Die Walküre

Simone Young
Orchester der Bayreuther Festspiele
Date/Location
27 July 2025
Festspielhaus Bayreuth
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegmundMichael Spyres
HundingVitalij Kowaljow
WotanTomasz Konieczny
SieglindeJennifer Holloway
BrünnhildeCatherine Foster
FrickaChrista Mayer
HelmwigeDorothea Herbert
GerhildeCatharine Woodward
OrtlindeBrit-Tone Müllertz
WaltrauteMargaret Plummer
SiegruneAlexandra Ionis
GrimgerdeMarie Henriette Reinhold
SchwertleiteChrista Mayer
RoßweißeNoa Beinart
Gallery
Reviews
klassik-begeistert.de

Ein ganz großer Opernabend begeistert auf dem Grünen Hügel

Man vermisst sie dann doch, die „bebende Rast“, wie der Regenbogen „Bifröst“ zwischen Menschen- und Götterwelt in der nordischen Mythologie genannt wird – auch im „Ring“ von Valentin Schwarz auf dem Bayreuther Hügel, bei dem man sich ja auf Reduktionismus und völlige Neudeutung eingestellt hat. Aber gerade die „Walküre“ am 27. Juli überzeugte durch Stimmgewalt, Dirigat und tatsächlich eine – zugegeben systemimmanent verständliche – Regie. Allein der erste Aufzug wäre den Tempel-Besuch schon wert gewesen, denn was die drei Protagonisten in Hundings hässlichem Haus an Gesangsqualität hinlegten, war zum Niederknien.

Michael Spyres’ Siegmund ist mit virilem Selbstbewusstsein gesegnet, trotz aller traumatischer Erlebnisse. Zu Recht bezeichnet er sich selbst als „Baritenor“, denn seine Stimme ist füllig, klar und markig. Das gilt auch für seinen Gegenspieler Hunding, dem Vitalij Kowaljow glaubhaft respektheischende Gestalt gibt. Der Bass singt nicht nur mit männlicher Stärke und einem Forte, das einen erschauern lässt, sondern spielt – wie der Wälsung auch – ungemein plastisch. Und in ebendieser Verbindung von echtem Schauspiel und stimmlicher Stärke ist die Frau zwischen den beiden diesen absolut ebenbürtig. Jennifer Holloway als Sieglinde befindet sich auf Augenhöhe mit Bruder und verhasstem Gatten, ihr Sopran ist nicht der einer Misshandelten, sondern einer, die sich auflehnt.

Das Textverständnis ist bei den dreien tadellos, was man von den meisten anderen Mitwirkenden nur mit starker Einschränkung sagen kann.

Szenen einer Ehe
Im Zuge von Freias Bestattung, die ja ein Teil dieser Produktion ist – letztlich hat Wotan sie durch die Vergabe an die Riesen-Architekten auf dem Gewissen – erhebt sich der Ehekrach des hier so gar nicht göttlichen Paares. Die Fricka von Christa Mayer ist deutlich sicherer und in der Mittellage fülliger als am Vortag; mit der Frau möchte man sich wirklich nicht anlegen, und so gibt ein erneutes Mal ihr Gatte klein bei. Tomasz Konieczny ist von der Darstellung her wirklich großartig, da trifft eine gute Personenregie auf echte schauspielerische Begabung (und Ausbildung). „Von Menschen verlacht, verlustig der Macht“, attestiert Fricka ihm, aber auch dem ganzen Lichtalben-Clan, dessen Mitglieder zunehmend an Glanz verlieren. Da muss doch zumindest die Blutschande gesühnt werden! Konieczny gerät im Gesang manchmal an den Rand des Knödelns, ist aber bekanntlich von der Rolle her in diesem Stück auch stark gefordert.

Catherine Foster ist genau die Brünnhilde, die Wagner sich und wir alle uns gewünscht haben – voller Stolz, Aufrichtigkeit, Begeisterung für das Gute und Unverständnis für das schwache Einknicken ihres Vaters, dieses peinlichen Opfers seiner Fehler und Kurzsichtigkeiten. Ihr Sopran gibt mit Energie und Leidenschaft all das wieder, was in ihr und wofür sie kämpft – eine echte Wunschmaid, deren eigenes Wünschen bei bestem Gewissen so enttäuscht wird.

