Siegfried

Wladimir Jurowski
Orchester der Bayrischen Staatsoper München
Date/Location
29 October 2026
Nationaltheater München
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedBenjamin Bruns
MimeMatthias Klink
WotanNicholas Brownlee
AlberichGeorg Nigl
FafnerTimo Riihonen
ErdaWiebke Lehmkuhl
BrünnhildeSimone Schneider
WaldvogelSolist(en) des Tölzer Knabenchors
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Reviews
backstageclassical.com

Wotan bringt den Müll raus

Wir können es ganz schnell machen: Für Tobias Kratzer ist »Siegfried« die Coming-of-Age-Story eines Kindes, das von seinem Ziehvater in einer Drei-Zimmer-Jack-Wolfskin-Realität aufgezogenen wird.

Seine Erweckung und »Erwachsenwerdung« beginnt, wenn er das Schwert Nothung (mit Hilfe seines – im wahrsten Sinne des Wortes – »Alter Egos«, dem Tenor Benjamin Bruns) geschmiedet hat. Dann zieht er mit Dino-Schulranzen, Universum-Nachtkugel und einer Möhre für das Ross Grane in die Schlacht.

Das Fürchten soll er dann vor einem Späti («Super Shop«) in einer gottvergessenen Banlieue kennenlernen, der Drache kriecht mit allerhand Qualm und Feuer aus dem Treppenhaus, und Brünnhilde wird kurzerhand aus dem Opernfoyer der Bayerischen Staatsoper befreit.

Nothung und der Mixer
Noch etwas? Ah ja: Mime mixt seinen Gifttrank im Elektromixer, das Schwert wird in der Mikrowelle geschmolzen, und der Wanderer ist so freundlich und bringt noch schnell den Müll runter. Kurzum: Kurzweilig. Klug. Kratzer.

Aber dieser Abend erzählt auch eine längere Geschichte. Und die handelt davon, dass wir uns in einer Zeit befinden, in der Wagnerianer endlich mal wieder auf ganz unterschiedliche Art auf ihre Kosten kommen. So viel musikalische, stimmliche und szenische Vielfalt wie heute war selten!

Beginnen wir mit der Musik: Münchens GMD Vladimir Jurowski arbeitet an einer ganz eigenen Klangsprache bei Wagner: Federnd ist hier alles, miteinander verbunden, episch, ohne verkitscht zu werden. Auf der einen Seite scheint Jurowski jedes Leitmotiv in die Luft zu recken, gleichzeitig schafft er aber fließende Verbindungen. Die Interpretationsidee ist eher klassisch-romantisch, aber die Ausdünnung und Konzentration des Dirigats lässt das Alte vollkommen neu – und auch modern – erscheinen.

Jurowskis Mittelweg
Oft wird es an kleinen Sequenzen deutlich, wie im ersten Aufzug, in der Verwandlungsmusik zwischen dem Abtritt des Wanderers und dem erneuten Auftritt Siegfrieds. Jurowski schattiert das Licht hier durch die Geigen, Holzbläser und Hörner. Das Waldlicht wandelt sich hier in bedrohliches Schimmern, bis die Tuben mit Fafners Bedrohung übernehmen. Selten hört man dieses Zwischenspiel derart als Zeitkapsel, und sofort wird klar, dass hier eine merkwürdige Zwischenwelt zwischen Siegfrieds Ab- und Auftritt entstanden ist.

Wenn man bislang glaubte, dass Thielemanns Bauch-Wagner und Petrenkos Analyse-Wagner die Gegenpole sind, so schreibt sich ein Jurowski (ebenso wie Pablo Heras-Casado) irgendwo dazwischen ein: Auf der einen Seite im vollen Bewusstsein der alten, thielemannschen Klangtradition, auf der anderen auf der Suche nach anderen, parallelen Erzählschichten, die bei Heras-Casado in erster Linie Farben, bei Jurowski schlank geführte, dramatische Erzähllinien sind.

Homogenes Ensemble
Und auch was die Wagner-Stimmen betrifft, lässt München durchaus aufhorchen. Allen voran Benjamin Bruns’ Debüt-Siegfried. Hier waren die großen Gegensätze bislang Klaus Florian Vogt und Andreas Schager. Der eine: eine kultivierte, schlanke, eher kleine, aber spitze Stimme, die durch Klugheit und Technik nie in Gefahr gerät. Der andere: ein Heldentenor mit Gondelbahnseilen als Stimmbänder. Ein zum Teil undressierbares Naturereignis.

Benjamin Bruns bewegt sich wohltuend dazwischen: ein Heldentenor mit viel Bruststimme, mit wunderschönen, problemlosen Höhen und vor allen Dingen: mit sehr lyrischer Gestaltung und großartiger Diktion. Wenn er seine Karriere ebenso besonnen und klug führt wie seine Stimme, ist Bruns der Siegfried der kommenden Jahre!

Überhaupt hat München ein sehr homogenes Ensemble auf die Bühne gebracht: Matthias Klink singt den Mime vollkommen ohne Schmierigkeit, sondern als jemanden, dem man den alleinerziehenden Vater abnimmt – und dessen böses Spiel sich erst langsam entblättert.

Nicholas Brownlee ist ein souveräner Wanderer (auch hier wieder mit schwarzem Kratzer-Cappy und einer Götterburg, in der seine »Gladiatoren« an Fitnessgeräten trainieren). Ein Gott, der seine Autorität nie vokal in den Vordergrund stellt, dafür aber walhallhafte Klangkultur hören lässt. Dunkel und bedrohlich ist der Kapuzenpulli-Alberich von Georg Nigl: ein dramatischer Bassbariton, dessen Stimme gut in die von Kratzer aufgebaute dunkle Großstadtecke passt.

