Der fliegende Holländer
| Patrick Lange | |||||
| Chor und Orchester der Bayerischen Staatsoper München | ||||||
Date/Location
Recording Type
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| Daland | Franz-Josef Selig |
| Senta | Camilla Nylund |
| Erik | Benjamin Bruns |
| Mary | Natalie Lewis |
| Der Steuermann Dalands | Tansel Akzeybek |
| Der Holländer | Nicholas Brownlee |
Bitte anschnallen: Nicholas Brownlee als Fliegender Holländer in München
Die Ewigkeitsfahrt eines Untoten auf den Ozeanen, unterbrochen alle sieben Jahre von einem Beziehungsversuch: Diesem Fliegenden Holländer nimmt man es nicht ganz ab. So, wie sich Nicholas Brownlee als Titelrollenträger in Richard Wagners Oper seiner Senta nähert, hat der linkische, verlegene Kerl noch kaum Frauenerfahrung. Es ist eine aparte Volte in Peter Konwitschnys Regie-Oldtimer an der Bayerischen Staatsoper. Aber intelligente Produktionen wie diese halten das locker aus.
Eigentlich war die Wiederaufnahme des 2006 herausgekommenen Klassikers anders geplant, mit Gerald Finley als Holländer und Asmik Grigorian als Senta. Nach dem letzten Ton dürfte kaum einer mehr nach der vorgesehenen Besetzung gekräht haben. Das liegt vor allem an Brownlee. Der 36-Jährige ist im Flow. Gerade hat er den dunklen Seemann in Valencia verkörpert, war dort zwischendurch indisponiert (ein kaum verstohlenes Husten kündet wohl noch davon) und singt nun ein sensationelles Münchner Rollendebüt. Die enorme Intensität, die konzentrierte Ton-Energie, die Textbehandlung, das singdarstellerische Durchdringen der Partie: Vieles kommt da zusammen. Und manchmal – bitte anschnallen – wird man von Brownlees Gesang wie im Monolog oder im Finale einfach nur in den Sitz gedrückt.
Camilla Nylund mit triumphalem Finale
Dass der US-Amerikaner als Münchens Wotan gebucht ist, gehört zu den derzeit größten Besetzungsglücksfällen. Musikalisch bräuchte er noch einen adäquaten Rahmen. Dass, was Dirigent Patrick Lange will, sieht man eher und hört es nur vorübergehend. Manches ist vom Bayerischen Staatsorchester diffus bis rustikal musiziert, so richtig ist diese „Holländer“-Interpretation noch nicht auf Betriebstemperatur.
Camilla Nylund verfügt über keine stählerne Attacke. Dafür erfüllt sie die Senta mit gerundeter Dramatik bis in Extremlagen. Man merkt ihr die lyrische Vergangenheit an und staunt umso mehr über den triumphal gesungenen Schluss. Franz-Josef Selig ist glaubwürdig, weil er den Daland nicht als Spielopernfigur zeichnet. Und Benjamin Bruns hat wie Camilla Nylund die Karriere so klug wie konsequent entwickelt. Als Erik lässt er viel empfindsames Melos hören – und geht doch mit Tenormetall, das er sich in den vergangenen Jahren angereichert hat, in die Offensive. Jedes Wort ist zu verstehen, nie gerät Bruns an den Anschlag. Ein Künstler mit bester Prognose: Ob er uns hier bald im ganz großen Wagner-Fach wiederbegegnet?
Markus Thiel | 26.03.2025
Wieder einmal hat sich der Besuch von Peter Konwitschnys im Bühnenbild und den Kostümen von Johannes Leiacker spielenden Inszenierung von Wagners Fliegendem Holländer an der Bayerischen Staatoper München voll und ganz gelohnt. Konwitschny hat sich über Wagners romantische Oper treffliche Gedanken gemacht und diese mit einer an Hegel orientierten dialektischen Erzählweise sowie Brecht‘ schen Verfremdungseffekten hervorragend umgesetzt. Aber für derartige hoch innovative Erzählweisen ist Konwitschny ja bekannt.
