Der Ring des Nibelungen
Verwundungen und Verfehlungen
Keine guten Aussichten. Die Menschheit wird sich selbst vernichten, die Gattung sehend in den Abgrund stürzen. Mit Hölderlin gesprochen: “Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tief unfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark zum Glück der heiligen Grazien ( ), dumpf und harmonielos, wie die Scherben eines weggeworfenen Gefäßes ” Routiniert Zwar ließ der Dichter seinen Hyperion solch Despektierliches über die Deutschen sagen. Doch traf er damit ebenso die kompositorisch-dramatische Grundidee von Wagners “Ring des Nibelungen”. Nach vierzig Jahren wurde jetzt wieder ein “Ring” an der Berliner Staatsoper zyklisch aufgeführt – bei den Festtagen, die am Montag zu Ende gingen. Das Regie-Team kann als routiniert gelten: Harry Kupfer, Daniel Barenboim, Hans Schavernoch und Reinhard Heinrich besitzen langjährige Bayreuth-Erfahrung.Konzipierten sie Wagners monumentales Opus dort noch als “Straße der Geschichte”, erleben wir in Berlin den “Raum der Geschichte”. Ein hermetisches, auf der Rückseite von einer – jeweils Ort und Zeit illustrierenden – Rasterwand gerahmtes Quadrat mit verschiedenen Ebenen, aus dem es für die Protagonisten kein Entrinnen gibt, es sei denn durch den vorzeitigen Tod. Das sinnlose, hinterhältige Morden zieht sich wie ein roter Faden durch die Tetralogie, beginnend im Urzeitlichen der Schöpfung (“Rheingold”), fortgesetzt in Mittelalter (“Walküre”) und frühindustrieller Epoche (“Siegfried”), hindurch bis zur Neuzeit, zum Heute, zur “Götterdämmerung”. Ausgangspunkt, Schlüssel zum Folgenden und zugleich schicksalhafte Determination ist der Urfrevel: Der Mord des hier in der Gestalt Wotans noch durch göttliches “Vor-Bild” vertretenen Menschen an der Natur, an deren Sinnbild, der Weltesche.Regisseur Kupfer stellt in seiner “Ring”-Version diesen Gegensatz Mensch-Natur ins Zentrum der Interpretation. Er erzählt eine Parabel über Verwundungen und Verfehlungen, die von Menschen wie Göttern klaren Sinnes begangen werden; doch ist dieses bewußte Tun Resultat einer Unfreiheit des Bewußtseins.Als Menetekel fungiert dabei nicht der Ring, Metapher des Materiellen, sondern die Weltesche. Und eigentlich kann man schon am Zustand dieses noch zu Beginn von “Rheingold” tief verwurzelten, mächtigen Baumstamms den Gang der Geschichte(n) verfolgen. Mit zunehmender Dauer verkümmert die Esche; wird erst – in der “Walküre” – spröde, löchrig, ist im “Siegfried” schon fast ausgehöhlt und am Ende der “Götterdämmerung” nur noch rudimentär vorhanden. Hohe Anforderungen Weitere Verletzungs-Allegorien bietet Schavernochs dunkel-kalte Bühne: Eine modernistische Röhre spaltet im “Rheingold” die Eschenwurzeln; ein metallener Tisch in Hundings Hütte (“Walküre”) durchschneidet einen Stamm, ein gewaltiges Schwert bildet dessen Gerüst. Der zivilisatorische, sprich technologische Fortschritt erweist sich als janusköpfig, ist zugleich Rückschritt, Schritt in die Auslöschung. Vorweggenommen wird diese von Wagner intendierte und von Kupfer beschworene Negativ-Vision in dem Moment, als zu Wotans Worten ” nur eines will ich noch, das Ende” im zweiten Akt der “Walküre” ein riesiger Baum zu Boden stürzt.Überhaupt die “Walküre”. Sie ist die mit Abstand gelungenste, schlüssigste Inszenierung innerhalb des “Rings”, obwohl die Anforderungen an die Regie gerade hier sehr hoch sind. Harry Kupfer löst das Problem der langen Szenen Wotan-Fricka und Wotan-Brünnhilde bestechend einfach. Er läßt den Bühnen-Raum einfach leer, also geschichtslos. Und damit Wagners pessimistischer Philosophie Meinungs-Spielraum. Wie übrigens fast ausnahmslos jene Passagen dieses Berliner “Rings” nachhaltiger überzeugen, die auf allzu plakatives technisches Jonglieren mit Hub-Podien und Lichtgewitter verzichten. Dabei profitiert Kupfer davon, daß sich in dieser Oper die aus einem durchweg gut besetzten Ensemble herausragenden Sänger und Darsteller versammeln. Neben dem stimmgewaltigen John Tomlinson, dessen “Ring”-Marathon als Wotan, Wanderer und Hagen ungeteilte Bewunderung verdient, sind dies Waltraud Meier in der Rolle der Sieglinde und Deborah Polaski als Brünnhilde.Doch ohne Unterbau kein Überbau, meint: Ohne eine Staatskapelle in dieser Form und ohne einen Dirigenten wie Daniel Barenboim, dessen Sängerführung ungemein präzise ist, wäre das Gelingen von Wagners Musikdrama kaum denkbar. Vom ersten tiefen Es der Kontrabässe im “Rheingold”-Vorspiel bis zum luziden Des-Dur-Hoffnungs-Gesang der “Götterdämmerung” musiziert das Orchester ungemein differenziert. Es lotet Wagners nun wahrlich nicht einfach zu “lesende” Partitur bis in feinste Details hinein aus und beeindruckt – mit ganz wenigen, angesichts der 16stündigen Kraftanstrengung verzeihlichen Ausnahmen – durch einen strahlenden Klang.Fazit: Ein “Jahrhundert-Ring” ist dieser vom Festtage-Publikum gefeierte “Ring” von Kupfer/Barenboim nicht. Aber einer, der in seiner konzeptionellen wie musikalischen Stringenz Applaus verdient.
Jürgen Otten | 10.04.1996

