Siegfried
| Kent Nagano | |||||
| Dresdner Festspielorchester Concerto Köln | ||||||
Date/Location
Recording Type
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| Siegfried | Thomas Blondelle |
| Mime | Christian Elsner |
| Wotan | Derek Welton |
| Alberich | Daniel Schmutzhard | Fafner | Hanno Müller-Brachmann |
| Erda | Ulrike Schneider |
| Brünnhilde | Åsa Jäger |
| Waldvogel | Solist des Tölzer Knabenchors |
„Leuchtende Liebe, lachender Tod“
Die Texte der Trilogie mit einem Vorspiel hatte Wagner 1853 vollendet. Sie ergaben sich daraus, dass er ursprünglich „Siegfrieds Tod“ („Götterdämmerung“) als große Oper konzipiert hat, dann aber die vorhergehenden „Rheingold“, „Walküre“ und „Siegfried“ schrieb, um die Vorgeschichte zu erzählen. Siegfried, der Held des Nibelungenlieds, hatte es Wagner besonders angetan, weil er als nordischer Held keine Entsprechung bei den griechischen und römischen Göttern hat. Er steht für die Abschaffung der Herrschaft der Fürsten in der Mitte des 19. Jahrhunderts, die das Ziel der Revolutionäre von 1848 war. Wagner selbst musste als Anhänger der 1848-er Revolte ins Exil und hat sich zweifellos mit seinem Helden Siegfried identifiziert. Ein freier Held, durch keine Konventionen belastet, von keinen materiellen Sorgen geplagt, war auch Wagners Ideal.Wotans Speer steht für den Gesellschaftsvertrag, der Wotans Herrschaft begründet. In der „Walküre“ konnte Wotan seinen Sohn Siegmund, Siegfrieds Vater, nicht gegen Sieglindes Mann Hunding beschützen, weil er selbst damit seinen Gesellschaftsvertrag gebrochen hätte. Wotans Speer zerbricht Nothung, das Schwert, die Wunderwaffe, die Wotan Siegmund verhieß. Mit den Trümmern Nothungs floh Sieglinde, Siegfrieds Mutter, nach dem Tod Siegmunds in den Wald. Daher steht die Szene, in der Siegfried mit dem Schwert, das er selbst aus den Trümmern Nothungs geschmiedet hat, den Speer Wotans zerschmettert, für das Ende von Wotans Herrschaft. Siegfried, der das Fürchten nie gelernt hat, steht in Wagners Werk wie kein anderer für den mit der Natur verbundenen naiven jungen Mann, der nach Genuss von Fafners Blut mit dem Waldvöglein reden kann, für den „freien Helden“, der Deutschland retten könnte. Die Uraufführung des „Ring des Nibelungen“ im Bayreuther Festspielhaus im Jahr 1876 war wie kaum ein anderes kulturelles Ereignis identitätsbildend für die deutsche Nation, die sich 18. Januar 1871 in Versailles durch die Krönung Kaiser Wilhelms I. aus zahllosen Kleinstaaten mit eigener Kultur und eigenem Dialekt konstituiert hatte.Frei von Bindungen und materieller Not nimmt Siegfried sein Schicksal in die Hand und macht sich auf die Suche nach der Gattin, die ihm der Waldvogel verhieß. Dass ihm als Enkel Wotans mit dem magischen Schwert, dem von Alberich verfluchten Ring und der Tarnkappe die Herrschaft zusteht, weiß er nicht. Sein Glück ist vollkommen, als er Brünnhilde auf dem Felsen entdeckt, den Feuerkreis furchtlos durchschreitet und sie als seine Partnerin erkennt. Brünnhildes Erwachen und das anschließende ekstatische Liebesduett, in dem sich das Paar findet, sind der emotionale Höhepunkt des gesamten Ring-Zyklus.Das Orchester wird fast sinfonisch behandelt und erzählt mit den Leitmotiven im Grunde die gesamte Geschichte. Es ist mit historischen Instrumenten besetzt, die Streicher haben Darmsaiten, die Hörner hatten zu Wagners Zeit noch keine Ventile und waren Naturtoninstrumente, die sehr schwer zu intonieren sind. Wagner-Tuben führten das tiefe Blechblasinstrument in die Oper ein. Die Entwicklung der Musikinstrumente war rasant, und man hat die Aufführungspraxis der Opern Wagners ständig an die Entwicklung der Instrumente angepasst und, auch mit der höheren Stimmung, einen immer brillanteren Klang erzeugt. Die historischen Instrumente sind zwar nicht so laut wie die modernen Orchesterinstrumente, aber die Positionierung des Orchesters der Bayreuther Festspiele in einem Graben unter der Bühne dämpft die Lautstärke und verhindert, dass die Sänger übertönt werden.Dresdner Festspielorchester / Foto: © Sonja Werner
