Götterdämmerung

Simon Rattle
Chor und Orchester der Wiener Staatsoper
Date/Location
7 June 2015
Staatsoper Wien
Recording Type
  live  studio
  live compilation  live and studio
Cast
SiegfriedStephen Gould
BrünnhildeEvelyn Herlitzius
GuntherBoaz Daniel
GutruneCaroline Wenborne
AlberichRichard Paul Fink
HagenFalk Struckmann
WaltrauteAnne Sofie von Otter
WoglindeIleana Tonca
WellgundeUlrike Helzel
FloßhildeJuliette Mars
1. NornMonika Bohinec
2. NornStephanie Houtzeel
3. NornIldikó Raimondi
Stage directorSven-Eric Bechtolf
Set designerRolf Glittenberg
TV directorRobert Gummlich
Gallery
bachtrack.com

Götterdämmerung als Kammeroper in Wien

Die letzte Oper in Wagners Ring-Zyklus, die Götterdämmerung, ist ein monumentales Werk mit komplexen musikalischen Motiven, das die vorangegangenen drei Opern zusammenfasst und weiterentwickelt. Allein der erste Aufzug ist zwei Stunden lang, und an diesem Abend gab es einige Wechsel in den Streichern nach diesem Akt. Trotz der Größe und Länge dieser Oper entschied sich Sir Simon Rattle sich dafür, sie wie eine Reihe Kammerkompositionen zu behandeln, eine Entscheidung, die so aufschlussreich wie interessant war. Die Serie intimer und detaillierter Gesangsszenen wechselte mit geschwinden Orchesterpassagen, und die Stunden vergingen ohne einen einzigen drögen Moment. Mit einer hervorragenden Besetzung der Gesangsrollen war es ein denkwürdiger Abend mit dem Wiener Staatsopernorchester in Bestform.

Das Bühnenbild war schlicht und überwiegend kahl. Eine große, verglaste Wand am hinteren Bühnenrand im ersten und dritten Aufzug wurde gelegentlich herunter gelassen, um einen intimeren Raum zu schaffen und Handlung im Hintergrund zu zeigen, beispielsweise, wenn Alberich während Hagens Monolog im ersten Aufzug dahinter herumschleicht. Beleuchtung in grün und rot unterstrich die Handlung. Der zweite Aufzug besaß eine geschlossenere Atmosphäre, mit zwei geneigten Wänden als Halle der Gibichungen. Die wenigen Requisiten, die verwendet wurden, schlossen kleine Bäume hinter Brünnhildes Felsen, Bänke auf der Bühne und eine Statue eines weißen Pferdes (Grane) ein. Während Siegfrieds Rheinfahrt und dem Trauermarsch wurde eine dunkle Blende herabgelassen, damit das Publikum sich ganz auf die Musik konzentrieren konnte.

Simon Rattle begann die Nornenszene und Siegfrieds und Brünnhildes Duett in gemäßigtem Tempo, doch die Orchesterpassage nach dem Abschied der beiden nahm schnell Fahrt auf. Mit superber dynamischer Kontrolle war jede noch so kleine Nuance der Streicher scheinbar klar und wunderbar artikuliert; Blech-Passagen zeigten bisweilen feine Modulation. Die Sänger wurden von einem leisen Orchester in langsamem Tempo, das der Wortdeutlichkeit dienlich war, gut unterstützt. Wenn das Orchester in die Vollen ging, beispielsweise bei Hagens Hornruf im zweiten Aufzug und dem Fall Walhalls im dritten, waren das raschere Tempo und die größere Lautstärke trotz allem wohlkontrolliert, die Musik floss naht- und makellos. Ich bezweifle, dass ein anderes Orchester auf eine so anspruchsvolle Interpretation mit solcher Leichtigkeit eingehen könnte.