Bis zum blutigen Ende des Aufzugs gibt es inszenatorisch einige Längen, und wer das Libretto nicht gut kennt, tut sich zuweilen schwer. Aber zum Hügel wallfahrtet ja ohnehin nur eine eingeschworene Gemeinde.

Das familiäre Schock-Finale allerdings lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Ein Pistolenduell zwischen Siegmund und Hunding entscheidet Wotan mit einem Schuss auf den arglos ihm zugewandten Sohn. Eine psychologisch sehr gut gemachte Krimiszene – und das „Geh!“ Wotans richtet den gewalttätigen Hunding nicht; er darf tatsächlich gehen, wenngleich vom Hausherrn zutiefst verachtet.

Der Kampf gegen die Sterblichkeit, den jeder verliert
„Sturmwind und Wolkenritt und heidnisch verzerrtes Jauchzen“, so beschreibt Thomas Mann in seiner Erzählung „Wälsungenblut“ den Walkürenritt, aber die wilde Wetterjagd durch graues Gewölk fällt bei Schwarz komplett aus. Die sonst so ungezähmten Wotanstöchter haben ihre stolzen Rosse gegen die bequemen weißen Sessel einer Schönheitsklinik eingetauscht. Man tut eben, was man kann, um das Ende, dem alle zueilen, „die so stark im Bestehen sich wähnen“, möglichst hinauszuzögern. „Anti-aging“ und kosmetische Eingriffe überschminken nur den verzweifelten Versuch, einen Kampf zu führen, denn sogar Götter verlieren.

Gerade diese Szene hat dem Regisseur viele „Buhs“ eingebracht, akustisch und schriftlich. Wenn man sie innerhalb seines Systems aber versteht, ist sie eigentlich genial. Catharine Woodward, Brit-Tone Müllertz, Margaret Plummer, Dorothea Herbert, Alexandra Ionis, Marie Henriette Reinhold, Noa Beinart und im Nebenrollen-Ausflug Christa Mayer sind diese leicht hysterischen und überkandidelten Damen, die der Jugend Blüte bereits Ade sagen mussten und einander nicht das Schwarze unter dem rotlackierten Fingernagel gönnen. Durchweg singen sie mit vollem Einsatz, Akkuratesse und hervorragend aufeinander abgestimmt. Was der idiotische Buher aus einer der letzten Reihen in der Saalmitte da am Ende auszusetzen hat, weiß nicht mal Erda.

Auch die Harmonie mit dem makellos durch Simone Young geführten Festspielorchester Bayreuth funktioniert einwandfrei. Die Dirigentin versteht die Partitur bis in die feinsten Zartheiten, sie arbeitet gerade an diesem Abend besonders sensibel mit der Dynamik, das Tempo ist flott, aber nie gehetzt. Leider nutzen die Huster im Saal oft gerade die Piano-Stellen, um sich ordentlich auszukeuchen.

„Ein schmähliches Ende der Ew’gen“ – und ein einsames dazu
Wotans Abschied von seiner Lieblingstochter ist hier auch ein Abschied von sich selbst, schließlich zudem von seiner Gattin. „Ein schmähliches Ende der Ew’gen“ hatte er sich und seiner Sippe vorausgesagt. Und nun geht Brünnhilde einfach mit Grane ab; sie reiten nicht in den Sonnenuntergang, sondern schreiten in den dunklen Grund einer unklaren Zukunft.

Vor einer kalten Edelstahlwand bricht schließlich der einstige Machtmensch zusammen, zuvor hatte er auf Knien die Gottheit von Brünnhilde geküsst – einsam und bejammernswert. In diesem Piano-Adieu ist Konieczny grandios und man möchte den gescheiterten Vertragsbetrüger trotz aller Vergehen, Übergriffe und Charakterlosigkeiten dann einfach in den Arm nehmen. Im Publikum hört man leises Schluchzen.

