Siegfried
| Christian Thielemann | |||||
| Orchester der Bayreuther Festspiele | ||||||
Date/Location
Recording Type
|
| Siegfried | Klaus Florian Vogt |
| Mime | Gerhard Siegel |
| Wotan | Michael Volle |
| Alberich | Jochen Schmeckenbecher | Fafner | Peter Rose |
| Erda | Christa Mayer |
| Brünnhilde | Camilla Nylund |
| Waldvogel | Victoria Randem |
Rätselflut und Schweißflecken
Oben 35 Grad, im überdachten Graben sind es mindestens fünf mehr. Und das Beste: Man hört es nicht. Dieser „Siegfried“ wird sogar zum musikalisch Besten des bisherigen „Ring des Nibelungen“. In Akt drei hat sich Christian Thielemann endgültig in die Partitur verknallt. Wie immer gibt er den Bauchmusiker mit Übersicht, der begeistert von Wagners Klängen kostet – und alle, Solo-Riege plus Festspielorchester, mitnimmt auf seine Lustreise. Doch das große Aufwallen bleibt strukturiert, Feinheiten werden ausformuliert und eingepasst. Analyse und das Sensorium für Theatralik ergänzen sich – wie es eben so ist, wenn einer das Stück x-mal aufgeführt hat und sich daran nicht sattdirigieren kann.
Vogt bleibt frisch wie im ersten Takt
Vor allem stehen Thielemann Sängerinnen und Sänger zur Verfügung, mit denen er einen weiten Bogen schlagen kann – vom Lyrisch-Intimen bis zum großen dramatischen Aufriss. Klaus Florian Vogt (Siegfried) und Camilla Nylund (Brünnhilde) sind ja gerade keine Vokaltypen fürs Stahlgewitter. Marathonmann Vogt, in diesem „Ring“ nach Loge und Siegmund in der dritten Rolle aktiv, singt den zweiten Akt erwartungsgemäß wie ein überlanges Kunstlied. Doch dann gibt es auch stabile, imponierende Töne, die ihm vor zehn Jahren noch keiner zugetraut hätte. Außerdem disponiert er mehr als klug: Im letzten Akt, wenn andere Siegfriede mit blutenden Stimmbändern ihre Brünnhilde wachküssen, ist Vogt fast so frisch wie im ersten Takt.
Auch Camilla Nylund entwickelt ihre Brünnhilde aus dem Lyrischen: ein warmer, gerundeter Klang, eine technische Sicherheit in allen Lagen. Kein Soprangeschütz wird hier abgefeuert, sie kann das Menschliche der Tochter Wotans hörbar machen. Letzterer hat hier seinen besten „Ring“-Tag: Michael Volle bringt den Witz und das Feinbesteck mit für Akt eins, kann aber auch götterväterlich aufdrehen. Fast jedes Wort ist zu verstehen, nicht nur bei ihm. Auch bei Gerhard Siegel, der – ein klangliches Paradox – als Mime fast heldentenoraler als Klaus Florian Vogt klingt. Christa Mayer ist eine Erda mit großer Autorität, Jochen Schmeckenbecher ein wackerer Alberich.
Sie alle scheinen mit dem Bühnensetting lockerer umzugehen als in den ersten beiden „Ring“-Teilen. Keine Singsäulen mehr, vor allem Klaus Florian Vogt, der – man spürt es – Bewegung auf der Bühne braucht, flaniert manchmal zwischen den beiden riesigen Gaze-Vorhängen und scheint die KI-Bilder staunend zu betrachten. Oder ist es eher spöttisch?
Ermüdendes Ratematerial der KI
Der Zufallsgenerator für die Projektionen hat inzwischen einen Gang zurückgeschaltet. Noch immer gibt es das übliche Programm aus 150 Jahren (Bayreuth-)Historie. Unscharfe Bühnenbilder aus vergangenen „Ringen“ als Ratematerial, Willy Brandt, die beiden Wagner-Enkel, der Schriftzug „Sorry, no gas today“ – ein Plakat aus der ersten Ölkrise. Als der Waldvogel (Victoria Randem) singt, spukt die KI tatsächlich Eisvögel und Kolibris aus – der Computer als Intelligenzbestie.
