Das Rheingold

Pablo Heras-Casado
Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
19 May 2026
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
WotanMichael Volle
DonnerClemens Unterreiner
FrohDaniel Jenz
LogeMatthäus Schmidlechner
FasoltSimonas Strazdas
FafnerMatheus França
AlberichGeorg Nigl
MimeGerhard Siegel
FrickaSzilvia Vörös
FreiaJenni Hietala
ErdaWiebke Lehmkuhl
WoglindeIleana Tonca
WellgundeAlma Neuhaus
FloßhildeStephanie Maitland
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klassik-begeistert.de

Pablo Heras-Casado zähmt das Rheingold

„Yes, endlich vorbei“. Die Erleichterung der fünf jungen Mädels war deutlich zu spüren. Auf 2 Stunden 30 Minuten hatte Dirigent Pablo Heras-Casado sich sein Konzept für „Das Rheingold“ zurechtgelegt. Ohne Pause, Richard Wagner in einem durch. Das kann schon zur Herausforderung werden. Das ausgedehnte Tempo spürte man enorm im Vorspiel, dann intensiv bei Erdas Mahnung in Richtung Wotan. Dabei war das Wiener Staatsopernorchester ein hervorragender Begleiter.

Volle, Nigl & Co. setzen auf Schöngesang
Auf der Bühne fasst ein Wort am besten zusammen, wie dieser Start in Wagners „Ring“ begonnen hat: kultiviert. Bislang war man an der Wiener Staatsoper mehr Drama, Haudegen, List und Schweiß gewohnt. Tomasz Konieczny hat als Wotan hier energische Maßstäbe gesetzt. Michael Volle agiert nun komplett konträr. Diszipliniert, mit der Noblesse eines Shakespeare-Königs. Diesen Vergleich hatte man mal in einem Feuilleton gezogen.

Auch der Rest der Sippe geht mit Schöngesang an die Geschichte ran. Matthäus Schmidlechner als Loge packt weniger Hinterlist aus als gewohnt. Georg Nigl als Alberich sitzt der Schalk tief in den Knochen. Generell spielt er groteske Partien, die er dem Alberich auch einflößt. Sein Fluch wirkt weniger boshaft, eher wie der Ausbruch eines Irren aus der Nervenheilanstalt.

Mime, Gerhard Siegel, wandelt in den Spuren gewohnter Darstellungen am Haus: minimal keifend, mit viel Textverständlichkeit und ebenfalls einer Portion Schöngesang. In gewohnter Manier präsentiert sich Szilvia Vörös als Fricka. Ihr Mezzo hat eine atemberaubende Strahlkraft, eine Dominanz und Kraft, die sie kultiviert zu tragen bringt, gepaart mit einer Stimmfarbe, die mir jedes Mal das Herz höherschlagen lässt.

Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf sagt alles ohne große Gesten. Minimalistisch, reduziert, in Schwarz-Weiß-Tönen gehalten, mit viel Zweideutigkeit und Raum für die Charaktere, sich zu entfalten. 2028 soll sie von einer Neuproduktion abgelöst werden. Regisseur Ersan Mondtag möchte die Gerüchte nicht bestätigen, dass er dafür den Zuschlag erhalten habe.

Bayreuther Atmosphäre in Wien
Das Dirigat gibt zum Nachdenken. Dieser Zugang hat schon etwas Einzigartiges. Bereits bei Mozarts „Titus“ hatte Pablo Heras-Casado gezeigt, er packt die Sachen anders an. Diese Abweichung von der Norm hat viele interessante Aspekte.

Es wirkt, als wolle er Bayreuth nach Wien bringen. Dort hatte Heras-Casado den „Parsifal“ dirigiert. Genauso wirkt dieses „Rheingold“-Dirigat. Viel darauf bedacht, die Balance zwischen Bühne und Orchestergraben zu wahren. Niedergebügelt wird bei Heras-Casado kein einziger Sänger. Dynamische Ausbrüche bis aufs Äußerste lässt er nur bei den Zwischenspielen zu.

Die Atmosphäre gleicht ebenfalls einer sakralen, entrückten Welt. So als würde der heilige Gral an der Decke schweben. Das Publikum steht lautstark hinter diesem Zugang. Dieser war sicherlich Konzept. In dieser Ausgeprägtheit möglicherweise jedoch ein Herantasten an den Wiener-Wagner-Sound, der durchaus mehr Zug nach vorne vertragen würde.

Jürgen Pathy | 20. Mai 2026

onlinemerker.com

Nur eines will ich noch: Das Ende

Und für das Ende sorgt Roscic. Mit dieser 27. Aufführung muss man sich von der Inszenierung Sven- Eric Bechtolfs verabschieden. Sie war – obwohl Vorabend – der letzte Teil seines Konzepts – naja, besser vielleicht: seiner Arrangements, der geschmackssicherste und optisch ansprechendste der vier Abende.