Das Empathietheater geht weiter
Strömend und weich die Erda von Wiebke Lehmkuhl, und dann ist da noch Simone Schneider als Brünnhilde. Man hört ihr noch ein wenig den Übergang von der Sieglinde über die Gutrune und Senta ins brutale Heldinnenfach an. Aber sie muss niemals kämpfen, stößt an keine Grenzen und gibt der Brünnhilde auch eine neue Weichheit, eine durchaus spannende Zärtlichkeit, in die nur noch ein wenig mehr Metall fließen könnte.

Und die Regie von Tobias Kratzer? Wir haben hier einen ganzen Essay über sein neues Empathietheater verfasst. Und in seinem Hamburger »Macbeth« könnte man auf die Idee gekommen sein, dass seine gesamte Energie gerade in den Münchner »Ring« fließt. Und das tut sie zum großen Teil wohl auch.

Schon »Rheingold« und »Walküre« sollen sowohl breites Entertainment wie auch Schnitzelsuche für Profi-Wagnerianer gewesen sein. Und genau da macht Kratzer nun auch weiter: Sein »Ring« ist Unterhaltungs-Soap und kluge Wagner-Exegese zur gleichen Zeit. Und auch hier ist wieder ein Einpendeln früherer Antipoden zu beobachten. Während jemand wie Kirill Serebrennikov bei seinem Salzburger Oster-»Rheingold« an die Mythos-Suche anknüpft, die ein Schlingensief in Bayreuth mit seinem »Parsifal« erfunden hat, steht Kratzer eher in der Linie eines Frank Castorf. Als sich im zweiten Aufzug die hyperrealistische Straßenszenerie (Bühne: Rainer Sellmaier) offenbarte, waren die Assoziationen zu Castorfs Alexanderplatz offensichtlich.

The End is near
Aber während Castorf noch im Eklektizismus badete und den »Ring« als Kapitalismuskritik im Ölzeitalter erzählte, holt Kratzer seinen »Ring« zurück auf den Boden unserer Tatsachen.

Von Mimes Dreizimmerwohnung, in der Vater und Sohn ihre Konflikte austragen, über die dunklen Gassen bis ins kahle Walhall und den »Feuerfelsen« im Opernfoyer sucht Kratzer nach der »Siegfried-Psychologie«. Lustigerweise bleibt er im eigentlich »lustigen« ersten Aufzug dabei oft eher humorlos, während er im spannungsvollen zweiten Aufzug (Drachenkampf!) dann wieder auf allerhand Slapstick setzt – bis hin zu einem Bettler, der ein Schild mit der Aufschrift hochhält: »The End of the World is Near«, und auf der anderen Seite: »Only Wotan Can Save Us.«

Dazwischen sehen wir das inzwischen groß gewordene Adoptivkind mit hellblauer und blutverschmierter Adidas-Jacke und seinen ganzen Kinderhoffnungen. Wagners Naturbursche wird hier zu jenem »kindlichen Helden«, zum »Törichten«, den Brünnhilde am Ende umarmt. Diese letzte Szene gerät ein wenig zum Aktionismus, wenn Kratzer die beiden Liebenden im Scheine der Universum-Gute-Nacht-Kugel Kinderbilder mit Fingermalfarben an die Glasspiegel des Foyers malen lässt: Sonne, Wasser (Rhein) und Monster. Ein Rekurs auf das vermeintlich naive Kinderbild, das bereits im Vorspiel die Bühne verbirgt und mit fetter Tusche die Gebrauchsanweisung für den Abend aufpinselt.

Am Ende des Abends rücken dann zunächst die Walküren an, um Brünnhilde vom Liebestaumel abzuhalten – erfolglos. Danach kommen Alberichs Mannen, um Siegfried zu aufzuspüren – ebenfalls erfolglos. Denn der schwebt schon mit Brünnhilde auf Kinder-Wolke 7. Kratzer hat also genügend Cliffhanger aufgebaut, die Lust machen auf den letzten Teil seiner »Ring«-Soap-Opera, auf die »Götterdämmerung«.

Axel Brüggemann | Oktober 30, 2026

Orpheus

Wagners Oper auf popkulturellen Pfaden

Wagnerianer lieben ihre Slogans: vom „Jahrhundert-Ring“ anno 1976, über den „KI-Ring“ des letzten Sommers, bis hin zu Otto Schenks putzigem „Märchen-Ring“, der auf DVD für Traditionsbewusste noch immer erste Wahl ist. Wie könnte man nach drei von vier Premieren wohl die Neuinszenierung der Bayerischen Staatsoper knackig betiteln?

Am ehesten würde wohl das Prädikat vom „Netflix-Ring“ passen, das man ursprünglich der Bayreuther Produktion von Valentin Schwarz verliehen hatte. Denn was popkulturelle Referenzen betrifft, läuft Regisseur Tobias Kratzer seinem Kollegen eindeutig den Rang ab. Im Nationaltheater zappt er sich auch auf der dritten Etappe munter durch die TV-Ästhetik der letzten 20 Jahre. Und weil „Siegfried“ bekanntlich das heitere Intermezzo der Tetralogie ist, finden wir uns diesmal in der grell ausgeleuchteten Welt der Vorabend-Soaps. Dort, wo die Siegfrieds von nebenan in der Lindenstraße gute Zeiten, vor allem aber schlechte Zeiten durchleben. Was unter uns gesagt nicht ohne Witz ist, aber in aller Freundschaft hin und wieder auch etwas beliebig wirkt.

Immerhin läuft die Wagner-Soap live ohne Werbeunterbrechung. Allerdings nicht ganz ohne Product placement, wenn Mime etwa eine „Wagner-Steinofenpizza“ in den Herd schiebt oder eine Schachtel „Weißer Riese“ angeschleppt wird. Den echten Märchen-Elementen verweigert man sich dabei konsequent: Drachen, Riesen oder sprechende Vögel gibt es nicht, dafür gleich zwei Siegfriede.