Als Fricka ihm dann nach vollzogenem Gehorsam auf ein nettes Glas Rotwein beim Schein einer Kerze, die so einsam ist wie die beiden, einladen will, gelingt ihm ein letzter Trotz. Seinen Wein genießt der Bühnenboden, in den ihren lässt er den Ehering fallen. Diese Scheidung war überfällig, jetzt geht der Mann, in und mit letzter Konsequenz.

Man denkt vielleicht an das ebenso berühmte wie vom Arrangement her bescheidene Gemälde von Gerhard Richter von 1982, „Kerze“. Dieses Bild gibt es als Ansichtskarte, es eignet sich auch als Trauerkarte. Und so leuchtet diese Kerze auf der kahlen Bühne längst nicht mehr den Lebenden. Es ist ein Totenlicht.

Vorhang zu, letztes Schlucken – dann aufbrandender Beifall. Ganz großer Opernabend!

Dr. Andreas Ströbl | 28. Juli 2025

deropernfreund.de (I)

Im wahrsten Sinne festspielwürdig ist das Dirigat von Simone Young. Die Dirigentin gestaltet die Musik äußerst spannungsgeladen, ohne dass die Durchhörbarkeit und die Plastizität der einzelnen Instrumente darunter leiden würden. Immer wieder wird man von der Schönheit und der Dramatik ihrer Interpretation geradezu überwältigt. Das Festspielorchester spielt auf allerhöchstem Niveau in allen Instrumentengruppen.

Jennifer Holloway überzeugt bei ihrem Bayreuth-Debüt mit ihrer dramatisch timbrierten, lodernden Stimme und äußerst eindringlichem Spiel als Sieglinde. Sie vermag die Seelenzustände dieser, vor allem in der Lesart von Valentin Schwarz, durch ihre Lebensumstände bis an den Rand des Wahnsinns gedrängten Frau mit großer Intensität zu vermitteln, zumal sie auch aus dem Text heraus diese Interpretation glaubwürdig gestaltet.

Faszinierend die Leistung von Michael Spyres. Hatte man im letzten Jahr noch eine gewisse Zurückhaltung bei seinem Debüt gespürt, so ist er jetzt ganz in der Rolle angekommen. Er begeistert mit seiner kraftvollen, dunkel grundierten Stimme, die in allen Lagen gleichmäßig anspricht. Ihm steht einfach alles zur Verfügung, was diese Rolle benötigt: strahlende Höhen, zarte Lyrismen und heldisches Auftrumpfen. Seine Wälse-Rufe, man hätte gerne die Zeit gestoppt, erfüllten das ganze Haus mit knisternder Intensität. Auch er gestaltet aus dem Text heraus und mit schauspielerischer Intensität.

Sehr gut die Besetzung des Hunding mit Vitalij Kowaljow. Er vermag, bei klarer Diktion und kraftvoller Stimme, seine Rolle als von den Lebensumständen frustrierter, aggressiver Gegenspieler Siegmunds gesanglich und darstellerisch optimal zu gestalten.

Christa Mayer fühlt sich bei der Fricka in der Walküre hörbar wohler als im Rheingold. Mit ihrer klangschönen Stimme gab sie ohne Manierismen eine selbstbewusste, ihre Ziele unbarmherzig verfolgende Figur. Die genaue Diktion und die daraus entstehende Gestaltung ergeben ein faszinierendes Rollenportrait.

Etwas problematisch ist der Wotan von Tomasz Konieczny. Die leider immer wieder auftretende Textunverständlichkeit und Überzeichnung der Rolle beeinträchtigen die Gesamtleistung. Dabei hat der Sänger eine unglaubliche Bühnenpräsenz, eine kraftvolle Stimme und schauspielerische Ausstrahlung, die mitreißt. Erst bei Wotans Abschied kommen alle Vorzüge zusammen. Hier gestaltete er, sowohl was die Diktion und die Gesangslinie betraf, wunderbar eindringlich. Unterstützt durch sein eindringliches Spiel entstand ergreifendes, faszinierendes Musiktheater, das man nicht so schnell vergisst.