Männliche Protagonisten trugen sehr zum Erfolg der Vorstellung bei. Stephen Gould war nicht nur wie üblich ausdauernd, seine Stimme zeigte auch entwickelte Schönheit und Nuance. Wie auch andere Sänger schien Gould von der frischen, aufschlussreichen Regie zu profitieren, und er gab einen ungewöhnlich verständnisvollen, nachdenklichen Siegfried mit weichem Gesang, der genauso wirkungsvoll war wie sein Fanfarentenor. Falk Struckmann, ein vielgepriesener Wotan, nahm nun „tiefere“ Bassbariton-Rollen an. Sein Hagen mag kein konventioneller „dunkler“, „tiefer“ sein, doch es war eine faszinierende Leistung. Seine soliden hohen Töne, zusammen mit seinem recht jugendlichen baritonalen Timbre war in der Szene mit seinem Vater Alberich und Richard Paul Finks tieferem, feinkörnigerem Bassbariton sehr wirkungsvoll. Struckmanns Hagen war sowohl ein scheinbar fürsorglicher Halbbruder für Gunther und Gutrune als auch ein nach außen hin mitfühlender Verbündeter Brünnhildes. Struckmanns stimme war in allen Registern deutlich hörbar, und in der Hornruf-Szene war er stimmlich und körperlich dominant.

Evelyn Herlitzius hingegen nutzte ihre Körperlichkeit, um eine überspannte und bisweilen verrückte Brünnhilde zu porträtieren, zwar nicht mit besonders schöner oder warmer Stimme, doch ebenmäßig und bruchlos durch alle Register, mit sauberen Spitzentönen. Ihre Opferszene ersetze keine Erinnerung an viele der herausragenden Brünnhildes, doch war solide und bedacht gesungen. Boaz Daniel als herausragender Gunther war eine starke dritte Stimme im Rachetrio des zweiten Aufzugs; Caroline Wenbornes Gutrune war stimmlich zunächst etwas unruhig, doch sonst sang sie die Rolle des unwissentlichen und von Schuld geplagten Gegenstücks in Hagens Plan. Es war ein interessanter Kniff, dass Hagen und nicht Gutrune im ersten Aufzug Siegfrieds Trunk präparierte, der ihn Brünnhilde vergessen lassen würde. Gesang und Personenführung der Nornen und Rheintöchter war ebenfalls gut, wobei Ildiko Raimondi als dritte Norn und Ulrike Helzel als Wellgunde besonderen Eindruck machten. Anne Sofie von Otter, die spät in ihrer Karriere eine Wagner-Rolle spielte, war als Waltraute trotz ihres exzellenten stimmlichen Spiels leider nicht kräftig genug.

Das Ende des Rings, die Opferszene und der folgende Fall Walhallas ist eine der am schwierigsten zu inszenierenden Szenen, da die Musik die Handlung so ausdrücklich abbildet. Die Wiener Lösung der aktuellen Produktion löste dieses Problem nicht nur erfolgreich, sondern war auch recht bewegend. Die Leinwand vor der Bühne zeigte einen Ring aus Feuer, der Brünnhilde mit Siegfrieds Leiche und Grane (alle unter die Bühne abgesenkt) umgab, gefolgt von einer Projektion von Wellen, die den Rhein darstellten. Dabei hob sich mit einem weiteren Ausbruch von Feuermusik ein Podest, auf der Wotans Gestalt mit Helm und zerbrochenem Speer stand, zunächst mit dem Rücken zum Publikum. Doch als das Podest wieder abgesenkt wurde, mit dem Bild von Feuer auf der Leinwand, das diesmal Wotan umgab, drehte sich die Gestalt nun zum Publikum um, als wolle sie sagen „dies ist mein Ende, und Sie sind Zeuge davon!“ Damit verdunkelte sich die Bühne allmählich, und das Publikum verharrte still, viele lange Sekunden nachdem die letzten Töne verklungen waren.