Die erste Stunde wird der Titelheld nämlich von einem Kinderstatisten gedoubelt, dem Benjamin Bruns vom Bühnenrand seine Stimme leiht. Ins Geschehen eingreifen darf er erst in der Schmiedeszene, wo unter Zuhilfenahme von Käsereibe, Mikrowelle und Aquarium jenes magische Schwert zu neuem Leben erweckt wird, das Kratzer in der „Walküre“ eigentlich komplett entzaubert hatte. In solchen Momenten zeigen sich bei diesem „Ring“ dann doch kleine logische Schlaglöcher.Was Kratzer kann, merkt man vor allem im dritten Aufzug. Wenn Siegfried auf dem Walküren-Felsen endlich das Fürchten lernt und dafür sein jugendliches Alter Ego auf die Bühne zurückkehrt, ist das ein unglaublich poetisches Bild. Ebenso wie das Erwachen Brünnhildes, für das der schüchtern gewordene Held sein Kinderzimmer-Nachtlicht auspackt.

Pathos hat da keinen Platz. Auch nicht im Graben, wo Vladimir Jurowski einen sinfonisch farbenreichen, dabei aber stets transparenten Zugriff auf die Partitur präsentiert. In dieses Konzept fügen sich auch die Solisten bestens ein, allen voran Rollendebütant Benjamin Bruns. Er ist kein Hau-Drauf-Siegfried, sondern ein Held, der die Partie, wann immer es geht, lyrisch angeht und dadurch genug Reserven fürs Finale hat. So kraftvoll und dennoch kultiviert hat man das lang nicht mehr gehört. Auch dank Simone Schneider, die als höhensichere Brünnhilde ideal mit Bruns harmoniert. Etwas mehr kämpft da schon Matthias Klink als Mime, wobei er mit Nicholas Brownlee einen Wotan gegenüber hat, der jeden seiner Auftritte mit raumgreifendem Bassbariton harmoniert. Auch er ist ein Rollendebütant, der in den kommenden Jahren wenig Konkurrenz zu fürchten haben dürfte.

In vokaler Hinsicht bleiben bei diesem „Ring“ bislang kaum Wünsche offen. Ob er sich szenisch rundet, wird die „Götterdämmerung“ zeigen.

Tobias Hell | 31. Oktober 2026

Münchner Merkur

Drachentod am Späti

Es muss weit nach 22 Uhr sein, aber der Späti hat noch Bier. Alberich besorgt zwei Flaschen, zum Erwachsenwerden gehören schließlich auch Promille. Männer reden Männersachen, dem Jüngeren ekelt’s vor dem Gerstensaft. Beide traut vereint auf einer Bank. Und auf einmal der Gedanke: Was, wenn das Stück hier anders abbiegt? Wenn der bier- und rachedurstige Alberich keine Lust mehr hat auf den Feldzug gegen Wotan & Co.? Oder wenn der pubertierende Siegfried den Drachenstich sein lässt, mit einer der Mädels, die durch diese versiffte Straße ziehen, vielleicht anbandelt und ohne Heldenweib glücklich wird?

Ein paar Mal passiert das an diesem Abend. Momente, bei denen in Wagners „Siegfried“ alles offen ist. Auch bei Wotan, die Wasserfolter seiner einstigen Liebe Erda hätte er bis zum bitteren Ende durchziehen können. Oder am Beginn, im Erziehungschaos, wenn Mime dem präpubertären Siegfried kaum mehr gewachsen ist. In solchen Zweierszenen, so führt Regisseur Tobias Kratzer vor, schälen sich die Charaktere am besten heraus. Die alle ihre dunklen Seiten haben, der blutbesudelte Siegfried zeigt es. Aber auch ihre lichten: Alberich mit Hasspause und als Kumpeltyp? Ganz was Neues.

Dabei gibt es an der Bayerischen Staatsoper gar kein Konzept als letzten Wagner-Schrei. Kratzer setzt sein stringentes Erzählen, das er vor zwei Jahren mit dem „Rheingold“ begonnen hat und das mit vielen Querverweisen den „Ring“ überspannt, einfach fort. Hier ist einer tief in die Stücke eingetaucht, jongliert blitzgescheit mit Details und spinnt manches überraschend weiter, stülpt dem aber nichts über. Es ist ein Spiel mit einer (vorgeblichen) Hyperrealität, hintergründig, intelligent, federleicht, manchmal brutal. Einen kleinen Siegfried gibt es (Felix Fröbel), der „echte“ Sänger, Benjamin Bruns, dient ihm anfangs als Vokaldouble. Wir sehen dem Helden also beim Erwachsenwerden zu – und zugleich bei der Aufsplittung seiner Persönlichkeit, wenn sich beide Alter Egos plötzlich begegnen.

Souverän: Benjamin Bruns und Nicholas Brownlee
Für Bruns, zunächst zum Singen vom Rand verurteilt, mag die erste halbe Stunde der Premiere misslich sein. Doch es passiert Unerhörtes. Eine lyrisch grundierte Tenorstimme ist zu bestaunen, die sich völlig natürlich geweitet hat. Nichts klingt überreizt, alles reflektiert, alles souverän dosiert, in der Feinzeichnung des zweiten Aufzugs, aber auch in den Schmiedeliedern oder in der Liebesbrunst der Eck-Akte. Wo sich andere Siegfriede mit blutender Kehle ins Ziel retten, hat man bei Bruns keine Sekunde Angst. Was für ein Debüt.

Auch auf (fast) allen anderen Positionen gibt es vollkommen stimmintakte, herausragende Sängerdarsteller. Am Granit-Bariton von Nicholas Brownlee mag man sich nicht satthören. Seinen Wotan, ein abgerockter „Wanderer“ mit Baseball-Cap, hat er noch mehr verfeinert. Ungewohnt belcantesk wird manches geformt, fast zärtlich, die archaische Wut des Gottes überfährt alle und alles dafür umso einschüchternder. Alberich mag vergeblich nach dem „Ring“-Schatz gieren, dafür hat Georg Nigl das Schwert Nothung in der Stimme. Ein schneidendes, beißendes, überpräsentes Porträt. Auch wenn Nigl fast den gesamten zweiten Akt stummer Beobachter ist, denkt man, er singt.

