Die Walküre
| Pablo Heras-Casado | |||||
| Orchester der Wiener Staatsoper | ||||||
Date/Location
Recording Type
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| Siegmund | Michael Spyres |
| Hunding | Günther Groissböck |
| Wotan | Michael Volle |
| Sieglinde | Simone Schneider |
| Brünnhilde | Camilla Nylund |
| Fricka | Szilvia Vörös |
| Helmwige | Regine Hangler |
| Gerhilde | Jenni Hietala |
| Ortlinde | Anna Bondarenko |
| Waltraute | Stephanie Houtzeel |
| Siegrune | Alma Neuhaus |
| Grimgerde | Zsuzsanna Szabó |
| Schwertleite | Stephanie Maitland |
| Roßweiße | Daria Sushkova |
Die Walküre an der Wiener Staatsoper in Spitzenbesetzung
Ring-Fans brauchen keinen speziellen Grund, um sich Richard Wagners Tetralogie oder auch nur Teile davon live anzusehen. Das Werk steht für sich, und gerade in Wien erlebt man regelmäßig Branchengrößen auf der Bühne und am Pult des Staatsopernorchesters. Zum Ausklang der Saison 2025/26 ist an der Wiener Staatsoper allerdings ein besonderes Schmankerl aufgeboten: mit Pablo Heras-Casado wurde ein neuer Ring-Dirigenten engagiert, und die Top-Stars Michael Spyres, Camilla Nylund und Michael Volle feierten in der aktuellen Walküre ihre Wiener Rollendebüts als Siegmund, Brünnhilde und Wotan. Das Publikum feierte sie alle.
Die Attraktion hat vielleicht auch ein wenig damit zu tun, dass man angesichts der vermutlich bevorstehenden Neuinszenierung unweigerlich zur Götterdämmerung-Norn wird und sich fragt: „Weißt du, wie das wird?“. Wer das längst Vertraute suchte, hat es wohl bekommen. Wer aber (auch) gekommen war, um die kühle, etwas verschlafen wirkende Regiearbeit von Sven-Eric Bechtolf mit einem ebenso kühlen „Tschüss“ zu verabschieden (bevor eine neue vielleicht für erhitzte Gemüter sorgen wird), fand sich überrascht, wie das Bühnenpersonal am besprochenen Abend vielleicht das Beste daraus machte, was dieser Walküre in den knapp mehr als 18 Jahren ihres Bestehens passiert ist.
Das begann schon im ersten Aufzug, wo sich der neue Siegmund und die bewährte Sieglinde rund um den riesigen Esstisch mit dem Eschenstamm ein spannendes Katz- und Maus-Spiel lieferten, zu dem Pablo Heras-Casado auf seine Weise beitrug, indem er teilweise ein klein wenig langsamer und mit länger gehaltenen Pausen als üblich dirigierte. Auf dieser Basis entwickelte sich ein überraschend eindringliches Kammerspiel, in der das Wechselspiel aus Euphorie und Angst, schicksalhafter Anziehungskraft und Todesahnung weit stärker wirkte als sonst – vielleicht gerade, weil sich mit mehr Zeit auch mehr Raum auftat.
Das ist aber natürlich auch dem Talent von Spyres und Simone Schneider geschuldet, und dem Umstand, dass diese Partien bestens zu ihnen passen: Er gefiel mit baritonalen Timbre und überzeugenden, langen Wälse-Rufen, sie mit deutlich Drama und Brünnhilden-Stimmstärke. Schade daher, dass Heras-Casado sie im „O hehrstes Wunder“ nicht so lange halten ließ, wie sie es gekonnt hätte – diesen wunderbaren Moment hätte man gern noch ein bisschen länger genossen. Gut dagegen, dass Günther Groissböck den in jeder Hinsicht finsteren Störenfried dieser verbotenen Geschwister-Beziehung gab, denn neben diesem Power-Duo hätte ein weniger erfahrener Hunding leicht zur Randfigur mutieren können.