Ako Imamura | 26 Mai 2015

Die Presse

Mit klarem Kopf in den Untergang

Mit der “Götterdämmerung” ging in der Staatsoper Sir Simon Rattles erster Wiener “Ring des Nibelungen” in ein gediegenes Finale. Die großen Höhepunkte stellten sich fast wie von selbst ein.

Und schließlich ist die alte Welt der Götter doch noch gut untergegangen – im Widerstreit der Elemente aus Feuerring und Wasserfluten, wie es die letzten Minuten von Sven-Eric Bechtolfs Inszenierung via Projektionen suggerierten, besonders aber mit Saus und Braus aus dem Orchestergraben: Die „Götterdämmerung“ war wohl der insgesamt geschlossenste, stärkste Abend in Sir Simon Rattles erstem Wiener „Ring des Nibelungen“, dem bekanntlich ab 30.Mai ein weiterer in der gleichen Besetzung folgt.

Rattle, mittlerweile 60 und noch bis 2018 Chef der Berliner Philharmoniker, hat sich Wagners Tetralogie erst vergleichsweise spät in seinem Dirigentenleben erarbeitet: in bedächtigen Jahresschritten ab 2006 in Aix-en-Provence, parallel dazu ab 2007 bei den Salzburger Osterfestspielen, dort wie da mit den eher opernunkundigen Berlinern – ein von der Kritik keineswegs verhätscheltes Unterfangen. In Wien freilich entzerrte sich manches in Richtung lebendigen Musiktheaters, was Beobachtern andernorts wie orchestraler Solipsismus anmutete.

Rattles unterdessen nachgereifter „Ring“-Zugang war in den vergangenen zehn Tagen zwar von großer Liebe zum Detail getragen, schien aber insgesamt fragmentiert, so als hantle er sich von einer auffälligen Stelle zur nächsten. In der „Götterdämmerung“ fügten sich die Einzelheiten nun zu einem wesentlich dichteren Gesamtbild.

Mag sein, dass die in dieser Partitur schon zu einem engmaschigen Geflecht angewachsenen Leitmotive größeren Zusammenhang garantieren, mag auch sein, dass die unterschwellig spürbare Nähe des zweiten Aufzugs zur Grand opéra mit dem schallkräftigen Mannenchor Rattles dramatischem Instinkt entgegenkommt – jedenfalls haben sich die großen Höhepunkte fast wie von selbst eingestellt. Eine kühle Distanz blieb dennoch spürbar: Dieser Dirigent will klaren Kopf bewahren, nicht alle an den aufgepeitschten Klangwogen berauschen, am wenigsten sich selbst.

„Schubert auf Anabolika“

Die Philharmoniker profitieren klar von der investierten Kleinarbeit: Grandios etwa, wie butterweich die Posaune das düstere Fluchmotiv zu den letzten Takten jener Einflüsterungen intonierte, die Richard Paul Fink als etwas vordergründiger, aber markanter Alberich dem schlafenden Hagen wie Gift in die Ohren träufelte. Offen bleibt, warum Falk Struckmann nun vom Wotan gleichsam auf die Gegenseite wechseln wollte: Als Bariton lange Jahre verdienter Wagner-Recke von teilweise einschüchternder Stimmgewalt, gebricht es ihm beim Hagen an Durchschlagskraft und bedrohlicher Bassesschwärze. Gewohnt präsent, darstellerisch bewegend und bis auf vorübergehende Höhenschwächen auch stimmlich fulminant lodernd war dagegen die Brünnhilde der Evelyn Herlitzius: Hervorragend war nicht erst ihr Speereid, sondern schon die Kunde von Nothung in seiner Scheide, von der Trompete in kantablem Piano mit dem Schwertmotiv unterlegt. In solchen Momenten verdichteten sich akustisches Innen und Außen von Graben und Bühne zum packenden Drama.