Zur historischen Aufführungspraxis gehört untrennbar die szenische Umsetzung mit Bühnenbild, Kostümen und Maske, idealerweise im Festspielhaus Bayreuth, wo die Uraufführung stattfand. Die konzertante Aufführung abstrahiert von Aspekten des Regietheaters und lenkt den Blick auf den Text und auf die Musik, hat aber den Nachteil, dass das Orchester dazu tendiert, die Singenden zu übertönen, weil es hinter ihnen aufgestellt ist.Die Besetzung des Titelhelden mit dem eher lyrischen Tenor Thomas Blondelle macht bewusst, dass Siegfried ein „Halbstarker“ ist, der von seinem Ziehvater Mime Aufklärung über seine Herkunft verlangt und erwachsen wird. Das Stimmfach „Heldentenor“ gab es zu Wagners Zeit noch nicht, es hat sich erst im 20. Jahrhundert konstituiert, als immer stimmgewaltigere Protagonisten wie Wolfgang Windgassen, René Kollo oder Stephen Gould die Rolle des Siegfried als schwerer Held ausfüllten. Dabei ist Siegfried ein seine Identität suchender jugendlicher Held, der „das Fürchten lernen will“.Mit Siegfrieds Sieg über den Drachen endet der zweite Akt, und da hat man schon gemerkt, welche „Mörderpartie“ der Siegfried ist. Das Publikum hat das „Schmiedelied“ von modernen Heldentenören live oder von Tonträgern gehört und ist enttäuscht, weil er nicht die Kraft und Fülle hat, das riesige Orchester, das sich hinter ihm auftürmt, zu überstrahlen. Umso mutiger von Blondelle, sich auf dieses Rollendebut als Siegfried einzulassen, und zu demonstrieren, wie ein „normaler“ Siegfried klingen kann. Zu Wagners Zeit gab es noch keine Heldentenöre wie Stephen Gould. Mich hat Blondelle mit der psychologischen Durchdringung des heranwachsenden Helden, auch mit intimen und zarten Tönen als seine Identität Suchender voll überzeugt, erst recht als naiver junger Kerl, der im 3. Akt auf die schlafende Brünnhilde trifft und sich auf der Stelle in dieses Vollweib verliebt. Ein Akt, der nur von Männerstimmen geprägt ist, und auch überwiegend von Tenören, ist ein musikalische Wagnis, das hier voll aufgeht. Mime wurde äußerst suggestiv von Christian Elsner, einem deutschen Charaktertenor der Spitzenkasse, verkörpert. Die beiden Tenöre hoben sich gut voneinander ab und gestalteten einen fantastischen Generationenkonflikt. Wie Blondelle den alten, verbitterte Zwerg, der nur für sein Ziel lebte, in den Besitz des verfluchten Rings zu gelangen, imitierte, war sensationell. Am Ende des zweiten Akts ersticht er ungerührt seinen Ziehvater und legt die Leiche neben den Kadaver des erlegten Lindwurms vor den Eingang zur Drachenhöhle, in der sich das Rheingold befindet. Das Waldvöglein hat ihm nämlich geflüstert, dass Mime Siegfried vergiften wollte, um selbst in den Besitz des Rings zu gelangen und ihm empfohlen, Ring und Tarnkappe an sich zu nehmen.Der Wanderer, von dem das Orchester verrät, dass es kein anderer als Wotan ist, nimmt in einer Art Fragespiel mit Mime die Chance wahr, die Vorgeschichte in einer Abfolge von zweimal drei Fragen zu erzählen. Derek Welton gibt dem resignierten Gott mit kraftvollem Bariton Kontur. Eine kongeniale Partnerin war ihm die kurzfristig eingesprungene Altistin Ulrike Schneider als Erda, die weise Erdgöttin, Brünnhildes Mutter. Der Lindwurm Fafner wird überwiegend vom Orchester dargestellt, und Hanno Müller-Brachmann sang die wenigen Phrasen, die er zu singen hatte, mit Hilfe eines Megafons mit großer Durchschlagskraft. Daniel Schmutzhard war ein listiger Alberich, der sich in der gleichen Absicht wie sein Bruder Mime in der Umgebung des Lindwurms herumtreibt, um sich bei erster Gelegenheit in den Besitz des Rings zu setzen.Mutig war der Einsatz des Sängerknaben des Tölzer Knabenchors Benedikt Siewert als Stimme des Waldvögleins. Wagners Absicht war, zu zeigen, dass Brünnhilde die erste Frau ist, die Siegfried sieht. Er soll ursprünglich einen Knaben vorgesehen haben, aber aus aufführungstechnischen Gründen darauf verzichtet. Dieser Waldvogel rührte unmittelbar an, weil er zutraulich den Helden begleitete, wobei er die Partie mit silberhellem Knabensopran souverän meisterte. Er gab Siegfried den Hinweis, auf dem von Feuer umringten Felsen nach seiner Gefährtin zu suchen.