“Lohengrin” zwischen Wahnfried und Neuschwanstein
Großer Wiesen-Auftrieb. Die Bayern in Lederhosen, die Preußen in Pikelhauben-Uniformen, Bismarck und Kaiser Wilhelm stoßen dazu. Wagners Romantische Oper zwischen Wahnfried, Feldherrenhalle und Neuschwanstein. John Dew inszeniert den “Lohengrin” als Fußnote zur Biografie des Märchenkönigs, der in Richard Wagner seinen Ritter erblickte und sich mit Elsa identifizierte. In dem von Heinz Balthes ingeniös auf die Karlsruher Bühne gestellten Bayreuther Festspielhaus träumt sich Ludwig II. in die Welt Lohengrins. Die Identifikation mit Elsa geht so weit, dass diese als Abbild Ludwigs auf der Bühne erscheint. Ludwigs kleiner Bruder Otto wird zuvor von den Hofschergen entführt, genauso wie Elsas Bruder, der Thronerbe Gottfried. Kehrt Gottfried zurück, ist er kein anderer als der sofort wieder in einer Zwangsjacke in Verwahrung genommene Otto. Aus der Traum: Ludwig ertränkt sich, angelockt vom Schwanenritter.
Was sich verwegen anhört, hat Dew klug verflochten, hat die Reichsgründung mit der Wagner- und Ludwig-Biografie kurzgeschlossen. Selbst wenn er nicht alle Fäden sauber auseinanderdröselt, bleibt ein großer Abend.
Kazushi Ono zeigt sich hörbar animiert von der szenischen Vitalität. Sonst eher ein Mann für bestechende Einzelmomente, entwickelt er das Stück aus dem schön durchleuchteten Vorspiel. Szenisch packend die vielgliedrigen Tableaux, und dort, wo Dews Aufführung ratlos wirkt, kommt denn auch Ono in Bedrängnis, etwa in der Brautgemachszene: Nachdem Elsa bereits mit Wagner alias Lohengrin in Uniform zum Münster geschritten war, beobachten Ludwig und Wager aus der Königsloge eine konventionelle Opernszene. Die Meinigerei gerinnt zur Parodie der Parodie, um die Peinlichkeit zweier Männer im Brautgemach zu umgehen.
Hélène Bernady kann weder als hübscher Praline-Soldat noch als weibliche Unschuld verführen, bleibt der Partie der Elsa mit löchriger, matt durchhängender Stimme alles schuldig. Dafür ist Robert Künzli nicht nur das getreue Wagner-Abbild, sondern ein Lohengrin aus dem Land des Belcanto. Was ihm an darstellerischem Geschick fehlt, macht Zweitbesetzung Stuart Skelton durch einen spektakulären, metallisch strahlenden Heldentenor wett. Das Ortrud-Porträt einer prächtig ausstaffierten Bäuerin gerät ein bisschen flach, dafür ist Michaela Schuster eine Wucht. Florian Cernys Telramund ist ein gestandenes Mannsbild. Gregory Frank als Kaiser Wilhelm alias König Heinrich, Christian Rieger als sein Reichskanzler sowie die zur Hof-Kamarilla aufgewerteten Edlen vervollständigen die ansprechende Ensembleleistung.
Rolf Fath | 17.07.2001