Götterdämmerung

Erik Nielsen
Chor und Orchester der Tiroler Festspiele Erl
Date/Location
1 July 2024
Passionsspielhaus Erl
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedVincent Wolfsteiner
BrünnhildeChristiane Libor
GuntherManuel Walser
GutruneIrina Simmes
AlberichThomas de Vries
HagenRobert Pomakov
WaltrauteZanda Švēde
WoglindeIlia Staple
WellgundeKarolina Makula
FloßhildeKatharina Magiera
1. NornMarvic Monreal
2. NornAnna-Katharina Tonauer
3. NornMonika Buczkowska
Stage directorBrigitte Fassbaender (2023)
Set designerKaspar Glarner
TV directorChristoph Engel
Gallery
Reviews
deropernfreund.de

Wie kann es den ewigen Göttern dämmern? Gibt es eine Art Dämmerzustand vor der endgültigen Abschaffung göttlicher Macht? Den Begriff, der dieser Oper den Namen gab, hat niemand Geringeres als Snorri Sturluson, der Verfasser der um 1220 entstandenen „Prosa-Edda“, durch die wir so viel über die skandinavische Mythologie wissen, durch eine Fehlinterpretation in die Welt gebracht. Eigentlich bedeutet das altisländische „Ragnarök“ nämlich „Götterschicksal“. Es ist der gewaltige Kampf der Götter und Riesen, der den Untergang der bekannten Welt zur Folge hat.

Die Vision einer neuen Herrschaft des Friedens und der Liebe bei Snorri mag durch das Christentum beeinflußt worden sein, bei Wagner stürzt jedenfalls nur die alte Herrschaftsordnung zusammen – von totaler Vernichtung aller irdischen Existenz ist keine Rede. Was bleibt also am Ende übrig? Bevor diese Frage tatsächlich beantwortet wird, sei der abschließende Ring-Abend am 10. Juli 2024 im Festspielhaus Erl in der sich bei jedem Teil der Tetralogie steigernden Inszenierung von Brigitte Fassbaender entsprechend gewürdigt.

Auch diese Götterdämmerung ist voll inszenatorischer Geniestreiche und liebevoller Ideen, angefangen mit der Nornen-Szene, einem Handarbeitskreis aus drei liebenswert-trutschigen Damen, die das Schicksal der Welt an den Fäden ablesen, die sich den vor ihnen stehenden Kaffeekannen wissend entwinden. Marvic Monreal, Anna-Katharina Tonauer und Elizabeth Reiter stricken an riesigen Schals und tratschen wie alte Muttchen über den drohenden Untergang. Das ist ein erfrischender Verfremdungseffekt, der in bester Brecht´scher Manier über das Lachen zu tieferer Einsicht führen kann – Wagner hat ja ohnehin den V-Effekt erfunden und ihn eingesetzt, um, über den scheinbaren Umweg der Verlagerung in den Mythos, Gesellschaftskritik zu üben; solche wundervollen Einfälle sind eine konsequente Fortführung des Wagner´schen Ansatzes.

Reduktion ist eine der probaten dramaturgischen Techniken dieser Ring-Produktion; so gibt Brünnhilde dem scheidenden Siegfried nicht ihr Roß Grane mit, sondern – gleichsam als Talisman – lediglich einen Anhänger in Pferdegestalt. Den wird Brünnhilde später Gutrune vom Hals reißen (Siegfried hatte ihn ihr umgehängt) und schließlich dem gemordeten Helden auf den Scheiterhaufen legen.

Rekurrierend auf Wieland Wagners Ausspruch über Astrid Varnay gilt in Erl: Wozu braucht man ein Pferd auf der Bühne, wenn man eine Brigitte Fassbaender als Regisseurin hat, eine intelligent gemachte Bühne und phantasievolle Kostüme von Kaspar Glarner, atmosphärisch-zauberhafte Video-Projektionen von Bibi Abel, schließlich alles illuminiert von Jan Hartmann?