Der zweite Aufzug, in dem die Erwartungshaltung ganz auf Michael Volles großen Wotan-Auftritt fokussiert war, schloss hinsichtlich der positiven Überraschungen an den ersten an: Obwohl man das Ensemblemitglied Szilvia Vörös bereits mit vielen tollen Leistungen erlebt hat, war man fast überrumpelt, wie sich diese junge Sängerin bei ihrem Fricka-Debüt in Gesang und Spiel neben der Wagner-Legende Volle mehr als nur behauptete. Alle Frickas müssen den großen Auftritt und das Spiel der beleidigten Diva beherrschen, und Vörös fügte dem noch eine gehörige Portion List hinzu, die in Kombination mit ihrem klaren, aber mächtigen Mezzosopran unwiderstehlich war. Besonders beeindruckend war, wie sie „Lass ab von dem Wälsung!“ in eine bedrohlich-unerschütterliche Feststellung verwandelte – hier ist jemand in seiner Kunst schon sehr weit gekommen und wird es noch weiter schaffen.
Michael Volle ist, obwohl nach wie vor mit stimmlicher Durchschlagskraft und polterndem Zorn über die abtrünnige Brünnhilde ausgestattet, als Wotan dem Sturm und Drang natürlich entwachsen. Stattdessen gestaltete er diese Partie so berührend wie kein anderer und nutzte die vielen leisen Stellen in der Partitur dazu, ebenso zurückhaltende, nachdenkliche Töne wie für einen Liederabend anzuschlagen. Welche unerhörte Wirkung dieser Mut zur bewussten Zurücknahme der Stimme entfaltete, sei den vielen Schreihälsen nicht nur im Wagner-Fach ins Stammbuch geschrieben.
Mit Camilla Nylunds Brünnhilde bildete Volle ein herzzerreißendes Vater-Tochter-Duo, zumal Nylund in glänzender Verfassung war. Bei ihrem Hojotoho-Auftritt konnte man nur staunend Augen und Ohren aufreißen, wie strahlend klar und jugendlich frisch alles wirkte. Neben den vielen Höhepunkten an diesem Abend wird insbesondere die Szene der Todesverkündigung mit Siegmund in Erinnerung bleiben, und natürlich die große Abschiedsszene mit Wotan, in der diese Brünnhilde mit ungeheurer Leidenschaft um ihr Leben, für die Milderung ihrer Strafe, und eine Zukunft in Würde sang.
Wenn man das Dirigat bespricht, kommt man nicht darum herum, neben Lob für die motivische Detailarbeit in dieser Walküre und die Rasanz in den Walküren-Szenen des dritten Aufzugs auch das Vorspiel zum ersten zu besprechen. Dieses Lieblingsstück, das ansonsten jede und jeden in die Handlung katapultiert, gelang rhythmisch nicht einwandfrei und klang mehr nach einer unentschlossenen ersten Probe denn nach Siegmunds dramatischer Flucht im Wintersturm. Es beweist aber Größe, wenn man als Dirigent und Orchester aus dieser Stresssituation schnell herausfindet und sich anschließend zu einer konstanten Form aufschwingt, die begeistert und am Ende über ein solches Missgeschick hinwegsehen lässt. Überschwänglicher Jubel daher für alle, und für nicht wenige die Erkenntnis, dass man den müden Video-Feuerzauber auf den acht starren Rössern in der Bühnenmitte nicht vermissen wird – egal, was Ersan Mondtag, dem vermeintlich nächsten Ring-Regisseur in Wien, einfallen wird.
Snapdragon | 27 Mai 2026
Bei Pablo Heras-Casado weht ein anderer Wind
Das Vorspiel der „Walküre“ nimmt Pablo Heras-Casado zügig, flott, rasant. Überraschend „normal“, nachdem er das „Rheingold“-Vorspiel in einem enorm langsamen Guss hat formen wollen. Doch danach drückt er der Partitur seinen eigenen Stempel auf. Es sind gar nicht so sehr die Tempi, die er definitiv langsamer wählt als andere. Es ist der Zugang, die Atmosphäre, in der man sich wiederfindet. Es wirkt, als wolle er Wagner spielen lassen wie Barock.