Im Festspielhaus kippen manche Köpfe nach vorn und zur Seite. Die Bilderberieseling überfordert die Synapsen, die Temperatur tut ihr Übriges. Aus den Sängergarderoben hängen Schläuche, drinnen stehen Ventilatoren – mangels Klimaanlagen leidet auch das Bühnenpersonal. Inzwischen gibt es wieder vereinzelt Karten für diesen „Ring“: Frust verbreitet sich über die Szenerie. Auch Promis auf der Bühne und im Graben können den wohl nicht mildern.
Markus Thiel | 31.07.2026
„Wild und kraus kreist die Welt“ – Der KI-Irrsinn in Bayreuth wird im „Siegfried“ fortgesetzt
Ein Waldvögelchen zwitscherte dem Rezensenten, dass eine KI-erfahrene Opernregisseurin bezüglich der Technik des Bayreuther „Rings“ den Fehler klar benannte: „Diese KI ist schlecht erzogen“, erklärte sie, und natürlich – der Apparat verarbeitet nur, was der Mensch ihm eingibt. Hier sind also eindeutig die Erziehungsberechtigten verantwortlich.
Es beginnt diesmal eigentlich ganz schön, und auch zwischendrin gibt es immer wieder Momente, in denen die Kongruenz zwischen Bühnengeschehen und generierten Ansichten stimmt. Charmant angegilbte historische Bühnenbilder, stimmungs- und geheimnisvoll wuchernde Wald-Phantasien (sogar einen Bären gibt es zu Beginn), Drachen-Anmutungen mit Krokodil-Babies und verschlungenen schuppigen Strukturen sowie grüne Kolibris und andere Piepmätze schaffen durchaus reizvolle Folien.
Etwas überstrapaziert wird die Retrospektive auf den Castorf-„Ring“ mit dem Postamt am Berliner Alexanderplatz und dem „Mount Sozialismore“ mit Marx, Lenin, Stalin und Mao, also unter anderem ausgemachten Völkerschlächtern. Dann erfahren wir noch, dass in den vergangenen 150 Jahren auch Kennedy ermordet wurde und noch wenigstens eine Mondlandung stattfand – faszinierend! Auch Wolf Biermann wurde ausgebürgert, wie uns in die Erinnerung gerufen wird; sein Schnauzbart grüßt Siegfried auf dem Weg zum Brünnhilden-Felsen. Und die Boeing 720 mit dem Namen „Stuttgart“ hob 1961 ab – hatten sie denn wenigstens einen Glücksraben dabei? Zudem gibt es, unter vielen anderen, meist schlecht erkennbaren Schwarz-Weiß-Photos, Bilder von Wieland und Wolfgang Wagner.
Eine Rückenfigur steht minutenlang herum und … naja, steht eben herum. War allerdings schon bei der „Walküre“ an der Textstelle „O süßeste Wonne! O seligstes Weib!“ die Einblendung von Steinbrocken wie nach einem Bombenangriff schon reichlich sinnfrei, so gerät der fette Schriftzug „NO GAS TODAY“ in der Erweckungsszene, die so glückverheißend mit einem satten Sonnengold begonnen hatte, zur peinlichen Farce. Die zarteste, leidenschaftliche Innigkeit konterkarierend, prangt dick und prall das „RAF“-Symbol mit zwei Maschinengewehren im Hintergrund. Das ist einfach nur krank und geschmacklos.
Es geht aber noch schlimmer: Ganz am Ende, wenn Siegfried liebestrunken sein „sie ist mir ewig, ist mir immer, Erb’ und Eigen, ein’ und all’: leuchtende Liebe, lachender Tod!“ jauchzt, beherrscht alles ein Barbie-Kitsch-Rosa, und ein Liebespaar, zu dessen Darstellung sich auch die Zeichner eines Billigst-Mangas der 90er Jahre zu schade gewesen wären, verdirbt die berauschende, ernst-innige Stimmung. Fehlen nur noch regenbogenfarbene Einhörner.