Christiane Libor als zur Sterblichen degradierte Wunschmaid und Vincent Wolfsteiner als Wotansenkel steigern beide ihre Leistungen aus dem vorangegangenen, bereits besprochenen Siegfried; auch hier gestalten die beiden, wie alle Mitwirkenden, die Sprache ungemein plastisch. Brünnhilde peitscht die Worte geradezu aus sich heraus, als sie des Verrats gewahr wird. Ihr Schrei, wenn Siegfried ihr den Ring von der Hand zerrt, läßt einem die Tränen in die Augen schießen. Wolfsteiner spielt mit einer witzigen Tölpelhaftigkeit und ist in seiner Unbedarftheit ebenso glaubhaft wie in aufrichtiger Liebesfähigkeit, aber er stellt auch den Gunther auf dem Walkürenfelsen nicht nur für Brünnhilde völlig überzeugend dar. Wiederum genügt hier eine der vorgehaltenen Masken, die leitmotivisch im ganzen Erler Ring eingesetzt werden. Siegfried verbindet Brünnhilde die Augen mit Gunthers Seidenschal, mit dem der Gibichung sie später an den Händen gefesselt triumphierend an den Hof führt.

Siegfrieds Schlichtheit wird an Gunthers Hof, wo das schicke Ambiente die familiären Abgründe mehr schlecht als recht überdeckt, bekanntermaßen schändlich ausgenutzt. König Gunther wird zwar von Manuel Walser gespielt, aber aufgrund einer plötzlichen stimmlichen Unpäßlichkeit vom eingesprungenen Daniel Schmutzhard gesungen. Das klappt einwandfrei, und der aus Salzburg rasch wie Siegfried auf seinem Nachen angereiste Bariton verleiht dem meist als Memme dargestellten Gibichungen-Chef hier eine Vielschichtigkeit durch die Mischung aus einem Rest an markiger Männlichkeit und deutlicher Überforderung. Dieser Gunther ähnelt mit seinen weißblonden Haaren Harry Potters intrigantem Gegenspieler Draco Malfoy und hat offenbar mal etwas mit einer seiner Hofdamen gehabt. Die versucht nämlich später, ihm eine Szene zu machen, was der Gibichungensproß unwirsch und hart abwürgt.

Robert Pomakov als Hagen ist großartig fies, aber nicht platt überzeichnet. Wie zuvor bei seinem Fasolt setzt er seinen Baß drohend und machtvoll ein, aber dieser Hagen hat auch menschliche Schwächen. An der gutsortierten Hausbar, die von „Jägermeister“ bis zu erlesenen Single-Malt-Whiskys einiges zu bieten hat, bedient er sich gern, wobei er sich stets am Allerwelts-Bourbon schadlos hält.

Billard spielt man gerne am Gibichungenhof, eben das Spiel, bei dem eine Kugel die andere anstößt; der Impuls dessen, der den Queue führt, überträgt sich auf alles, was beweglich ist. So nimmt das Schicksal der Götter und Menschen seinen Lauf und folgerichtig schnitzt Hagen bei der Schwurszene seinen Queue mit seinem Hirschfänger an und macht ihn zum bezeugenden Speer. Der finstere Halbbruder Gunthers ist aber auch nur ein Werkzeug seines noch düsteren Vaters Alberich, dem wiederum Thomas De Vries Schwarzalben-abgrundtiefen Charakter und vor allem Stimme verleiht. Irina Simmes als Gutrune hat sich gegenüber ihrer Sieglinde darstellerisch deutlich gesteigert, bleibt aber stimmlich etwas hinter den anderen Mitwirkenden zurück. Zanda Švēde hat ja schon als Erda brilliert, und ihre Waltraute hat gleichfalls weibliche Kraft und Charaktertiefe – man erkennt ihre Stimme in dieser Rolle kaum wieder!

Ebenfalls kraftvoll und zugleich exakt singt der Chor der Tiroler Festspiele Erl, die in Anzüge gewandeten Mannen stehen nicht nur herum, sondern agieren ebenso lebhaft wie die hier stummen Hofdamen.

Die Rheintöchter sind, wie im Rheingold, wiederum Ilia Staple, Karolina Makuła und Katharina Magiera; diese humorvollen und zugleich wissenden Mädchen spielen mit Wasserbällen wie Kinder; sie werden den Weltenbrand in ihrer Arglosigkeit überleben.

Das Inferno beginnt unbeschreiblich stimmungsvoll damit, daß sich die großen, sich verjüngenden Bretter, die Waldbäume darstellen, langsam und knarrend über Siegfrieds Leichnam senken; weitere dieser massigen Hölzer schichten die Mannen als starke Scheite zuhauf.