Als „Schubert auf Anabolika“ charakterisierte Rattle einmal Wagners Singstimmen: Beim selbst noch in den heiklen Waldvogel-Erzählungen sicheren Stephen Gould als Siegfried wird das am deutlichsten, aber auch bei der eindringlich-noblen Waltraute von Anne Sofie von Otter. Caroline Wenborne führte als leuchtkräftige Gutrune das übrige Ensemble an, das auch in Rheintöchtern und Nornen gleichmäßig besetzt war: Das Schicksalsseil mag gerissen sein, nicht aber der Erzählfaden. Großer Jubel.

Walter Weidringer | 27.05.2015

der-neue-merker.eu

Zum Finale des ersten Ring-Zyklus gestaltete Sir Simon Rattle das Vorspiel der drei Nornen besonders feierlich. Die älteste, erste Norn, mit prächtigem Alt von Monika Bohinec dargeboten, erinnert an Zeiten, die vor der Tetralogie lagen, als ein kühner Gott zum Trank an die unter der Weltesche entspringende Quelle trat und ein Auge als ewigen Zoll für den Trank zahlte. Offenbar hat sich das Schicksalsseil bereits zu diesem Zeitpunkt derart verflochten, dass die Norn nicht mehr weiß, dass Wotan ja, um Fricka zur Gattin zu gewinnen, sein eines Auge einst werbend daran gesetzt hat. Die zweite Norn, Stephanie Houtzeel, erzählte hierauf mit warmen Mezzosopran von Wotans Schicksal, wie es im Verlauf der drei vorangegangenen Teile fortgeschritten war. Die dritte, jüngste Norn, mit hell strahlendem Sopran von Ildikó Raimondi, interpretiert, erschaut schließlich das Ende der Götter im alles verzehrenden Feuer in Walhall. Die Visionen verschwinden, das Seil reißt und damit kehren die drei Nornen zu Erda, der Urweltenwala zurück.

Ein stimmlich bestens disponierter Stephen Gould als Siegfried ließ sich dann von Brünnhilde aus mehreren Schlafdeckenherausschälen und dann gemeinsam enthusiastisch ihre Liebe besingen, um schließlich zu neuen Taten aufzubrechen. Siegfrieds Ring und Brünnhildes Hengst Grane werden als wechselseitiges Liebespfand getauscht. Sein strahlender Heldentenor ist etwas baritonal gefärbt, weshalb er wohl auch das hohe „C“ beim „Hoi he“ im dritten Akt etwas verpatzte. Danach aber wieder seine Siegfried Erzählungen tadellos ausbreitete, die schließlich in seiner prächtigen Huldigung an Brünnhilde kulminierten.

Evelyn Herlitzius, die als Brünnhilde in der Götterdämmerung ebenso wie an den vorangegangenen Abenden ihr Rollendebüt an der Wiener Staatsoper feierte, hatte im Vorspiel noch leichte Intonationsprobleme, wuchs dann aber über sich hinaus. Sie dominierte den gesamten zweiten Akt mit ihrem in der Höhe lupenrein gesungenen dramatischen Sopran beim Speerschwur und im dritten Akt im Schlussmonolog.

Eine besonders eindringliche Waltraute mit durchdringendem Mezzosopran bot Anne-Sophie von Otter, die in dieser Rolle ebenso an der Wiener Staatsoper debütierte.

Im ersten Akt gab es in Falk Struckmann als stimmgewaltiger, nur vereinzelnd „schwächelnden“ Hagen, einen weiteren Rollendebütanten im Haus am Ring. Ich muss mein voreiliges Urteil “schwächelnd“ aber relativieren. Beim „Mannenchor“ im zweiten Akt deckte Simon Rattle gemeinsam mit dem Orchester der Wiener Staatsoper den Sänger, der über einen gewaltigen tragenden Bass verfügt, bei dem Gruß „Heil! Siegfried, teurer Held“ einfach zu. Schade!