Beim CDU-Wahlplakat von 1957 mit Konrad Adenauer ist das Motto „Keine Experimente“ weggepixelt. Klar, das wäre ein Eigentor gewesen, aber diese schießen sich die Nicht-KI-Erzieher Marcus Lobbes und Nils Corte ohnehin im Minutentakt. „Wild und kraus kreist die Welt“, weiß Erda, und man mag anfügen: „Irr und schräg schafft die KI – nur eines will ich noch: das Ende, das Ende!“
Zu den Kostümen von Pia Maria Mackert nur ein Satz: Vielleicht wäre es konsequent, alle Darstellerinnen und Darsteller künftig in Ganzkörper-Schutzanzüge mit verspiegeltem Visier zu stecken. Dann wissen auch die ersten Reihen nicht mehr, wem sie da applaudieren. Das wird ein Spaß! Waldvögelchen-Gezwitscher: Auch aus den Reihen der Solisten kommt ebendiese Kritik an der uniformen grau-weiß-schwarzen Wischmopp-Klamotte. Buhs und Empörung in den Pausengesprächen gibt es reichlich und man kann nur hoffen, daß es morgen nach der „Götterdämmerung“ keine Saalschlacht gibt.
Wiederum – die Musik reißt es heraus!
Auch den „Siegfried“ machen Christian Thielemann und das Festspielorchester schon instrumental zu einer wahren Wagner-Wonne. Gerade Klarinetten und Harfen haben bezaubernde Glanzpunkte. Zum Brüllen lustig ist das quäkende Englischhorn, das Siegfrieds Rohrpfeife kieksend und mit schrägen Falschtönen karikiert.
Das Tempo des Vorspiels zum dritten Akt ist einfach mitreißend, hier hängt der Wagner-Himmel voller Geigen bzw. seidiger Violinen, und das Blech während der leidenschaftlich-aufstrahlenden Liebesmomente erhebt alles in sonnige Höhen der Innigkeit; nie klingt diese Musik pathetisch oder zu prall.
Klaus Florian Vogts heller Tenor, der in den vergangenen Jahren deutlich an Fülle und Kernigkeit gewonnen hat, passt wunderbar zur Jung-Siegfried-Rolle. Dem in diesem Teil der Tetralogie eigenen Humor gibt er reichlich Raum und ist hervorragend verständlich. Siegfrieds „Mutter! Mutter! Gedenke mein!“-Ruf kann man tatsächlich auch verzweifelt im Parlando ausstoßen, Wolfgang Windgassen hat das legendär gemacht. Dass Vogt ihn singt, funktioniert zwar auch, aber da er hier endlich das im Libretto 36mal angesprochene Fürchten lernt, ließe sich die Stelle schon impulsiver gestalten.
Gerhard Siegel als Mime geht virtuos mit dem Text um, jammert, wimmert und lügt sich um Kopf und Kragen; ersteren verliert der potentielle Mörder seines Ziehsohnes. In den Solopartien und im Zusammenspiel mit Siegfried sowie Wotan ist er absolut überzeugend. Ungeduldig will er den lästigen Wanderer loswerden, aber Michael Volle zeigt ihm klar die Grenzen auf. Der Bariton entwickelt im Lauf dieses Zyklus zunehmend mehr Natürlichkeit und lässt hier eben auch väterlichen Humor durchblitzen. Sein Lachen zeigt, dass er bei allem Wissen um das Ende noch genügend Selbstironie und Souveränität besitzt.
Selbstbewusst und noch als der machtvolle Gott tritt er in den Dialog mit Alberich. Jochen Schmeckenbecher ist hier, obwohl er, wie alle nicht oder kaum spielen dürfen, weit mehr als nur ein fieser Machtzwerg; die beiden Anführer begegnen sich auf Augenhöhe. Ein bisschen denkt man da an die Deutung als Zwillingspaar im „Ring“ von Valentin Schwarz. Der Bariton verleiht der Figur bewundernswerte Farbigkeit und Tiefe.
Die vermisst man etwas bei Peter Roses Fafner, dessen fülligen Bass man bei seinem zweiten Auftritt gerne wieder mit Hall hätte verstärken können. Sein eigentlich schön hämisches, voreiliges Lachen über das „prahlende Kind“ erklingt mit natürlicher Stimme, sein Gesang unterscheidet sich aber zu deutlich davon.
Christa Mayer überzeugt als Erda mit ausgezeichnetem Textverständnis, auch klingt sie, wie bereits im „Rheingold“, warm und mütterlich.
Hell und flatterleicht ist der Sopran von Victoria Randem, die einem bezaubernden Waldvögelchen ihre Nachtigallenstimme schenkt. Zwar versteht man, wie zuerst auch Siegfried, ihren Text kaum, aber das macht sie durch charmante Schwerelosigkeit wett.