Diese atemberaubenden Bilder untermalt das Orchester der Tiroler Festspiele Erl unter der Leitung von Erik Nielsen an diesem letzten Abend sehr stimmungsvoll; da es sich eben hinter der Bühne befindet, hätte es manchmal dynamisch etwas zulegen dürfen, denn alle Solisten und der Chor sind stimmstark genug.

„Weißt du, wie das wird?“, fragt man sich als Zuschauer, auf das dräuende Ende spähend, das zwar jeder kennt, aber das in der Interpretation doch immer wieder Überraschungen birgt. Hier erwürgt der mittellos gewordene Alberich am Ende seinen Sohn Hagen und küßt ihn dann liebevoll auf die Stirn. Gilt Brünnhildes „alles ward mir nun frei“ auch für ihn, da der Gierige sich von allem, dem Ring, seinem bloßen Werkzeug-Sohn und seinem Drang nach Macht befreit weiß? Wagner würde dem zustimmen, denn „das edelste Geschöpf leidet dasselbe wie das Unedle, der Wille ist in jedem Geschöpf eins“ – so schreibt er über den Zwerg, der eben auch der Erlösung bedürftig und, so bleibt die Hoffnung, fähig ist.

Das Finale der Endzeitoper wird in der Rezeption gerne als „ambivalent“ oder „offen“ beschrieben, aber die Musik offenbart das, was Brünnhilde gegenüber Waltraute bekennt: „die Liebe ließe ich nie“. In einer früheren Fassung, von der sich Wagner wünschte, sie werde den Textbüchern beigegeben, singt das Wotanskind als letzte Zeilen: „selig in Lust und Leid läßt – die Liebe nur sein“. Das hören diejenigen, die ihr Inneres dem großen Vermächtnis zu öffnen vermögen. Liebe ist das Gegenteil von Macht und Gier und so schließt sich der gewaltige Entwurf Wagners von Welt und Walten, von Suchen und Sehnen, vom Trachten nach Macht und der Erlösung in der Auflösung allen Wollens durch die ewige Liebe.— Ein Gedankenstrich müßte hier stehen, so lang wie Wotans Speer… —Tosender, nicht enden wollender, schließlich im Stehen dargebrachter Beifall brandet auf, für alle Solistinnen und Solisten, Chor, Dirigenten und Orchester – und für eine Regisseurin, die sich trotz aller Bescheidenheit hier ein weiteres Denkmal gesetzt hat.

Andreas Ströbl | 11. Juli 2024

onlinemerker.com

Das szenisch aufwändigste der vier „Ring“-Dramen ließ ebenfalls nichts zu wünschen übrig. Jetzt, wo wir sozusagen in eine normale Welt zurückkehren – mit recht real gezeichneten, angeblich alles wissenden, recht selbstbewusst agierenden Nornen auf einer felsigen Höhe über dem Rhein, dann in Gunthers Hofhalle, auf dem Walkürenfelsen, vor Gunthers Halle und zuletzt in einer waldigen Gegend am Rhein, wo sich zuletzt Gunthers Halle auftut – da hat das Regieteam erfasst, dass es hier jede Menge Komplikationen gibt, dass nicht alle uns an den ersten drei Abenden vorgestellten Personen ihrer selbst sicher sind – Politik spielt herein, Machtlüsternheit – und kriegsbereit, wie auch der zur Wacht sitzende Hagen, tritt auch erstmals ein großer Chor auf, der seinem jeweiligen Herrn folgen muss. Waltraute hat sich warnend zu ihrer Schwester Brünnhilde gesellt, dass sie sich vom fatalen Ring trennen möge…Die will jedoch auf ihr Liebespfand nicht verzichten…

Das alles wissen wir Wagner-Kenner. Aber nicht immer wird es so trefflich umgesetzt.

Und wenn ich heute am Rhein entlang gehe oder im Zug fahre und sehe, wie der Fluss an allen Seiten verbaut ist, von Hochhäusern, Fabriken und dutzenden Industriezentren, die jede Schönheit entbehren, jede Menge Ausländer beschäftigen und das einst romantische Rheintal bis zur Unkenntlichketi verändert haben – da wird die ganze Wirrnis, die den „Ring“ umkreist, verständlich. Keiner der Wagnerschen Menschen darf mehr er oder sie selbst sein. Mit einem komplexen Bühnenbild, mehrstöckig, mit vielen Treppen, die einen nicht ahnen lassen, wohin sie führen, entwickelt sich die Handlung ins Ungewisse… Siegfried vergisst Brünnhilde und wendet sich der schönen, schlanken jungen Gutrune zu, Gunther erwählt sich Brünnhilde zur Frau, und – Hagen erwartet sich den Wiederbesitz des Ringes….Die zuvor ganz klar gezeigte Bühne ist verwirrend mit den vielen Treppen, Gängen – jedoch alles im Einklang mit der Musik. Keiner der hier auftretenden Menschen ist mehr er selber.