Catherine Foster als Brünnhilde wirkte zuerst etwas verhalten im Ausdruck, lief dann aber zu gewohnter Höchstform auf und überzeugte wieder durch die Schönheit ihres klaren, in der Höhe sich klangvoll öffnenden Soprans. Auch sie fügt sich darstellerisch wunderbar in die Inszenierung ein und gestaltet die Wandlung von der übermütigen Tochter zur Ausgestoßenen sehr packend.

Die Walküren waren von wunderbarer stimmlicher Homogenität und herrlich exaltiert in ihrer Darstellung als frisch im Schönheitssalon operierte High-Society-Ladys.

Wie beim Rheingold gab es am Ende der Walküre für alle Beteiligten verdienten, frenetischen Applaus.

Axel Wuttke | 27. Juli 2025

deropernfreund.de (II)

Seltsam: Manche Szenen versteht man erst, nachdem man sie ein paar Mal gesehen hat, oder anders: Manche Bedeutungen erschließen sich einem erst, nachdem man darauf verzichtet hat, eine Szene nur nach einer Bedeutung hin zu verstehen. So geschehen zu Beginn des zweiten Akts der Walküre in der Inszenierung von Valentin Schwarz. Da trauern die hinterbliebenen Walküren sehr pathetisch und also sehr komisch um Freia, die sich, traumatisiert von den Ereignissen des Rheingold-Tags, an dem sie als verkaufte Braut zum Tauschobjekt degradiert wurde, wohl schon kurz nach dem Schlussakkord die Kugel gab. Nun liegt sie im Sarg, und wir verstehen, dass es nicht anders kommen konnte. Nebenbei: Die Anmerkung eines Hügelbesuchers, dass das doch ein sinnloser Regieeinfall wäre, weil sich Freia gemäß Textbuch nicht umbringe, gilt nicht – weil Wagner 1. Freia später nicht mehr auftreten lässt, sie 2. in der Regieanweisung des himmlischen Schlussbilds nicht mehr genannt wird und 3. Waltrautes Hinweis auf „Holdas Äpfel“ nicht ausreicht, um ihre Existenz zu beweisen, denn Waltraute ist, nicht allein in dieser Inszenierung, die Irre von Walhall und keine besonders zuverlässige Berichterstatterin.