Åsa Jäger war Brünnhilde, Tochter Wotans und Erdas, die von Siegfried von den Insignien ihrer Rolle als Walküre befreit und zur normalen verletzlichen Frau wurde. Mit „Heil dir, Sonne“ eröffnete sie eine der beeindruckendsten Liebesszenen der gesamten Opernliteratur mit innigem Ausdruck ihrer Verletzlichkeit und überbordender Liebe zum Helden Siegfried. Mit „Ewig war ich“ endete „Siegfried“ in einem jubelnden und ergreifenden Finale, das das Publikum zu langanhaltenden stehenden Ovationen hinriss.Es wäre unfair, das Projektorchester mit seinen historischen Instrumenten mit Klangkörpern wie den Wiener Philharmonikern oder dem Orchester der Bayreuther Festspiele zu vergleichen, denn die historischen Instrumente sind viel schwieriger zu intonieren als reguläre Instrumente und einen halben Ton tiefer gestimmt. Besonders gelobt werden muss der Solo-Hornist Franz Draxinger, der das Siegfried-Motiv entwickelte und der Englischhorn-Solist Stefaan Verdegem, der die vorher gescheiterten Versuche Siegfrieds, mit den Waldvögeln zu kommunizieren, darstellte. Auffallend war die hervorragende Textverständlichkeit, auf die Wagner besonders großen Wert gelegt hat. Ich habe einen märchenhaften Abend erlebt, in dem der mit Erwartungen überfrachtete Held Siegfried von seiner menschlichen Seite gezeigt wurde. Man kann auf die „Götterdämmerung“ im nächsten Jahr gespannt sein!
Ursula Hartlapp-Lindemeyer | 14. April 2025
Nach umjubelten Aufführungen in Prag und Paris erlebte Wagners Siegfried ebenfalls eine denkwürdige Premiere in der nicht ganz ausverkauften Kölner Philharmonie. Im Rahmen eines mehrjährigen Projekts mit dem Namen „The Wagner Cycles“ präsentierte Dirigent Kent Nagano mit dem Dresdner Festspielorchester und dem Ensemble Concerto Köln nach Rheingold und Walküre nun auch Siegfried in einer historisch informierten Aufführungs-praxis. Die Frucht des auf zehn Jahre angelegten Forschungsprojekts „The Wagners Cycles“ , so führte Kent Nagano in einem Interview vor der Siegfried-Premiere in der Staatsoper in Prag selbst aus, sind nicht nur fünf Bücher, sondern vor allem Aufführungen des Ring des Nibelungen in einer Form, die nach Überzeugung Naganos und des gesamten Forschungs-teams Wagner selbst für ästhetisch ideal hielt. Es sei das Ziel gewesen, sich dem anzunähern, was Wagner selbst über die Stimmen und ihren Gesangspart sowie über Klang und Spielweise des Orchesters gedacht habe.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei, dass auch bei den Instrumenten der Rückgriff auf die Entstehungszeit konsequent umgesetzt wird. So spielen die Streichinstrumente auf Darmsaiten und die Blasinstrumente wurden im Sinne der historischen Vorbilder neu konstruiert. In seinem Interview erläutert Kent Nagano die dadurch erzielte Wirkung am Beispiel der eigens für den Siegfried nachgebauten Kontrabasstuba, durch welche die berühmten Fafner-Motive des ersten Aktes einen ganz neuen Klang erhalten hätten. Ganz allgemein darf man wie schon beim Rheingold und der Walküre auch bei der Aufführung des Siegfried konstatieren, dass das Klangbild des Orchesters transparent und „durchsichtig“ erscheint, sodass auch die Sängerinnen und Sänger dem Anspruch Wagners gerecht werden können, passagenweise sich eher eines deklamierenden, rezitationsartigen Sprechgesangs zu bedienen.