Eine so existenzielle wie brutale Szene: Wotan (Nicholas Brownlee) verhört Erda (Wiebke Lehmkuhl). © Monika Rittershaus Simone Schneider gestaltet Brünnhilde mit resonantem Silbersopran und jubelnden Spitzentönen, Timo Rihonen ist ein passend schwarzorgelnder Fafner, Wiebke Lehmkuhl als Erda pure Mezzo-Erotik. Matthias Klink, schauspielerisch mehr als glaubwürdig, stößt als Mime auch an Grenzen. Und Vladimir Jurowski? Der dirigiert seinen bislang besten „Ring“-Einsatz. Gehärtet ist das Klangbild des Bayerischen Staatsorchesters, prägnant in der Überlagerung der Ebenen, tiefen- und trennscharf. Die rhythmische Energie der Partitur ist stets präsent. Details und Leitmotive sind weniger lustvolle, vielmehr lakonische, fast zynische Kommentare. Es ist ein wissendes Dirigat, zugleich (endlich) auch Theatermusik. Einzig im dritten Akt steht Jurowski auf der Bremse. Der Zauber von Wagners „Tristan“-durchwirktem „Siegfried“-Finale wird zu absichtsvoll ausgestellt.

Ausgerechnet hier, im nachgebildeten Königssaal des Nationaltheaters, schwächelt die Regie. Warum und wie Siegfried und Brünnhilde füreinander entbrennen, erfährt man kaum. Beide bemalen Spiegel, Momente zwischen Therapie und Waldorfschule. Zitiert wird das Vorhanggemälde von Andi Fischer – es sind scheinbar naive Zeichnungen eines traumatisierten Kindes. Das Orchester läuft unterdessen heiß in die Ekstase, mag sein, dass Kratzer die Verdoppelung scheut. Überhaupt vermeidet seine Inszenierung alle sonstigen „Siegfried“-Peinlichkeiten. Das Schwertschmieden im Bettlaken-Zelt, der im Nebel nur angedeutete Drachenkampf – keine Sekunde ungewollte Komik. Der Mann hat szenischen Geschmack. Überhaupt kommt alles ohne Gag-Überdruck aus, die Rätselszene zwischen Wotan und Mime ist kein amüsantes Quiz, sondern abgründiger Ernst.

Siegfried irrt durchs marode Nationaltheater
Die Videos von Manuel Braun, Jonas Dahl und Janic Bebi liefern die Vorgeschichte Fafners, eines geldbesoffenen und nun entsprechend verkaterten Ex-Priesters, auch Aufnahmen von Bewegungskameras, etwa wenn Siegfried durchs marode Nationaltheater irrt. Spielort und Bühnenwirklichkeit, Mythos und Heute überlagern sich, auch das gelingt virtuos. Kratzers Sinn für inhaltliche Details spiegeln sich wider in den Szenerien von Rainer Sellmaier. Sehr genau ist alles erpuzzelt, von der Küchenzeile des ersten über die Straßenszene des zweiten bis zum Königsaal des dritten Akts, die größte Freude daran haben die Parkettreihen eins bis zehn.

Vieles, auch das war bisher in „Rheingold“ und „Walküre“ so, erschließt sich noch nicht. Anderes lappt über aus den bisherigen Opern, als etwa die Walküren in den Königssaal eilen. Was sich bei Kratzer zeigt: Geldgier ist nur ein Motor des „Rings“. Der andere ist die Lust an der Demütigung, die Hass gebiert und von eigenen Verfehlungen ablenkt. Es ist ein Kampf mit eigenen Dämonen. Hier, im „Siegfried“, wenn sich Wotan in einer emotional aufgeladenen Szene an Erda grundlos rächt und später an der existenziellen Auseinandersetzung mit Enkel Siegfried zerbricht. Oder wenn Alberich mit seiner bewaffneten Gang zu den letzten Takten des Stücks hereinstürmt. Im Juni 2027, bei der Premiere der „Götterdämmerung“, werden wir erfahren, ob er das Liebespaar stellen kann.

Markus Thiel | 30. Oktober 2026

concerti.de

Lachende Liebe, leuchtendes München

Das erotische Erwachen kommt früh. Immer früher gar? Mit elf, mit zwölf Jahren? Beim jungen Siegfried, den sein Schöpfer Richard Wagner im eigenen Textbuch immer wieder ausdrücklich einen Knaben nennt, ist sich sein Regisseur an der Bayerischen Staatsoper in München in dieser Frage einigermaßen sicher. Tobias Kratzer lässt einen Buben (wie man Heranwachsende in Bayern nennt) im präpubertären Alter die Titelfigur spielen. Mit Ziehvater Mime, den Matthias Klink fern aller möglicherweise antisemitischen Klischees des geifernden fiesen Zwerges singt und spielt – bildet er eine ulkige Männer-WG, in der sich das gemeinsame Leben in der Wohnküche abspielt, die im austauschbaren Design jenes populären schwedischen Möbelhauses gehalten ist und in der gern mal eine Tiefkühlpizza in den Ofen geschoben wird, die den Namen des Komponisten trägt. Da müht sich der alleinerziehende Alte redlich, aber weitgehend erfolglos um dringend nötige Erziehungsreste des Jungen. Denn wenn der Trotzköpfige nicht tun will, was der Pseudo-Papa sagt, rennt er halt in sein nebenan liegendes Zimmer, das für Mime strikt tabu ist. Klar: Wenn es so Wichtiges und dazu Intimes zu tun gibt, wie erstmals ein eigenes richtiges Schwert zu schmieden, dann verbarrikadiert Siegfried seine Bude: Worum wird es dabei wohl gehen, wenn nicht um die Entdeckung der eigenen Männlichkeit? „Schmiede, mein Hammer mein hartes Schwert…“