Boaz Daniel bot einen stimmlich etwas verhaltenen Gunther, der aber in der Rollengestaltung eines schwächelnden Helden zu punkten wusste. Obwohl er weder in der Mittellage noch bei den exponierten Höhen hörbare Schwierigkeiten hatte, fehlte es seinem Bariton doch etwas an Leuchtkraft.

Caroline Wenbornehat die Gutrune in der laufenden Produktion schon öfters gesungen. Schauspielerisch bot sie das Abbild einer naiven Frau, die von ihren Familienangehörigen manipuliert und missbraucht wird. Kein Wunder, dass Bünnhilde mit ihr als einzige der Gibichungen Mitleid empfindet und ihr gewährt, den toten Siegfried gemeinsam mit ihr zuzudecken und sie schließlich tröstend in die Arme schließt. Gerade in dieser Szene bewährt sich die gut durchdachte Personenführung des Schauspielers und Regisseurs Sven-Eric Bechtolf. Und noch ein interessantes Regiedetail: Als Gutrune Siegfried den Trank des Vergessens reichen möchte, ergreift sie zunächst den falschen Becher von zweien auf ihrem Tablett befindlichen Gefäßen. Aber ein kurzer Blick zu Hagen weist sie sogleich an, den richtig „gewürzten“ dem leicht zu manipulierenden Helden Siegfried zu reichen.

Richard Paul Finkgestaltete als Rollendebütant denAlberich in der Götterdämmerung ebenso souverän wie im Siegfried. Mit eindringlichem, besonders wortdeutlichem Bariton versuchte er seinen zum Hass erzogenen, sich im Halbschlaf befindlichen Sohn Hagen für seine eigenen Zwecke zu gewinnen. Doch dieser denkt gar nicht daran, sich Papis Willen zu beugen. Vielmehr will er selber den Reif für sich gewinnen.

Ileana Tonca als Woglinde, Ulrike Helzel als Wellgunde und Juliette Mars als Flosshilde gaben ein anfänglich nicht unbedingt synchron singendes Trio von Wassernixen ab, steigerten sich aber gegen Ende ihrer an den dummen Tölpel Siegfried gerichteten Todesprophezeiung zu harmonischem Gesang.

Simon Rattle wurde am Ende vom Publikum lautstark gefeiert, dennoch gab es einige wenige Schwachstellen. Siegfrieds Abschiedsruf wurde vom Horn leider unsauber geblasen und bei der daran anschließenden Rheinfahrt klang das Orchester teilweise sehr holprig und spielte auch nicht synchron, vor allem gab es immer wieder unsaubere Einsätze der Blechbläser. Aber bei einer reinen Spielzeit von 4,5 Stunden sollten solche kleinen Irritationen sich nicht wirklich als störend dem Gedächtnis einprägen. Prächtig gelangen Rattle aber Siegfrieds Trauermarsch und Brünnhildes Schlussgesang. Da schöpfte Maestro Rattle bei seinem Orchester aus dem Vollen und gelangte so zu einer wirklich berührenden Schlussapotheose! Bravo!

Der von Thomas Lang einstudierte Chor und Extrachor der Wiener Staatsoper bestach wieder einmal mehr durch seine Präzision und Leuchtkraft.

Einige Sekunden herrschte nach dem letzten Ton Stille, die Zeit zu eigener Reflexion des eben Erlebten bot. Der lang anhaltende Applaus, reichlich mit Bravo-Rufen durchsetzt, galt in erster Linie Herlitzius, Gould, Struckmann sowie dem adeligen Briten Simon Rattle.

Harald Lacina | GÖTTERDÄMMERUNG 25.5.2015

Wiener Zeitung

Walkürendämmerung

Evelyn Herlitzius adelte ein wuchtiges “Ring”-Finale an der Staatsoper.

