Der Ring des Nibelungen
Christian Thielemann eröffnet die Staatsoper-Saison mit Wagner
ie Staatsoper Unter den Linden beginnt ihre neue Saison mit Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Christian Thielemann empfahl sich vor drei Jahren mit diesem Opernzyklus sowohl als Nachfolger Daniel Barenboims wie auch als Kartenverkaufsgenerator. Und auch wenn man um Thielemanns Fähigkeiten weiß und seine Verdienste dennoch distanziert beurteilt, geht man diesmal wieder seinetwegen – die blödsinnige Inszenierung von Dmitri Tschernjakow muss man in Kauf nehmen.
Nach „Das Rheingold“ immerhin ist man geneigt, an die Wirkung von Kritik zu glauben: Für die Premiere 2022 benötigte Thielemann zwei Stunden und 40 Minuten und war damit deutlich zu langsam, was nicht nur in dieser Zeitung vermerkt wurde. Am Samstag dagegen war die Aufführung 20 Minuten kürzer – und das bedeutet etwas: Thielemann hatte schon die Premiere dynamisch und sehr sängerfreundlich dirigiert, aber diesmal konnten die Sängerinnen und Sänger auch einen leichteren Tonfall anschlagen.
„Das Rheingold“ ist nun wieder ein bewegliches, knappes Stück, in dem sich die tragischen Zusammenhänge erst ergeben. Selten hört man im berühmten Vorspiel die Neuansätze der Haltetöne von Bässen und Fagotten so deutlich; sie mögen eher dem Atem und dem Bogen geschuldet sein, aber sie geben bereits eine viertaktige Pulsation vor, die dann von den acht Hörnern mit ihren Dreiklängen gefüllt wird. Das Klangfeld, zu dem die kanonischen Einsätze zusammenfinden, fluktuierte im Spiel der Staatskapelle beinah im Stil von Ligetis Klangflächen.
Auch in „Die Walküre“ am Sonntag geht Thielemann rasch vor: Der erste Akt dauert nicht einmal eine Stunde. Aber nirgends wirkt das gehetzt, sondern immer proportioniert und in Ordnung gebracht. Vor drei Jahren gefielen Thielemann immer wieder aufgesetzte, willkürliche Verlangsamungen, von denen diesmal nichts zu bemerken ist. Das höhere Tempo schenkt ihm dagegen Rubato-Freiheiten, die er stets schlüssig zu nutzen weiß, in Übergängen eher als zu Höhepunkten hin. Es entsteht eine souverän disponierte Großform, in der dennoch der Ausdruck des Details immer gewahrt bleibt.
Wagner und seine großen Interpreten werden hier fortgesetzt, nicht produktiv infrage gestellt
Diese große Selbstverständlichkeit ist der Vorteil jener berüchtigten Schmalheit von Thielemanns Repertoire. Der Nachteil ist ein Mangel an Interessantheit. Thielemann trägt einen durch diese Werke wie auf Flügeln und weichen Matratzen, man hört fast die ganze Zeit aufmerksam zu, aufhorchen indes muss man fast nie. Ein Dirigent wie Simon Rattle kann aufgrund seiner vom Barock bis in die Gegenwart reichenden Interessen andere Querverbindungen ziehen und darstellen. Wenn bei Thielemann dann doch eine Stelle auf Ligeti zu verweisen scheint, hat das keine Konsequenz: Wenn die Celli mit dem Wellenmotiv einsetzen, geschieht das wieder ganz im Stil der Tradition, sehr deutlich, sehr formuliert im Erreichen immer neuer Spitzentöne. Wagner und seine großen Interpreten werden hier fortgesetzt, nicht produktiv infrage gestellt.
„Götterdämmerung“ am Freitag zeigte, dass das Improvisierte auch die Arbeitsweise spiegelt. Unverständlich die klappernden Einsätze der ersten Bläserakkorde wie die zuweilen heikle Intonation im Blech. Noch deutlicher als in der „Walküre“ wurde hier, dass Thielemann den ersten Akt zum Warmlaufen benötigt: Da klingt manches noch nicht rund, wirkt buchstabiert, droht aber zu zerfallen. Erst ab dem zweiten Akt werden Thielemanns eigene Gestaltungsinitiativen deutlicher und setzen sich gegen das Begleiten der Sänger durch. Dabei muss er die unterschiedlichsten Temperamente unterstützen.
Michael Volle als Wotan ist sicherlich, trotz hörbarer Ermüdung am Ende der „Walküre“, in seiner Verbindung von Legato und Espressivo das Ideal eines Wagner-Baritons, während Jochen Schmeckenbecher als Gegenspieler Alberich eine Neigung zum vokalen Gestikulieren jenseits der Tonhöhen zeigt. Anton Schagers Siegfried kommt Volle in der vielfältigen Artikulation und absoluter stimmlicher Zuverlässigkeit am nächsten, Anja Kampe als Brünnhilde dagegen klingt immer wieder überfordert durch die Zerrissenheit in hohes und tiefes Register und die kurzatmige Phrasierung – ihr Schlussgesang überzeugt und versöhnt durch unverhoffte Leuchtkraft. Beeindruckend sind Vida Miknevičiūtė als durchschlagende Sieglinde und Mika Kares in diversen Rollen als Finsterling.
Im dritten Akt der „Götterdämmerung“ gelingt Thielemann nahezu alles – bis auf den herausgezögerten Schlussakkord: Thomas Mann hat diese Verzögerung als Kinderei des improvisierenden Hanno Buddenbrook sehr genau beschrieben. Und genauso lässt Thielemann in diesem Moment die interpretatorische Disziplin fahren zugunsten des Genießenwollens und des Zeigens dieses Genießens.
Peter Uehling | 05.10.2025