Nun liegt sie also im Sarg – und zweieinhalb Stunden später verstehe ich endlich, was es auch mit den Walküren auf sich hat. Natürlich: Sie gehen in den Beauty Salon, weil sie an ihrer äußeren, nicht, wie Brünnhilde, an ihrer inneren Schönheit interessiert sind. Sie müssen sich also renovieren, weil sich Freia umgebracht hat, deren Suizid sie nicht ohne hintersinnigen Grund beweinen. Holdas Äpfel stehen ihnen, was immer auch Waltraute später behaupten mag (auch sie untersteht, wie jede Bühnenfigur, dem Verdacht, nicht die Wahrheit zu sagen), einfach nicht mehr zur Verfügung. Der Literaturwissenschaftler Clemens Lugowski, der vor bald 100 Jahren ein nach wie vor wichtiges Buch über die „innere Struktur der deutschen Prosaerzählung“ vorgelegt hat (Die Form der Individualität im Roman sollte auch zu den Pflichtlektüren jedes Opernregisseurs gehören), sprach von der „Motivation von hinten“. Das heißt: Ein Ereignis erhält dadurch seine Wichtigkeit, weil es etwas motiviert, was erst am Ende geschieht. In Freias und der Walküren Fall haben wir es also gleich mit zwei Motivationen zu tun: als Folge eines Verbrechens an der jungen Frau – und als Mittel zum Zweck, die Walküren so und nicht anders zu zeigen. Und da gibt’s immer noch Leute, die den Schwarz’schen Ring für „sinnlos“ halten… Im Übrigen besitzt die Szene bei Schwarz jenen Humor, den sie verträgt; schon der Komponist hat ja den Ritt der Walküren als latente Zirkusnummer, als unterhaltendes Prachtstück für ein zu amüsierendes Publikum angelegt. Man höre nur auf den zwischendurch auch mal mild obszönen Text. Der Ritt passt, zumal in dieser Deutung, glänzend zur augenblicklichen Mode, den komischen Wagner herauszuarbeiten. Während im Neubau von Haus Wahnfried Dutzende von Wagner- Karikaturen ausgestellt sind, kursieren, KI macht’s möglich, bereits mehrere Fotos, die einen herzhaft lachenden Wagner zeigen. Der Meister wäre zweifellos der Erste gewesen, der darüber gelacht hätte – und also passt auch die Bayreuther Walküren-Szene zu Wagner. Der Beauty Salon: das ist indes „nur“ das eine. Eine Inszenierung wirkt, der Leser möge die Banalität verzeihen, oft durch Kontraste. In diesem Fall besteht das Gegenteil der Walküren in der zentralen Liebestat der Walküre. Allein Brünnhildes Einstehen für den Halbbruder, ihr dann als Verbrechen ausgelegter und aktiver Protest gegen den Vater und dessen dilemmatische Staatsraison wäre kontrastiv verloren, würde sie nicht gegen die kabarettistisch anmutende Walküren-Oktett-Szene eine gewaltige Fallhöhe aufrichten. In Bayreuth geschieht’s: mit Catherine Foster als Brünnhilde. Mit einem Satz: Besser als mit ihr kann man die Todesverkündigung nicht machen. Inniger und stimmschöner, sopranistisch ausgeglichener und erfüllter kann heute keine Todesverkündigung klingen.

Läuft die Walküren-Szene weiter, betritt auch Sieglinde, damit die Tragödie die Bühne (ist der Ring eine Tragödie, so die der Kinder, nicht, wie man früher, in vaterhörigen Zeiten meinte, die des Vaters). Im vierten Spieljahr betritt Sieglinde No. IV die Bühne. Nach Lise Davidsen, Elisabeth Teige und Vida Miknevičiūtė singt diesmal Jennifer Holloway die Partie: zur Begeisterung des Publikums. Ihr flackernder Sopran, dessen Vibrato unüberhörbar auffällt, mag nicht jedermanns und -fraus Sache sein – dass sie die Partie „kann“, dass sie der leidenden Figur alles mitgibt, um sie in ihrem auch selbstzerstörerischen Hang zur Selbstanklage verständlich zu machen, ist unzweifelhaft. Im Übrigen sind Stimmen immer (in Klammern: immer) Geschmackssache, Vergleiche mit früheren Interpretinnen der Partie führen, so naheliegend sie auch sind, selten weit. Also muss man auch nicht darüber rechten, ob der Siegmund des letzten und auch des diesjährigen Spieljahrs, also Michael Spyres, im ersten Akt, wie ein Hörer bemerkte, alle Töne getroffen habe. Die Frage wurde ventiliert, ob es hier um einen „Gesamteindruck“ mit Fehlermessung oder nicht doch um einen Gesamteindruck geht, der noch andere Paradigmen beinhaltet. Mit und nach dem zweiten Aufzug aber war klar, dass es aus verschiedenen Gründen bedauerlich ist, dass Siegmund den 2. Akt nicht überlebt: definitiv nicht zuletzt aus stimmlichen. Neu im Ensemble ist auch Siegmunds Gegenspieler, der geschädigte Dritte, also Hunding. Vitalij Kowaljow hat das, was man eine „Röhre“ nennt – aber der voluminöse wie artikulationsreine Bass kann’s auch leise. Er drückt den Fremden vokal fast an die Wand – und er flüstert geradezu, ohne seine Gefährlichkeit zu verlieren. Es sind nicht zuletzt diese Um- und Neubesetzungen, die den Begriff der „Inszenierung“ notwendigerweise schillern lassen – denn ein Georg Zeppenfeld macht als Hunding, noch dazu gegen den helltönenden Klaus Florian Vogt, einen völlig anderen Eindruck als Vitalij Kowaljow, mögen sie auch die selben Gesten ausführen. Dieser Hunding also ist ein völlig anderer Typus als der, den wir noch 2023 sahen – und Spyres’ baritonal getönter, im besten Sinne männlicher und zugleich lyrisch begabter Tenor repräsentiert einen etwas anderen Siegmund als der seines „Vorsängers“.