Siegfried – ein Suchender, ein Fragender, ein Staunender
Die Zeit der Märchenbücher, in denen diese Kleinstfamilie zuvor kindgerecht Bären und Drachen betrachtet hatte, sowie des Bastelns von kindgerechten Papp-Schwertern als Vorübung späterer großer männlicher Taten, geht dem Ende entgegen. Und während dieses ersten großen Wendepunktes eines jungen Mannes passiert dann auch genau das, was das Premierenpublikum mit Spannung erwartet hatte: Der wunderbar wendige, absolut glaubhafte Darsteller des Knaben Siegfried, der Schüler Felix Fröbel, verschmilzt mit dessen Sänger Benjamin Bruns, der zuvor am Bühnenportal des Nationaltheaters schwarz gewandet im Halbdunkel mit dem Klavierauszug gestanden hatte.

Ein geschickter Trick entzieht die denn doch rasante Verwandlung vom Kind zum Manne unseren allzu neugierigen Blicken: Denn das Verfertigen des Schwertes Nothung, das ja nun mal eine sehr private Angelegenheit ist, passiert unter einem kurzerhand wie ein Zeltsegel aufgespannten Bettbezug. Mikrowelle, Toaster und anderes Haushaltsgerät verschaltet der offensichtlich handwerklich begabte Bub und jugendliche Tüftler mittels multipler Kurzschlüsse miteinander. Keine Frage: Hier ist der Enkel eines Gottes mit einiger Geschicklichkeit am Werk. Den teenagertypischen Hoodie in Oversize, den der Jüngst-Siegfried getragen hatte, hat sich nun Benjamin Bruns übergezogen und tritt uns als großes Baby gegenüber, das fortan auf eigene Faust die Welt entdecken will. Als ein Suchender, ein Fragender, ein Staunender – weit weniger als plumper Haudrauf mit Siegschwert, wie er sonst meist dargestellt wird: Bruns darf bei seinem Rollendebüt eine Titelfigur mit Sympathiewerten formen. Dieser tierliebe Siegfried entdeckt – ja, er ist bei Kratzer durchaus Wagners „gewünschter Mensch der Zukunft“ – die Zwischentöne der Empathie.

Eine Coming of Age-Geschichte
Geschickt, genialisch gar geht dessen szenischer Nachschöpfer an diesen „Siegfried“ heran. Tobias Kratzer entdeckt einen Kernaspekt des „Siegfried“ in der Coming of Age-Geschichte der Titelfigur, die dank der Dopplung mit einem Kinderdarsteller und dem jugendlichen Heldentenor Benjamin Bruns zu so noch nie erlebter Plausibilität gerät. Die erzählerische Psychologie ist bestechend, das Erinnern Siegfrieds an seine Eltern, die er angesichts von deren frühem Tod nie kennenlernen durfte, gestaltet Bruns so berührend wie kaum einer seiner erfahrenen Kollegen. Er nennt ein echtes Piano, ein Mezza voce von geschmeidiger Samtigkeit sein Eigen, singt die kräftezehrende Partie mit einer liedhaften Leichtigkeit, einer singulären Legatokultur und Textklarheit: Im ersten Aufzug, wenn er noch nicht direkt in das Geschehen involviert ist, denkt man mitunter an die Evangelistenpartien von Bach, die der Tenor ja in der Tat regelmäßig singt. Die genuin heldischen Passagen singt er gleichwohl mit einer Lockerheit und Schönheit, ohne jede hörbare Ermüdung: Das Wagnis dieses Debüts geht vollends auf. Benjamin Bruns passt perfekt zu Tobias Kratzers Auffassung der Rolle, die in Siegfried einen Geistesbruder des Parsifal entdeckt. Wagners utopischer Entwurf des „Ring“ wird in dieser Regiekonzeption nicht vorschnell entzaubert.

Lust- und humorvolles Gipfeltreffen der konträren Persönlichkeiten und Weltanschauungen
Das vermüllte Kiez-Ambiente zwischen Kreuzberg und Pariser Banlieue des zweiten Aufzugs, das Kratzers Langzeitausstatter Rainer Sellmaier ersonnen hat, bildet als verschmitzte Referenz an Frank Castorfs Bayreuther Inszenierung den dialektischen Kontrapunkt zur Vision einer besseren Zukunft. Wo Castorfs frauenfeindliche Sexismen und Enttäuschungen über das Ende des Sozialismus sich freilich einst in arg billigen Plattitüden erschöpften, nutzt Kratzer und sein Team dieses Umfeld zwischen Waschsalon und „Super Shop 24“, in dem sich Jugendliche des nachts das letzte Bier holen, für ein lust- und humorvolles Gipfeltreffen der konträren Persönlichkeiten und Weltanschauungen. „Siegfried“ ist eben das Satyrspiel im „Ring“: Das darf man in München glücklicherweise wirklich einmal erleben. Alberich (Georg Nigl mit messerscharf deklamierendem Bariton) ist ein Möchtegern-Anarchist mit terroristischem Gewaltpotenzial, dessen Vision von der Weltherrschaft er mit einem halbstarken Schlägertrupp von jener Sorte angeht, wie er wenige Tage vor der Münchner Premiere Paris verwüstete.

