Die Walküre

Ádám Fischer
Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
13 January 2016
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegmundChristopher Ventris
HundingAin Anger
WotanTomasz Konieczny
SieglindeWaltraud Meier
BrünnhildeLinda Watson
FrickaMichaela Schuster
HelmwigeRegine Hangler
GerhildeCaroline Wenborne
OrtlindeHyuna Ko
WaltrauteMargaret Plummer
SiegrundeUlrike Helzel
GrimgerdeIlseyar Khayrullova
SchwertleiteCarole Wilson
RoßweißeIsabel Seebacher
Stage directorSven-Eric Bechtolf (2007)
Set designerRolf Glittenberg
TV directorElla Gallieni
Gallery
Reviews
Die Presse

Das hehrste Wunder

Waltraud Meier verabschiedete sich fulminant von der Sieglinde – in einer packenden „Walküre“.

Musikalisch und inhaltlich eine Schlüsselstelle im dritten Aufzug der „Walküre“: „O hehrstes Wunder!“, bricht es aus Sieglinde hervor, die sterben wollte, nun aber, da sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, eine bessere Zukunft aufkeimen fühlt. Bei Waltraud Meier kam die weit ausschwingende, edle Phrase, von Adam Fischer am Pult des prächtig musizierenden Staatsopernorchesters sensibel gestützt, gar nicht auftrumpfend siegesgewiss und stimmprotzerisch; eher wie ein zarter Hoffnungsstrahl, tragfähig, aber zurückgenommen, nachdenklich fast – und gerade durch diese Anmutung von Intimität so berührend. „Liebeserlösung“ nannte Hans von Wolzogen das Motiv in seinem von Wagner eher erduldeten als bedankten „Thematischen Leitfaden“ durch den „Ring“: Es markiert eine Verheißung, die bezeichnenderweise nicht mit Siegmunds und Sieglindes Inzestspross Siegfried, sondern erst mit Brünnhildes Opfertod in der „Götterdämmerung“ wiederkehrt.

Nach Isolde die nächste Dernière

Als Sieglinde wird Waltraud Meier hingegen nicht mehr wiederkehren – eine Partie, mit der die Mezzosopranistin 1992 in der Wiener Premiere von Adolf Dresens „Walküre“-Inszenierung unter Christoph von Dohnányi erstmals im Sopranfach reüssiert hat. Nach ihrer letzten Isolde im vergangenen Juli in München ist es der zweite einschneidende Abschied von einer zentralen Rolle im Repertoire der großen Sängerin. Dass das Publikum freilich keineswegs nur in Erinnerungen schwelgen musste, um sich für Begeisterungsstürme zu motivieren, zählt zu den erfreulichsten Tatsachen dieser persönlichen Dernière. Denn mag auch Meiers Stimmvolumen etwas kleiner geworden und eine Prise mehr Härte im Klang vernehmbar sein, ist gerade ihre Sieglinde insgesamt fulminant geblieben. Geht es in der Oper um das Singen? Selbstverständlich – aber mehr noch um Vortragskunst. Auf die dramatische Durchdringung des Gesangs kommt es an, und was intelligente, plastische Textbehandlung anlangt, sehen neben Waltraud Meier so manche brave jüngere Kräfte gehörig alt aus.

Nicht etwa Michaela Schuster: Deren tief verletzte, zürnende Fricka ist ein musikdramatisches Lehrstück, auch Ain Angers Hunding trägt seine Brutalität höchst effektiv auf der Zunge. Aber sowohl ein verdienter Siegmund wie Christopher Ventris als auch eine gestandene Brünnhilde wie Linda Watson wirken dagegen etwas oberflächlich und austauschbar – mag sie gemeinsam mit Tomasz Konieczny im dritten Aufzug auch über sich hinauswachsen. Der Bariton ist unter allen bedeutenden Sängern, die im „Ring“ vom Stimmklang her für den Alberich prädestiniert sind, nach wie vor jener, der den eindrucksvollsten Wotan singen kann: eine mögliche, keine ideale Variante. Doch Oper ist im Idealfall mehr als die Summe ihrer Teile. Dass sich diese nahezu alle am korrekten Platz und in der richtigen dynamischen Spannung zueinander befanden, bot die Grundlage. Dass Adam Fischer mit dem Orchester darüber hinaus eine dramatisch packende und doch differenzierte Lesart wie aus einem Guss gelang, war mit Anlass zum langen Jubel.

