Die Götter sind Narren allesamt
un ist es also vollbracht. Das Gesamtkunstwerk “Ring” ist geschmiedet, das Nibelungendrama vom Duo Kupfer/Barenboim umfassend gedeutet. Als letzte Oper der Wagnerschen Tetralogie feierte am Donnerstag abend “Das Rheingold”, eigentlich nur “Vorabend zum Bühnenfestspiel”, Premiere an der Staatsoper Unter den Linden.Bevor das 136taktige Es-Dur-Vorspiel arg träge dahinfließt, hebt sich bereits der Vorhang: Wotan begeht den Urfrevel. Aus dem mächtigen Stamm der (warum eigentlich schwarzen?) Weltesche, Verkörperung für die Natur schlechthin, reißt er einen Ast, um daraus seinen stählernen Speer zu basteln. Von des Dilemmas Ursprung kündet die rotleuchtende Wunde im schwarzen Geäst. Dann begibt sich das Geschehen auf den Grund des Rheins – und früh zur besten Szene des Abends: der Rheintöchter-Caprice.Im Geschling der krakenartigen Eschenwurzel turnen leichtbekleidet die süßesten Versuchungen Woglinde (Carola Höhn), Wellgunde (Katharina Kammerloher) und Flosshilde (Andrea Bönig) locker schwatzend (meint: frisch und flexibel singend) herum. Sie treiben ihr frivoles Spiel mit dem Dummkopf Alberich, den Günther von Kannen darstellerisch überzeugend gibt. Diese temporeiche Szene wird vom Orchester transparent-farbenfroh untermalt, trägt beinahe komödiantische Züge; etwa wenn der ungelenke Hahnrei Alberich die Grazien nachzuäffen versucht und eine Balletteuse mimt. Schön anzuschauen und anzuhören.Auch noch der Beginn der zweiten Szene, als die lorbeer- und blumenumkränzte Götter-Reisegruppe staunend den Parnaß Walhall bewundert. Harry Kupfer garniert das von Wagner vorgeschriebene Ehezwist-Duo zwischen dem coolen Ur-Wilden Wotan (John Tomlinson) und seiner mondänen Gattin Fricka (Uta Priew) ironisch mit der vorschnellen Anwesenheit der übrigen “Übermenschlichen” (Donner, Froh, Freia). Wer es noch nicht wußte: Die Götter sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Kinder sind sie, unwissend und verspielt. Narren allesamt.Übertroffen werden sie nur noch von dem tumben Riesen Fafner (solide: Siegfried Vogel) und dem gefühlsduseligen Trottel Fasolt (glänzend: Rene Pape). In stählerner Rüstung stelzen sie wie Roboter auf Bergeshöhen, buhlen bewegungseingeschränkt um das Pfand Freia (Gertrud Ottenthal überzeugt als unschuldig-hübsches Landmädel) und das Gold. Ein visuelles Vergnügen.Musikalisch ist das Niveau eher mittelmäßig. Denn Daniel Barenboim unterläuft zu häufig der Fehler, Langsamkeit aus der Partitur herauszulesen. Oft schleppt sich die Musik dahin, mancher Einsatz im Blech geht knallend-brachial völlig in die Binsen, speziell bei den ohnehin gefährdeten Hörnern.Der Rest langweilt. Zu berechenbar ist Kupfers Bildsprache, ihm fällt nur noch wenig Überraschendes ein. Konservativ hat Reinhard Heinrich die Figuren, die frappierend ziellos hin und her laufen, eingekleidet. Peter Schreier als listiger Mephisto-Magier Loge ist da eine – leider “krächzende” – Ausnahme. Und das aufwendige Bühnenbild von Hans Schavernoch beeindruckt nur für Augenblicke, insbesondere dann, wenn die Maschinerie zu den Bergeshöhen rauf- und gen Alberichs erdinnerstem Metropolis/Nibelheim hinunterfährt. Die musikalische Untermalung kommt über illustratives Bemühen nicht hinaus. Ware von der Stange. Nichts, was man als ungenügend bezeichnen könnte, aber auch nur weniges, was einen wirklich vom Hocker risse.Dazu gehört am ehesten noch der Auftritt der weisen, barock gepuderten Erda. Mette Ejsing singt das mahnend an Wotan gerichtete “Ein düstrer Tag dämmert den Göttern: dir rat’ ich, vermeide den Ring” mit warmem, eindringlichem Timbre. Vom Premieren-Publikum gefeiert wird auch John Tomlinson als Wotan – obwohl er von der Regie Kupfers allzusehr in statuettenhaftes Gebaren eingepfercht wird und er sein stimmliches Volumen an diesem Abend nicht völlig ausreizt.Wer sich von dieser “Rheingold”-Aufführung die ganz hohe Kunst versprochen hatte, wurde enttäuscht. Wohl sind Kupfer und Barenboim den von ihnen eingeschlagenen Weg konsequent zu Ende gegangen. Doch ein wenig scheint es, als hätte die beiden Künstler die Lust am Fabulieren verlassen bei diesem “Vorabend zum Bühnenfestspiel”, das am Sonntag zur Eröffnung der Festtage 1996 wieder auf dem Spielplan steht. Dennoch: Die erste zyklische Aufführung dieses “Rings” darf mit Spannung erwartet werden.
Jürgen Otten | 30.03.1996