Wotan als Wanderer, den Nicholas Brownlee mit einem so herrisch wie herrlich warm, wohlig und voll tönendem Bassbariton wie einst ein James Morris singt, hingegen scheint im mythologischen Gewand wie aus einer längst vergangenen Zeit zu kommen. Er glaubt noch an die positive Veränderung der Gesellschaft, die er mittels seines Enkels Siegfried in die Tat umzusetzen trachtet. So hurtig sich dieser junge Held wandelt, so anregend sich Mythos und Gegenwart treffen, so spannend wird hier der „Ring“ als grandiose Zeitmaschine lesbar. Wagners Leitmotive zwischen filmischem Flashback und Foreshadowing beglaubigen Kratzers klugen wie spielerischen Ansatz, dessen Multiperspektivität ein Gewinn und so gar keine Beliebigkeit darstellen.

Walhall als Kunstproduktionsstätte
Im dritten Aufzug leisten sich das Regieteam und die potente Bayerische Staatsoper dann gar ein drittes Setting: Er spielt im Nationaltheater selbst: Walhall als Kunstproduktionsstätte. Der Ansatz dieses Bildes ist so wenig neu wie jener des ersten und zweiten Aufzugs, zumal Willy Decker hat (für den „Ring“ als Ganzes) auf diese Theatermetapher gesetzt. Kratzer kupfert aber nicht ab, er fächert nur die Facetten des Werks auf und zeigt dessen verschüttete Schichten. Wotans böses Verhör der weltweisen Erda, die Wiebke Lehmkuhl mit ihrem gleichermaßen pastos wie klaren Alt adelt, findet mit Unterstützung der Helden-Armee des Göttervaters gleichsam in der Unterwelt der leeren Bühne des Nationaltheaters statt, eine Video-Liveschaltung verbindet diese Machtzentrale mit Brünnhildes Walkürenfelsen und ihrer Schlafstadt im Königssaal des Foyers, wo sie auf einer schlichten Matratze auf die Erweckung durch Siegfried harrt. Die ist hier alles andere als eine Fast-Vergewaltigung eines präpotenten Pupertären. Dieser verblüffend sanfte Siegfried lässt Frau die Zeit, die sie braucht, um sich ihm zu öffnen. Wo andere Siegfriede der sexuell Ersehnten vorschnell an die Wäsche gehen, legt dieser junge Held seiner Brünnhilde ihr Walkürenwams an, das sie jedoch ihrerseits gleich wieder abstreifen möchte. Ach, in dieser Beziehung – wie in dieser Welt – könnte alles gut werden.

Die Qualitäten des utopischsten Paar des „Ring“ – Siegmund und Sieglinde – scheinen in Siegfried und Brünnhilde noch einmal hell auf. Simone Schneider singt die Göttertochter mit einer dramatischen wie wunderbar mädchenhaften Sopranfrische und jubelnden Hohen Cs. In der gemeinsamen Kreativität – sie bemalen die Spiegel des Königssaals – entdeckt das Paar einander. „Lachende Liebe“. Der böse Alberich kommt mit seinen Mannen zu spät, um sich die beiden neuen Menschen zu schnappen. Einstweilen siegt Wagners finales C-Dur. So viel Affirmation darf sein.

Man kann den „Ring“ auch anders dirigieren, besser wohl kaum
Vladimir Jurowski ist sich mit Tobias Kratzer einig. Am Pult des glanzvollen Bayerischen Staatsorchester liest der Generalmusikdirektor der Landeshauptstadt das Werk mit derselben Neugierde, die auch den Regisseur auszeichnet. Er bringt die kleinen Motive und die Mittelstimmen zum Sprechen, entdeckt das Ungestüme der Partitur ebenso wie ihre menschenfreundlichen Momente der Schönheit, kostet Wagners Klangmalereien so bewusst aus, wie er die Ironie zwischen den Notenzeilen herauskitzelt, erlaubt sich dazu ein mitreißend theatersaftiges Musizieren. Man kann den „Ring“ auch anders dirigieren, besser wohl kaum. Dies gilt auch für die sängerische Besetzung, die mit ihren mutigen Rollendebüts Maßstäbe setzt. München leuchtet.

Peter Krause | 30. Oktober 2026

Die deutsche Bühne

Auf der Flucht

Vielleicht kam Tobias Kratzer ja beim Blick in den Spiegel auf die Idee, Jung-Siegfried streckenweise doppelt, als 12-jährigen Jungen und als ausgewachsenen Tenor, ins Rennen zu Brünnhilde zu schicken. Er ist schließlich selbst so ein Zwei-Seelen-in-einer-Brust-Fall. Einmal ist er der in vieler Hinsicht geforderte regieführende Intendant in Hamburg. Aber eben auch der (Vertragstreue) aktuelle Ring-Schmied in München. In der Rolle hat er das Luxusproblem, sich selbst am Bayreuther „Tannhäuser“-Geniestreich messen zu lassen. Und mit diversen anderen Ringschmieden zu konkurrieren.

Mit „Siegfried“ folgt er seinem eingeschlagenen Münchner Ring-Parcours und entfesselt sein stets durchdachtes, mit Details und Witz spielendes, dem alten Sinn und der neuen Gegenwart nachspürendes Theater mit gewohnter Souveränität. Natürlich mit erkennbarem Blick zurück auf „Rheingold“ und „Walküre“. Mit dem Blick voraus, also aufs große Ende, dauert es noch etwas bis Ende Juni nächsten Jahres. Das jetzt im zweiten Aufzug vor abgeranzter allerwelts-urbaner Fassade von einem Penner hochgehaltene Pappschild, das auf Englisch das Ende der Welt ankündigt, mag da treffender sein, als die Verheißung auf der Rückseite, dass uns nur Wotan retten kann.