Zu Beginn hat das indes noch nicht den Anschein. Wenn man sich allein den ersten Aufzug betrachtet, drängt sich nachhaltig der Eindruck auf, dass Konwitschny, der Großmeister anspruchsvollen modernen Musiktheaters, auf einmal die konventionelle Schiene betreten hat. Die ausgesprochen naturalistisch anmutende Felsenlandschaft in diesem Akt ist gänzlich der Tradition verpflichtet. Wenigstens hat der Regisseur die Schiffe Dalands und des Holländers ausgespart und dafür auf beiden Seiten der Bühne Landungsbrücken positionieren lassen. Zu guter Letzt hält aber doch noch die Moderne Einzug in Konwitschnys ansprechende Produktion: Die beiden Kapitäne besiegeln ihr Übereinkommen in zeitgenössisch wirkenden Liegestühlen, was in dem herkömmlichen Umfeld erheiternd wirkt.
Alle Register seines großen Könnens zieht der Regisseur dann im zweiten Aufzug, in dem ein modernes Fitnessstudio an die Stelle der traditionellen Spinnstube tritt. Hier strampeln sich die zu Sportlerinnen umgedeuteten Mädchen eifrig auf zahlreichen Hometrainern ab. Dieses Bild stellt ein modernen Zeiten entsprechendes, ähnlich gleichgeschaltetes und monotones Pendant (vgl. Programmbuch) zu konventionellen Spinnstuben dar. Diese ebenfalls Heiterkeit auslösende visuelle Impression ist durchaus sinnvoll. Das Fitnessstudio ist andererseits nicht nur den Frauen vorbehalten. Auch Männer haben dort Zutritt. Damit wird seitens der Regie der eingetretenen Gleichstellung der Geschlechter Rechnung getragen. Der im Bademantel erscheinende Erik scheint gerade aus der Dusche zu kommen. Erst im dritten Aufzug tritt er als Jäger auf.
Neben solchen äußeren Aspekten nimmt vor allem der geistige Gehalt, den Konwitschny seiner trefflichen Regiearbeit angedeihen lässt, voll und ganz für sich ein. Gekonnt lässt er zwei Welten aufeinanderprallen. Zum einen die der in moderne Kostüme gekleideten Norweger, zum anderen die der altmodisch und schwarz gewandeten Holländer. Der Fluch, unter dem die Titelfigur leidet, ist nicht Ausfluss einer irgendwie gearteten Auflehnung gegen eine höhere Instanz, sondern ist voll und ganz von gesellschaftlichen Normen geprägt.
Der ungebremste Drang des Holländers, den ihm widerstrebenden Naturgewalten zu trotzen, erscheint dem althergebrachten Empfinden der Gemeinschaft als diametral entgegengesetzt. Dieses meint, dass Unwetter und andere Katastrophen gottgegeben sind und aus diesem Grund von den Menschen hingenommen werden müssen. Der Protagonist wurde verflucht, weil er infolge seines Tuns mit den gesellschaftlichen Konventionen gebrochen hat, was nicht akzeptabel ist. Der den Holländer begleitende weibliche Engel lässt sich als Allegorie einer nur scheinbar höheren Macht deuten. Dieses Schicksal belastet indes nicht nur den Holländer. Er teilt es mit zahlreichen Wissenschaftlern, deren grundlegende Erkenntnisse von der Gesellschaft ihrer Zeit als kirchenfeindliche Ketzerei verfemt wurden.
Die Irrfahrten des Holländers entsprechen gänzlich den auf Mobilität beruhenden Verhältnissen unserer Gegenwart, in der der Mensch am laufenden Band auf der Suche nach neuen Aufgaben ist, beruflich viel auf Reisen ist und immer wieder seinen Wohnort wechselt. Wie vielen Menschen des Hier und Heute vermag er nirgendwo richtig Fuß zu fassen und geht deshalb seiner Wurzeln verlustig. Das weckt Assoziationen an moderne Geschäftsleute oder auch international gefragte Künstler, die stets auf Achse sind und praktisch nur aus dem Koffer leben. Seine Erlösung betreibt der Holländer indes nur halbherzig. Er lebt durch seine Reisen und ist unfähig, zu einer Frau eine echte Beziehung aufzubauen – auch nicht zu Senta, weswegen er sich krampfhaft auf der Suche nach einem Vorwand befindet, wieder auf das Meer zu flüchten und seine Fahrt fortzusetzen. Dieser wird ihm von Erik in seiner Cavatine geliefert. Über deren wahre Bedeutung ist er sich voll im Klaren. Gleichwohl klammert er sich an diesen scheinbaren Rettungsanker. Damit vertut er die ihm von Senta offerierte Chance auf Erlösung.