Leuchtend wie der Sonne Strahlen singt Camilla Nylund auch die „Siegfried“-Brünnhilde, nachdem sie bereits in der „Walküre“ vor allem die Sensibilität des verstoßenen Götterkindes greifbar gemacht hat. Ihr Bekenntnis „Lachend muß ich dich lieben“ gerät ganz unprätentiös aufrichtig und, ja, zum Verlieben schön. Wäre da nicht die Kitsch-KI … – aber das verderben wir uns jetzt mal im Rückblick nicht.
In den Herzen des jubelnden Publikums bleibt sehr viel Freude über einen musikalisch wieder mehr als gelungenen Abend. Damit begeht man den „Ring“-Pausentag; schließlich geht ja morgen mal eben die Welt unter.
Dr. Andreas Ströbl | 31. Juli 2026
Bei jeder Opern- oder Theaterproduktion gibt es während der Proben irgendwann eine Krise – warum sollte das beim Regisseur KI anders sein?
Drei Tage vor der ersten Premiere der Jubiläumsproduktion von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ anlässlich des 150. Geburtstages der Festspiele sei man – so erzählt man sich in Bayreuth – draufgekommen, dass sich die Künstliche Intelligenz, die hier anstelle eines Regisseurs zum Einsatz kommt, verselbstständigt hat. Hätte man eigentlich wissen können.
Dreieinhalb Jahre lang war das System mit hunderttausenden Bildern und Informationen zu 15 verschiedenen „Ring“-Produktionen gefüttert worden und hätte beim Ausspucken der Live-Bilder während der Aufführung innerhalb dieses Rahmens bleiben sollen. Tat sie nicht, sondern lernte dazu, sodass man kurzfristig einen Neustart ansetzen musste. Und seither immer darauf achtet, was sie genau tut.
Welche Bilder sie ohne diesen Restart auf die Leinwände vor und hinter der Bühne projiziert hätte, kann man nur erahnen. Etwas Brutales? Etwas Pikantes? Etwas Komödiantisches, weil ihr Wagner-Inszenierungen zumeist zu fad sind? Wird man nie erfahren.
So sah man jedenfalls auch bei „Siegfried“, wie die Sänger zu Comic-Figuren, zu Winzlingen geschrumpft werden. Das Ganze wirkt wie „Meister Wagner und seine Pumuckl“: Man erkennt einen Menschen auf der Bühne, und rundherum kommen andauernd gezeichnete Gestalten dazu. Mit Fortschreiten des „Rings“ auch Politiker wie John F. Kennedy, erstaunlicherweise nachdem Siegfried den Drachen getötet hat. Manches ist hektisch wie „Tom und Jerry“. Anderes für Europäer so schwer verständlich wie Animes.
Was jedenfalls für Liebhaber von Opern, bei denen sich auf der Bühne auch nur irgendetwas Menschliches oder Emotionales tut, ärgerlich bleibt: Es gibt weder Personenführung, noch ein Spiel zwischen den Protagonisten, nicht einmal Requisiten.
Es soll kaum Bühnenproben gegeben haben, die Sänger dürften angewiesen worden sein, sich nicht zu bewegen, damit Sensoren auf ihrem Kopf das Licht steuern können und Dirigent Christian Thielemann sieht, wo sie überhaupt stehen. Unter ihren absurden Vogelkostümen tragen sie schwarze Anzüge wie Taucher, die vermutlich mit Technik vollgestopft sind. Soll sein.
Was nicht sein soll: Dass Siegfried beim Schmiedelied kein Schwert hat, auf das er schlagen kann; dass Wotans Speer nicht existiert; dass bei der Erweckung Brünnhildes die Wichtigste, nämlich Brünnhilde, anfangs gar nicht da ist. Undundund.
Bei allem Respekt für innovativste Zugänge im Opernfach: Das ist Anti-Musiktheater. Und ermüdet das Hirn und die Augen.
Immerhin die Ohren bleiben dank einiger fabelhafter Stimmen gerne wach. Michael Volle ist bei seinem ersten Bayreuther „Ring“ als Wotan auch ein grandioser Wanderer, mit schönem Timbre, herrlicher Phrasierung und viel Power bis zum Ende.