Walter Weidringer | 15.01.2016

Wiener Zeitung

Geliebte Wälsungen

Weniger ist hier immer mehr: Richard Wagners erster Festspieltag im “Ring des Nibelungen” punktet eher durch eine hohe Gefühlsintensität als durch szenische Erlebnisse. Was ein Glück für Sven-Eric Bechtolfs statische Staatsopern-Regie sein mag (24. Aufführung), fordert das Ensemble immer wieder.

Das war für “Die Walküre” im Rahmen des aktuellen “Ring”-Durchlaufs durchgehend solide gewählt. Gewohnt Herausragendes leistete Waltraud Meier als bemerkenswert präsente Sieglinde mit enormem Durchhaltevermögen; der inzestuös liebende Siegmund von Christopher Ventris bot auch dieses Mal keinerlei Grund zum Tadel. Besser gesagt: Der britische Tenor legte an diesem Abend einen erwähnenswert souveränen Auftritt hin. Ain Anger als Hunding wusste ebenso zu punkten wie die bewaffnete Damenriege von Grimgerde (Rollendebüt von Ilseyar Khayrullova) bis Schwertleite (Carole Wilson). Passende Schärfen, speziell in den Höhen, legte Linda Watsons Brünnhilde an den Tag. Und Michaela Schusters hervorragend dramatische Göttermutti Fricka verlieh dem reichlich menschlichen Spiel der Bewohner Walhalls eine besondere Note. Der Wotan von Tomasz Konieczny überstrahlte, bisweilen wortundeutlich, aber jedenfalls immer präsent, den Orchestergraben bestens.

Das war schon eine Leistung für sich, denn Ádám Fischer und das Staatsopernorchester machten Wagners Partitur (bestens disponiert unter anderem: die Bläser und Cello-Soli) zu einem vollmundigen Klangerlebnis. Bravi.

14.01.2016

konzertkritikopernkritikberlin.wordpress.com

Man muss nicht unbedingt annehmen, dass Sven-Eric Bechtolfs Regie haarsträubend originell ist. Sie ist solide, etwas langweilig und funktioniert wunderbar. Das Bühnenbild im ersten Akt gefällt mir: Tischgruppe um Baum.

Christopher Ventris: Dieser Siegmund ist halb wettergegerbter Kapitän, halb Womanizer. Die Stimme ist hell, Ventris phrasiert gut. Zwischenatmer sind häufig. In Akt I, 1 singt Ventris natürlich und wortverständlich. „Winterstürme“ gelingt gut. „Nächtiges Dunkel senkt sich“ singt er mit gebremster Emotion. Am Ende von Akt I kündet eine streifige Höhe von Überanstrengung.

Waltraud Meier: Sieglinde. Es ist schon gut, wie Frau Meier „Der Männer Sippe“ auf dem Küchentisch stehend Ventris ansingt und im Angesicht von Ventris‘ lyrischen „Winterstürmen“ ausflippt vor Glück. Man hört’s: Silben werden stärker hervorgestoßen als früher. Im Brustregister passieren Stimmabbrüche. Doch die A’s haben im ersten Akt durchweg Kraft und Leidenschaft. Und die G’s und das A’s in „hehrstes Wunder“ klingen so sehrend wie eh und je.

Ain Anger: Hunding ist ein Schrank von Mann in Filzkleidung. Dieser Hunding sieht wie Zlatan Ibrahimovic aus. Angers Hunding ist die Finsterkeit in Person. Sein Bass ist mächtig. „Fort aus dem Saal!“ kann man kaum drohender singen.

Tomasz Konieczny: Der Pole geht als Wotan ins Rennen. Koniecznys Wotan zeigt zwei Seiten. Zum einen bietet er als Wiener Wotan ein intelligentes und emotional komplexes Porträt. Seine Stimme ist kernig, hell, herb und biegsam. Lyrische Passagen wie „da labte süß dich selige Lust“ deutet Konieczny radikal menschlich.