Senta hat sich im Lauf des Stücks zu dem von Wagner in seiner Schrift Eine Mitteilung an meine Freunde propagierten Weib der Zukunft entwickelt. Dieses wurde vorher noch von einer allegorischen Figur verkörpert, hat nun aber ihre reale Verkörperung gefunden. Abweichend von der Interpretation des Bayreuther Meisters hinterfragt Konwitschny gründlich das Wesen des Weibes der Zukunft. Er deutet sie als Terroristin, die zum Schluss die Fackel in ein Pulverfass wirft und derart eine alles vernichtende Explosion herbeiführt. Während die Sänger/innen sich schon zum Applaus bereitmachen, werden die verhaltenen Schlusstöne vom Tonband eingespielt. Die alten Verhältnisse sind zum Untergang verurteilt und ein neuen Erkenntnissen gegenüber aufgeschlossenes Zeitalter muss anbrechen. Diese Interpretation Konwitschnys entspricht wieder gänzlich der Ansicht Wagners. Der Komponist vertrat ja bekanntermaßen die Ansicht, dass etwas Neues nur durch eine vorangegangene Revolution entstehen kann. Genau das zeigt Konwitschny hier mit großer Meisterschaft auf. Insgesamt ist seine ausgesprochen interessante Regiearbeit von einer eingehenden, stringenten Personenregie geprägt.
Am Pult erwies sich Patrick Lange als versierter Theaterdirigent. In zügigen Tempi und ausdrucksstark wies er dem Bayerische Staatsorchester den Weg durch Wagners vielschichtige Partitur, die er zudem trefflich auslotete. Leider waren die Hörner an diesem Abend nicht sonderlich in Form.
Ein noch junger, aber mit bester italienischer Technik, sonor und voluminös singender Holländer war Nicholas Brownlee. Auch darstellerisch wurde er durch intensives Spiel seiner Rolle voll gerecht. Ebenfalls eine schauspielerisch imposante Leistung erbrachte Camilla Nylund als Senta. Die Sängerin, die inzwischen erfolgreich im hochdramatischen Fach gelandet ist, vermochte durch einen gut fokussierten Sopran, schöne Linienführung sowie imposante Ausbrüche für sich einzunehmen. Ihre geradlinig und ebenmäßig gesungene sowie von zarten Piani in der Höhe geprägte Ballade war einer der Höhepunkte der Aufführung. Einen soliden Bass brachte Franz-Josef Selig in die Partie des Daland ein, den er auch überzeugend spielte. Eine in jeder Beziehung tadellose Mary war Natalie Lewis. Lediglich über dünnes, maskiges Tenor-Material verfügte der Erik von Benjamin Bruns. In gleicher Weise fehlte es Tansel Akzeybeks Steuermann erheblich an der nötigen Körperstütze der Stimme. Mächtig ins Zeug legte sich der von Christoph Heil einstudierte Bayerische Staatsopernchor. Insbesondere der Geisterchor im dritten Aufzug ging ganz schön unter die Haut.