Jenseits der Moralnormen
Der effektvoll platzierte Cliffhanger nach dem grandiosen „leuchtende Liebe, lachender Tod!“-Finale ist diesmal kein Auftakt zu stürmischem Sex, sondern eine Abreise bzw. Flucht von Siegfried (sensationell: Benjamin Bruns!) und der vom ersten Ton an sofort packend präsenten Brünnhilde Simone Schneiders ins Ungewisse. Erst versuchen nämlich die in den nachgebauten Königssaal des Nationaltheaters, der in Rainer Sellmaiers Bühne wieder als Walkürenfelsen dient, stürmenden Walküren die beiden auseinanderzubringen, haben dann aber ein Einsehen. Vermutlich Waltraute händigt den beiden ihre Pässe aus und sie können gerade noch den Ort verlassen, bevor der zu allem entschlossene Alberich (von Georg Nigl grandios als Finsterling gezeichnet) mit seiner Schlägertruppe den Saal erreicht.

Dass Siegfried auf dem Weg vom Kind zum Mann schon zwei Tote auf seinem Konto hat, spielt in dieser Welt jenseits allgemeiner Moralnormen keine Rolle. Sehenden Auges (in dem Falle tatsächlich nur eines) macht dem aus einer ganz anderen archaischen Welt stammenden Wotan das selbstverschuldete Dahinschwinden seiner Macht nicht nur zu schaffen. Wenn er bei Erda Rat sucht, befragt er sie im Trainingssaal für seine Helden-Garde nicht einfach, sondern lässt sie brutal hierher entführen, verhört sie, ja foltert sie sogar.

Wiebke Lehmkuhl beharrt hier nicht nur mit betörend strömender Stimmkraft auf ihrer Würde. Ihr gelingt es auch überzeugend, die Fesseln zu lösen und das Waterboarding aus der Büchse durch Wotan wegzustecken. Den hat man so um sich schlagend noch nicht gesehen. Für diesen kraftvollen und verzweifelnden Wotan ist Nicholas Brownlee eine Idealbesetzung – zum menschlich zerrissenen Spiel die wahrhaft göttliche Stimme mit glasklarer Diktion. Schade, dass es das für ihn in München war. Als Wotan hat er sich jedenfalls ganz vorne etabliert!

Doppelter Siegfried
Mit seinem szenischen Zugriff folgt Kratzer (wieder) dem Weg vom Privaten ins Öffentliche und dann auch Selbstreferenzielle des Theaters. Erst die kleinteilig ausstaffierte Durchschnittswohnung von der man Wohnküche, Flur und Kinderzimmer sieht. Bei dem vokal bis an seine Grenze gehenden Matthias Klink ist Mime ein leicht überforderter und überfordernder alleinerziehender Vater. Bei ihm steckt Jung-Siegfried (der 12-jährige, spielfreudige Felix Fröbel) auch schon mal das Meerschweinchen in die Mikrowelle bis die explodiert. Da singt der phänomenal auftrumpfende und mühelos durchhaltende Bruns die Partie noch wie ein Einspringer von der Seite vom Bären.

Wenn der Wanderer seinen Auftritt hat, gleicht das eher einem Überfall, den der Junge im Kinderzimmer verschläft. Wenn sich die beiden Siegfriede dann im Kinderzimmerzelt das echte Schwert Zusammenraspeln und … tja, was eigentlich? herbeizaubern, und Bruns dann die Rolle auch glaubwürdig heranwachsend spielend ganz übernimmt, erschließt sich auch der doppelte Siegfried. So wie bei der Begegnung mit Brünnhilde, wo das kindlich Unwissende, des jungen Mannes auch noch einmal als Kind auftaucht, das sich nach der Mutter sehnt.

Transparenz und Präzision
Vom allfälligen Video-Kratzer-Moment profitiert diesmal Fafner in einem Was-bisher-Geschah. Den Überdruss an den Insignien von Reichtum und Luxus spielt Timo Riihonen im Video ebenso überzeugend wie das Mordopfer, das vor die Tür des mehrstöckigen Hauses gelockt wird. Den vom Tölzer Knabensopran Leo Eisenreich gesungenen Waldvogel kriegt man nicht zusehen. Dafür ist ein Prachtexemplar von Grane leibhaftig dabei. Für das brave Ross hat Siegfried dann tatsächlich eine Möhre dabei! Nun ja.

Es gibt also, wie bei Kratzer üblich, viel zu sehen und zu überlegen. Auf der Bühne ist ein atemberaubendes Protagonistenensemble zu erleben! Vladimir Jurowski und das Bayerische Staatsorchester punkten im offenen Graben dabei nicht nur mit Transparenz und Präzision, sie müssen sich auch nicht zurückhalten, wenn sie es immer wieder auch mal richtig krachen lassen.

Joachim Lange | 30. Oktober 2026

Neue Musikzeitung

Mal eben Wagner verbessern – In Münchens neuem „Siegfried“ darf das Bühnenteam Vielerlei bis Alles

Im „Rheingold“ interessierte sich Kratzer in Interviews für den Komplex „Glauben“ und ließ mit seinem Ausstatter Rainer Sellmaier alles in einem Kirchenraum spielen, mit einem Altarbild als Götter-Walhall (vgl. nmz online vom 28.10.2024). Dem folgte in „Walküre“ banaler Hyper-Realismus für den Inzest des Wälsungen-Paares auf dem Küchentisch samt Slip als Beweismittel und ein falsch niedriges Dachgeschoß von Hundings Försterhäuschen. Die „Apocalypse now“-Anspielung mit Brünnhildes Hubschrauber-Flug zum „Walküren-Ritt“ über München, erst recht der Nachbau des Königssaals im Nationaltheater als Matratzenlager für ihren Schlaf wurden in der Premiere zwar bejubelt – enttäuschten aber alle Werk-Kenner mit der Hoffnung auf einen „Ring für 2026 und die kommenden Jahre“. Verunsicherte Erwartungen also…