Immerhin ist es gelungen, für diesen letzten Ring-Durchlauf eine große Zahl von Sängern zu präsentieren, die ihre Rolle noch nie an der Wiener Staatsoper gesungen haben, und dazu einen Dirigenten, der sich gerade auch als führender Wagner-Dirigent etabliert. Für Wien ganz lustig: Nach der Monteverdi-Trilogie nun die Wagner-Tetralogie. Zählt man Le Grand Macabre mit, so kann man die Operngeschichte kaum weiter gespannt durchmessen als dieser Dirigent: Pablo Heras-Casado ist ein Orchesterleiter mit eigener Handschrift und hat zum Rheingold viel zu sagen; wo es des Konversationsstils bedarf, lässt er die Sänger einfühlsam begleiten, wo das Orchester allein etwas zu sagen hat, lässt er es gehörig loslegen und es zeigt sich in Hochform und Geberlaune, von Honeck bis Breit und den herausragenden Hörnern/Tuben. Man freut sich auf drei weitere Tage.

Es gibt schon Sänger, die mit der vorhergehenden Aufführung im Mai nicht debütiert haben: Daniel Jenz als Froh, Clemens Unterreiner als Donner – zwei verlässliche, fesche, schönstimmige Stützen des Ensembles, Gerhard Siegel als Mime, mit einer Heldentenorvergangenheit und Charaktertenorgegenwart eine perfekte Erfüllung der Erfordernisse dieser (anders als im Siegfried) kleinen, doch auch schon relevanten Rolle. Es hätten auch drei bereits bewährte Rheintöchter sein sollen, aber neben Alma Neuhaus und Stephanie Maitland musste Ilia Staple einspringen und komplettierte ein durchaus befriedigendes Trio. Alle anderen Sänger waren neu für Wien (genauer gesagt: neu in dieser Zweierserie).

Im Grunde lebt das Rheingold von der Spannung zwischen Alberich und Wotan. Alberichs frustrationsinduzierter Goldraub samt zweier Flüche (gegen die Liebe und gegen den Ring), Wotans Verstrickung in Verträge, die er nicht erfüllen will, seine Unrechtshandlungen gegen Alberich und die Begegnung mit dem Urwissen Erdas, das aus dem unbekümmerten Machtmenschen den zweifelnden, traurigen Gott macht, legen den Samen für alles, was sich noch über etwa 14 folgende Bühnenstunden ereignen wird. Diese Spannweite zeigt sich beeindruckend auch im Gegensatz der Interpreten: Ein völlig in sich ruhender, melodische Linie und Textdeutlichkeit, würdige Erscheinung und Stimmschönheit vereinender Michale Volle, der spät, aber nicht zu spät auch in Wien seinen Wotan hören lässt, trifft auf einen von Emotionen zerrissenen, getriebenen und nahezu in den Wahnsinn kippenden Alberich, verkörpert von Georg Nigl, der die vertrackten Höhen dieses anspruchvollsten Alberichparts ebenso zeigt wie die nötige Tiefe und die völlige Abwesenheit jeder Scheu vor expressiver Tongebung und exzellenter Sprachbehandlung (einschließlich einiger „Nachdichtungen“, muss man einräumen). Die dritte treibende Kraft im Rheingold ist Loge, und den zelebriert Matthäus Schmidlechner so souverän, als müsste er hier und jetzt den endgültigen Vollbeweis dafür antreten, dass er im Staatsopernensemble der legitime Nachfolger von Heinz Zednik ist. Drei Göttinnen sind auch im Spiel: Szilvia Vörös gibt eine Fricka, die nicht das Klischee der nörgelnden Ehegattin bedient, sondern auch noch ausreichend Charme und Zuneigung zum schwierigen Gatten aufbringt. Wiebke Lehmkuhl – wie Volle spät ans Haus gekommen – singt die Erda ausreichend geheimnisvoll, verdunkelt ihre Altstimme nicht zu sehr (umso mehr verdunkelt sie Wotans Perspektiven) und Jenni Hietala gefällt stimmlich als Freia. Bleiben die Riesen. Positiv: Es sind Riesenstimmen. Negativ: Bei Matheus Franca als Fafner scheint die Stimme den Sänger zu beherrschen statt umgekehrt. Und bei Simonas Strazdas als Fasolt ist zwar Vieles schön und bemerkenswert gut gesungen, aber oft wird allzu sehr abgedunkelt und die Diktion ist noch um Einiges ausbaufähig. Gerade bei einem so hochbegabten Sänger muss man strenge Maßstäbe anlegen: Da steht noch manche Arbeit bevor.

Gleichwohl ein „Vorabend“, der großen Appetit auf die kommenden „Tage“ macht.

Robert Fucik | 07.06.2026

Rating
(6/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
649 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 705 MiB (flac)
Remarks
In-house recording
A production by Sven-Eric Bechtolf (2009)
This recording is part of a complete Ring cycle.