Als es Hagen gelungen ist, Siegfried einen Trank zu bieten, der ihm Klarheit darüber verschafft, dass Brünnhilde seine „heilige Braut“ war, da ist das Unglück geschehen: Hagen tötet ihn. Und Brünnhilde nimmt den Ring an sich und übermittelt ihn den Rheintöchtern, die Hagen in die Tiefe ziehen. – Wie das alles adäquat zur Musik optisch gestaltet wurde – man müsste es ein Dutzend Mal sehen, um alles zu begreifen. Aber die überwältigende Musik mit dem ebenso perfekten Gesang aller Beteiligten und mit des genialen, weil von Erik Nielsen genial geführtem Orchester, Aussagekraft – das war nun in Erl alles ein Weltereignis – wie von Wagner geschaffen, wohl wissend, dass es in aller Welt sich täglich ereignet – man höre die täglichen Nachrichten …

Köstich schon einmal die drei Nornen, jede sich besonders klug wähnend, selbst das Gesungene gleichsam hinterfragend und an den möglichen Konsequenzen weiterstrickend: Marwig Monreal, Anna-Katherina Tonauer und Elizabeth Reiter. Die einen gerade in der „Götterdämmerung“ oft zu lang dünkenden Texte der einzelnen Personen benötigt starke Sängerpersönlichkeiten, die den Sinn aller Worte hörbar und sichtbar auszuschöpfen vermögen: Brünnhilde – Christiane Libor und Siegfried – Vincent Wolfsteiner konnten es! Aus einsamer felsiger Höhe sangen sich die beiden -getrennt – in die ungewisse Zukunft am dicht besiedelten Rhein.

Der vorgesehene Sänger des Gunther, Manuel Walser, musste wegen Indisposition ersetzt werden und konnte nur agieren, während der Einspringer, kurzfristig angereist, vom Notenpult aus die Partie exzellent sang. Die Aktionen aller anderen Solisten wie auch des Chores bezeugten, dass da eine exzellente, wohldurchdachte Regie dahintersteckte. Gutrune – Irina Simmes, eine hübsche, schlanke junge Frau, konnte vokal und darstellerisch ihre Position glaubhaft machen und Siegfried beeindrucken: Für Vincent Wolfsteiner schien nun der Tatendrang eine Selbstverständlichkeit – und wie er jedem diesem Helden von Wagner auferlegten Sinnen und Trachten mühelos folgte, visuell jede Emotion ebenso erkennen ließ wie vokal: großartig! Bis zum „süßen Vergehen“ in „seligem Grauen“ von Brünnhilde imaginiertem letztem Gruß.

Auf der Bühne, wo das Regieteam im letzten Akt in einem bühnenbeherrschenden Wald kreuz und quer Baustämme legen ließ, weil es ja Klarheiten in dieser Welt nicht mehr gab, wähnte sich der schon recht irre Hagen – Robert Pomakov – der Sieger schlechthin, ehe die Rheintöchter ihn in die Tiefe zogen. Was sich da zuletzt optisch abspielte, zwischen Naturgegebenheiten und menschlichem Versagen – aus der Musik, die glorios aus dem Bühnenhintergrund ertönte, war nochmals alles herauszuhören, was in der Tetralogie vorgefallen war – jetzt mit dem denkbar prachtvollsten Orchesterklang.

Der Schlussapplaus hätte eigentlich verdient, die ganze Nacht lang zu dauern. Dass sich Christine Fassbaender in der linken Ecke unterhalb der Bühne einmal kurz zeigte, vermochte ihr nicht den gebührenden Jubel einzubringen, zumal ja auch die Zuschauer aus dem ganzen Saal bereits von dannen strebten…

Sieglinde Pfabigan | 11.07.2024

Rating
(6/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
1920×1080, 6.3 Mbit/s, 11.1 GiB (MP4)
Remarks
Telecast (ORF III) of the dress rehearsal
This recording is part of a complete Ring cycle.