Wie Catherine Foster gleich blieb auch, neben der Fricka der Christa Mayer, der Wotan des Thomas Konieczny – nur, dass er nun, wie schon im Rheingold beobachtet und, ebenso wie Fosters Brünnhilde, noch einmal eine Steigerung erfahren hat. Natürlich gibt es nicht „den“ besten Wotan der Gegenwart, aber allzu viele Konkurrenten gibt es auf der Bergspitze des anspruchsvollsten Wagner-Fachs gewiss nicht, wenn Geste und Gesang, ganz im Wagner’schen Sinn, untrennbar miteinander vereint werden. Nicht, dass Wagner selbst mit dieser Leistung zufrieden gewesen wäre. Er wäre überhaupt mit keiner einzigen stimmlichen und schauspielerischen Performance heutiger Wagner-Sänger einverstanden gewesen, weil sein ästhetisches Ideal meilenweit von Allem entfernt war, was heute als gut und richtig zu gelten hat. In diesem Sinn muss sich auch der exzellente Sängerdarsteller auf die Suche nach Ausdrucksmitteln machen, die uns 2025 unmittelbar berühren. Mit Konieczny (schon Wotans Abschied ist das Eintrittsgeld wert), Foster und Spyres, auch mit Holloway und sogar mit Christa Mayer, deren Stimme zu Gunsten großer Charakterisierungskunst den einstigen Glanz leider eingebüßt hat, ist es eindrücklich gelungen. Wotan, verstrickt in seine Schuld, bleibt ein übler Patriarch – und ein leidender Mensch.

Es verhält sich also mit den Sängerinnen und Sängern ein bisschen wie mit der Regie: Sie springen mit ihren Gestaltungsmitteln in die Lücken, die Wagner ihnen ließ, auf dass wir mit ihnen, jedes Jahr von Neuem, andere Seiten der Persönlichkeiten entdecken, die wir zu kennen meinen, weil wir sie schon so oft gesehen haben – wie die Walküren. Die erhielten übrigens in der 25. Reihe im tosenden Schlussapplaus ein einsames Buh. Galt es der dritten von links oder der zweiten von rechts? Schwer zu sagen, auch wenn die Begegnung der acht Damen an diesem Abend tatsächlich nicht die klanglich schönste war. Der Buhruf galt auf keinem Fall dem wie immer und nicht allein für Brünnhilde verlässlichen Grane, also Igor Schwab, der, wieso auch immer, im schönen Programmbuch der Produktion keine eigene Biographie bekommen hat. Schade, denn auch der sympathische Grane hat ja eine Geschichte – die man vielleicht erst dann verstehen kann, wenn man ihn ein paar Mal gesehen hat. Und das Orchester? Simone Young wählt in der ersten Hälfte des ersten Akts betont gemessene Tempi, bevor sie sozusagen aufdreht. Der Vorsichtigkeit des gegenseitigen Erkennens und der dank Hunding gespannten Situation entspricht umgekehrt die rasende Leidenschaft des zweiten Teils; so wird ein Part auf den anderen bezogen – und so bedingt das Andante das Allegro. So hören wir oft kostbare Einzelheiten – und mitreißende Tuttipassagen im dramatisch zupackenden Zeitmaß.

Der Applaus war denn auch, aber nicht allein, für das Orchester und seine Leiterin absolut eindeutig.

Frank Piontek | 28. Juli 2025

Rating
(6/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
320 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 553 MiB (MP3)
Remarks
Broadcast from the Bayreuth festival
A production by Valentin Schwarz (2022)
This recording is part of a complete Ring cycle.