Zum anderen ist da die fehlende Ruhe und Wucht, um die von Proust’scher Beredsamkeit gefüllten Monologe im zweiten Akt zu bewältigen (Da ist auch Adam Fischer nicht ganz auf der Höhe). Hier ist Konieczny nervös. Schade auch, dass er dazu neigt, deklamatorische Energie mehr zu markieren als zu singen. Kleines Manko am Rande: In den raschen Partien ist der Bassbariton manches Mal näher am Parlando als am Singen.

„Der Augen leuchtendes Paar“ ist eine eminente Leistung, ohne (noch) die berührende Größe von Wolfgang Kochs Leistung zu erreichen. Das F in „nur eines will ich noch: das Ende!“ steht ihm problemlos zur Verfügung.

Linda Watson: Watsons Brünnhilde ist eine reife Dame von imposanter Erscheinung. Ihr langgedienter Sopran hat jenes ehrwürdige Alter erreicht, da alle Farben monochrom sind. Die Textur der Stimme ist blitzblank gescheuert. Über dem System flackert die Stimme wie eine Glühbirne mit Wackelkontakt. In diesem Bereich sind Vokale mehr Wunschdenken als Realität. Über Watsons Hojotoho-Rufe breite ich den Mantel des Schweigens.

Doch „Der diese Liebe mir in’s Herz“ singt sie mit klarem, leuchtendem Piano. Und schließlich genügt sie den Ansprüchen der Partie. Sie hat Kraft für den dritten Akt und vermag das Fortissimo-Orchester mit gleißenden Spitzen zu dominieren.

Watsons Erscheinung leidet unter unglücklicher Kostümierung (Kostüme Marianne Glittenberg). Ihr Mantel trägt Epauletten aus Glitzerpuscheln. Das funkelnde Paillettenshirt flößt in der Todesverkündung keine Ehrfurcht vor dem Tod ein.

Michaela Schuster ist eine theatralische Fricka mit vokalem Aplomb.

Unerwarteter Weise wartet die Walkürenszene (Akt III, 1) mit Ironie auf. Eine Rasselbande pferdevernarrter Wunschmädls macht Brünnhilde und Sieglinde das Leben schwer. Es singen Regine Hangler (Helmwige), Margaret Plummer (Waltraute), Hyuna Ko (Ortlinde), Ilseyar Khayrullova (Grimgerde), Ulrike Helzel (Siegrune), Caroline Wenborne (Gerhilde), Carole Wilson (Schwertleite) und Isabel Seebacher (Rossweiße).

Ein Buh nach Akt I. In der zweiten Pause übt die Basstuba das Vertragsmotiv.

Adam Fischer: Er dirigiert genau, fast lyrisch, mit gutem Ohr für die gleitenden Streicherschichten, mit gutem Gefühl für die ausdrucksmäßigen Prozesse sowie dynamisch sehr variabel. Straff ohne Schwere ist der erste Aktschluss. Es ist ein Schuss Karajan in Fischers Walküre.

Das Wiener Staatsopernorchester: Ein Labsal ist die allgegenwärtige Wärme der Streicher, die sich bis zu wächserner Hitze steigern kann. Abgründig schön gelingt das „äußerst zart“ der Bratschen in der Todverkündungsszene. Manche Fanfaren des Blechs wirken trocken – Fischer will es so. Der Walkürenritt klingt nach Ringelpiez. Der Schluss des dritten Aktes klingt wegen der Staccato-Achtel der Piccoloflöten wie Minimal Music. Die Kulminationsstellen haben nicht Barenboims herbe Leidenschaft, nicht Thielemanns goldene Massivität, nicht Rattles Wucht, nicht Kirill Petrenkos Schärfe. Dem Schluss fehlt die zusammenschließende Gewalt. Das kann Barenboim am besten.

Dennoch eine gute Walküre.

Zwei einsame Buhs beim x-ten Applaus, ich nehme an für Watson (oder für Fischer).

Schlatz | 14 Jan 2016

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Technical Specifications
1920×1080, 2.9 Mbit/s, 4.8 GByte (MPEG-4)
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This recording is part of a complete Ring cycle.