Richard Wagner im Stil des Barock
Pablo Heras-Casado ist bekannt dafür, dass er alle Genres dirigiert: Barock mit Monteverdi, Wiener Klassik mit Mozart und auch schwere Romantik mit Richard Wagner. Barock lebt vom Stillstand, zumindest vom gefühlten. Monteverdi erzeugt dadurch eine in sich ruhende Spannung, die nur Barockmusik erschaffen kann. Bei Wagner ist dieser Zugang gewagt. Wagners Ring lebt eigentlich von Wellen und Wogen, von Amplitüden nach oben und unten. Pablo Heras-Casado sieht das offensichtlich anders. Kann man so stehen lassen.
Das Wiener Publikum zollt diesem Zugang langen Applaus. Wenn auch nicht so intensiv wie noch beim „Rheingold“. Obwohl er bei der „Walküre“ bereits gewillt ist, ab und an auf seine Ruhe, auf den langen Atem zu verzichten. Das bekommt vor allem Siegmund, Michael Spyres, zu spüren. Er hat kurz mit den Orchesterwogen zu kämpfen. Gehört in Wien einfach dazu. Muss fast sein, sonst lässt man viel von den Möglichkeiten des hervorragenden Wiener Staatsopernorchesters liegen.
Belcanto-Star Michael Spyres wagt sich an Wagner
Michael Spyres hat den Siegmund schon in Bayreuth gesungen. Bis auf eine Ausnahme wäre er fast die perfekte Besetzung. Wären da nicht die Wälse-Rufe zu bewältigen, überrascht er von Anfang an mit einer unglaublich deutlichen Aussprache des deutschen Textes. Dabei ist er gebürtiger US-Amerikaner.
Bislang war der „Bari-Tenor“, wie er sich nennt, in einem Fach hervorgestochen: Belcanto. „La Cenerentola“ und „Liebestrank“ waren seine Opern in Wien. Rossini und Donizetti also. Dort sind Beweglichkeit, schöne Phrasierung und eine Leichtigkeit beim Schmettern hoher Noten gefragt. Das beherrscht er wie kaum ein anderer.
Bei Wagner sieht das anders aus. Die relativ tiefe Tessitura des Siegmund kommt ihm schon entgegen, aber die Höhen müssen tragfähig, kräftig sein. Die Melodielinien bei den Winterstürmen kommen ihm wiederum entgegen. Bleibt nur zu hoffen, dass er sich die Belcanto-Qualitäten nicht zerstört, indem er sich waghalsigen Projekten aussetzt – wie einem Tristan in New York zum Beispiel.
Camilla Nylund als perfekte Brünnhilde
Bei Camilla Nylund muss man darum nicht mehr fürchten. Die Sorge war groß, dass eine Brünnhilde auf Kosten einer Marschallin gehen würde. Dass die im „Rosenkavalier“ noch funktioniert, hat sie vor wenigen Tagen erst in Wien bewiesen.
Ihre Brünnhilde rangiert nun ebenfalls ganz weit vorne. Sicher nicht so dick aufgetragen, wie man es vom bevorstehenden Debüt von Lise Davidsen erwarten darf. Nicht derart zart wie bei Ricarda Merbeth. Irgendwo dazwischen liegt die Nylund. Man könnte es fast perfekt nennen. Kein Kreischen, kein unnötiges Forcieren, kein Druck, alles klingt wie selbstverständlich, fast mühelos. Genau die richtige Mischung, um als Wotans Tochter zu bestehen.
Mit 66: Michael Volle stemmt den Wotan
Der ist mit Michael Volle wiederum eine Überraschung. Vor allem als Walküren-Wotan hätte ich ihm diese Kraft und Power in Wotans Monolog und selbst bei Wotans Abschied nicht zugetraut.
Tomasz Konieczny bleibt noch immer mein persönlicher Lieblings-Wotan – aus einem einfachen Grund: weil er die emotionale Hoch- und Talfahrt des Wotan deutlicher macht, die Kontraste über rund vier Stunden „Walküre“ offensichtlicher hervorhebt.