In seinem Beitrag im Programmheft führt Dominik Frank aus, dass es bei den Nachforschungen zu Siegfried im Vorfeld aber vor allem auch darum gegangen sei, das Werk aus seinem historischen, gesellschaftlichen und politischen Umfeld heraus zu verstehen. Und hier, so Frank, komme man an dem verstörenden werkimmanenten Antisemitismus in Siegfried nicht vorbei. Visuell, aber eben auch akustisch in der Art des Sprechgesangs mit sehr vielen Vorschlagnoten werde Mime in diffamierender Weise mit antisemitischen Stereotypen belegt. Man habe sich entschieden, diese beklemmende Seite des Siegfried nicht zu ignorieren, sondern z. B. bei der musikalischen Gestaltung der Partie ganz bewusst zu verdeutlichen.
Im dritten Teil von Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen begegnen in Anlehnung an das mittelalterliche Nibelungenlied verstärkt märchenhafte Elemente. Tatsächlich wollte Wagner ursprünglich eine Märchenoper in Anlehnung an Grimm über eine Märchenfigur schreiben, die auszog, das Fürchten zu lernen. Dieser Motivkomplex wird nun in Siegfried mit dem Mythos verbunden. Der ehemalige Goldschmied Mime, dem die sterbende Sieglinde ihren Sohn anvertraut, vermag die von Sieglinde erhaltenen Splitter von Siegmunds zerbrochenem Schwert Nothung nicht zusammenzufügen. Von dem Wanderer erfährt er in der Wissenswette des ersten Aktes die Antwort: „Nur wer das Fürchten nie erfuhr, schmiedet Nothung neu!“ Es ist der junge Held, der Spross aus der Liebe des Zwillingpaares Siegmund und Sieglinde, der das Fürchten nicht kennt, das Schwert Nothung schmiedet und in diesem psychoanalytisch überfrachteten Coming-of Age-Stück auszieht, ihm auferlegte Prüfungen zu bestehen und das Fürchten zu lernen. Das Fürchten stellt sich ihm weder im Kampf mit dem Lindwurm Fafner noch in der Begegnung mit Wotan ein, sondern es ist die Erfahrung der Liebe zu der aus ewigem Schlaf durch ihn wach geküssten Brünhilde, die Siegfried schließ-lich das Fürchten lehrt.
Dass Siegfried bei seinem Weg des Erwachsenwerdens auch einen dreifachen Vatermord – Mime, Fafner und indirekt auch Wotan – begeht, gehört zum Genre eines an Shakespeare gemahnenden Actionstücks. „Der Anarchist Siegfried, treuherzig und flegelhaft, würde die alte, von ihm selbst geschaffene, von ihm aber auch korrumpierte – Ordnung aus den Angeln heben und ein neues, freies Menschenzeitalter begründen. Wotan selbst … wünscht sich dieses Ende seiner Geschichte“ (so Oliver Binder im Programmheft). Siegfried wird so zu einer großen Weltentsagungstragödie.
Viel ist darüber gerätselt und geschrieben worden, warum Wagner 1857 die Arbeit an seiner Oper mit dem unvollendeten zweiten Akt für zwölf Jahre ruhen ließ. Waren es die Diskrepanzen zwischen den märchenhaften Motiven und den mythologischen Elementen, die Wagner spürte? Immer wieder hat man darauf hingewiesen, dass der Gegensatz zwischen der Waldvogelszene im zweiten Akt mit ihrer an Weber gemahnenden romantischen Waldeinsamkeit und der tragisch-pathetischen Beschwörung Erdas zu Beginn des dritten Aktes einen scharfen Kontrast darstelle, dass diese Gegensätzlichkeit musikalisch von Wagner schließlich dank der partiellen Übereinstimmung in der Leitmotivik gemeistert worden sei. Wie dem auch sei, in Siegfried gelangt Wagner in der musikalischen Umsetzung der Naturbilder und der plastischen Charakterisierung dramatischer Handlungsmomente zu einer neuen Meisterschaft.