Kratzer selbst stellt nun Siegfrieds Weg als „Coming-of-Age-Erzählung“ in den Mittelpunkt. Unkonventionell neu zeigen Sellmaier und Kratzer nun Mimes Höhle als kleinbürgerliche Zwei-Zimmerwohnung: neben der IKEA-Wohnküche ein heutiges Kinderzimmer mit vielerlei wenig geschätztem Spielzeug – das zeigt der etwa zehnjährige Junge Siegfried von Felix Fröbel trotzig und rotzig – bis hin zur kleinen Entsetzlichkeit, dass er sein Meerschweinchen in Mikrowelle zu Tode grillt – Scherzo. Dazu singt Tenor Benjamin Bruns im schwarzen Anzug am Bühnenportal links aus dem Klavierauszug. Dann agieren beide zunehmend miteinander, basteln mit Küchenreibe, Ofen, Aquarium-Kühlung unter einem Betttuch-Zelt das Schwert Nothung – wobei sich Rollendebütant Bruns schonen darf und das Schmiedehämmern aus dem Orchester kommt. Wotan-Wanderer ist wie ein brutaler Stadtstreicher eingedrungen, fesselt Mime zum Rate-Spiel mal eben an die Heizung, isst einen mitgebrachten goldenen Freia-Apfel halb, den Jung-Siegfried dann im Müll entsorgt… viele weitere Detailaktionen…

Auch im 2. Aufzug geht es nicht in den Wald. Zum Vorspiel zeigt ein Film, wie Fafner mit dem Ring die Zeit vor- und rückwärts laufen lassen kann, durch Pferdewetten Milliardär wird, vielerlei Luxus ausprobiert und jetzt einsam in einer Wohnung im Armenviertel vor sich hin wartet. Sellmaiers Ausstattungsfreude an Prekariatsdetails mit zahlreichen stummen Nebenfiguren hat in einem mittelmäßigen Drachenkampf, zu dem ein Polizeiauto hereinfährt, keinen Höhepunkt. Alberich schießt nebenbei mal das Vögelchen ab, das Siegfried dann im Tarnhelm pflegt und am Ende mit ihm davonstürzt. Hinterher stürzt auch Alberich mit seiner wüst gekleideten Horrorbande, in der von der AK47 über Baseballschläger bis zur Machete alles droht…

Zur grandiosen Musikdramatik des 3. Aufzugs könnte es eine überlebensgroße Weltenwende geben: Die männliche Ratio beschwört noch einmal das ur-weibliche Prinzip herauf; beide erkennen ihr Scheitern – und das offene Ende der kommenden Götterdämmerung könnte aufscheinen. Kratzer-Sellmaier zeigen jedoch Wotan-Wanderer im nachtschwarzen, bühnenweiten Fitness-Studio einer Männertruppe in mittelalterlich anmutenden Kettenhemden, die dauernd mit ihren Schwertern herumagieren. Herein wird eine zunächst blind maskierte Erda geschleppt und miserabel wie in Abu Graib oder Guantánamo bis hin zum Waterboarding malträtiert… Unbehelligt darf Siegfried hereinkommen, Wotan den Herrschaftsspeer zerschlagen und zum Brünnhilden-Felsen davonstürzen.

Dann wird in Filmsequenzen auf dem Zwischenvorhang ein mit Stacheldraht gesichertes Nationaltheater mit Zerstörungen gezeigt. Siegfried hebt unbedarft – aber doch wohl bedeutungsschwanger? – den abgeschlagenen Wagner-Kopf des Foyers auf und findet wieder in den Nachbau des Königssaals mit Brünnhilde auf der Matratze. Erstaunlicher-unerklärterweise findet sich im Raum deutlich mehr Stroh oder Heu als im Walküren-Finale … Dem Anschlussfehler steht dann eine der dramaturgisch-psychologisch reizvollsten Erfindungen gegenüber: Zu Siegfrieds „Fürchten“ vor der schlafenden Frau kommt der kleine Kind-Siegfried wieder auf die Bühne – anrührendes Bild und Aktion eben „vor dem ersten Kuss“ –, diese Sensibilität hätte der Musiktheaterfreund dem ganzen Abend gewünscht. Jetzt folgten unerklärlich bunte Malereien von Siegfried und Brünnhilde auf den Spiegelflächen des Saales. Dann kamen noch einmal die acht Walküren-Schwestern herein, halfen beiden in alltägliche Reisekleidung, stürzten mit ihnen davon – und eine führte doch den lebendigen, wunderbar gestriegelten Rappen „Grane“ hinterher. Für all das erntete Kratzers Bühnenteam dann neben amüsiertem Beifall doch auch deutliches Buh.

Einhelligen Jubel gab es für GMD Vladimir Jurowski: er hatte das glänzend disponierte Staatsorchester im offenen Graben zu mehrfach überwältigend tosender Wagner-Grandezza animiert und aufgetürmt und dann auch zum heimlichen Elend der Erinnerungsmotive ins Piano zurückgenommen – die Klangvielfalt und -fülle des Vor- und Nach-Tristan-Meistersinger-Wagner war begeisternd zu hören. Auch wenn der schon mit stattlicher Heroen-Figur auftretende Benjamin Bruns zurecht für ein vokal rundum gelungenes Debüt gefeiert wurde: Der Lorbeer für ein scharfkantiges, mehrfach gefährlich bissig-scharfes Alberich-Porträt ist Georg Nigl zu reichen. Neben ihm ein staatsoperngerechtes, sehr gutes Vokal-Ensemble mit der „nach zwanzig Jahren Schlaf“ auftrumpfenden Brünnhilde von Simone Schneider – zurecht alle mit Bravi bedacht… nur konnten sie diese oft diffuse Kleinteiligkeit nicht zu einem „Wurf“ zusammenfügen: das Werk war eher verschlimm-bessert – und auch mit diesem dritten Abend ist kein „Münchner Ring über 2026 hinaus“ in Sicht…

Wolf-Dieter Peter | 30. Oktober 2026

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Media Type/Label
Technical Specifications
256 kbit/s CBR, 48.0 kHz, 433 MiB (MP3)
Remarks
Broadcast (BR Klassik)
A production by Tobias Kratzer (premiere)