Bei Volle gleicht der Göttervater dem Dirigat: auf einer Wellenlänge, ohne große Amplitüden oder Wellen zu schlagen, teilweise ins Parlando zurückgezogen. In Summe stemmt er diese Herausforderung sensationell. Volle ist 66. Viele jüngere Kollegen haben sich an dieser Partie schon die Zähne ausgebissen.
Szilvia Vörös als Fricka ist ein Genuss. Günther Groissböck ist in Wien immer beliebt, sein Hunding ist souverän. Simone Schneider gestaltet eine Sieglinde mit viel Gefühl.
Großer Zuspruch beim Wiener Publikum
Das Wiener Publikum steht zum Schluss fast Kopf. Das Rennen macht dort knapp Michael Volle vor Camilla Nylund. Mit etwas Abstand folgt Pablo Heras-Casado, als er sich dem Schlussapplaus stellt.
Die Inszenierung von Sven-Eric Bechtolf wird man nach dieser Saison sicherlich vermissen. Klug, mit viel Raum für Darsteller und subtilen Andeutungen. Mehr braucht es bei darstellerstarken Sängern auch nicht.
Jürgen Pathy | 27. Mai 2026
Wagner ist laut. Von der „Flucht-Musik“, die in den ersten Akt der „Walküre“ führt, über „Wälse“- und „Notung“-Schreie bis zum „Walkürenritt“ (der noch nie besser „bebildert“ wurde als durch angreifende amerikanische Kampfhubschrauber in dem Film „Apocalypse Now“). Dazu braucht man als Dirigent Temperament, dazu muss man sich bekennen, und Pablo Heras-Casado tat es überzeugend beim zweiten „Ring“-Abend. Er wusste im Übrigen auch, dass er Sänger hatte, die mit dem Orchester mithalten konnten, hat sich also nie zurückgenommen. Der „Sog“ der Wagner-Klänge riß das Publikum den ganzen Abend mit. Dabei ist diese Musik so hoch intelligent illustrierend, so reich an allen nur möglichen Nuancen, dass sie immer wieder umschwappt. Aber der Dirigent kam nie aus dem Konzept oder dem Takt, der Wagner-„Wirbel“ war perfekt.
Der Abend verzeichnete drei Rollendebüts, auf die man sehr neugierig war, vor allem auf Michael Spyres als Siegmund, diesmal mit der richtigen Stimme in der richtigen Rolle unterwegs. Die breite Mittellage und die fabelhafte Höhe mit schier unerschöpflichen Kraftreserven (nur beim finalen „Wälsungenblut“ des ersten Aktes hatte man sekundenlang Sorge, ob er den Hof mit Müh und Not erreichen würde, und er tat es). Siegmund ist eine Power-Rolle, alle Ausdrucksnuancen verfangen nicht, wenn die Kraft fehlt – und hier war sie da.
Desgleichen bei seiner Sieglinde, Simone Schneider, die überraschend lyrisch begonnen hatte, aber dann in Dramatik geradezu explodierte und sich für die nächste Rollenstufe (Brünnhilde) anmeldete. Ein Power-Paar, wie man es sich nur wünschen konnte, und dass Spyres kleine Querelen mit dem Text hatte, mindert den Eindruck seiner Leistung nicht.