Auch Camilla Nylund als Brünnhilde singt sehr schön, versucht innerhalb der erforderlichen Dramatik so gut wie möglich lyrisch zu bleiben und wird tatsächlich nie schrill. Eine untypische, aber famose Brünnhilde.
Gerhard Siegel ist als Mime ausdrucksstark, wenn auch nicht wortdeutlich. Jochen Schmeckenbecher kommt an die großen Alberichs nicht heran, auch Fafner könnte energischer besetzt sein als mit Peter Rose. Christa Mayer ist eine solide Erda, Victoria Randem weit entfernt von einem idealen Waldvogel.
Der Sänger der Titelpartie, Klaus Florian Vogt, erstaunt mit seinem leichten, stets kindlich wirkenden, klar geführten Tenor und hält bravourös durch. Der Jung-Siegfried ist viel mehr seines als der Siegmund zuletzt. Dass er, der schon in der „Rheingold“-Premiere den Loge gesungen hatte, zum Abschluss auch Siegfried in der „Götterdämmerung“ singt und damit überhaupt der Erste ist, der das in Bayreuth darf, sagt einiges über die Wichtigkeit der Stimmen aus.
Christian Thielemann am Pult des glänzenden Orchesters läuft bei „Siegfried“ zu großer Form auf. Nicht auszudenken, was das für ein „Ring“ sein könnte, wenn er szenisch nicht von Anfang an als Anti-„Ring“ konzipiert worden wäre.
Gert Korentschnig | 30. Juli 2026
Wie sich die Bilder gleichen
In diesem Siegfried hat die KI zunehmend Gefallen daran gefunden, Figuren in die Bühnenbilder der Vergangenheit hineinzusetzen, und das ist keine gute Idee. Zum einen stellt die KI oft Proportionen und Details nicht korrekt dar, was zu eigenwilligen Effekten führt; zum anderen hatten die “leeren” Bühnenbilder den Charme, dass die Sängerinnen und Sänger der Aufführung, skulptural zwischen den beiden Projektionsvorhängen platziert, scheinbar (aber mit einem Verfremdungseffekt) im historischen Ambiente standen. Von diesem Effekt geht einiges verloren, wenn bereits die Akteure abgebildet sind. Und ohnehin verliert die KI im Verlauf dieses Abends mehr und mehr das Interesse an Rückblenden in die Bayreuther Inszenierungsgeschichte, von denen die Walküre noch leidlich gerettet wurde.
Was aber kommt stattdessen? Gelegentlich erblickt man für eine Sekunde mehr oder weniger eindeutige historische Fotografien aus dem gesellschaftlichen oder politischen Geschehen. Diese markieren den Zeitstrahl, der 150 Jahre Ring-Rezeption mit 150 Jahren Deutscher Geschichte unterlegt, linear auf die rund 15 Stunden Musik verteilt (mehr dazu in der Rezension der Walküre). Dem Siegfried sind gemäß dieser Logik etwa die Jahre vom Beginn des Zweiten Weltkriegs bis in die späten 1970er zugeordnet. Die Momentaufnahmen, die man dadurch zu sehen bekommt – besonders markant an diesem Abend: die Gleise von Auschwitz-Birkenau, das Wunder von Bern, die Entführung Hanns Martin Schleyers – werden aber nur so kurz auf die beiden Vorhänge projiziert, dass diese Konzeptionsebene kaum Gewicht erhält.
Und sonst? Die KI hat ein besonderes Faible für lost places und verfallene Gebäude – weil Jürgen Flimm und Erich Wonder ihre Produktion in einer leerstehenden Villa ansiedelten? Wieder und wieder sieht man herabhängende Eisenketten oder ornamentale schmiedeeiserne Gitter – weil mit Mime ein überforderter Schmied eine wichtige Rolle spielt? Dann kommen häufig Oberflächen in Großaufnahme – Holzstücke, Eisenträger, aber immer wieder auch geschliffene oder ungeschliffene Steine, manchmal auch rissige Lehmböden. Mehr Unverbindlichkeit geht kaum. Ob die KI sich vorgenommen hat: Nur nichts falschmachen? Tut sie dann nach meinem Geschmack doch. Sie kreiert nämlich immer wieder Fantasy-Landschaften, bevorzugt Höhlen, mit Wasserfällen, Eiszapfen, Tropfsteinen oder Lavaströmen, und fast immer gibt es mittig oben eine Öffnung, durch die gleißendes Licht hereinfällt. Kurz: Kitsch.
