Lohengrin

Georg Fritzsch
Chor und Extrachor des Theaters Hagen
Das Philharmonische Orchester Hagen
Date/Location
6 July 2002
Theater Hagen
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
Heinrich der VoglerJae Jun Lee
LohengrinMehrzad Montazeri
Elsa von BrabantDagmar Hesse
Friedrich von TelramundJohannes von Duisburg
OrtrudHermine May
Der Heerrufer des KönigsBernd Valentin
Vier brabantische EdleRichard van Gemert
Byoung-Ho June
Horst Fiehl
Arnd Gothe
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Reviews
Online Musik Magazin

Lichtgestalt zwischen Schwerter-Klirren und Bembel-Klappern

Der neue Hagener Lohengrin wagt Aussage und gelangt allein daher zu einer Geschlossenheit des Gesamteindrucks, wie man sie länger nicht gesehen hat; gleichzeitig behauptet dieses Haus abermals seinen Anspruch auf einen Platz unter den “richtigen” Wagnerbühnen. Rainer Friedemanns Inszenierung verzichtet auf einen königlichen Einzug und stellt uns gleich anfangs in eine Parlamentsdebatte, als deren Leitung der Heerrufer präsidiert. Wenn nun der König steif ablesend seine Regierungserklärung vorträgt, so zeigt sich die Gespaltenheit seiner Zuhörer und – realitätsnah deutlich unterrepräsentierten – Zuhörerinnen, in 4 Fraktionsblöcke gefächert, in Jubel von rechts vs. Protest von links, als “Für deutsches Land das deutsche Schwert” gefordert wird. Einmütig hingegen ist die Ratlosigkeit bei Elsas Anhörung über ihren nach Geschäftsordnung wohl unzulässigen Beitrag. Das Bild wird selbst dann noch durchgehalten, wenn befrackte Parlamentsdiener erscheinen und die Bestuhlung beiseite räumen, um Platz für den Kampf zu schaffen. Auch sonst wagt diese Inszenierung bemerkenswert viel Realismus; schon lange nicht mehr durften der grüne Fraktionsvorsitzende Telramund und Lohengrin alias Michael Jackson so innbrünstig und mit viel Funkenflug aufeinander eindreschen.

Die eingesetzten Mittel scheinen gut gewählt, denn weder beseitigen übertriebene Aufbauten jeden Platz für Phantasie noch wird man durch Dauerrotation der Drehbühne ins Schleudertrauma geschaukelt. Friedemann erspart uns das Doppelklischee der giftig-bösen Hexe und des Dummchens vom Hofe und präsentiert beide Damen als Wesen mit nachvollziehbaren Interessen auch ihren Männern gegenüber, was bis zu einem handfesten Ringkampf ausarten darf, in dem Elsa zu Boden geht, während Ortrud die verlorenen Schlachten ihres sieglosen Gatten nachträglich gewinnen muss. Bei Beginn einfach in der Hinterbank ihrer Fraktion untergebracht, um nicht den ganzen Aufzug schweigend an der Bühnenrampe stehen zu müssen, erkennt sie sogleich bei Lohengrins Ankunft, was dies für ihre Geschäftsidee bedeutet, derweil Elsa aus ihrer Trance nicht herausfindet und wohl einen Joint mehr genossen hat als ratsam ist, wenn man vor Gericht zu erscheinen hat.

Den Ehekrach zu Beginn des 2. Aufzuges trachtet der friesische Recke genau so zu lösen, wie allzu starke Männer das eben gerne tun, und wenn bei Telramunds Fraktionskollegen gelegentlich das Schnappmesser aufgeht, verfliegt jede Märchenaura. Am Ende richten sie diese gegen sich selbst, was hoffentlich nicht den Wahlausgang vom 22.September antizipieren soll. Doch auch der Rest der brabantischen Volksfront dürfte schwerlich in der Lage sein, des Königs Einberufung auf den nächsten Morgen zu folgen und eher mit Auskaterung beschäftigt sein…

Selten zuvor war der religiöse Wettstreit des erliegenden Heidentums gegen den neuen Glauben so bühnenpräsent. Die Symbolik des Kreuzes taucht immer wieder auf und generiert eindrückliche Bilder nicht nur dort, wo unter Ortruds Götteranrufung eine doppelte Lunte das Marterholz ankokelt.