Musikalisch wird dieser unvergessliche Abend in der Philharmonie noch lange in Erinnerung bleiben. Die Leistung der Musikerinnen und Musiker des Dresdner Festspielorchester und des Ensemble Concerto Köln unter der mirakulösen Leitung Kent Naganos muss dabei besonders gewürdigt werden. Vor allem die Klangschönheit der Streicher, aber auch die Präzision, Farbenvielfalt und Durchschlagskraft der Bläser riss das Publikum zu geradezu orkanartigen Beifallsstürmen hin. Auch das Sängerensemble ließ kaum Wünsche offen. Das gilt vor allem für den australischen Bassbariton Derek Welton, der mit seinem wunderbar warm timbrierten, in allen Lagen kraftvollen und ausdrucksstarken Bariton die zerrissene Figur des Wanderers großartig gestaltete. Als Einziger verzichtete Derek Welton auf den stützenden Blick in die Partitur, wodurch er auch in der Lage war, die unterschiedlichen Stimmungen seiner Figur schauspielerisch ergreifend darzustellen.
Der belgische Tenor Thomas Blondelle schlug sich in der mörderischen Partie des Siegfried mehr als achtbar. Nach eher verhaltenem Beginn im ersten Akt – vor allem beim Schmiedelied- steigerte sich Blondelle vor allem in den lyrischen Passagen des 2. Aktes (Waldweben), aber auch in den dramatischen Dialogen mit Mime im zweiten und dem Wanderer im 3. Akt, schließlich im großen Schlussduett mit Brünnhilde zu einer eindrucksvollen Leistung. Nun erreichte die Stimme jene jugendliche Strahlkraft, die man mit der Siegfriedfigur verbindet. In eher gammeligem Outfit spielte Blondelle den unbeküm-merten Himmelsstürmer zudem ganz ausgezeichnet.
Christian Elsner verlieh mit seinem Charaktertenor der Figur des Mime die nötige Boshaftigkeit und Perversität und schuf damit ein stimmiges Rollenportrait. Daniel Schmutzhard ist als Alberich eine Idealbesetzung. In Gesang und Spiel verleiht er der Figur eine eindringlich düstere Prägnanz. Hanno Müller-Brachmann dröhnt mit Hilfe eines riesigen Megaphonkegels zunächst ganz furchterregend, bevor er dann in der Sterbeszene beinahe lyrische Töne anstimmt. Kammersängerin Ulrike Schneider übernahm für dieerkrankte Gerhild Romberger die Rolle der Erda. Fehlt ihrem Mezzo für die Erdenmutter vielleicht auch ein wenig die Tiefe, so fügte sie sich dennoch mit guter Deklamation in das vorzügliche Sängerensemble ein.
Die schwedische Sopranistin Asa Jäger ist vielleicht jetzt schon trotz ihrer jugendlichen Jahre eine der ganz großen Brünnhilden unserer Tage und steht damit in der Tradition so großer Interpretinnen wie Birgit Nilsson oder Nina Stemme. Ihr Schlussduett mit Siegfried wird dank ihres leuchtenden, in den Höhenlagen geradezu triumphierenden Gesangs zu einem der ganz großen Höhepunkte dieses denkwürdigen Abends. Die Stimme des Waldvogels lag in den kleinen Händen eines Knabensoprans des Tölzer Knabenchores. Der namentlich leider nicht aufgeführte Tölzer Sängerknabe machte seine Sache ganz ausgezeichnete und spielte den putzigen Waldvogel ganz allerliebst.
Das Publikum feierte alle Beteiligten mit lang anhaltendem, enthusiastischem Beifall. Schon jetzt darf man sich auf die Götterdämmerung im Jahr 2026 freuen, die dann den triumphalen Abschluss eines Rings des Nibelungen bilden wird, der wohl für viele Jahre in allen Belangen neue Maßstäbe setzt.
Norbert Pabelick | 11.April 2024