Wer Mitte Mai Sir Simon Rattle die “Walküre” dirigieren sah, dem dämmerte wohl schon, wie sich Wagners “Ring des Nibelungen” im weiteren Verlauf anhören würde. Und genau so kam es an der Wiener Staatsoper dann auch: Die “Götterdämmerung”, epischer Abschluss der von Rattle hier erstmals dirigierten Tetralogie, geriet zum Klanggemälde der dicken Striche. Statt Nuancen ein Maximum an Rufzeichen: Hört her, was der Klangzauberer Wagner alles kann, schien der Taktstock deuten zu wollen. Eine Magie, die in dieser “Götterdämmerung” freilich von Intonationsschwächen aus dem Orchester bedroht war. So wichtig die Hörner für die Gibichungen-Mannen auf der Bühne wären: Manchem schrägen Blechton gebrach es an Signalwirkung. Viel Luft nach oben also für Rattles zweiten “Ring”-An- und Durchlauf in Wien (ab 30. Mai); da wird sich auch die Einsatzpräzision der Streicher hoffentlich noch steigern.

Mehr Freude bereitete am Montag die Bühne. Stephen Gould bewies sich da abermals als strahlender Siegfried neben einem nur bedingt treuen Bundesbruder (dem Wiener Stammgunther Boaz Daniel); und wie Falk Struckmann erstmals einen wohl listigen, bestimmt aber verhärmten Hagen gab, das hatte Aura. Nicht, dass Struckmann der klanggewaltigste aller Halbalben gewesen wäre, doch sein grundpräsentes Timbre und die jahrzehntelang gereifte Ausdrucksstärke verliehen seinem Auftritt Größe.

Kampf gegen die Klangfluten

Ein Teilerfolg, der leider nicht jedem gelang. Vor lauter Orchesterwucht blieb die Stimme von Caroline Wenborne (Gutrune) ebenso hinter der Rampe wie jene von Anne Sofie von Otter, die als Waltraute debütierte.

Und dennoch waren es vor allem Sängerinnen, die diesem “Ring”-Durchlauf den Stempel des Charismas aufdrückten: Michaela Schuster einerseits, diese fulminante Fricka im zweiten “Walküre”-Akt. Und andererseits die Walküre aller Walküren: dieBrünnhilde von Evelyn Herlitzius. Mit welcher Bravour ihre Stimme in der “Götterdämmerung” gegen Unrecht, Lug und Trug (und die unerbittlichen Orchesterfluten) anbrandete, das machte staunen. Mit schier unbändiger Kraft, in ruhigeren Momenten einer fast sprechenden Stimmführung, verteidigte sie die Ehre ihrer Geschlechtsgenossinnen und machte den Weg vom schmachvollen Walkürenfelsen bis zum feurigen Triumph über die alten Götter in jedem Moment greifbar – bravi.

26.05.2015

Der Standard

Seelendruck wird Ausdruck

Zugespitzt, also ungerecht formuliert: Es schein bisweilen, als müssten, um an der Wiener Staatsoper Premierenqualität zu erleben, Repertoireabende besucht werden. An solchen zeigt man gerne szenisch-musikalische Großform, eine Atmosphäre stellt sich ein, die gemeinhin nicht dem Opernalltag zugerechnet wird. Ebensolches geschah irgendwie doch bei der Götterdämmerung, die zwar immer auch eine vokale und instrumentale Materialschlacht darstellt. Im Kern allerdings glänzte dieser Abend bemerkenswert: Stephen Gould (als Siegfried) verband imposante Durchschlagskraft mit kultiviertem Klang, Falk Struckmann berückte als Hagen mit düsterer Präsenz, Boaz Daniel erfreute als tadelloser Gunther und Caroline Wenborne als solide Gutrune, während Richard Paul Fink als scharf konturierter Alberich reüssierte. Auch war es schön, wieder einmal Anne Sofie von Otter (hier als Waltraute) erlebt zu haben. Schließlich auch Qualität im Dreierfach: Monika Bohinec, Stephanie Houtzeel und Ildikó Raimondi gefielen als Nornen; ebendies taten die Rheintöchter, also Ileana Tonca, Ulrike Helzel und Juliette Mars. Doch all dies wäre nicht auf jener besonderen Energieebene gelandet, wäre nicht Evelyn Herlitzius tief in die Figur der Brünnhilde eingetaucht. Ja, es gab schrille Töne zuhauf. Mit welcher Hingabe und Wucht aber bei Herlitzius Seelendruck zum großen Ausdruck wurde – das hatte Klasse. Vokale Grenzgänge wurden transformiert zu einem Figurenporträt von höchster Glaubwürdigkeit, bis am Ende die vokalen Kräfte nachließen (außer bei den fulminant intensiven Spitzentönen). Das Staatsopernorchester trug seinen Teil dazu bei, die Energie hochzuhalten. Simon Rattle ist der richtige Dirigent, so es darum geht, bei aller Expressivität Details präsent zu halten, Konturen nicht grob werden zu lassen und Steigerungen meisterlich zu organisieren. Ach, ja, das Blech ließ manchmal Sauberkeit missen.

