Der fliegende Holländer
| Robert Jindra | |||||
| Arnold Schoenberg Chor Wiener Symphoniker | ||||||
Date/Location
Recording Type
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| Daland | Wilhelm Schwinghammer |
| Senta | Ambur Braid |
| Erik | Cameron Becker |
| Mary | Ieva Prudnikovaite |
| Der Steuermann Dalands | James Ley |
| Der Holländer | Jordan Shanahan |
Vom heroischen Liebestraum zur Trauma-Bewältigung
Das Theater an der Wien zeigt einen klang-mächtigen und optisch düsteren „Fliegenden Holländer“ in der Regie von Philipp Stölzl. Ein imposanter Abend, der mehr beeindruckt als berührt.
Neben der Betonung der mystischen Komponente in einprägsamen Kulissen glänzt die Produktion mit einem eindringlichen Lichtkonzept, die das Unheimliche und Gruselhafte noch zusätzlich hervorhebt und unterstreicht. Die Geschichte wird hier auch optisch bestens miterzählt.
Die Senta aus Wagners „Fliegendem Holländer“ flüchtet sich in die Fantasiewelt einer heroischen Legende. Sie sieht sich als auserwählten Engel, der den rastlosen Seefahrer erlösen wird – was sie auf tragische Weise auch tut. Regisseur Philipp Stölzl dreht die Idee weiter. Bei ihm bleibt der Holländer ein Phantasma, zu dem eine missbrauchte, traumatisierte Senta flieht – bis in den tödlichen Wahnsinn. Die aktuelle Premiere der Produktion, die 2009 in Basel herauskam, zeigt jetzt an der Wien, dass diese Drehung absolut schlüssig ist – mit Einschränkungen.
Radikal entromantisiert
Dramaturgisch nimmt sie dem Werk jede romantische Idee. Sentas Liebe ist hier keine höhere Macht, sondern verzweifelte Traumabewältigung. Ganz konkret holpert die optische Trennung von Realität und Wahn mitunter – auch weil es einer schauspielerischen Meisterleistung bedürfte, diese komplexe Figur zwischen Trotz und Trauma, Resignation und Begehren schlüssig zu zeichnen.
Was Ambur Braid als Senta hier schuldig bleiben muss, macht sie mit ihrem außergewöhnlichen Sopran wett – lodernd in den Farben, kraftvoll in der Höhe und von beeindruckender Durchschlagskraft. Stimmlich fast schon zu üppig für die Senta.
Kantige Strahlkraft
Dass sich das letztlich ausgeht, liegt an der restlichen Besetzung. Der raue Holländer von Jordan Shanahan kann mit Braid genauso mithalten wie der kraftvolle Tenor von Cameron Becker als Erik und der sonore Daland von Wilhelm Schwinghammer.
Dass die Wiener Symphoniker unter der Leitung von Robert Jindra diese vokale Durchschlagskraft mit einem kantig-rauen, klangmächtigen, wenn auch wenig subtilen Wagner unterfüttern, ist schlüssig. Den Klangraum des Theaters an der Wien bringt diese musikalische Lesart jedoch an seine Grenzen. Ein intensiv beeindruckender, wenn auch wenig berührender Abend.
Judith Belfkih | 24.10.2026
Philipp Stölzls Regiekonzept für Wagners „Spukoper“ mag an einigen Opernhäusern erfolgreich gewesen sein, man muss es aber dennoch nicht ganz toll finden. Die Bibliothek Dalands dient als Schauplatz des Geschehens, dazu steht eine Bühne auf der Bühne und Bildprojektionen ergänzen/verwirren die Szenerie. Bei vielen Produktionen neueren Datums rettet der musikalische Teil die Aufführung, hier ist dem nicht so. Die Wiener Symphoniker waren unter dem Dirigat von Robert Jindra recht grob unterwegs, die etwas schleppend gespielte Ouvertüre gelang vor allem den Bläsern nicht fehlerlos. In einem kleineren Haus müsste man auch allzu heftige Klagexplosionen vermeiden. Das war auch bei der Sängerin der Senta, Ambur Braid, zu bemängeln. Ihr kraftvoller Sopran neigte zu schrillen Ausbrüchen, die das Gehör des Rezensenten strapazierte. Die Titelrolle des gefürchteten Seemannes war bei Jordan Shanahan in guten Händen. Seine intensive Rollengestaltung litt nur unter der für Seeleute ungewohnten Umgebung, in die Bibliothek eines Großbürgers passte er nicht. Als Daland war Wilhelm Schwinghammer zu erleben, der die Rolle des unglückseligen Vaters mit Anstand bewältigte. Sehr positiv wirkte Cameron Becker in der undankbaren Rolle des unglücklich um seine Liebe zu Senta kämpfenden Erik. Mit viel Temperament und ansprechender Höhe war er ein Lichtblick im Geschehen. Der Arnold Schoenberg-Chor unter Erwin Ortner war an diesem Abend voll gefordert, blieb aber auch etwas unter dem sonst extrem hohen Niveau an Klasse und Exaktheit. Die richtige Oper im falschen Haus? Das Publikum akklamierte das Erlebte mit Enthusiasmus.
Johannes Marksteiner | 17.10.2026
Ein lockender Kapitän
Es seien früher oft nur drei Männer gewesen, die eine Frau im Laufe ihres Lebens nackt zu sehen bekamen, schrieb Stefan Zweig in seinen Memoiren Die Welt von Gestern: Der Geburtshelfer, der Ehemann – und letztlich der Leichenwäscher. Ansonsten trug ein Arsenal von Röcken, Korsetten, Blusen, Krägen und Handschuhen dafür Sorge, dass der weibliche Leib im prüden 19. Jahrhundert Verschlusssache blieb: Die Sexualität, sie wurde unter einem dicken Wäscheberg begraben.