Ludwig Steinbach | 26. März 2025
La messinscena del Fliegende Holländer realizzata nel 2006 da Peter Konwitschny è diventata nel corso degli anni una vera e propria icona della Bayerische Staatsoper, viene riproposta quasi ogni stagione e il pubblico accorre sempre numerosissimo ad assistervi. Si tratta di uno tra i migliori spettacoli wagneriani allestiti dal regista sassone, ancora oggi notevole per la realizzazione visiva che unisce elementi classici e moderni per raccontare la trama in maniera efficace e convincente. Del resto il regista, una delle icone del mondo teatrale tedesco, figlio del leggendario direttore d’ orchestra Franz Konwitschny, è tra i pochi nel suo campo a conoscere bene la musica anche a livello tecnico e i suoi spettacoli, anche quelli che forzano la drammaturgia in modo pesante, non vanno mai contro le ragioni musicali della partitura. Come nella sua messinscena della Götterdämmerung realizzata per la Staatsoper Stuttgart, anche in questo caso l’ ambientazione del primo atto ideata da Konwitschny è di stile assolutamente tradizionale anche se i marinai del vascello fantasma vestono abiti seicenteschi, in contrasto con l’ abbigliamento moderno degli olandesi. Una figura angelica femminile vestita di bianco appare durante il monologo di entrata dell’ Holländer, per simboleggiare il suo desiderio inappagato di redenzione. Nel secondo atto assistiamo a uno spettacolare cambio di atmosfera e la Spinnstube diventa una palestra in cui le ragazze pedalano su numerose cyclettes mentre Senta rimane in disparte tenendo in mano il ritratto dell’ Holländer, che successivamente viene distrutto da Erik in un accesso di gelosia. Lo sviluppo del racconto evidenzia progressivamente il carattere ribelle di Senta, che vuole accettare il matrimonio con lo sconosciuto presentatole dal padre per sottrarsi a un ambiente oppressivo. Nel terzo atto la protagonista, disperata perché sta vedendo svanire il suo sogno di emancipazione in quanto l’ Holländer rifiuta le nozze, scaglia una torcia contro un barile provocando un’ esplosione che uccide tutti, mentre la sala si oscura completamente e le ultime battute della musica, che sono quelle della versione originale del 1845, provengono da un nastro registrato. Riassumendo, una messinscena che dopo quasi vent’ anni non ha perduto nulla della sua carica teatrale e ancora oggi impressiona lo spettatore per la sua forza espressiva. Tra l’ altro va sottolineato come Konwitschny non costringa mai i cantanti a recitare assumendo posizioni innaturali, stesi per terra o contorcendosi in simulazioni sessuali di dubbio gusto, come tanti suoi colleghi odierni. Dopo tante decine di repliche, la messinscena scorre in modo perfettamente rodato anche nel caso di una distribuzione del cast totalmente rinnovata, come in questo caso. Per questa ripresa la Bayerische Staatsoper ha riunito alcuni tra i migliori cantanti wagneriani del momento sotto la direzione del quarantaquattrenne Patrick Lange, ex Generalmusikdirektor dello Staatstheater di Wiesbaden e ospite regolare nelle stagioni monacensi. La sua direzione era ricca di carica teatrale, impostata su ritmi sostenuti e intensa sottolineatura delle linee melodiche anche se a tratti si avvertiva un equillibrio lievemente imperfetto delle sezioni strumentali, con gli ottoni che sembravano soverchiare il resto dell’ orchestra. Per quanto riguarda il cast vocale, la miglior prova mi è sembrata quella di Nicholas Brownlee, trentacinquenne basso-baritono statunitense appartenente all’ ensemble dell’ Oper Frankfurt dove lo avevo ascoltato in pregevoli interpretazioni di Hans Sachs e Macbeth, che ritornava alla Bayerische Staatsoper dopo la sua ottima prova come Wotan in Das Rheingold dello scorso novembre. Brownlee ha debuttato la parte dell’ Holländer solo due anni fa alla Santa Fe Opera ma ha messo in mostra un fraseggio di grande intensità e maturità espressiva, raffigurando molto bene il carattere tormentato e cupo del protagonista. Il soprano finlandese Camilla Nylund ha dominato senza problemi la vocalità aspra e tesa di Senta anche se la sua pronuncia risulta sempre poco comprensibile. Professionalmente impeccabile era il Daland de sessantaduenne basso renano Franz-Josef Selig, dalla voce scura e imponente che conserva ancora autorevolezza timbrica a dispetto dell’ età avanzata del cantante. Il quarantacinquenne tenore tedesco Benjamin Bruns impersonava Erik con una voce abbastanza sonora e una buona sicurezza vocale. Adeguate erano anche le prestazioni di Natalie Lewis come Mary e Tansel Akzeybek nella parte dello Steuermann. Successo vivissimo e lunghi applausi da parte del pubblico di Monaco che, come disse una volta l’ ex Intendant Nikolaus Bachler, ha davvero Wagner nel DNA.
Gianguido Mussomeli | 29 Marzo 2025
A production by Peter Konwitschny (2006)
Nicholas Brownlee replaces Gerald Finley as Holländer and Camilla Nylund replaces Asmik Grigorian als Senta and Patrick Lange replaces Mikko Franck.