Die Mitwirkenden erweisen sich allesamt als rollenfest, lediglich bei Mehrzad Montazeri in der Titelrolle mag man darüber sinnieren, ob seine sehr lyrische Art der Rollenbewältigung, die über ein Mezzoforte nie wesentlich hinausgeht, kompatibel ist zu einer Deutung, die ihn ansonsten weder als trauriges Ritterlein noch als Heiland erscheinen lässt, eher als Plastikface vom Cyberspace, der seine irdische Chance wittert und spontan ergreift, wozu die sonst gut vermittelte Arroganz dazugehört. Auch hätte man für die Partie des Königs lieber einen echten Bass nehmen sollen, da Jae Jun Lee im Gebet vor der Schlacht leider arge Mühe in der Tiefe hatte und aus der rollentauglichen Steifheit gar nicht einmal herausfinden wollte, stattdessen meist teilnahmslos am Rande postiert war.

Ansonsten agierten alle gut eingespielt und aufeinander abgestimmt, was sich sehr wohltuend im Quintett des 1.Aufzuges bemerkbar machte, als man endlich einmal von sämtlichen Stimmen einen verständlichen Eindruck dessen erhielt, was sie Unterschiedliches singen. Fragloser Held des Abends war Johannes von Duisburg als Telramund, gefolgt von Hermine May als Ortrud sowie stimmlich ebenbürtig Dagmar Hesse als Elsa, die gleich viel durch Beherrschung der Töne wie der Szene bestechen konnten. Bernd Valentin verkörperte den Heerrufer weniger als Charakter von eigenem Gewicht denn als gut-preußischen Akklamateur der herrscherrlichen Ratschlüsse, der im üblichen Parlamentschaos mit der dort üblichen zeitunglesenden Herablassung gestraft wird.

Das Philharmonische Orchester Hagen präsentierte sich gemischt, wie auch das Dirigat des Georg Fritzsch sich uneinheitlich gab und kein klares Bekenntnis für eine bestimmte Interpretation erkennen ließ; rasche Passagen wechselten mit gedehnten, ohne dass sich dies meinem Empfinden unmittelbar als zwingend erschließen wollte. Der Beginn des Vorspiels geriet sicherlich etwas zu laut, die Verteilung der Ferntrompeten an verschiedenen Posten im Hause gelang gut, wenngleich bei den Fanfaren zur Umbaumusik des 3. Aufzuges ein Kollege innerlich schon beim Feierabend gewesen zu sein scheint. Leider wurde auch hier die übliche Streichung im 3. Aufzug nach Lohengrins Gralserzählung durchgezogen, obwohl hier die Mittel gegeben wären, wodurch auch diese unserem heutigen Verständnisse eher schwer zugängliche Passage vermittelbar wäre.

FAZIT
Was mit den bescheidenen Mitteln eines nicht eben riesigen Hauses zu leisten war, wurde nahezu restlos ausgereizt. Auch wenn am Ende viele Fragen offen bleiben: Der Mut zur ungewohnten Perspektive zahlt sich aus und möge in Hagen seinen festen Platz behalten. Unbedingt hinfahren!

Ralf Jochen Ehresmann | Theater Hagen am 6. Juli 2002

Rating
(5/10)
User Rating
(3/5)
Media Type/Label
Technical Specifications
479 kbit/s VBR, 48.0 kHz, 660 MiB (flac)
Remarks
In-house recording
A production by Rainer Friedemann (premiere)