Ljubiša Tošić | 26.5.2015

operinwien.at

Brünnhildes Seelenqualen

An der Staatsoper eilten am Sonntag dem Ende zu, die so stark im Bestehen sich wähnten. Bei hochsommerlichen Temperaturen und einer Beginnzeit um 16 Uhr konnten die Besucher die erste Pause noch für ein Sonnenbad auf der operngassenseitigen Terrasse nützen.

Aber es soll niemand behaupten, dass diese „Götterdämmerung“ kein Sommerflair geboten habe. Wenn sich die Rheintöchter Anfang des dritten Aufzugs im Wasser vergnügen und Siegfried in dieser Produktion offenbar bei einem Ruderboot-Verleih Pause macht, dann ist das Gänsehäufel* nicht weit. Sehr hemdsärmelig war auch der Besucher unterwegs, der am Beginn des dritten Aufzugs nach Abklingen des starken Applauses für Simon Rattle und das Orchester noch ein „Buh” nachschickte. Es folgte ein kleiner Tohuwabohu, mit neuerlichem Applaus, neuerlichem Aufstehen des Orchesters. Als daraufhin immer noch keine Ruhe eintrat, gab es einen derben Zwischenruf aus einem Eck der Galerie, der unter Aufbietung einer analen Umschreibung allgemein zur Ruhe aufforderte. Das derart unhöflich titulierte Publikum wollte auf diesem fragwürdigen Niveau dann offenbar doch nicht weiterdiskutieren und die Aufregung legte sich rasch, nur bei den Bläsern wirkte sie in ein paar gröberen Schnitzern nach.

Der Abend hatte im ersten Aufzug schon mit Problemen begonnen. Die Versenkung, aus der Siegfried mitten unter die Gibichungen „hochfährt”, hatte versagt. Siegfried hastete von der Seite auf die Bühne – und es dauerte lange, bis die Bühnenarbeiter die bereits offene (!) Versenkung wieder schließen konnten. Gunther äugte manchmal scheel in die Staatsoperntiefe, Hagen, der auch mal das seltsam geschwungenen „Sofa” erstieg, von dem die Versenkung verborgen wird, war zum Glück „schwindelfrei“. Dann und wann tauchte in der Tiefe kurz ein Kopf auf. Schließlich wurde die kleine Plattform langsam nach oben gelassen und wieder platziert. (Gedankt sei es dem bühnennahen Seitenplatz, der mir diese „spannenden“ Einblicke bot.)