Eigentlich erstaunlich, dass Volle und Nylund, heute in der Spitzenliga ihrer Rollen, diesmal erst ihre Wien-Debuts gaben – und wie! Dass Michael Volle wieder seinen Wotan als älteren und resignierten Mann zeichnete, passte perfekt zu ihm – der Arme kann ja wirklich nicht, wie er will, muss sich von seiner Frau unterbuttern lassen, muss seinen liebsten Sohn selbst töten (weil Brünnhilde sich weigert), muss schließlich seine Lieblingstochter aus seinem Leben entfernen und bestrafen, obwohl er es wirklich nicht will. Aber bei Volle legt sich die Resignation nie auf die Stimme, die ist von einer bemerkenswerten Fülle und Kraft… oder auch nicht, wenn er es anders will. So beginnt er seinen Monolog mit fast geflüstertem Parlando, das sich erst langsam mit der Dramatik der Ereignisse steigert, bis er den zornentbrannten Göttervater hervorkehrt. Der er auch im dritten Akt sein will, aber in der schönsten Vater-Tochter-Szene, die Wagner je geschrieben hat, besiegt Brünnhildes Liebe Wotan so weit, dass er sie wenigstens auf Siegfried warten lässt…
Und eine so wunderschöne, schlanke, durch und durch nur positive Vibration versendende Brünnhilde wie Camilla Nylund hört man auch nicht alle Tage. Bewundernswert, wie sie sich ihren früher doch eher lyrisch-dramatischen Sopran zu den hochdramatischen Hojotoho-Rufen zurecht gearbeitet hat, ohne durch den neuen Stahl in der Stimme die Modulationsfähigkeit zu verlieren. Und die Ausdrucksfähigkeit ist auch berührend. Man kann sich nur auf die folgenden Abende freuen.
Kleine Einwände bei den Nebenrollen: Die Maskenbildner haben Günther Groissböck sehr erfolgreich in den „Finsterling“ Hunding verwandelt. Stimmlich schien er allerdings in reduzierterer Form, als man ihn in Erinnerung hat, und das bei einer Rolle, die ihre Bösartigkeit auch durch Lautstärke ausstellt.
Szilvia Vörösm, sehr hell, sehr spitz als Fricka, ist noch nicht so weit, Wotan wirklich souverän kontra geben zu können. Die acht Damen Walküren schrien sich die Seele aus dem Leib, aber das ist ja so vorgesehen. Im übrigen: alles in hohem Maße paletti, auch das gehört zu den Wagner-Wonnen.
Zum Wagner-Weh zählt die Inszenierung, aber die will man vorsichtshalber gar nicht mehr so sehr zerrupfen. Vielleicht werden wir angesichts von Ersan Mondtag einmal sagen: „Wie gut, dass dem Bechtolf nichts eingefallen ist.“ Na, ganz stimmt das nicht. Vergessen wir die ideenlose, minimalistisch nüchterne Ausstattung (und für diesen Feuerzauber müsste sich Loge genieren), aber einen Blödsinn muss man doch anmerken. Dass der Regisseur im dritten Akt die Rösser der Walküren als weiße Gips- oder Kunststoff-Pferde auf die Bühne stellt, okay, soll sein. Aber warum können Regisseure nicht den Text der Werke lesen, die sie inszenieren? Sagt Wotan nicht expressis verbis, dass nur Helden in Walhall einziehen dürfen, notabene solche von den Walküren abgeholt werden (wie Brünnhilde es vergeblich mit Siegmund versucht)? Was sollen dann die zappelnden Männchen im Gegenwartsanzug, die vor den Walküren davonlaufen, sich zitternd am Boden wälzen, von ihnen getreten und verspottet werden? Wenn überhaupt, haben die Damen erschlagene Helden auf ihren Sätteln… Gewiß, die alberne „Männerjagd“ gab es auch schon in anderen Inszenierungen, aber sie wird dadurch nicht besser. Aber wer wird sich von (dummen) Inszenierungs-Details einen Wagner-Abend vergällen lassen?
Das Publikum war nach allen Akten vor Begeisterung „aus dem Häuschen“ und hatte angesichts der Solistenleistungen auch allen Grund dazu.
Renate Wagner | 30. Mai 2026
Wotans Götter-Abend
Dass der Wotan in der Walküre kein Frühstücksgegner für Wagnersänger ist, weiß man hierzulande spätestens seit 2007: Damals hatten die Anstrengungen des zweiten Akts die Energien des Götterdarstellers so sehr erschlaffen lassen, dass ein bis heute viel zitierter Anruf bei einem Pizzastand getätigt wurde. Dort hob ein schmausender Bariton ab (Oskar Hillebrandt), der zur allgemeinen Erleichterung den Abend rettete.