Die Protagonistin im Theater an der Wien leidet hart an diesem Zeitgeist. Ihre Gouvernante? Presst sie Tag für Tag ins Korsett und schwingt den Rohrstock, wenn die junge Frau aus ihrem Rollenbild auszubrechen droht. Der Vater? Zeigt zwar Herz, wenn sich seine Tochter nachts ängstlich unterm Tisch verkriecht, begeistert sich aber weitaus mehr für materielle Werte. Und der junge Verehrer? Ist ein zudringlicher Kerl. Was Wunder also, dass diese Frau geistig Reißaus nimmt und all ihre Libido auf die verwunschene Hauptfigur einer Seefahrersage überträgt: den fliegenden Holländer.
Ein bourgeoiser Salon
Siebzehn Jahre ist es her, dass Philipp Stölzl die gleichnamige Oper von Richard Wagner in Basel inszeniert hat, nun ist der Abend über die Berliner Lindenoper ans Theater an der Wien gelangt. Zentraler Kniff der Regie: Er verfrachtet die Geschichte aus einem norwegischen Fischerdorf ins trockene Ambiente eines bourgeoisen Salons. Die traurigen Folgen für die sehnsuchtsvolle Senta: Während der Holländer laut Libretto eigentlich im zweiten Opernakt in ihr Leben treten sollte, bleibt er hier bis zum Schluss eine Chimäre – das erotische Hirngespinst einer einsam darbenden Bürgerstochter.
Eine Opernbühne zeigt eine Szene in einer großen Bibliothek mit hohen Bücherregalen. Im Hintergrund ist ein großes Gemälde oder eine Projektion mit blauer Landschaft und Figuren in historischer Kleidung zu sehen. Im Vordergrund stehen und sitzen Darsteller in festlicher oder historischer Kleidung, darunter eine Frau in einem weißen Kleid. Zwei Kronleuchter hängen von der Decke.
Die bürgerliche Tochter Senta träumt sich in der Bibliothek des Vaters zum fliegenden Holländer hin. Ambur Braid (in weiß) bringt die
Dafür glänzt der schaurige Schiffer hier durch sein verlässliches Erscheinen. Kaum vertieft sich der Backfisch Senta in ihre dicke Sagenschwarte, entsteigt der Seebär auch schon dem maritimen Ölgemälde aus Papas Bibliothek. Ein Auftritt, der im Theater an der Wien etwas hermacht: Beim ersten Landgang des Holländers wabern nicht nur beträchtliche Mengen an Trockeneis durch die Luft, es bohrt sich auch der Bug eines Gruselschiffs in den Bürgersalon. Für dieses Boot stand offenbar die „Flying Dutchman“ aus den Fluch der Karibik-Filmen Pate: Geister patrouillieren an Deck, die Bordwand ist schaurig mit Moos und Gerippen verwachsen. Dass ein Metallhaken die rechte Hand des Holländers ersetzt, erinnert wiederum an eine andere nautische Kino-Ikone, nämlich Captain Hook.
Spielfreude und vokale Klasse
Dabei ist mit diesem Opern-Protagonisten nicht zu spaßen, schon gar nicht in Stölzls Regie. Gegen Ende sucht er Sentas Haus gar für einen imaginären Rachefeldzug heim, metzelt mit seinen Mannen Papas feine Gesellschaft nieder. Da steuert die Geschichte längst auf ein übles Ende zu: Vater Daland hat sein Kind (in Stölzls Fassung) an einen gesetzten Geldsack verschachert, Senta nabelt sich daraufhin mehr und mehr von der Realität ab – und nimmt von dieser letztendlich mit blutigen Mitteln Abschied. In ihrer Fantasie dagegen segelt sie mit dem Holländer auf ihrem „Traumschiff“ in den Sonnenuntergang.
Das Ensemble dieser pausenlosen zwei Opernstunden glänzt nicht nur durch Spielfreude, sondern auch mit vokaler Klasse: Jordan Shanahan stattet den Holländer mit gebieterischem Auftreten und einer markanten, metallschimmernden Stimme aus: ein dunkel lockender Kapitän. Ambur Braid bringt die Sehnsüchte Sentas mit flirrendem Vibrato zum Klingen, teils aber auch herber Schallmacht; Wilhelm Schwinghammer führt als Daland einen süffigen Bass ins Treffen. Und der Erik von Cameron Becker? Imponiert, wenn auf der Bühne die emotionalen Wogen hochgehen, während James Ley (Steuermann) über cremigen Schmelz und kehlige Attacken verfügt. Und natürlich leistet der Schönberg-Chor als Mannschaft gute Gesangsarbeit, trotz eines Hoppalas in der Trinkszene des dritten Akts.
Dirigent Robert Jindra stachelt die Symphoniker zu einer starken Teamleistung an: Da trumpfen auch die Kontrabässe mit Animo in der vitalen Streicherfraktion auf, setzen die Holzbläser beseelte Akzente, tönt allein das herzhafte Blech bisweilen etwas grob. Jubel für eine Opernproduktion, die zwar wie ihre Hauptfigur schon so manche Reise hinter sich hat, dabei aber höchst sehenswert geblieben ist.
Christoph Irrgeher | 18.10.2026