Der Aufführung gestaltete sich – wie erwartet. Stephen Gould hatte nach dem Siegfried seine „Batterien” wieder ganz aufgeladen und sang sich unermüdlich und kraftvoll durch den Abend – und ließ sich diesmal auch durch das tückische „Hoi-he” nicht aus der Ruhe bringen. Falk Struckmann versuchte sich erstmals in Wien als schwarzer Bass. Aber dem Rollencharakter des Hagen entspricht es wohl nicht, wenn baritonaler Beiklang die erwartete profunde, markige und raumfüllende Tiefe ersetzt. Struckmann mangelte es wirklich nicht am darstellerischen Profil, böse Kerle sind seine Spezialität, aber in der Tiefe klang dieser Hagen ziemlich flau. Insofern scheint mir diese Mutation von einem ehemaligen Wotan zum Hagen weniger geglückt, als die von Tomasz Koniecznys Alberich zum Wotan.

Die wieder viel umjubelte Evelyn Herlitzius brachte mit der Studie eines fast „lucia-ähnlichen“ Wahnsinns Brünnhildes Seelenqualen im zweiten Aufzug nachdrücklich auf den Punkt. So wie sie sich von Gunther in die Halle führen ließ, den Oberkörper von ihm weggedreht, das Haupt leicht geneigt, gab sie ein erschütterndes Beispiel für Brünnhildes Leiden ab, das dann in eine fast physisch spürbare Verzweiflung und Rache umschlug. Dafür passte der für mich „ausgezehrt“ klingende Sopran der Sängerin ideal, die mit jedem Ton gleichsam Furchen in das erschütterte Herz dieser Frau grub, um alles Blut herauszupressen. Doch bereits bei der Verabschiedung des hehrsten Helden hat die Sängerin bei den „Heil”-Rufen manchen Spitzenton wieder nur kurz angesungen und der Schlussgesang wurde vor allem mit Durchhaltevermögen bewältigt, aber wegen ihrer Emotionen ansprechenden Bühnenwirkung war der Sängerin der Jubel des Publikums gewiss.

Boaz Daniel als verlässlicher durchaus schönstimmiger Gunther und Caroline Wenborne als solide Gudrune vervollständigten die Herrschaftsschicht. Richard Paul Fink beschloss sein Wiener „Ring“-Debüt mit einem soliden Alberich. Und vielleicht ist es ungerecht, sicher aber phantasielos, die Nornen und die Rheintöchter globalisiert unter demselben Eigenschaftswort zusammenzufassen. Die Waltraute von Anne Sofie von Otter erklang zu leise für das Haus, im Timbre schon etwas abgeblüht. Simon Rattle nahm hier das Orchester sehr zurück und die von der Sängerin zu unspannend vorgetragene Erzählung kam fast zum Stillstand.

Oft ließ es Rattle aber auch knallen und fast hätte er den Mannenchor im zweiten Aufzug zugedeckt. Der zweite Aufzug war auch vom Dirigat sehr spannend – aber der funktioniert bei fast jedem Dirigenten. Der Trauermarsch wurde von ihm ebenfalls sehr laut exekutiert, mit eher langsamem Tempo und breit wuchtendem Blech. Die etwas raue Gangart des Blechs ist vielleicht ein Merkmal dieses „Rings“ gewesen; vielleicht wollte Rattle damit die brutale Geschichte verdeutlichen. Und damit wäre ich wieder bei dem starken „narrativen Element“ von Rattles Dirigat, das sich jedenfalls einer Heldenverklärung und einer übermäßigen „Romantisierung“ verweigerte und auch das eigene Dirigentenego nicht übermäßig ins Rampenlicht zu stellen schien. Für das Ausklingenlassen des Finales ließ sich Rattle viel Zeit – und dann begann (zuerst noch verhalten) der stürmische Applaus. Bis der unermüdlichste Klatscher verklungen war, dauerte es an die 20 Minuten.

PS: Rattle hatte auf dem Pult immer eine (wie zum Beispiel im „Rheingold”) oder zwei kleine Mineralwasserflaschen stehen (wie etwa in der „Götterdämmerung”), von denen er immer wieder mal an für ihn passender Stelle einen Schluck nahm.

Dominik Troger | Wiener Staatsoper 7. Juni 2015

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