Ein solcher Notruf war am Montag nicht nötig. Zwar hatte die Wotan-Partie auch Michael Volle unüberhörbar an seine Grenzen gebracht. Dennoch war dem deutschen Sänger an diesem Abend Großes gelungen – auch angesichts seines Alters von 66 Jahren.
Gebieterisch, flüsternd
Klug, dass er sich auf der Langstrecke des zweiten Aufzugs immer wieder auf ein Parlando zurückzieht, um für die folgenden Anstrengungen verkehrstüchtig zu bleiben – nicht zuletzt für den Schlussakt. Dort bringen dann gebieterische Töne die Wut eines Wotans zum Ausdruck, der den Ungehorsam seiner Tochter Brünnhilde drakonisch zu strafen gedenkt. Fragile Flüstertöne künden aber auch von den seelischen Wunden des Obergottes, sanfte Legato-Phrasen von unverbrüchlicher Vaterliebe.
Toll auch die Brünnhilde: Camilla Nylund meistert zwar nicht jeden der gefürchteten Hojotoho-Rufe, steigert sich danach aber zu gewohnter Exzellenz, bündelt ihre Schallmacht zu präzisen Tönen. Simone Schneider (Sieglinde) muss sich daneben nicht verstecken, lässt ihren Sopran wie einen Flammenwerfer lodern. Der Siegmund? Klingt dank Baritenor Michael Spyres zwar unverhofft soft, besitzt jedoch Heldencharisma und hohe Textdeutlichkeit. Daneben heizt Szilvia Vörös (Fricka) ihrem Gatten Wotan mit entrüsteten Attacken ein, während Günther Groissböck einen agilen Hunding mimt.
Und im Graben? Nach kleinen “Blechschäden” zu Beginn stachelt Pablo Heras-Casado das Orchester zu einem vitalen, präzisen Spiel an, lässt das Tempo bisweilen ein wenig durchhängen, um es dann wieder bis zum Zerreißen zu straffen. Gute Voraussetzungen für das nächste Teilstück dieses Ring-Durchlaufs, Siegfried, zu hören am Samstag.
Christoph Irrgeher | 26.5.2026
Walküre am Pfingstmontag
Pfingstmontag mit frühsommerlichen Temperaturen – und der erste „Ring“-Durchgang der laufenden Saison an der Wiener Staatsoper ist bei der „Walküre“ angekommen. Eine Reihe an Rollendebüts schürten die Neugierde ebenso wie allerhand Gerüchte: angeblich droht dem Staatsopernpublikum bald ein neuer „Ring“.
Zwar pfeifen schon allerhand Spatzen von den Dächern, wer den neuen Wiener „Ring“ ab übernächster Saison aus dem Hut zaubern soll, aber solange nichts offiziell ist, soll hier nicht weiter darüber spekuliert werden. Wirklich bemerkenswert ist allerdings, dass die Wiener Staatsoper in Zeiten allgemeinen Sparzwangs überhaupt über einen neuen „Ring“ nachdenkt, hat man doch eine intakte Produktion im Repertoire. Aber bei solchen Bedenken wird wahrscheinlich sofort auf unabdingbare künstlerische Gründe verwiesen, die dann so unabdingbar sind wie ein Shopping Center als Kulisse für Georges Bizets „Perlenfischer“.
Aber zurück zur „Walküre“, die sich insgesamt als eher träge Angelegenheit entpuppte, ausgehend vom Dirigat Pablo Heras-Casados. Heras-Casado scheint einen mehr analytischen Zugang zu pflegen – und was sich an der Staatsoper bei Monteverdi und Ligeti bewährt hat, scheint ihm bei Wagner eher zum Nachteil zu gereichen. Auch dürfte seine Klangauffassung mit den Möglichkeiten des Staatsopernorchesters nicht harmonieren, dem er keine üppige Klangpalette entlockte, keine strahlend auftrumpfenden Bläser, keine warm aufschmelzenden Streicher. Es war ein etwas spröder, etwas unausgewogener Wagner, mit wenig Gefühl für das Spannen großer Bögen und für das Auskosten subtiler dramatischer Steigerungen. Es besserte sich ein wenig im Laufe der Vorstellung nach einem langweiligen ersten Aufzug.
