aux assauts de la tempête ou pour passer d’un pont à l’autre. Rien ne semble se passer à terre.

La grande coque s’ouvre dans sa partie inférieure pour faire voir une salle d’emballage où les fileuses, devenues ici employées d’une firme de distribution de colis, confectionnent des paquets en carton et les préparent pour l’expédition. La coque unique représente en fait les deux vaisseaux, à droite celui du capitaine Daland, aux voiles blanches, à gauche celui du Hollandais maudit, aux voiles rouges comme doit l’être l’enfer. Carl Philip de Maldeghem réussit de belles compositions, parfois assez drôles, dans lesquelles les souffles des vents en furie emportent les marins comme des fétus de paille. Les costumes sont contemporains, ce qui n’est en soi pas anachronique dans le monde légendaire du Hollandais soumis à une éternelle malédiction.

Leslie Suganandarajah et l’Orchestre du Mozarteum rendent avec bonheur les sonorités orchestrales romantiques et vibrantes de la partition du premier des opéras canoniques de Wagner, qui lui avait donné droit de cité dans la Mecque bayreuthoise. Ils dépeignent avec brio la puissance fatidique de la mer et les tourments intérieurs des personnages, parfaitement évoqués par la composition dans laquelle Wagner avait su rendre les terrifiants aspects fantastiques démoniaques de la légende avec l’utilisation des roulements de timbales, du tam-tan et de l’éoliphone, et les accords de septième de dominante pour marquer les cadences. Les mélodies coulent de manière fluide et continue et les “réminiscences musicales” internes qui déterminent l’homogénéité du langage musical annoncent déjà les leitmotivs dont Wagner fera plus tard sa marque de fabrique. La direction d’orchestre, qui aurait pu être davantage serrée et plus dynamique, nous a également semblé trop contemplative et avoir quelque peu manqué d’énergie. Curieusement la production a décidé de ménager un entracte entre les deuxième et troisième actes, ce qui a pour fâcheux effet de créer une interruption bien dommageable à la tension dramatique.

Si tous les chanteurs disposent de voix puissantes, ce sont surtout Magdalena Hinterdobler en Senta et Derek Welton en Hollandais qui constituent les fleurons musicaux de la soirée.

Membre de la troupe de l’opéra de Francfort depuis la saison dernière, la soprano bavaroise Magdalena Hinterdobler, qui vient d’être acclamée pour ses débuts en Ellen Orford dans Peter Grimes, compose une magnifique Senta avec une présence dramatique intense et des aigus aussi décoiffants que les vents tempétueux qui battent la côte norvégienne.

Le baryton-basse wagnérien Derek Welton (qui fut Klingsor et Amfortas à Bayreuth) compose un Hollandais d’une puissante virilité, extrêmement séduisant et d’une grande humanité, au point qu’on peine à comprendre sa volte-face finale.

L’autrichien Martin Summer, qui avait remporté un beau succès en baron Ochs dans cette même salle, fait des débuts réussis en capitaine Daland.

Le ténor britannique Luke Sinclair prête son timbre mélodieux à Éric, l’amoureux éconduit.

Doté d’une voix claire et lumineuse, le jeune ténor russe Ilia Skvirskii donne un timonier très séduisant. La mezzo-soprano écossaise Katie Coventry, qui fait partie de la troupe salzbourgeoise, donne une Mary convaincante. Les importants chœur et chœur supplémentaire du Théâtre d’État, auxquels viennent s’adjoindre des membres du Chœur Philharmonia, animent spectaculairement l’action de l’opéra.

On passe dans l’ensemble une excellente soirée à savourer les harmonies complexes et la profonde expressivité du Fliegende Holländer dans le splendide écrin naturel de la Felsenreitschule.

Luc-Henri Roger | 2 novembre 2025

Rating
(4/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
662 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 663 MiB (flac)
Remarks
In-house recording
A production by Carl Philip von Maldeghem (2025)