Nicht nur versackt diese Bebilderung, die in sich kreisend permanent aus dem begrenzten Vorrat an Motiven schöpft, in demonstrativer Bedeutungslosigkeit, sie lenkt auch von der Musik ab. Die Sängerinnen und Sänger in ihren vogelartigen Einheitskostümen bemühen sich nach Kräften, pantomimisch so etwas wie theatrale Dramatik aufzubauen. Dirigent Christian Thielemann gelingt es nicht ganz so gut wie an den Abenden zuvor, den erzählerischen Fluss in Gang zu halten, und auch die klangliche Differenzierung des zuverlässigen Festspielorchesters bewegt sich nicht auf dem gleichen hohen Niveau wie im Rheingold und der Walküre. Manche Passagen klingen überwältigend schön, andere wirken vergleichsweise pauschal. Auch die an der Sprache orientierte Ausgestaltung hat ein wenig an Genauigkeit verloren.
Gerhard Siegel wechselt in der Partie des Mime im ersten Akt mit seinem beweglichen, kraftvollen Tenor zu schnell in ein sattes Forte (im zweiten Akt legt er mehr Gewicht auf die Zwischentöne). Michael Volle singt erneut einen immer eloquenten und klangschönen Wotan-Wanderer und bewältigt auch die gefürchteten hohen Töne souverän. Abgeklärt und gelassen entsagt er der Macht – sein Aufbäumen in der Begegnung mit Siegfried ist kurz. Um dessen Darsteller Klaus Florian Vogt muss man sich nach ebendieser Szene kurz sorgen, ob das Mammutprogramm mit Loge, Siegmund und Siegfried nicht doch etwas viel ist, aber nach kurzem Schwächeln fängt Vogt sich wieder und gestaltet die Erweckung Brünnhildes mit neuer Energie. Mir gefällt er als jugendlicher, kindlich naiver, am Ende überraschend viriler Siegfried besser als in der Rolle des todessüchtigen Siegmund in der Walküre. Mit den Spitzentönen muss er haushalten, unbegrenzt sind die tenoralen Ressourcen nicht – aber er teilt sich die Partie gut ein.
Camilla Nylund verfügt über einen traumhaft schönen, warm leuchtenden Sopran für die Brünnhilde – wäre da nicht das ausladende, recht langsam schwingende Vibrato. Thielemann, der Brünnhildes Aufwachen und die Begrüßung der Sonne im satten symphonischen Sound feiert, täte vielleicht gut daran, hier zu dem feineren, transparenteren Klang, der Rheingold und Walküre geprägt hatte, zurückzufinden – auch um Nylund die Chance zu geben, ihre lyrischen Qualitäten (die sie im weiteren Verlauf der Szene zeigen kann) auszuspielen. Christa Mayers apart dunkel timbrierte Erda ist mit fatalistischer Klarheit gesungen, Peter Rose gestaltet einen beinahe melancholischen Fafner, Jochen Schmeckenbecher einen energiegeladenen Alberich. Dem singenden Waldvogel hat man keinen Gefallen damit getan, ihn unsichtbar auf die Hinter- oder Nebenbühne zu verfrachten – so muss Victoria Randem ihren samtenen Sopran unnötig forcieren.
Mit kleinen Abstrichen kann die Musik über die Ödnis der in ihrer Art immergleichen banalen Bilder hinwegtrösten – denkt man, aber das dicke Ende kommt noch. Für die letzten Takte hat sich die KI einen violetten Wolkenhimmel ausgedacht, in dem Brünnhilde mit großen verliebten Augen zu ihrem Siegfried hochschaut. Fehlt nur noch, dass Fliederduft im Saal versprüht wird.
FAZIT
Musikalisch bewegt sich dieser Siegfried auf immer noch gutem, aber nicht mehr so herausragendem Niveau wie an den ersten beiden Tagen des Zyklus’. Alles andere ist zum Haareraufen, denn leider verfolgt die KI die wenigen einigermaßen funktionierenden Dinge nicht weiter.
Stefan Schmöe | rezensierte Aufführung: 7. August 2026
A production by Marcus Lobbes (2026)
This recording is part of a complete Ring cycle.