Es lag also stark am Bühnenpersonal, an diese „Walküre“ Spannung anzulegen, was nicht durchgehend gelang. Michael Volles Wotan wirkte insgesamt ein wenig „rekonvaleszent“: mehr göttliches Selbstbewusstsein hätte schon der Auseinandersetzung mit Fricka gut getan, die Wotanserzählung plätscherte in gemächlichem Parlando dahin – und wenn ich den Eindruck hatte, dass hier rechtzeitig gespart wird, um am Schluss überhaupt noch etwas zu haben, dann hat sich dieser Eindruck beim zwar sehr einfühlsam, aber auch sehr resignativ und leise dargebotenen Brünnhilden-Abschied bestätigt. Für das Herbeizitieren Loges reichte es dann gerade noch: ein bei seinem Hausdebüt gesanglich mit den Kräften sehr haushaltend kalkulierender Wotan, wenig mitreißend und für meinen Geschmack zu lethargisch wirkend.
Seine Lieblingstochter lag bei Camilla Nylund in keiner „hochdramatischen Kehle“. Nylund packte das Publikum bei ihrer ersten Wiener Brünnhilde vor allem über ihre emphatische Rollengestaltung und den klaren straussilbrigen Klang ihres Soprans, der sich in der Höhe als überraschend „Hojotoho-affin“ und ausreichend durchsetzungstark erwies. Im direkten Vergleich mit der Sieglinde von Simone Schneider wurde freilich deutlich, wo Nylund eigentlich zu Hause wäre. Bei Simone Schneider konnte man hingegen den Eindruck haben, dass ihr die Partie wirklich passt wie ein Maßanzug. Die Sängerin brachte sich nicht nur mit einem glanzvollen „hehrsten Wunder“ als begeisternde und begeisterte Sieglinde in den Abend ein, sondern sorgte insgesamt für die überzeugendste Sängerleistung an diesem Abend.
Michael Spyres sang bei seinem Hausdebüt als Siegmund liedhafte, schön gestaltete „Winterstürme“, ließ die „Wälserufe“ langanhaltend durchs Haus schallen, und unterlegte Siegmunds Liebe mit dem feinen baritonalen Glanz seines Tenors. Für den heldisch-kämpferischen Ausdruck fehlte es an metallischer Höhe, in der sein Tenor limitiert und gepresst klang. Damit fehlte Siegmund aber auch jenes Maß an euphorischer Überzeugungskraft, auf die Wagner nicht nur das Finale des ersten Aufzugs berechnet hat (und mit dem Spyres schon etwas Mühe hatte). Darstellerisch blieb Spyres eher blass. Sein Gegenspieler Günther Groissböck gestaltete den Hunding griffiger, gegenüber Sieglinde patriachalisch brutal: ein unsympathischer Sippenchef mit inzwischen schon recht trocken klingendem Bass.
Szilvia Vörös lieh bei ihrem Hausdebüt als Fricka Wotans Gemahlin einen dunkelschimmernden Mezzo, fast noch zu jugendlich wirkend, um sich als von frustriertem Eheleben aufgestachelte Göttergattin zu präsentieren. Die Walküren boten den üblichen Mix an- und weniger ansprechender Heldenjagd. Was die Inszenierung betrifft ist die „Walküre“ wahrscheinlich der schwächste Teil des Sven-Eric-Bechtolf-„Rings“, aber es gibt auf der Bühne wenigstens kein Shopping Center zu bestaunen. Gemessen am sehr starken Schlussbeifall (Länge rund dreizehn Minuten) waren große Teile des Publikums von der Aufführung sehr angetan.
Dominik Troger | Staatsoper 25. Mai 2026
A production by Sven-Eric Bechtolf (2007)
This recording is part of a complete Ring cycle.



